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Sankt Marc Bloch

Zur Pantheonisierung des modernen Säulenheiligen der Historikerzunft am kommenden Dienstag


Schaulustigen, die rechtzeitig einen geeigneten Platz haben ergattern können, bietet sich am kommenden Dienstagabend ein seltener Anblick in Paris: die Öffnung der „Grands Bronzes“. Über die Schwelle dieser fast immer verschlossenen Hauptportale des Pantheons wird die Republikanische Garde zwei Särge tragen. Diese sind leer, bergen im Geiste aber die Essenzen zweier neuer „Pantheonisierter“: jene von Marc Bloch (1886 bis 1944) und jene von Simonne Vidal (die sterblichen Überreste des Historikers ruhen weiterhin im Familiengrab im Département Creuse, die Gebeine seiner im selben Jahr wie er verstorbenen Gattin sind verschollen). Im Innern der säkularisierten Kirche wird Präsident Macron dann eine Ansprache halten – mit seiner sechsten Pantheonisierung seit 2018 erreicht er fast die Siebenzahl seines Vorgängers François Mitterrand.


(Bild: flickr)
(Bild: flickr)

Was diese Rede im Detail enthalten wird, wissen wir nicht. Aber die groben Züge hat Macron schon bei der Ankündigung von Blochs Erhebung in den Rang der „großen Männer“ (und seit 1995 auch Frauen) skizziert, die das Vaterland mit der Umbettung in den laizistischen Tempel der Republik ehrt. „Wir beschließen, dass Marc Bloch für sein Werk, seine Lehre und seinen Mut in das Pantheon aufgenommen wird“, verkündete der im Alleingang mit dem Treffen des entsprechenden Entscheids befugte Staatschef am 23. November 2024 in der Aula der Universität von Straßburg, wo Bloch zwischen 1919 und 1936 gelehrt hatte. Der Akzent lag indes auf dem letzten Punkt: auf dem „physischen Mut“ und der „blendenden Hellsichtigkeit“ des Autors von „L’ Étrange défaite“. Mit diesem unmittelbar nach dem Zusammenbruch von 1940 verfassten Bericht habe Bloch Zeugnis abgelegt über die titelgebende „seltsame Niederlage“: Frankreichs Willenskraft sei seinerzeit, so Macron, „abgestumpft worden durch den Konservativismus, eingeschläfert durch den Konformismus, verweichlicht durch die Bürokratie“.


Bloch wird also primär als Widerstandskämpfer geehrt, wie die Mehrheit der „Pantheonisierten“ seit 2015: Pierre Brossolette, Germaine Tillion, Geneviève de Gaulle-Anthonioz, Joséphine Baker, Missak und Mélinée Manouchian (hier der Blogbeitrag zum Ehepaar Manouchian). Zu sagen, das Gedenken an den Historiker seit rund zwei Jahrzehnten sei stark politisiert, wäre dabei ein Euphemismus. Ein erster Vorstoß zu Blochs Pantheonisierung, 2006 angestoßen durch einen Aufruf siebzehn namhafter Geschichtswissenschaftler, war an der „Konkurrenz“ von Alfred Dreyfus gescheitert (die beiden „Kandidaturen“ hatten sich am Ende gegenseitig annulliert), vor allem jedoch am Veto der Familie. Diese wollte ihren Ahnen nicht durch eine bürgerliche Regierung mit zunehmendem Rechtsdrall geehrt sehen.


Drei Jahre später wurde Suzette Bloch, eine Enkelin des Historikers, noch deutlicher. In einem gemeinsam mit dem Historiker Nicolas Offenstadt verfassten offenen Brief verwahrte sie sich gegen die Bezugnahme des damaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy auf ihren Großvater, um seine „ungesunde nationalistische Ideologie“ zu stützen, seine „Lobgesänge auf ein in sich gekehrtes, christliches und ewiges Frankreich“. Der Historiker Gérard Noiriel geißelte damals: „Während Nicolas Sarkozy kritisches Denken als Bedrohung für die ‚nationale Identität‘ zu brandmarken pflegt, hat Marc Bloch dieses im Gegenteil stets gefördert“.


Ende letzten Jahrs missbrauchte dann der Präsident des Rassemblement national (RN), Jordan Bardella, Blochs Namen auf ähnliche Art und Weise. Die Historikerinnen Joëlle Alazard und Annette Becker legten daraufhin öffentlich Einspruch ein: „Die Instrumentalisierung bedeutender humanistischer Figuren durch die extreme Rechte ist weder auf ein Missverständnis noch auf eine ungenaue Darstellung zurückzuführen: Sie bildet vielmehr eine gezielte Leugnung dessen, was diese Männer und Frauen waren und wofür sie eintraten“. Blochs Familie hat dem RN jede Teilnahme an der Pantheonisierungs-Zeremonie verboten.


Versuche der Vereinnahmung wie die geschilderten kommen nicht von ungefähr. Bloch war ein Linker nach dem Gusto der Rechten: ein Patriot, bedacht auf Ordnung, Disziplin, Sauberkeit im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Bis unlängst galt er als unpolitisch. Aber Peter Schöttler widerlegt diese wie andere irrige Ansichten in seiner jüngst publizierten „intellektuellen Biografie“, dieses Jahr die zweite Neupublikation von Gewicht nach dem im März erschienenen Sammelband „Marc Bloch, l’histoire en résistance“. Bloch trat als Student dem Vorläufer des heutigen Parti socialiste bei. Er unterzeichnete in den Dreißigerjahren mehrere antifaschistische Manifeste und warnte – laut späterer Selbstkritik zu zaghaft – vor der Appeasement-Politik. 1943 trat er dann, als vierundfünfzigjähriger Vater von sechs Kindern, der Widerstandgruppe Franc-Tireur bei. Im Folgejahr durch Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“, gefoltert, verharrte er entgegen einer weiteren Legende nicht in Stillschweigen – Schöttler belegt dies mit Bezug auf ein im Jahr 2000 entdecktes Protokoll der Gestapo. Doch lieferte Bloch seinen Vernehmern vor seiner Erschießung am 16. Juni 1944 eine Mischung aus echten, zum Gutteil wohl bereits bekannten, aus falschen sowie nebelhaften Informationen. „Kein Skandal, keine Spur von Verrat“, so Schöttlers Fazit.


Die „intellektuelle Biografie“ des deutschen Forschers und Honorarprofessors für Neuere Geschichte beleuchtet auch – angetrieben durch eine unbedingte, wo nötig schonungslos kritische Wahrheitssuche – Blochs Verhältnis zu Marx, zu Deutschland, zu Max Weber, zum Judentum, zum Positivismus, zum Kollegen und Rivalen Lucien Febvre; erläutert seine Ansichten zu Werturteilen in der Forschung, zur Wissenschaftlichkeit der Historie, zur Schaffung einer einheitlichen, universellen Terminologie, zur Möglichkeit der Voraussage politisch-wirtschaftlicher Ereignisse; hinterfragt endlich den heutigen Kult um seine Figur sowie die oben illustrierte Instrumentalisierung als Projektionsfläche. „Sankt Marc Bloch“ (Schöttler) regt heutige Historiker – und deren Leser – noch immer zum Nach- und Weiterdenken an.





Verwendete Literatur:
 
Florian Mazel und Yann Potin (Hrg.): Marc Bloch, l’histoire en résistance. Éditions du Seuil, Paris 2026. 600 S., Euro 27,90.

Peter Schöttler: Marc Bloch, une biographie intellectuelle. Éditions Gallimard, Paris 2026. 574 S., Euro 27,50.

 


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