Dos grine tsetl
- marczitzmann
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Aktualisiert: vor 16 Stunden
Sensationsfund: Im Jahr 2020 brachten zwei Sammler dem Pariser Mémorial de la Shoah eine vollständige Bildreportage der ersten Judenrazzia in Frankreich. Nun sind die 98 Fotos der „Razzia des grünen Zettels“ erstmals ausgestellt. Ihr Autor war Mitglied der Wehrmacht – und selbst Sohn eines Juden.
Am 14. Mai 1941 fand in Frankreich die erste große Judenrazzia statt. Knapp 6500 ausländische Männer erhielten einen grünen Schein, der sie aufforderte, an einer von 69 Adressen in der Kapitale oder in neun Vororten vorstellig zu werden – von daher die gleich nach der Aktion gemünzte Bezeichnung „Razzia des grünen Zettels“ („Rafle du billet vert“). Über 3700 von ihnen, großmehrheitlich Polen, erschienen am bestimmten Ort zur bestimmten Zeit. Sie hofften auf die Regularisierung ihres Aufenthalts. Stattdessen wurden sie festgenommen; ihre auf Weisung des „grinen tsetls“ (so der Schein auf Jiddisch) mitgekommenen Freunde oder Familienmitglieder erhielten eine Liste von Allernötigstem, das sie sogleich herbeizuschaffen hatten: Bettzeug, Unterwäsche, Toilettenartikel, Nahrung für vierundzwanzig Stunden samt Napf, Besteck und Trinkbecher. Noch am selben Vormittag wurden die Opfer in die Sammellager Pithiviers und Beaune-la-Rolande nordöstlich von Orléans gebracht. Dort saßen sie über ein Jahr lang fest, unter sehr harten Bedingungen. Knapp achthundert von ihnen starben, brachen aus oder wurden befreit. Die übrigen 2985 wurden im Juni und Juli 1942 deportiert – nach Auschwitz-Birkenau.
Von Frankreichs Judenrazzien sind kaum Bild-, geschweige denn Filmaufnahmen erhalten. Von der monströsen „Rafle du Vel d’Hiv“ im Juli 1942 gibt es nur eine einzige Fotografie, von der großen Marseiller Razzia im Januar 1943 bloß eine Handvoll. Von der „Rafle du billet vert“ hatte Serge Klarsfeld immerhin rund zwanzig Aufnahmen unterschiedlicher Provenienz zusammengetragen und diese 1991 in dem Bildband „1941, Les Juifs en France. Préludes à la Solution finale“ (nicht übersetzt) veröffentlicht. Doch angesichts der Armut an Bilddokumenten war es eine Sensation, als 2020 zwei Sammler dem Pariser Mémorial de la Shoah 98 Fotos der Razzia des grünen Zettels vorlegten. Nur zehn davon finden sich in Klarsfelds Buch, die übrigen sind neu. Damit nicht genug, bildet das Ganze eine vollständige Fotoreportage – vom Eintreffen der nichtsahnenden Opfer bis zu den ersten Tagen der nunmehrigen Insassen in den beiden genannten Lagern. Anlässlich des 85. Jahrestags der Razzia ist das Konvolut jetzt erstmals öffentlich im Mémorial de la Shoah ausgestellt.
Seit Juli 1940 durften nur noch Deutsche sowie akkreditierte französische Fotografen Aufnahmen im Freien machen, landesweit. Der Autor der Bilder verfügte augenscheinlich über eine Bewilligung: Er bewegte sich frei unter Opfern wie Tätern. Das erste Bild zeigt so aus nächster Nähe die Hauptverantwortlichen: an einem langen Tisch mit – vermutlich – Listen der Vorgeladenen der Leiter des Judenreferats des Sicherheitsdiensts, Theodor Dannecker, in Uniform alle überragend; um ihn herum und zu ihm aufschauend höhere französische Polizeibeamte in Anzug und Krawatte. Im Hintergrund die Sitzreihen des Gymnase Japy im 11. Pariser Arrondissement, auf denen bereits ein Mann und eine Frau warten – Gattinnen durften, ohne Kinder, die Mausefalle zunächst mitbetreten, um keinen Argwohn zu erregen.
Panoramaaufnahmen von Inneren der Sporthalle zeigen bald, wie die Reihen sich füllen, derweil das Bodenniveau bis auf ein paar Stühle sowie vereinzelte Polizisten in Uniform leerbleibt; in der Höhe schwebt verstörend ein Festdekor aus Sternen.

