Selektive Transparenz
- marczitzmann
- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Vorwürfe der sexuellen Gewalt am Théâtre du Soleil – und wie Ariane Mnouchkines Truppe diese aufarbeitet
Ende November hat die Pariser Onlinezeitung „Mediapart“ einen langen kritischen Investigationsbericht über das Théâtre du Soleil veröffentlicht (hier der entsprechende Blogbeitrag). Darin bezichtigten acht Frauen zwei langjährige Mitglieder der hauptstädtischen Truppe schwerer sexueller Vergehen – bis hin zur Vergewaltigung. Die beiden beschuldigten Männer hatten acht Monate zuvor, im März 2025, den Hut nehmen müssen. Ihre mutmaßlichen Opfer waren Jugendliche oder gerade eben erst Volljährige, die in der Hierarchie der Kompanie ganz unten standen. Sie arbeiteten zwischen 2010 und 2025 am Théâtre du Soleil, zum Teil als Freiwillige oder Volontäre.

Im Februar dieses Jahres doppelte „Mediapart“ nach und machte den Fall einer weiteren Frau publik, die 2003 als Zweiundzwanzigjährige durch einen rund doppelt so alten Mitarbeiter des Théâtre du Soleil viermal in den Duschräumen des Theaters angegriffen worden sei. Der Beschuldigte, schreiben „Mediapart“ und „Le Monde“, sei kein Schauspieler, arbeite noch heute für die Kompanie und bestreite alle Anschuldigungen. Dieses Zeugnis straft die Ende letzten Jahres gemachten Aussagen von Ariane Mnouchkine Lügen, sie habe vor 2023 nichts von Übergriffen gewusst.
Denn die junge Frau hatte der Theaterchefin – und anderen Truppenmitgliedern – seinerzeit die erlittenen Angriffe rapportiert. „Mediapart“ zitiert nicht namentlich genannte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Theaters, die sich noch heute an den Vorfall erinnern und auch an eine Versammlung, bei der dieser 2003 thematisiert worden war. Auch den Beleg für eine damals durch die junge Frau erstattete Strafanzeige hat die Onlinezeitung gefunden – die betreffende Untersuchung wurde nach drei Monaten eingestellt, mangels Beweisen.
Dem Ruhm des Théâtre du Soleil, das für seine Kämpfe etwa für illegale Immigranten oder gegen Rechtsextremismus bekannt ist, schaden die Anwürfe empfindlich. Eine Ausstellung im Centre national du costume et de la scène in Moulins und ein Kolloquium an der Sorbonne wurden abgesagt, ein langes Interview mit Mnouchkine aus einem im Januar erschienenen Manifest gegen kulturelle Ausgrenzung gestrichen, die auf Arte geplante Ausstrahlung eines Dokumentarfilms über die jüngste Produktion des Théâtre du Soleil, „Ici sont les dragons“, auf Eis gelegt. Womöglich noch schmerzhafter für das seit je um Jugendarbeit bemühte Theater ließen Schüler wissen, sie würden sich dieses Stück nicht anschauen kommen: „Uns ist unwohl bei der Vorstellung, uns in die Cartoucherie de Vincennes zu begeben und die Arbeit der Truppe zu finanzieren, so schön und nützlich diese auch sein mag“.
So richtete Mnouchkine drei Wochen vor der Premiere des zweiten Teils von „Ici sont les dragons“ am 12. März einen offenen Brief an ihr Publikum. Sie sei bereit sich zu entschuldigen, schrieb sie da, wies aber vehement eine „bestürzende Systematisierung“ zurück – „diese irren Interpretationen, diese wahnwitzigen Phantasmen, all diese Schandtaten, die wahllos in den brodelnden Kessel des Medienlärms geworfen werden“. Das Vertrauen, das sie in alle Menschen setze, hätten die beiden Beschuldigten möglicherweise missbraucht, konzedierte sie. Und andere als sie hätten den Preis gezahlt für das Risiko, das jedem Vertrauensbeweis innewohne – „leben, lieben, schaffen“ sei nun einmal riskant.
Doch sei sie nicht willens, unter „einem unvorstellbaren Druck feige und scheinheilig böse Absichten, die ich nie hatte, und unverzeihliche Fehler, die ich nie begangen habe“ zuzugeben. Gemeint ist damit wohl das seinerzeitige Unter-den Tisch-Kehren sexueller Übergriffe, das einige der mutmaßlichen Opfer der Truppenleiterin angekreidet hatten. Und ein durch manche gegeißelter „sektiererischer“ Einschlag im Leben der Truppe, der sowohl die vorgebrachten Vergehen als auch deren Verschleierung ermöglicht habe. Statt derlei Verfehlungen in einer aufgezwungenen Autokritik zu beichten, schrieb Mnouchkine, wolle sie das Maß ihrer allfälligen Schuld einem externen Audit des Pariser Anwaltsbüros Vigo entnehmen, das auf Wunsch des Kulturministeriums durchgeführt werde.
