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Wer ist schuld?

Frankreich diskutiert und disputiert seit Wochen über den Fall einer vergewaltigten und ermordeten Elfjährigen. Wurde Lyhanna Opfer individueller Verfehlungen oder systemischer Gewalt?


Ende Mai verschwand in einem ländlichen Städtchen westlich von Toulouse ein Mädchen. Eine Woche später entdeckten Fahnder seinen Körper in einem Silo. Die Todesursache konnte noch nicht gefunden werden, wohl aber DNA im Intimbereich. Dieses verweist auf einen Verdächtigen, der sich bereits in Polizeigewahrsam befand: Er war gefilmt worden, wie er das Opfer vor dessen Verschwinden in sein Auto steigen ließ.


Der einundvierzigjährige Jérôme Barella, der mutmaßliche Vergewaltiger und Mörder der elfjährigen Lyhanna, die mit der älteren seiner beiden Töchter befreundet war, hätte mit seinem zunehmend besorgniserregenden Profil schon lang ins Visier der Behörden kommen müssen. 2017 zeigte eine Mutter seine Beziehung zu ihrer minderjährigen Tochter an – aber diese war seinerzeit siebzehn und sprach von Einvernehmen. 2021 verlor er wegen „unziemlichen Betragens mit einer Schülerin“ seine Anstellung in einer Lehranstalt – aber die Textnachrichten, die bei der betreffenden Adressatin Unwohlsein ausgelöst hatten, waren weder explizit noch auch bloß anzüglich. 2022 war er Gegenstand einer Anzeige wegen Vergewaltigung (einer Siebenjährigen) – doch wurde diese Klage mangels Beweisen abgewiesen. 2023 meldete ihn eine amerikanische Organisation wegen verdächtiger Onlineaktivitäten beim französischen Jugendschutz – aber im betreffenden Jahr gab es 318.000 solche Meldungen, von denen laut zuständiger Stelle „weniger als 1 Prozent“ bearbeitet werden konnten. Im August 2025 endlich zeigte eine Mutter Barella wegen rund fünfzig (!) Vergewaltigungen ihrer seinerzeit zehnjährigen Tochter Rosa an (der Name ist geändert). Doch trotz achtmaligem Nachhaken der Anzeigeerstatterin wurde der mutmaßliche Serienstraftäter nie vernommen – ein Skandal.


Anatomie eines mörderischen Schweigens: Statue der Justitia vor dem Justizpalast von Auch, wo die Klage von Rosas Mutter gegen Lyhannas künftigen Mörder versandet war. (Bild: flickr)
Anatomie eines mörderischen Schweigens: Statue der Justitia vor dem Justizpalast von Auch, wo die Klage von Rosas Mutter gegen Lyhannas künftigen Mörder versandet war. (Bild: flickr)

Seit Anfang Juni diskutiert und disputiert Frankreich über den Fall. Rechte Politiker preschten vor mit populistischen „Lösungen“. Der vormalige Innenminister Bruno Retailleau forderte die Schaffung eines „Disziplinarhofs“, um Justizbeamte, die Fehler begangen haben, abzustrafen. Aber eine solche Instanz gibt es bereits: Seit 2010 kann jeder Bürger den Conseil supérieur de la magistrature anrufen. Dieser verhängt regelmäßig Sanktionen: Entgegen einem gezielt durch rechte und rechtsextreme Kreise verbreiteten Irrglauben sind Justizbeamte mitnichten „unantastbar“. Retailleau plädierte ferner für die „chemische Kastration“ von Sexualverbrechern. Aber eine „die Libido hemmende Behandlung“, so der korrekte Terminus, bedarf zum einen des Einverständnisses des Betroffenen. Und hat zum andern ohne begleitende Therapie wenig Aussicht auf Erfolg, geht es bei sexuellen Übergriffen doch oft mehr um Macht und Unterwerfung als um Geschlechtsverkehr.


Der vormalige Premierminister Gabriel Attal forderte seinerseits die Einführung einer real lebenslänglichen Freiheitsstrafe und die Abschaffung der Funktion des Strafvollzugsrichters. Aber lebenslänglich sieht der Code pénal für die schlimmsten Verbrechen bereits vor – darunter justament für Lustmorde an Minderjährigen. Und Strafvollzugsrichter suchen ebengerade zu verhindern, dass Schwerverbrecher nach dem Absitzen einer langen Haftstrafe übergangs- und aufsichtslos in die Freiheit entlassen werden. Der ehemalige Innenminister Édouard Philippe endlich will auf die 2012 abgeschaffte Befugnis des Justizministeriums zurückkommen, Beamten in diesem oder jenem Fall „individuelle Instruktionen“ zu erteilen. Als habe das Ministerium die Mittel, sich jährlich mit Hunderttausenden von Verfahren zu befassen – vom entsprechenden Demokratieverlust ganz zu schweigen…


Demonstration zu Ehren von Lyhanna am 7. Juni. In erster Reihe von links nach rechts der kleine Bruder und die Eltern der ermordeten Elfjährigen sowie der Bürgermeister von Fleurance, dem Wohnort der Familie. (Bild: flickr)
Demonstration zu Ehren von Lyhanna am 7. Juni. In erster Reihe von links nach rechts der kleine Bruder und die Eltern der ermordeten Elfjährigen sowie der Bürgermeister von Fleurance, dem Wohnort der Familie. (Bild: flickr)

