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Wie wird man Zinédine Zidane?

Stéphane Beaud legt eine Studie zur Soziologie eines Fußballgenies vor


In seinem Büchlein über Zinédine Zidane nimmt sich Stéphane Beaud vor, den Werdegang eines Spitzensportlers durch die Brille des Soziologen zu betrachten. Als Vorbild fungiert erklärtermaßen die – leider unvollendete, postum veröffentlichte – „Studie zur Soziologie eines Genies“, die Norbert Elias vor seinem Tod 1990 dem Spitzenmusiker Wolfgang Amadé Mozart zu widmen gedachte. In fünf Kapiteln beleuchtet Beaud, emeritierter Professor an Sciences Po Lille, Spezialist sowohl für Frankreichs Unterklassen als auch für Fußball, Zidanes Familiengeschichte, seine Ausbildung, die Jahre in Bordeaux, Turin und Madrid, die Umschulung zum Trainer, endlich den nicht unproblematischen Status als franko-algerischer Doppelbürger.



Die Mutter des 1972 geborenen Superstars kam im Vorschulalter aus der Kabylei nach Marseille, wo sie mit siebzehn Jahren einen Cousin heiratete. Zidanes Muttersprache ist weder Kabylisch (obwohl er die Berbersprache versteht) noch erst recht Arabisch, sondern ein mit dem starken lokalen Akzent gefärbtes Französisch. Sein Vater ist im Gegensatz zur Mutter ein Vertreter der ersten Generation. Als jugendlicher Landarbeiter war er im heimischen Algerien durch Kolonialherren ausgebeutet worden, vom achtzehnten Lebensjahr an teilte er als Bauarbeiter in den damaligen Pariser Immigrantenvorstädten Nanterre und Saint-Denis das spartanische Leben anderer lediger Maghrebiner. Smaïl Zidane war Mitglied der kommunistischen Gewerkschaft CGT und nahm an dem Protestmarsch vom 17. Oktober 1961 teil, bei dem Pariser Polizisten laut Schätzungen von Historikern bis zu zweihundert Demonstranten massakrierten. Nach der Unabhängigkeit Algeriens 1962 blieb er auf der geplanten Rückreise in sein Heimatland in Marseille hängen – aus Liebe. Sein Lebensweg exemplifiziert eine Theorie des Soziologen Abdelmalek Sayad über die algerische Einwanderung in Frankreich: Was die Betroffenen selbst wie auch Herkunfts- und Zielland als temporär ansähen, sei in Wirklichkeit meist definitiv.


Aus heutiger Sicht frappiert, dass Zinédine Zidanes frühe Begabung fürs Fußballspiel allseits gefördert wurde. Die Eltern, arm, aber liebend und sehr präsent, unterstützten ihn nach Kräften, auch mit der Finanzierung privater Kurse. Der ältere Bruder Nordine nahm den Kleinen unter seine Fittiche. Das gesellschaftliche Umfeld im Marseiller Nordviertel La Castellane war zwar vom Rest der Stadt abgekapselt, aber frei von Rassismus wie auch von Drogen und Gewalt, die daselbst heute grassieren. Fußballinstanzen endlich begleiteten das Talent von lokalen Jugendmannschaften über das Internat der AS Cannes bis zur Aufnahme in die Girondins Bordeaux.


Für Zidanes weitere Entwicklung zur Legende listet Beaud Faktoren auf wie das Arbeitsethos des vom runden Ball Besessenen (eine Mischung aus Fleiß, Demut und der Fähigkeit, zuzuhören und nützlichen Ratschlägen zu folgen); seinen Teamgeist (er gilt als ein Passgeber, dessen Spiel jenes der ganzen Mannschaft auf ein höheres Niveau anhebt); nicht zuletzt die unschätzbare Rolle der Gattin Véronique, die die Qualität des „unsichtbaren Trainings“ im Familienkreis zu garantieren pflegte.


