„Ein System der totgeschwiegenen Gewalt“
- marczitzmann
- 1. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. Dez. 2025
MeToo-Anwürfe am Théâtre du Soleil
Sexuelle Übergriffe, womöglich gar Vergewaltigungen in einem Bollwerk des Progressismus‘. Die MeToo-Bewegung hat jetzt auch das Théâtre du Soleil erfasst, das für seine Kämpfe etwa für illegale Immigranten oder gegen Rechtsextremismus bekannt ist. In einem langen Investigationsbericht der Pariser Onlinezeitung „Mediapart“ bezichtigen acht Frauen zwei langjährige Mitglieder der Truppe von Ariane Mnouchkine schwerer Vergehen. Die Pariser Brigade für Jugendschutz soll diesen Monat Anhörungen vornehmen. Ob es danach zur Eröffnung eines Strafverfahrens kommt, ist nicht sicher. Und selbst wenn, genießen die beiden Betroffenen, die im April aus der Truppe entlassen wurden, vorerst die Unschuldsvermutung.

Doch die Beschuldigungen der acht Frauen stimmen in vielen Punkten überein. Zudem werden sie bestätigt durch Aussagen nichtbetroffener Truppenmitglieder. Mutmaßliche Opfer waren Jugendliche oder gerade eben erst Volljährige, die in der Hierarchie der Truppe ganz unten standen. Sie arbeiteten zwischen 2010 und 2025 am Théâtre du Soleil: Vier von ihnen halfen unentgeltlich an der Bar, in der Küche oder bei Hausarbeiten aus, andere waren als Schauspielerin, in der Verwaltung oder im Pressedienst angestellt. Zwei von ihnen bezichtigen Farid Gul Ahmad einer versuchten Vergewaltigung. Der durch Mnouchkine mit Frau und Kindern nach Frankreich hinübergerettete Afghane habe sie gegen ein Waschbecken beziehungsweise gegen Lagerkisten gedrückt und zu nötigen versucht. Die sechsundachtzigjährige Truppenchefin bestätigte gegenüber „Mediapart“, auf den jüngsten Vorfall, nachdem sie 2024 davon unterrichtet worden war, à l’ancienne reagiert zu haben: mit einer Ohrfeige für den „Widerling“ und „Perversen“.
Noch schwerer wiegen die Anschuldigungen gegen Sébastien Brottet-Michel, dem alle acht angeführten Frauen sexuelle Gewalt vorwerfen. Die Anwürfe reichen von geläufig ins Ohr geflüsterten „Schweinereien“ und unzüchtigen Berührungen bis zu „gewalttätigen“ Sexualakten in einer Besenkammer oder unter den Sitzreihen des Theaters, aber auch in einem öffentlichen Garten sowie einem Friedhof. Vier der mutmaßlichen Opfer waren Schülerinnen zwischen fünfzehn und siebzehn Jahren, die der Schauspieler als „Mentor“ unter seine Fittiche zu nehmen versprochen hatte. Brottet-Michel war bereits 2010 durch Truppenmitglieder verbaler und physischer Gewalt bezichtigt worden. Gegen eine Minderheit, die damals seine Entlassung forderte, war Mnouchkines „Liebling“ und „rechter Hand“ aber die Chance zugestanden worden, sich zu bessern. „Leute wandeln sich, machen Fortschritte, werden ruhiger“, plädierte die Truppenchefin gegenüber „Mediapart“.
Andere nicht direkt Betroffene sehen – durchaus selbstkritisch: sie hätten selbst nicht angemessen reagiert – in den mutmaßlichen Übergriffen ein systemisches Versagen. Das Théâtre du Soleil gleiche einer absoluten Monarchie mit einer patriarchalischen beziehungsweise matriarchalischen Funktionsweise, wo nicht gar mit den Zügen einer Sekte, befinden gegenwärtige oder ehemalige Truppenmitglieder. „Diese Leute arbeiten, essen, leben, schlafen und kopulieren miteinander“, schlug eine der Anklägerinnen in dieselbe Kerbe. Eine andere geißelte gar im Juli in einer Anzeige bei Frankreichs Interministerieller Mission für den Kampf gegen sektiererische Abweichungen (Miviludes) ein „System der Domination, des organisierten Prekariats, der totgeschwiegenen Gewalt“. Paranoia, Günstlingswirtschaft und Valorisierung der Brutalität zerstörten darin Leben.



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