Perfidie und Propaganda
- marczitzmann
- vor 1 Tag
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Wie Thomas Legrand von der Sendefläche von France Inter verschwunden ist, Opfer einer rechtsextremen Hetzkampagne sowie der Feigheit seiner Chefs
Zwei Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sitzen mit zwei sozialistischen Politikern im Café. Ihr Gespräch wird durch einen Tischnachbarn heimlich gefilmt und einem rechtsextremen Magazin zugespielt. Gleichgesinnte Fernseh- und Radiosender strahlen Ausschnitte aus dem Mitschnitt aus, über Wochen hinweg – und verkaufen die Montage als Beweis für eine Kollusion zwischen Staatsmedien und Linken. Der eine Journalist wird wegen eines missverständlichen Satzes, den man ihn da sagen hört, vorsorglich suspendiert. Ein Jahr später ist er noch immer nicht zurück auf Sendung. Und wird es vorerst auch nicht sein.
So ist dem Pariser Leitartikler und politischen Kommentator Thomas Legrand ergangen. Am 7. Juli 2025 trafen er und sein Berufskollege Patrick Cohen sich mit zwei hohen Verantwortlichen des Parti socialiste. In den Mitschnitten geht es um die bevorstehenden Gemeindewahlen. Legrand sagt da namentlich: „Was Dati angeht, tun Patrick und ich, was nötig ist.“ Was er damit meinte und wie er vorgehen wollte, ließ der Journalist offen. Doch für die konservative Ministerin Rachida Dati, die seinerzeit der Ehrgeiz zerfraß, Pariser Bürgermeisterin zu werden, war klar: Ziel sei gewesen, sie „von der Wahl in Paris zu eliminieren“. Legrand lieferte eine ganz andere Erklärung: Er habe lediglich versprochen, zusammen mit Cohen weiterhin der Berichterstattungspflicht nachzukommen und die Öffentlichkeit über Datis Verstöße gegen das Gesetz und gegen die Berufsethik zu informieren. Sarkozys einstige Protegierte muss sich demnächst wegen Korruption vor Gericht verantworten; auch soll sie Schmuck im Wert von 420.000 Euro nicht deklariert haben (Blogbeiträge über Dati hier und hier).
Von Kollusion kann ebenfalls keine Rede sein. Die beiden Journalisten hatten sich mit den beiden Sozialisten getroffen, weil diese sich über die vermeintlich ungerechte Behandlung ihrer Partei durch jene beklagen wollten. Was Cohen und Legrand seinerzeit über den Parti socialiste sagten und schrieben, klingt in der Tat alles andere als schmeichelhaft. Doch Rechtsextreme brauchen keine Fakten, um ihre Agenda voranzutreiben. In der Nationalversammlung nutzten sie ihr Vorrecht, jährlich einen Untersuchungsausschuss einzusetzen, um von November 2025 bis April 2026 Anhörungen „über die Neutralität, die Funktionsweise und die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“ abzuhalten. Erwartungsgemäß geriet das Ganze zu einer Übung in Perfidie und Propaganda. Der Berichterstatter der Kommission stellte mccarthyistische Fragen voller Andeutungen und Unterstellungen, die er – ohne die dazugehörigen Antworten – via die asozialen Netzwerke verbreitete. Im Gleichschritt damit bauschten die Medien des katholisch-identitären Milliardärs Vincent Bolloré die parlamentarische Farce zur Aufdeckung einer imaginären Verschwörung und ebenso fantasmatischer Missstände auf. Ein Organ der „Bollosphäre“, der Radiosender Europe 1, nahm während dieser Zeit erneut heimlich ein privates Gespräch von Legrand in einer Brasserie auf.

Doch der öffentlich-rechtliche Sender France Inter, bei dem der Journalist seit 2008 ununterbrochen als feste Stimme zu hören gewesen war, hat ihm nach seiner Suspendierung während der gesamten Spielzeit 2025/26 keine Sendezeit mehr zugesagt – und wird dies auch für die am Montag beginnende neue Saison nicht tun. In einem offenen Brief in „Le Monde“ hat sich Legrand jetzt darüber beklagt. Nicht, um das eigene Los zu beweinen – er sei bereit, Rechenschaft abzulegen und Kritik hinzunehmen. Sondern weil ein gefährlicher Präzedenzfall geschaffen worden sei.
Wenn Medienunternehmen ihre Gegner lehrten, dass es reiche, Lärm zu machen, um die Entfernung eines Journalisten zu erwirken, dann werde die redaktionelle Freiheit nicht mehr allein in den Redaktionen bestimmt. „Heute geht es um mich“, schreibt Legrand, „morgen könnte es einen Journalisten treffen, dessen Recherchen eine Regierung oder einen mächtigen Industriellen stören; einen Reporter, der eine Lobbygruppe unter die Lupe nimmt; einen Kommentator, dessen Meinungen missfallen.“ Pressefreiheit erodiere durch kleine Zugeständnisse, durch Übervorsicht, durch Erschöpfung, durch Angst vor einem Skandal, durch das Bestreben, eine Institution zu schützen, indem man Konfrontation vermeide. Nötig sei heute Mut an der Spitze der Medienhäuser.



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