Der amtierende Justizminister Gérald Darmanin hat für seinen Teil schon lang, bevor am 22. Juni der erste Etappenbericht einer internen Untersuchung vorgelegt wurde, nach „Sanktionen für die Schuldigen“ gerufen. Die gemeinhin bis zur Selbstverleugnung zurückhaltenden Justizbeamten antworteten auf Darmanins wiederholte Vorstöße, Sündenböcke zu designieren, mit einer Einmütigkeit und Virulenz, wie man sie seit Rachida Datis unseligen Tagen als Justizministerin nicht mehr erlebt hat. Der Präsident der nationalen Konferenz der Staatsanwälte beklagte, Vertreter der Anwaltschaft würden dem Volkszorn „zum Fraß vorgeworfen“. Der Präsident des Pariser Strafgerichts verwahrte sich gegen „Vorschläge, die von Schlichtheit und einer gewissen Vagheit geprägt“ sind. Die beiden höchsten Justizbeamten der Republik, der Erste Präsident und der Generalstaatsanwalt des Kassationsgerichts, geißelten „pauschale Verlautbarungen“ und eine „Strategie der Konfrontationsvermeidung“. Die beiden Gewerkschaften endlich, für welche die überwältigende Mehrheit der Justizbeamten stimmt, veröffentlichten Kommuniqués, die Kriegserklärungen gleichkamen. Darmanin habe das Vertrauen der Justizwelt verloren, befand Aurélien Martini im Namen der Union syndicale des magistrats barsch und harsch. Viele sähen in seinem Verhalten nichts anderes als das Bestreben, zu verhindern, dass sein Wirken als Justiz- und davor als Innenminister hinterfragt werde. „Die Verantwortung der Justizbeamten sei kein Tabu, sagen Sie, Herr Minister. Das stimmt – und die Ihrige ist es ebenso wenig“.


„Als echter Sarkozyst schiebe ich die Schuld immer anderen zu“ – im Satireblatt „Le Canard enchaîné“ veröffentlichte Karikatur des Justizministers Gérald Darmanin (der dem ehemaligen Präsidenten so treu ist, dass er diesen im Oktober im Gefängnis besuchte) (Bild: flickr)
„Als echter Sarkozyst schiebe ich die Schuld immer anderen zu“ – im Satireblatt „Le Canard enchaîné“ veröffentlichte Karikatur des Justizministers Gérald Darmanin (der dem ehemaligen Präsidenten so treu ist, dass er diesen im Oktober im Gefängnis besuchte) (Bild: flickr)

Immerhin fanden sich im Regierungslager auch ein paar besonne Stimmen. Die zentristische Präsidentin der Nationalversammlung, Yaël Braun-Pivet, gab zu Protokoll: „Reale lebenslange Freiheitsstrafen, Unverjährbarkeit und die Wiedereinführung der Todesstrafe werden unsere Kinder nicht schützen“. Vonnöten sei vielmehr eine „globale Herangehensweise“, die auf Gesundheitspolitik baue wie auf Sexualkunde, auf den Kampf gegen „Rape Culture“ und auf ein waches Ohr für die Klagen von Kindern. Braun-Pivet befürwortet einen überparteilichen, Ende letzten Jahrs durch gut 150 Abgeordnete unterzeichneten Vorschlag für ein „integrales Gesetz gegen sexistische und sexuelle Gewalt“ nach spanischem Vorbild, über den das Parlament im September abstimmen soll. Ziel ist, die systemische Gewalt (die Zahl der jährlichen Fälle von Kindesmissbrauch in Frankreich wird auf mindestens 160.000 geschätzt) an der Wurzel anzugehen: in der Familie, in der Schule, in der Arbeit, im Gesundheitswesen. Kinder- und Jugendschutz ist eine der Tragsäulen der 79 Artikel dieses Gesetzesentwurfs, dessen Umsetzung auf knapp 3 Milliarden Euro veranschlagt wird.


Im ganzen Land kam es zu Demonstrationen, wo – wie hier am 8. Juni im bretonischen Lorient – gegen Regierung, Justiz- und/oder Ordnungsapparat protestiert wurde. (Bild: flickr)
Im ganzen Land kam es zu Demonstrationen, wo – wie hier am 8. Juni im bretonischen Lorient – gegen Regierung, Justiz- und/oder Ordnungsapparat protestiert wurde. (Bild: flickr)

Werden sich neben dem Willen auch die Mittel finden lassen? Frankreichs Justizwesen ist chronisch unterfinanziert: Im Jahr 2022 beliefen sich die entsprechenden Ausgaben auf rund 77 Euro pro Einwohner, in Deutschland waren es deren 136. Präsident Macron und die Regierungen, die er ernannt hat, haben seit 2017 das betreffende Budget um ein Drittel erhöht, inflationsbereinigt. Das ist gewaltig, aber der Nachholbedarf ist so immens, dass es an allen Ecken und Enden fehlt. Gerichte sind personell unterbesetzt und materiell unterdotiert, der Minister türmt eine Priorität auf die andere, die Beamten schwanken zwischen Wut, Angstgefühlen und Entmutigung – was auch der erwähnte Etappenbericht über die Makel des Verfahrens nach der Klage der Mutter von Rosa widerspiegelt.


Die Zahl der angezeigten Fälle von sexueller Gewalt hat sich seit 2016 verdoppelt, auf letztes Jahr 132.200. Im selben Zeitraum ist Frankreichs Staatsschuld von 2150 Milliarden Euro auf deren 3560 explodiert, die jährliche Zinsbelastung von 41 Milliarden Euro auf deren 59. Diese Zahlen stimmen pessimistisch, was eine tiefgreifende Reform von Frankreichs Justizwesen angeht.



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