Unrühmlicher Abgang als Spieler: der legendär gewordene Kopfstoß bei Zidanes letztem Match am 9. Juli 2006 (Bild: flickr)
Unrühmlicher Abgang als Spieler: der legendär gewordene Kopfstoß bei Zidanes letztem Match am 9. Juli 2006 (Bild: flickr)

Der Vergleich mit einem Vertreter der vorangehenden wie mit einem der nachfolgenden Generation erhellt dabei den Wandel der Zeiten. Mustapha Dahleb, 1952 geboren, kam im Alter von zwei Jahren nach Frankreich und wuchs in einem Ardennendorf auf, wo es nicht einfach war, einen arabischen Vornamen zu tragen. Er leistete in Algerien Militärdienst und spielte in der algerischen Nationalmannschaft – namentlich bei der WM 1982, wo diese in der Vorrunde über Deutschland siegte. Karim Benzema, geboren 1987 in Lyon, begeistert sich für Gangsta-Rap, hat nie mit seinen delinquenten Jugendfreunden gebrochen und stellt seinen muslimischen Glauben ostentativ zur Schau.


Zidane hingegen leistete – im Gegensatz zu seinen älteren Brüdern – in Frankreich Militärdienst und spielte für die Bleus. Er bezeugt einen sehr „französischtümelnden“ Musikgeschmack (mit einer Vorliebe für Chansons von Francis Cabrel, Jean-Jacques Goldman oder Eddy Mitchell), bezeichnet sich als nichtpraktizierenden Muslim und hat erst um 2003 begonnen, Bande zum Land seiner Ahnen zu knüpfen. Endlich schneidet er – bis auf zwei Wahlempfehlungen gegen den rechtsextremen Front national 2002 und 2017 – so gut wie nie in der Öffentlichkeit politische oder auch bloß gesellschaftliche Themen an.


Stéphane Beauds Zidane hat etliches gemein mit Norbert Elias‘ Mozart: die frühe Monomanie, die starke Vaterbindung, den unfassbaren Arbeitseifer schon als Kind. Aber aus soziologischer Sicht ist der Autor der „Zauberflöte“ das bei weitem interessantere Objekt. Die Standesgesellschaft stellte seinem Wunschtraum, sich als freischaffender Musiker zu verwirklichen, unüberwindliche Hürden in den Weg – Hürden, an denen Mozart laut Elias am bitteren Ende, nach Jahren des Misserfolgs und zunehmender Sinnleere, zugrunde gegangen ist. Im Vergleich zur tragischen Vita dieser „gesellschaftlichen Abweichung“ mit ihrem „ein wenig koohlhaasischen Vorgehen“ (Elias) wirkt der Lebensweg des Vorbild-Fußballers geradlinig, hindernisfrei – und letztlich ein wenig fad.



Denn Zidane hat sich, folgt man Beaud, nie an der Gesellschaft gerieben. Er wurde vielmehr seiner Begabung entsprechend begleitet und gefördert. Selbst der Front national wagte es kaum je, ihn zu kritisieren. Einzige Schattenseiten sind ein gespanntes Verhältnis zum Schulunterricht, der lange Zeit Hemmungen zeitigte, öffentlich zu sprechen. Und der in der Sozialisierung in La Castellane gründende Hang, Verletzungen der Ehre auf dem Spielfeld mit physischer Gewalt zu parieren. Doch taten beide Makel Zidanes Ruhm kaum Abbruch. Für den Betroffenen ist das erfreulich. Für den Soziologen hingegen ist es eine Spur unergiebig.





Stéphane Beaud: Zinédine Zidane. Éditions La Découverte, Paris 2026. 128 S., Euro 11.-.

Weitere verwendete Literatur:

Norbert Elias: Mozart. Suhrkamp Verlag, Berlin 2017. 192 S., Euro 14.-.


2 Kommentare


rsteiner
vor 2 Tagen

Dazu lohnt es sich auch Henri de Montherlant's "Les olympiques" von 1924 wieder zu lesen, als nach wie vor spannender Beitrag zur heutigen Soziologie des Fussballs (am Tag des Spiels Frankreich gegen England!)

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