Ein unruhiger Hedonist
- marczitzmann
- vor 5 Stunden
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Komplementär: ein immersives Zentrum in Paris und ein Museum in Château-Thierry beleuchten Leben und Werk des Dichters Jean de La Fontaine
Wo sind wir da gelandet? Die Ladenpassage Berri-Washington in einer Seitenstraße der Champs-Élysées ist sonntags menschenleer. Der südostasiatische Schnellimbiss „Die Golddschunke“ hat die Läden heruntergelassen, sein jemenitischer Nachbar „Hadramaut“ die Tore geschlossen. Und auch in der Cité immersive des Fables steht man zunächst vor einem Vorhang. Doch dann lüftet sich die samtrote Theatertextilie: Entgegen springt einem eine aufgekratzte Komödienfigur, halb Musketier, halb Sprachstallmeister. „Willkommen in der Fabelwelt von La Fontaine!“, ruft der fidele Bursche, stellt einem zwei einfache Fragen zum Genius Loci, die stotternde Verlegenheit hervorrufen, empfiehlt, Kinder und Wertsachen im Auge zu behalten, und entlässt einen, munter weiterjapsend, in die Welt hinter dem Rideau.
Gleich einem Antichambre erwartet einen dort eine Harry-Potter-Bibliothek. Lederbände für Nichtleser, Möbel im Stil von Baron Trödel sowie karrenweise Krimskrams: Schatztruhen, Globusse, beschriftete Phiolen, Vogel- und Fledermausskelette, erloschene Kerzen in Bronzeständern, Likörgläser samt Karaffe, Keramikhasen und -katzen sowie ein güldenes Nilpferd. La Fontaine, reinkarniert in der Gestalt des Comédie-Française-Mitglieds Laurent Stocker mit Perücke, Brokatgewand und Schleifenschuhen, hält da von einem fast lebensgroßen Bildschirm herab eine Ansprache an die Besucher, eingerahmt durch die Schattenrisse fünf „seiner“ Tiere, die, ihm lauschend zugewandt, ihr putziges Profil zeigen. In Substanz geht es darum, wie stolz der Dichter auf seine bevorstehende Aufnahme in die Académie française ist – doch schwuppdiwupp! weht ihm der Wind die Blätter seiner Antrittsrede aus den Händen. Womit wir den roten Faden der literarischen Entdeckungsreise hätten: Auf der Suche nach dem verlorenen Manuskript begleitet der Besucher La Fontaine durch vier Räume und taucht dort in die Reiche ebenso vieler Fabeltiere ein.

Diese sind jeweils in ihrem „Milieu“ angesiedelt, auf das die Raumdekoration verweist: der weltgewandte Schönredner Fuchs in einem französischen Garten, der Löwe als König der Tiere im Pomp seines Hofs, der bis zum Platzen aufgeblasene Frosch im Sumpf, der wilde Wolf im Wald. Verkörpert werden die Tiere und ihre Dialogpartner durch Stars und Sternchen wie die Schauspieler Alexandre Astier und Arielle Dombasle, die YouTuberin Marie S’Infiltre oder die Mezzosopranistin Axelle Saint-Cirel, bekannt für ihre Darbietung der „Marseillaise“ bei den Pariser Sommerspielen 2024. Auf Bildschirmen führt das Tier, dem der jeweilige Raum gewidmet ist, mit anderen animalisch kostümierten Vertretern der Fabel-Fauna einen Dialog über die berühmteste „seiner“ Dichtungen – der Fuchs erteilt dem Raben so eine Lektion in Sachen Eitelkeit, der Wolf disputiert mit dem Hund über Freiheit versus Wohlstand und so weiter. Doch via Dispositive wie Wandtafeln, Dioramen oder Riesen-Ringbücher zum Durchblättern werden noch weitere Apologe angeführt, in denen Fuchs, Frosch, Löwe und Wolf auftreten.




