Musikerin als „dreckige Zionistin“ gecancelt
- marczitzmann
- vor 2 Tagen
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In Frankreich liegt der Antisemitismus im linksextremen Lager mittlerweile fast auf demselben Niveau wie jener im rechtsextremen
Am 18. Juli betrat DJ Barbara Butch vor fünftausend Zuschauern in Grenoble eine Freiluftbühne. Sogleich begannen gut hundert Demonstranten, die fünfundvierzigjährige französische Musikerin auszubuhen. Trillerpfeifen übertönten das Set, Mittelfinger wurden gereckt, bald flogen Wurfgeschosse in Richtung Mischpult. Nach etwa zwanzig Minuten musste der Live-Mix abgebrochen und die Künstlerin unter Polizeischutz ausgeschleust werden.
Die Protestierenden, angeführt durch den Präsidenten der lokalen Gruppe der linksextremen Partei La France insoumise (LFI), warfen Butch das „Pinkwashing“ Israels vor: Als Lesbe werbe sie in queeren und/oder liberalen Kreisen um Sympathie für den Judenstaat. Konkret ging es um ihre Unterstützung für einen umstrittenen Gesetzesvorschlag sowie um einen Auftritt bei der Tel Aviv Pride 2025.

Tatsächlich hatte Butch im März dieses Jahres einen Aufruf zugunsten der sogenannten „Loi Yadan“ unterzeichnet, deren Entwurf einen Monat später von seinen Initiatoren in Frankreichs Nationalversammlung zurückgezogen wurde. Dieser Text sollte neue Formen des Antisemitismus bekämpfen, war indes laut Kritikern – unter ihnen Etienne Balibar, Didier Fassin und weitere renommierte Wissenschaftler, die in „Le Monde“ einen offenen Brief zum Thema veröffentlicht hatten – selbst problematisch. So habe er gezielt Antizionismus mit Antisemitismus gleichgesetzt und versucht, die öffentliche Debatte sowie die akademische Forschung zu beschneiden – „insbesondere da, wo es um die Situation in Palästina, um Verstöße gegen das Völkerrecht und um die kritische Analyse der Politik eines Drittstaats geht“.
Butch war sich bald selbst des heiklen Charakters dieses Textes bewusst geworden. Sie hätte den betreffenden Aufruf nicht unterzeichnen sollen, räumte die Künstlerin Ende Mai mehrfach ein. Doch ursprünglich habe sie nicht die „loi Yadan“ als solche unterstützen wollen, deren Wortlaut sie gar nicht gelesen habe, sondern den Kampf gegen Antisemitismus. Als Jüdin habe sie ihr Leben lang unter Judenhass gelitten.
Butchs Kritiker in Grenoble erkannten indes weder dieses öffentliche Mea culpa an noch die Tatsache, dass die Musikerin nicht bei der Tel Aviv Pride aufgetreten war – diese fand 2024 gar nicht statt –, sondern in der Residenz des französischen Botschafters im Rahmen einer Privatveranstaltung vor dreißig Gästen. Butch wegen dieser beiden „Anklagepunkte“ als „Komplizin der Völkermörder“ zu brandmarken, ist nicht einfach überzogen, sondern handfest strafwürdig. Die Musikerin hat Anzeige erstattet wegen „öffentlicher Anstachelung zu Hass und Gewalt, Beeinträchtigung der künstlerischen Schaffensfreiheit, Gewalt, Cybermobbing, Diffamierung und öffentlicher Beleidigung“. Sie verdient umso mehr Beistand, als sie schon nach der Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele 2024, wo sie in einem festlich-farbenfrohen Tableau aufgetreten war, und erneut Ende 2025 nach ihrer Ernennung zur künstlerischen Leiterin der Pariser Nuit blanche ebenso virulenten wie widerwärtigen Anfeindungen ausgesetzt gewesen war.

