Organisches Feuerwerk
Stupende Hochblüte vor psychischem Zusammenbruch: Das Centre Pompidou-Metz widmet Séraphine Louis eine fast lückenlose Werkschau
Bäume wie halluzinierte Urwälder. Büsche wie dornige Brände. Blätter wie haarige Raupen. Blüten wie lidlose Augen. Beeren wie gefiederte Gestirne. Séraphine Louis (1864 bis 1942) war eine Monomanin unter den Malern. Eine Druidin unter den Domestiken. Eine Prophetin unter den Proletariern.
Martin Provost hat der malbesessenen Putzfrau 2008 einen wunderbaren Film gewidmet. „Séraphine“ ist eine „belle infidèle“ – um einen Begriff zu verwenden, mit dem Franzosen gefällige, aber textferne Übersetzungen zugleich loben und tadeln: eine schöne Ungetreue. Der Streifen schildert die Entdeckung eines Kunstgenies durch einen deutschen Kritiker und Händler 1912 in einem französischen Provinzstädtchen; das Wiedersehen der beiden nach langer, kriegsbedingter Unterbrechung 1927; die Blütezeit von Séraphine Louis (Yolande Moreau) dank der Förderung durch Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur); schließlich den geistigen Absturz der Malerin 1932 und ihre Internierung bis zum Lebensende.
„Séraphine“ zeichnet vieles falsch: Die Autodidaktin verwendete entgegen einer auch hier kolportierten Mär weder Ochsenblut noch selbst aus Naturstoffen gewonnene Farben; sie hatte in Senlis unweit von Paris durchaus Freunde und Förderer, wenngleich nicht so einflussreiche wie Uhde; dieser war nicht frei von Paternalismus und kommerziellen Hintergedanken, was der Film unter den Tisch fallen lässt; endlich werden darin Malereien als Frühwerke ausgegeben, die erst in der Spätzeit entstanden sind. Aber auf einer höheren Ebene zeichnet „Séraphine“ vieles richtig. Und zuvörderst den Schaffenszwang der Künstlerin, der nicht nur in zeittypischem Alkoholismus, visionärer Volksfrömmigkeit und einer quasi animistischen Naturverbundenheit wurzelte, sondern in etwas Unverständlichem, schier Unheimlichem.

Der Film machte und macht Zuschauern Lust auf die leibhaftige Begegnung mit den Originalen der Gemälde. Dies im Gegensatz zu den unschön ungetreuen Reproduktionen in vielen Büchern, darunter so lesenswerten wie dem 2009 im Dietrich Reimer Verlag erschienenen Catalogue raisonné von Hans Körner und Manja Wilkens oder dem Katalog, der jetzt die fast lückenlose Werkschau des Centre Pompidou-Metz begleitet. Einundachtzig der rund hundert in Frankreich, Deutschland, der Schweiz und den USA erhaltenen Gemälde sind dort zu bestaunen. Wobei das Verb viel zu schwach ist: Der Anblick der sechs jeweils zwei Meter hohen Tableaus, die – erstmals überhaupt – im Eingangssaal vereint sind, raubt einem den Atem. Und aus dieser Apnoe kommt man fast über den gesamten Parcours hinweg nicht mehr heraus.
Drei der Monumentalgemälde zeigen je einen Baum. Der Stamm steigt diagonal vom unteren Rand her auf und kreuzt in zweien der Tableaus einen als Fluss kaum erkennbaren weißbläulichen Wirbel, dessen Oberfläche zackig gekräuselt ist. Im dritten Gemälde nimmt die eher wellig schäumende Masse fast die ganze untere Bildhälfte ein. Den oberen Bereich füllt in allen drei Arbeiten buntes Blätterwerk aus. Beim früheren „Paradiesbaum“ leuchtet der crèmefarbene Hintergrund durch das Laub hindurch und scheinen die flammend ausgefransten, mit punktartigen Klecksen übersäten blauen, gelben und roten Blätter im Wind zu flattern. Beim „Roten Baum“ dagegen ist der Hintergrund dicht und dunkel, die Laubpartikel schwirren wie ein Schwarm verschiedenartiger Insekten im Synchronflug. Der spätere „Paradiesbaum“ schließlich ist von exotischer Opulenz. Seine Blätter gemahnen an Federn, Amöben, tropische Muscheln, tiefblaue Flämmchen, gepunktete Geckos, feinziselierte Juwelen – Manja Wilkens verwendet im Katalog die Umschreibung „organisches Feuerwerk“.