Dessen Inhalt wurde jetzt in groben Zügen bekannt. Nur vier überregionalen französischen Zeitungen sowie der Nachrichtenagentur AFP hat das Théâtre du Soleil angeboten, das Dokument in voller neunundfünfzigseitiger Länge zu lesen – vor Ort und auf Papier. Von mir um Zugang zu dem Text gebeten, antwortete das Kulturministerium (das die Truppe jährlich mit fast 2 Millionen Euro subventioniert), die Bewilligung liege in der Hand von Ariane Mnouchkine. Eine Pressesprecherin der Kompanie verwies ihrerseits auf Anfrage auf die – durch das Théâtre du Soleil selbst erstellte – Zusammenfassung des Rapports, die am 21. Mai ins Netz gestellt wurde. Wiederholte Bitten, den kompletten Bericht zu lesen, wurden abgeblockt. Diese Art von Intransparenz – oder von selektiver Transparenz – nährt unweigerlich den Verdacht, man habe etwas zu verbergen.
Auch Sarah Brethes, die Autorin der beiden „Mediapart“-Investigationen, konnte den vollständigen Rapport bis heute nicht lesen. Das werfe Fragen hinsichtlich der Transparenz bei Informationen von öffentlichem Interesse auf, zu denen nur von der Theaterdirektorin ausgewählte Medien Zugang hätten, bedauerte die auf geschlechtsspezifische Gewalt spezialisierte Journalistin, von mir zum Fall befragt. Doch sei sie darüber hinaus auch skeptisch bezüglich der Art und Weise, wie das Audit durchgeführt wurde: „Keines der mutmaßlichen Opfer wurde direkt kontaktiert, vielmehr haben diese selbst die Verbindung zur Kanzlei suchen müssen und durften nicht anonym aussagen – woraufhin einige verzichteten. Eine verzweifelte Anklägerin sagte mir letzte Woche: ‚Wir hatten den Eindruck, dass die durch 'Mediapart' angestoßene Befreiung des Wortes erstickt wurde. Mit diesem Audit wurden wir ausgelöscht, genau wie die Gewalt, die wir erlitten haben‘.“ Dieses Gefühl teilten viele der mutmaßlichen Opfer, so Brethes. In ihren Augen habe das Kulturministerium bei der Aufarbeitung des Falls versagt. Es seien keine Konsequenzen gezogen worden.
Nach der Lektüre des besagten Resümees ist man in der Tat so schlau ist als wie zuvor. Zwar will das Pariser Anwaltsbüro Vigo nach Anhörung von dreißig ehemaligen oder heutigen Mitgliedern des Théâtre du Soleil nichts „Systemisches“ in Sachen sexuelle Gewalt, geschweige denn sektiererische Ausartung gefunden haben. Vielmehr seien Übergriffe „im Verhältnis zur Gesamtzahl der Mitarbeiter marginal“ – derzeit zählt die Truppe stolze 116 Angestellte. Doch den präzisen Vorwürfen, die „Mediapart“ erhebt, stellt der Rapport, dem Resümee nach zu schließen, bloß Allgemeines entgegen. So versteht man halb zwischen den Zeilen, dass das Théâtre du Soleil auf den Schultern seiner charismatischen Leiterin ruht, die Konflikte eher informell mit einer Mischung aus Humanismus („alle Menschen können sich bessern“) und Maternalismus („böse Truppenmitglieder kriegen eine Ohrfeige“) zu lösen sucht – nicht zur Zufriedenheit aller mutmaßlichen Opfer.
Recht sprechen kann ein Anwaltsbüro so oder so nicht. Das ist Sache der Justiz. Gegen die beiden Beschuldigten läuft eine Untersuchung der Jugendschutzbrigade – ob diese zur Eröffnung eines Verfahrens führt, muss sich noch weisen. Sicher ist einstweilen dies: Sylvain Creuzevault wird – wann genau, steht noch nicht fest – die Nachfolge der siebenundachtzigjährigen Mnouchkine als Truppenleiter antreten. Dann beginnt eine neue Ära für das Théâtre du Soleil – auch in Sachen Führung und Kontrolle.



Kommentare