In Grenoble wurde Butch nicht boykottiert, sondern bedroht. Die Freiheit, Dissens mit jemandes tatsächlicher oder – wie hier – unterstellter Meinung auszudrücken, endet dort, wo Glasflaschen zu fliegen beginnen. „Eine jüdische Künstlerin anzugreifen, wird Palästina nicht befreien“, schreiben mehr als dreihundert Unterzeichner einer Solidaritätserklärung in „Libération“. Sie verwahren sich darin auch gegen das Vorurteil, Juden – alle Juden – „wären einem fremden Staat untertan, dessen Interessen sie insgeheim verteidigten“. Mehr noch als Gewalt und Gemeinheit schockieren am Grenobler Angriff die kaum verhohlenen antisemitischen Anspielungen. Ein vor Ort verteiltes Flugblatt zeigte Butch so blutverschmiert vor einer Regenbogenfahne mit Davidstern; während ihres Sets ertönte der Schmähruf „dreckige Zionistin!“.
Spätestens seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 spielt LFI bewusst mit dem Feuer des Judenhasses. Die Partei hat sich monatelang geweigert, das barbarische Gemetzel als einen Terroranschlag zu bezeichnen. Stattdessen bemühten sich ihre Vertreter, „die bewaffnete Offensive palästinensischer Kräfte unter Führung der Hamas“ in den „Kontext der Intensivierung von Israels Besetzungspolitik in Gaza, im Westjordanland und in Ostjerusalem“ zu stellen. Kontextualisieren lässt sich vieles, und oft mit gutem Grund. Aber manche Dinge muss man beim Namen nennen, sonst macht man sich der einseitigen Parteinahme schuldig. Wie Ende 2023 die Verbrechen der Hamas schweigt LFI heute jene der Hisbollah tot – und konzentriert sich stattdessen ganz und gar auf jene der israelischen Regierung.
Dafür banalisiert der Führer der Partei, Jean-Luc Mélenchon, den Holocaust, indem er den Präsidenten der Universität von Lille mit Adolf Eichmann vergleicht, witzelt über die Aussprache von Namen wie „Glucksmann“ oder „Epstein“ und befindet, Jesus sei „durch die eigenen Landsleute ans Kreuz“ genagelt worden. So er nicht französische Spitzenpolitiker jüdischer Abstammung dafür an den Pranger stellt, „einen ausländischen Standpunkt“ einzunehmen, „internationale Finanz“ zu denken statt „Frankreich“ oder „in Tel Aviv zu campieren“ („camp“ heißt „Lager“, mit den entsprechenden Konnotationen). Diese und andere „Ausrutscher“ aktivieren Chiffren wie „Geld“, „Partei des Auslands“ und „Volk der Gottesmörder“ – was Mélenchon, ein historisch beschlagener alter Hase, sehr wohl weiß.
Lange Zeit völlig gleichgültig gegenüber der Problematik, setzt der LFI-Führer heute gezielt auf den „Import“ des Nahostkonflikts nach Frankreich, dem EU-Mitgliedstaat, der nicht nur die größte jüdische, sondern auch und vor allem die (neben Deutschland) größte muslimische Gemeinschaft besitzt. So hofft LFI, Wähler mit entsprechendem Hintergrund namentlich in unterprivilegierten Banlieues zu ködern.
Die Rechnung ging bis jetzt auf: Bei den EU-Wahlen 2024 konnte die Partei ihren Stimmenanteil um mehr als die Hälfte auf knapp 10 Prozent steigern. Und im Hinblick auf die nächstjährige Präsidentenkür arbeitet Mélenchon darauf hin, sich mit einem radikalen, konfliktträchtigen Kurs und einem laut eigener Charakterisierung „unverblümten und unfrisierten“ Redestil einen festen Wählersockel zu sichern. Dieser soll ihn vor dem Hintergrund der starken Zersplitterung links, rechts und in der Mitte in die zweite Wahlrunde hieven – wo er höchstwahrscheinlich Marine Le Pen gegenüberstünde, der Führerin des rechtsextremen Rassemblement national (RN). In der Stichwahl zwischen zwei „Extremisten“ dürfte der Gemäßigtere siegen – und Mélenchon ist sich sicher, dass die Mehrheit der Wählerschaft ihn als diesen ansehen wird. Ein gewagtes Kalkül: Schon 2024 wurde LFI in einer Umfrage als eine größere Gefahr für die Demokratie eingestuft als der RN.
Wer 2027 in Frankreich Präsident wird, steht in den Sternen. Sicher ist dagegen dies: Judenfeindlichkeit hat unter LFI-Anhängern seit 2023 um 10 Prozentpunkte zugenommen, derweil sie in der RN-Gefolgschaft um 7 Punkte gesunken ist. Die beiden Parteien liegen laut dem jüngsten Jahresbericht der Nationalen Beratenden Kommission für Menschenrechte heute in Sachen Durchseuchungsgrad mit antisemitischen Vorurteilen Kopf an Kopf: 47 Prozent für LFI, 48 Prozent für den RN. Indem er der von Neonazis und ehemaligen Mitgliedern der Waffen-SS mitgegründeten Partei von Marine Le Pen hilft, sich vom Vorwurf des Antisemitismus reinzuwaschen, ist Jean-Luc Mélenchon, so „Le Monde“, „zum nützlichen Idioten der Rechtsextremen geworden“.



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