Präsidentielle Präsente
- marczitzmann
- vor 1 Tag
- 6 Min. Lesezeit
Eröffnung der Cité des présents in Château-Chinon, wo Geschenke ausgestellt sind, die François Mitterrand als Frankreichs Staatschef empfangen hatte – vom handgestrickten Eierwärmer bis zum ausgestopften Löwenpaar
„Lonely Planet“ ist von schonungsloser Offenheit: „Die Zahl der zum Verkauf stehenden Häuser zeugt von der Abwanderung aus der Stadt, deren Bürgermeister François Mitterrand zwischen 1959 und 1981 war“. Nicht viel rosiger als die Lektüre der Seite, die der angelsächsische Reiseführer dem zentralfranzösischen Städtchen Château-Chinon widmet, stimmt jene des nationalen Statistikamts Insee: Arbeitslosenrate weit über dem Landesdurchschnitt, Einkommen per Haushalt weit darunter. Ein Blick in die Sträßchen von Château-Chinon bestätigt: Wir sind hier im Frankreich, das abgehängt wurde, noch bevor es im 21. Jahrhundert angekommen war. Seit 1975 ist die Bevölkerung um ein Drittel gesunken.
Aber wir sind trotz allem in einem Land, in dem selbst kümmerliche Krähwinkel mit kulturellen Kleinoden klotzen können. So auch Château-Chinon, 1770 Einwohner und gut 100 Autominuten bis zur nächsten Großstadt, Dijon. In diesem Kaff wurde am Sonntag nach viel zu langen, 17 Millionen Euro teuren Arbeiten die Cité des présents – François Mitterrand eröffnet. Diese verbindet via einen neuen Glastrakt zwei ältere, tiefgreifend umgestaltete Museen: ein Modemuseum, auf das wir hier nicht weiter eingehen wollen (das aber einen lobenden Eintrag nicht nur in der nächsten „Lonely Planet“-Ausgabe verdient hat), sowie das Musée des cadeaux présidentiels. Dieses zeigt Geschenke, die François Mitterrand während seiner zwei Amtszeiten als Frankreichs Präsident zwischen 1981 und 1995 erhalten oder vergeben hat. Neugierigen Naivlingen, die gern einen Blick in das Leben der Mächtigen werfen, gibt der Parcours Zuckerbrot. Skeptischen Zynikern, die eine Welt des bloßen Scheins geißeln, versüßt er den Zichorienkaffee: Neben glitzerndem Nippes findet sich hier auch manches echtgoldene Glanzstück. Ganz zu schweigen von der erstaunlichen Bandbreite der Exponate, die einen facettenreichen Diskurs ermöglicht.

Der erste Saal steckt Ambitus und Ambitionen des Museums ab. Geschenke an Machthaber gibt es seit Menschengedenken – ein Filmchen zeigt die Überreichung von Gaben an den König im antiken Persepolis oder an Napoleon III. sowie den Austausch von Präsenten zwischen Ludwig IX. und Isabella von Navarra im 13. Jahrhundert oder zwischen Macron und Papst Franziskus in der Jetztzeit. Unter Politikern ist das Beschenken Teil eines diplomatisch-protokollarischen Rituals. Gaben von einfachen Bürgern oder von Unternehmen an Staats- oder Regierungschefs sind ihrerseits mit (Hinter)Gedanken verbunden, die von reiner Bewunderung bis zu versuchter Einflussnahme reichen.

Manche Geschenke tragen den Vorlieben des Empfängers Rechnung, wie ein Schachspiel aus Porzellan und Marmor, das Helmut Kohl 1988 dem leidenschaftlichen Schachspieler Mitterrand überreichte. Die meisten sind indes unpersönlich und entspringen Traditionen wie dem Senden von Porträtbildern, so sie nicht in Serie an Teilnehmer an Gipfeltreffen oder ähnlichem übergeben werden, oft kunstvoll verpackt. Frankreichs Präsente entstammen meist der einheimischen Luxusgüterindustrie: Parfums, Handtaschen, Schmuckstücke, Hermès-Carrés, Sèvres-Porzellan oder Kristallobjekte von Baccarat, Daum, Lalique oder Saint-Louis. Eine Ausnahme bildet ein großer Globus von Fernand Pouillon, auf dem auch die Hauptorte von Mitterrands persönlicher Epopöe fungieren: Cluny, Jarnac, Latche, Solutré – und natürlich Château-Chinon.

Ausgestellt ist hier auch die Schenkungsurkunde, mit der Frankreichs Staatschef die ersten 1002 (von heute rund 4800) Objekten dem seinerzeitigen „Museum der siebenjährigen Amtszeit“ (Musée du Septennat) anvertraute. Dieses hatte der Rat des Départements Nièvre 1986 gegründet (dass eine – zumal ländliche – Gebietskörperschaft noch heute, in Zeiten grassierender Subventionskürzungen, viel Geld in Kultur steckt, ist nicht hoch genug zu veranschlagen). Auf der entsprechenden Liste bildet eine Schatulle aus hellbraunem Punzierleder, 1982 überreicht durch Seyni Kountché, dem seinerzeitigen Militärdiktator von Niger, die Inventarnummer 0001. Mitterrand war der erste, der die Zurschaustellung der präsidentiellen Präsente systematisierte (auch wenn Geschenke an de Gaulle, Pompidou und Giscard d’Estaing in der einen oder anderen Form Eingang in Memoriale oder Museen gefunden haben, zum Teil erst nach dem Tod des betreffenden Empfängers). Chirac tat es dem Rivalen im Jahr 2000 nach mit „seinem“ Museum in der ebenso ländlichen Corrèze.
Der zweite Saal vereint Gaben von Franzosen an ihr seinerzeitiges Oberhaupt. Sie reichen von familiär – ein handgestrickter Eierwärmer mit dem Vornamen „François“ – bis zu corporate: die Miniatur einer Zentraleinheit des Computerherstellers Bull etwa oder ein Kronenbourg-Bierglas. Neben wenig inspirierten Variationen auf das Thema der Rose – die der Sozialist zu seinem Wahrzeichen erkoren hatte, wie später Chirac den Apfel – findet man hier auch künstlerisch Wertvolles, namentlich eine anthropomorphe Maya-Vase, die der Filmemacher und Mexicana-Sammler François Reichenbach 1991 schenkte.