Ein Busfahrer taucht auf, an seiner Mütze erkennbar. Der Eingang ist nunmehr versperrt, außer für Nachzügler; auf einer beklemmenden Aufnahme sieht man, wie ein gutgekleidetes Paar sich zum Abschied umarmt. Die Gesichter zweier danebenstehender Ordnungshüter scheinen Ungeduld mit den Liebenden beziehungsweise Irritation gegen den Fotografen auszudrücken.

In der zweiten Phase der Razzia schaffen die Familien Koffer und Pakete herbei, wie ihnen befohlen wurde.

Kinder schauen verständnislos drein, viele Mütter wirken verstört. Eine Frau mit Wickelkind im Arm verhandelt, in Tränen, mit einem Polizisten. Auf vier sukzessiven Bildern rückt ihr weißer Kinderwagen immer weiter in den Hintergrund der Warteschlange, die sich auf dem Trottoir bildet. Nunmehr auf der anderen Straßenseite von der Sporthalle weggerückt blicken die Begleiter in die Höhe: Ein paar Männer strecken den Kopf aus dem Fenster. Anwohner verfolgen das ungewohnte, 1941 noch unverständliche Spektakel aus gegenüberliegenden Gebäuden.

Dann werden die Gefangenen einer nach dem andern durch ein Spalier von Uniformträgern in hinten offene Busse geleitet.

Vier berührende Aufnahmen zeigen jeweils aus nächster Nähe, wie ein Opfer die Plattform erklimmt: ein distinguierter Fünfzigjähriger, ein jüngerer Handwerker, ein kaum volljähriger Arbeiter mit Scheitelhaar, endlich ein intellektuell aussehender Dreissigjähriger. Auch die weiteren Phasen sind dokumentiert: Ankunft im Austerlitz-Bahnhof, Umstieg in Sonderzüge (damals noch mit Passagierwagen).

Dann, mit einem Zeitsprung von zwei Tagen (ein Kontaktabzug ist verlorengegangen), das Einleben in den beiden Lagern: Strohpritschen und offene Latrinen.

Zwei Fotos zeigen den bislang nur aus Berichten bekannten „schwarzen Hangar“ von Pithiviers, in dem vierzehn Monate später unter grauenvollen Bedingungen rund 2400 Gefangene zusammengepfercht werden würden, unter ihnen Aberhunderte von Kindern.
Der Fotograf konnte durch die beiden Sammler, Gil Bourdeaux und Jean-Baptiste Ordas, sowie durch das Mémorial de la Shoah identifiziert werden. Es handelt sich um Harry Croner (1903 bis 1992), eines der rund 220 damaligen Mitglieder der Pariser Propagandakompanie. Diese Kompanien schickten aus allen besetzten Ländern schönfrisierte Fotografien, um „Volksaufklärung“ à la Goebbels zu betreiben. Doch immer wieder mischten sich darunter Bilder von Leid, von Gängelungen, ja Gräueln. Diese blieben natürlich unveröffentlicht. So auch Croners Reportage, die auf Augenhöhe sehr menschliche, in keinem Augenblick karikierte Juden zeigt. Gründet die empathische, latent subversive Haltung des Fotografen darin, dass er – gemäß NS-Nomenklatur – selbst ein „Halbjude“ war? Im Herbst 1941 wurde der „Mischling ersten Grades“ als „wehrunfähig“ entlassen, ab 1944 musste er Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg kehrte der Berliner zurück in seine Geburtsstadt und wurde dort zu einem führenden Kulturfotografen. Rund 300.000 Abzüge sowie eine Million Negative verkaufte er 1989 dem heutigen Stadtmuseum, das ihm seit 2023 eine Onlineausstellung widmet. Über seine zwei Jahre in Wehrmachtsuniform hat Harry Croner nie gesprochen.



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