Im Umgang mit La Fontaine und seinen Werken hat die Cité immersive des Fables keine Berührungsangst. „Spektakel“, „Anachronismus“ und „Mitmachaktion“ sind hier mitnichten Schimpfworte. Im Wolfswald kriecht Kunstnebel über den Boden, derweil bleiche Birkenbäume sich im blauroten Horrorfilmlicht gen Decke recken. Der Frosch ist eine bildhübsche, strohdumme Influencerin, die vor dem Boudoirspiegel blasierte Mienen zieht, mit den Fingernägeln eines manikürten Faultiers auf dem Handy scrollt und sich so lange für Likes bläht, bis sie platzt. Der Parcours wartet auf mit Seifenblasenkanonen, Videospielchen („The Wolf’s Street Fight“), einer Kinderhütte mit Wolfs- und Lammplüschtieren sowie einem mit Fell bezogenen Telefon (ein Fingerzeig auf Meret Oppenheim?), aus dessen Hörer große Stimmen von einst beim Rezitieren von Tierdichtungen dringen. Am Schluss legt man sich in einem Riesensaal auf Kissen und vollendet die Immersion in die Fabelwelt – dank frei assoziierendem Videomapping auf alle sechs Flächen, begleitet von einer träumerischen Stimme aus dem Off, die gleichsam die Moral der Geschichte zieht.


Wie anders da das Musée Jean de La Fontaine in Château-Thierry. Der Geburtsort des Dichters liegt auf halber Strecke zwischen Paris und Reims. 15.000 Einwohner, eine beschauliche Altstadt im Schatten einer gewaltigen Schlossruine auf einer Anhöhe mit Panoramablick auf das Marnetal. Das Glas (guter, lokaler) Champagner im Restaurant L’Ouvrée kostet gerade einmal sieben Euro: Wir sind klar in der Provinz. Seinerzeit verkürzte der Dichter den Namen des Krähwinkels familiär auf „Chaûry“, heute nennen die Einheimischen ihr berühmtes Stadtkind maulfaul „Jean Laf“. Das Haus von „Jean Laf“ in „Chaûry“ ist ein 1559 erbautes Hôtel particulier: Sandstein, drei Stockwerke zuzüglich halbversenkter Keller und Estrich für den Hauptbau, zwei sehr unregelmäßige Flügel. Das Ganze wirkt mehr gediegen als elegant, besitzt aber eine freundliche Ausstrahlung. Im Innern gibt es seit exakt hundertfünfzig Jahren ein Museum; dieses wurde nach dreieinhalbjähriger Totalrenovierung, größer und besucherfreundlicher, im Januar wiedereröffnet, vier Monate nach der Einweihung der Cité immersive des Fables.

Trumpf des Hauses ist die Sammlung, die maßgeblich durch die 2004 verstorbene Colette Prieur aufgebaut wurde, seit 1965 Konservatorin des Museums und zwei Jahrzehnte später Mitgründerin der Gesellschaft der Freunde von Jean de La Fontaine. Der erste Saal zeigt Kleinkunst, die die Popularität des Dichters in Frankreich veranschaulicht: Die Fabeln als Verkaufsargument für Butter, Zucker, Camembert und Hustenbonbons, als Vorlage für politische Karikaturen seit den 1830er Jahren, als Motiv für Briefmarken, Menükarten oder Weinetiketten. Im zweiten Saal folgt die Großkunst: Kreationen von Marc Chagall und Salvador Dalì, vor allem aber eine Auswahl der Illustrationen zu 172 Fabeln und 10 Erzählungen, die der Diplomat Félix-Sébastien Feuillet de Conches zwischen 1828 und 1840 nicht nur bei Landsmännern wie Ingres und Delacroix in Auftrag gegeben hatte, sondern auch bei rund vier Dutzend Künstlern in aller Welt. So sind abessinische, chinesische, indische, japanische und ottomanische Arbeiten zu bestaunen – 1969 hatte Prieur das gesamte Konvolut erwerben können, das heute turnusmäßig gezeigt wird und in Ausschnitten auf einem Berührbildschirm bewundert werden kann. Ein Kleinod erster Güte.