Aber das Gros der Gaben stammt aus dem Ausland. Der Parcours enthält eine Sektion zum Thema „Symbole und Traditionen“: Cowboystiefel aus den USA, ein Khalat-Kaftan aus Kasachstan, eine Gaucho-Reitgerte aus Argentinien. Ein Kapitel zum Sujet „Gastfreundschaft“: Gläser aus Meissener Bleikristall (ein weiteres Präsent von Kohl), ein silberner Samowar (von Gorbatschow), ein Caféservice aus Jade (von Hassan II.). Einen Abschnitt über „Exzellenzbranchen“: Speckstein-Skulpturen der kanadischen Inuit, Glasarbeiten von der Insel Murano, Bronzen aus Westafrika. Stupend hier ein hölzernes Hochrelief mit floralen Motiven aus Indonesien oder die Tapisserie „Rendez-vous au soleil“ der senegalesischen Thiès-Manufaktur. Weitere Sektionen zeigen wunderschöne Vasen; Orden, Schlüssel und Medaillen; Religiöses wie ein Kota-Reliquiar aus Gabun; Reproduktionen bekannter Kunstwerke (darunter die durch Franzosen geträumte, gestaltete und gebaute Freiheitsstatue). Nicht zu vergessen teures Glitzerzeug – erwartungsgemäß primär aus den Golfstaaten. Einen Clou bildet am Ende des Parcours die „Galerie animalière“, die Tierfreunden das Herz bluten, zugleich aber die Augen funkeln machen dürfte. Hier findet man zwischen gewaltigen Elefanten- und Narwalstoßzähnen präparierte Schildkröten, Muränen und Kugelfische, ein ausgestopftes Löwenpaar sowie einen Sofatisch mit einem Dekor aus Schmetterlingsflügeln.



Die Cité des présents, die das für wissenschaftliche Seriosität bürgende Label „Musée de France“ trägt, strukturiert, kontextualisiert und präsentiert ihre Sammlung sehr professionell. Exkurse in politische Niederungen versagt sie sich indes. Eine Foto zeigt so Giscard d’Estaing beim Empfangen eines Geschenks aus den Händen des gabunischen Autokraten Omar Bongo. Man denkt da unweigerlich an einen noch viel ruchloseren afrikanischen Diktator, den selbsternannten Kaiser Jean-Bedel Bokassa, dessen Diamanten-Gaben Giscards letzte Amtsjahre vergifteten. Und ihn wohl die Wiederwahl kosteten – zugunsten seines Rivalen: François Mitterrand. Ein anderes Beispiel: eine Tapisserie mit Ruandas Fauna wurde 1982 durch den damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana geschenkt. Zwölf Jahre später gab der Abschuss von dessen Flugzeug das Signal für den Beginn des Völkermords an den Tutsi. Mitterrand spielte hier eine Rolle, die Historiker wie Vincent Duclert als skandalös gegeißelt haben. Doch auf derlei kritische Hintergrundinformationen verzichtet die Cité ganz, womöglich aus inhaltlichen wie auch aus politischen Gründen. Keine Institution kratzt gern am Bild ihres Gründers und Hauptgegenstands – und der Träger der Cité, das Département Nièvre, ist bis heute in sozialistischer Hand.
Stattdessen beleuchtet das Museum Mitterrands Bande mit der Gegend. Der Politiker war hier – als Bürgermeister, als Vertreter in der Nationalversammlung oder im Senat, als Abgeordneter, dann Präsident des Départementrats – von 1946 bis zu seinem Einzug ins Élysée 1981 sehr präsent. Und er ließ auch in den folgenden vierzehn Jahren die Verbindung nicht abreißen: Immer wieder schickte der Präsident aus einem der 86 Staaten, die er in offizieller Funktion bereiste, Postkarten an Freunde in und um Château-Chinon. So an Jean und Ginette Chevrier, die Besitzer des Hotels Au Vieux Morvan. Dort bewohnte Mitterrand über ein Vierteljahrhundert lang das Zimmer Nummer 15: Zehn Quadratmeter, zwischen deren dünnen Wänden der vielfache Kandidat auf diverse Ämter am Wahltag jeweils die Ergebnisse abwartete – so auch am historischen 10. Mai 1981. Die Besitzer gibt es nicht mehr, das (renovierte) Hotel mitsamt besagtem Zimmer aber wohl noch. Der „Lonely Planet“ schreibt auch da skeptisch: „Abgesehen von drei Schwarz-Weiß-Fotos am Eingang und der ‚altfranzösischen‘ Einrichtung der Gemeinschaftsräume wird nichts die Nostalgiker der Mitterrand-Zeit vierzig Jahre in die Vergangenheit zurückversetzen.“




Kommentare