Die drei anderen Riesentableaus stehen emblematisch für Séraphine Louis’ Kunst. Sie zeigen bildfüllende Arrangements von Blumen, Blättern oder Früchten: Im einen Fall sind es sternweiß strahlende Margeriten, deren gelbes Herz rot umrandet ist, im anderen Blätter, die aussehen wie aufgeschnittene Tropenfrüchte, im dritten plastisch modellierte goldleuchtende Äpfel.

Es war auch ein Stillleben mit Äpfeln, das laut Uhdes Erinnerungen in Senlis erstmals seinen Blick auf ein Gemälde von Louis zog – der junge Cézanne, so sein überwältigter Eindruck, hätte es gemalt haben können. Das betreffende Bild ist verloren, wie vermutlich drei Viertel von Louis’ Œuvre, doch die Ausstellung zeigt andere Fruchtstücke, die um 1915 entstanden sind. Sie sind kleinformatig, aber von eindringlicher, geradezu hypnotischer Leuchtkraft.

Peu à peu werden die Formate größer, die Kompositionen voller, die Texturen reicher, die Farbkombinationen kühner. 1928 treibt Louis’ Genie nach langem Knospen eine stupende Hochblüte, die nach vier Jahren im psychischen Zusammenbruch implodiert. Fast ausschließlich Blumen und Früchte in Kompositionen von sehrender Intensität und vibrierender Präsenz. Oft zwei oder gar drei horizontale Ebenen im Hintergrund. Häufig eine Verankerung am Bildboden: ein kurzer Stamm, im Fall des „Lebensbaums“ sichtbare Wurzeln, meist jedoch eine stilisierte Vase, die mitunter in Flammen zerfließt oder Pflanzentriebe hervorbringt. Dazu ein Gefühl von Flächigkeit (alle Blätter, Blüten, Früchte drehen dem Betrachter ihre „gute“ Seite zu, ohne einander zu überlappen) und zugleich ein Eindruck von Tiefe (erzielt durch Größenabstufungen sowie durch mindestens einen farblich abgehobenen Fond). Das Berauschendste indes: die Farbakkorde. Etwa Jadegrün, Kobaltblau, Gelborange, Magenta und Karminrot im „Strauß in einer Vase“. Oder Grauweiß, Grüngelb und Nachtblau vor einem doppelten Hintergrund aus Altrosa und Königsblau im „Mimosenstrauß“.

Die Schau zeichnet auch die Rezeptionsgeschichte von Louis’ Œuvre nach. Diese ist dank Uhde eng mit Deutschland verbunden: Das Stadtmuseum Kassel kaufte 1928 das erste Gemälde der Künstlerin, das Eingang in eine öffentliche Sammlung fand – lange vor dem Pariser Musée national d’art moderne. Ein Kapitel untersucht Louis’ Maltechnik und namentlich ihre Vorliebe für die industrielle Lackfarbe Ripolin. Ein anderes zeigt eine Auswahl der ebenso bewegenden wie verstörenden Briefe der an Halluzinationen und Wahnvorstellungen leidenden Internierten an die Obrigkeiten.
Doch all das verblasst vor der leibhaftigen Begegnung mit Dutzenden singulärer Schöpfungen, deren Ausstrahlung, ja Aura Reproduktionen schlicht nicht einzufangen vermögen.




Kommentare