Der Parcours beleuchtet indes auch die prosaischere Verwurstung von La Fontaines Fabeln und Erzählungen zu Rebussen, Lotterie- und Gänsespielen, zu Laternae Magicae und kitschigen Keramiken sowie – gehobener – zu schönen, schlüpfrigen Stichen nach François Boucher und Nicolas Lancret und zu Tapeten und Tapisserien nach Jean-Baptiste Oudry. Letzterer war neben später Geborenen wie Gustave Doré, Gustave Moreau und dem bereits erwähnten Chagall einer der großen Illustratoren eines Œuvres, das in seinem Bilderreichtum nach Bebilderung ruft. Auch von Oudrys ab 1755 erschienenen vier Fabelbänden besitzt das Museum Originalausgaben – neben weiteren Schätzen wie dem ersten Fabeldruck von 1668 oder Handschriftlichem wie La Fontaines Geburtsurkunde sowie einem Brief des Dichters.


Der Fall scheint also klar: In Paris ein La-Fontaine-Themenpark für Kinder und Kindsköpfe, in „Chaûry“ ein Künstlerhaus für Ästheten und Geschichtskenner. Hier der direkte Draht zum Dichter, dort eine etwas gewundene Evokation. Zumal die Cité immersive des Fables oft etwas fake beziehungsweise billig daherkommt: Unter den Bänden in La Fontaines „Bibliothek“ finden sich Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, als Klangkulisse fungieren schauderhaft pseudobarocke Synthesizerweisen. Von Authentizität keine Spur.
Aber so klar ist der Fall dann doch nicht. Denn La Fontaines Geburtshaus wurde im Lauf der Jahrhunderte stark umgemodelt – der Dichter selbst hatte es, in Finanznot, 1676 verkaufen müssen, fast zwanzig Jahre vor seinem Tod. Im Innern erinnert nichts mehr an ihn – und das war schon lang vor der Gründung des Museums 1876 der Fall. Das „alte“ Musée Jean de La Fontaine vor seiner Schließung 2022 haben wir nicht gekannt. Aber Patrick Dandrey, emeritierter Sorbonne-Professor und Präsident der Gesellschaft der Freunde des Dichters, evoziert im Gespräch nicht original, wohl aber im Geist der Zeit (und mit ebenso stupender Intuition wie lächerlichen Mitteln) rekonstituierte Interieurs, deren Patina wo nicht die Gestalt des Autors, so zumindest den Geist von dessen Werk heraufbeschwor. Diese fragile Essenz hat sich leider verflüchtigt: Das umgebaute Geburtshaus ist nurmehr ein Gefäß für Exponate und museale Dispositive. Ein einziges Räumchen ist noch möbliert, in einem generischen Louis-XIII-Stil ohne Wärme noch Stimmung. Behaust, geschweige denn beseelt wirken diese Interieurs nicht.


Wohingegen der Cité immersive des Fables eine Qualität eignet, die dem Museum fast völlig fehlt: Sie ist verspielt, voller Schalk, mitunter impertinent. Geist, Kurzweil, immer wieder aufblitzende Unangepasstheit sind ja Kerncharakteristisken nicht nur der Fabeln. Diese bilden bekanntlich Ausspinnungen und Poetisierungen altgriechischer und -indischer Apologe, die ihrerseits via römische, arabische, persische und altfranzösische Übersetzungen und/oder Adaptationen bis zu La Fontaine gelangt sind. Das Übertragen und Transformieren ist dem Genre also eingeschrieben: Ein Frosch als Influencerin wirkt vor diesem Hintergrund legitim.
Und während die Cité in keiner Art und Weise mit der fabelhaften Sammlung des Museums konkurrieren kann, zieht sie in puncto Wissensvermittlung mindestens gleich. In über den ganzen Parcours verteilten Videos erörtert der bekannte YouTuber Nota Bene Fragen wie „War La Fontaine ein Dichter zweiten Ranges oder einer der bedeutendsten Autoren seiner Zeit?“. Zudem finden sich in jedem Raum Informationstafeln, die knapp, aber prägnant (nur leider mit etwas gar vielen Rechtschreibfehlern) alle wichtigen Themen anschneiden. „La Fontaines Leserschaft“ etwa: eine städtische, belesene Elite, die Höflichkeit und Selbstbeherrschung schätzte, zugleich aber Spritzigkeit, Pikanterie und gewandt gedrechselten Scherz goutierte. Oder „La Fontaine und die großen Debatten seiner Zeit“: Wider die Ansicht, Tiere seien Maschinen, bestand der Dichter auf deren Empfindungsvermögen; im Streit der Alten und der Neuen schlug er sich auf die Seite der Erstgenannten, war aber trotzdem in mancherlei Hinsicht ein Neuerer; endlich neigte er mit der Publikation leichter, oft gar anzüglicher Erzählungen den Libertins zu, suchte im Alter aber mit der Verleugnung dieser Werke bei den Devoten zu punkten. Diese und viele weitere Informationen misst man im Museum. Die beiden Häuser sind komplementär.

So oder so ersetzt nichts die Lektüre der Originaltexte sowie – zwecks Vertiefung – der besten Sekundärliteratur. Darunter an erster Stelle eine Handvoll Essais von Patrick Dandrey, von denen leider keiner auf Deutsch übersetzt wurde. Dabei bietet „La Fontaine ou les métamorphoses d’Orphée“ die einfühlsamste Einführung, verdeutlicht „La Fontaine expliqué aux adultes“, dass die Fabeln – wie es von Mozarts Klaviersonaten gesagt worden ist – ziemlich einfach sind für Kinder und schier zu schwer für Erwachsene. Im Nachwort zu seiner Ausgabe des Romans „Les Amours de Psyché et Cupidon“, neben den Fabeln und den Erzählungen das dritte Meisterwerk des Dichters, hat Dandrey dessen Kunst knapp umrissen: Eine delikate Mischung aus „sublimen, heroischen, weihevollen, naiven, bescheidenen, fröhlichen und traurigen, lyrischen und komischen Stilen“, verklammert durch den scherzhaften Grundton, aus Liebe zu allen Dingen bei gleichzeitigem Wissen um deren Vergänglichkeit, aus unruhigem Hedonismus und aus erlesener Dichtkunst – Marc Fumaroli pries La Fontaine in „Le Poète et le Roi“, einem weiteren Referenzwerk, als den einzigen lyrischen Dichter der Zeit von Louis XIV.

Im Gespräch skizziert Dandrey für deutschsprachige Literaturliebhaber die Bedeutung von La Fontaine für sein Heimatland: „Man kennt Frankreich nicht, wenn man La Fontaine nicht gelesen hat. Er ist ein Gemeinplatz, im Sinne des lateinischen Locus communis: Ein Ort, an dem jeder, ob Vertreter des Volks oder der Eliten, sich zuhause fühlen kann. Bei den Präsidentschaftswahlen von 1995 stellte jeder Kandidat seine Lieblingsfabel vor. Ein ehemaliger Abgeordneter aus ‚Chaûry‘ beendete jede seiner Reden im Parlament mit einem Zitat von La Fontaine. In Deutschland gibt es Goethe und die Brüder Grimm, gewiss. Aber Ersterer ist vergleichsweise elitär und Letztere schreiben nicht in Versen. Im kollektiven Bewusstsein bildet La Fontaine ein Kondensat der Tugenden, die die Franzosen sich – fälschlicherweise – zuschreiben: gesunder Menschenverstand, Aufgeklärtheit, Mäßigung (die während der Entstehungsjahre der Fabeln mehrfach verwüstete Pfalz weiß ein Trauerlied zu singen von diesen ‚Tugenden‘). Doch vor allen Dingen ist La Fontaine ein unglaublich musikalischer und geschmeidiger Dichter – er kann im selben Poem das Versmaß zwischen drei und zwölf Füssen fluktuieren lassen. Und ein farbig-verführerischer Erzähler – ein Charmeur!“



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