Zwischen Restauration, Restitution, Rekonstruktion und Arte-Fiction
- marczitzmann
- vor 11 Minuten
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Wie in Versailles denkmalpflegerische Richtlinien gebrochen werden
Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die unlängst enthüllte Schlafkammer der inneren Gemächer des Königs Louis XVI in Versailles etwa: Was für eine Pracht in Weiß und Gold, was für ein Reichtum an Schöpfungen der kunstfertigsten Schreiner, Bildhauer und Bronzebildner, was für ein Raffinement bei den Web- und Stickarbeiten, den Posamenten. Doch authentisch im strengen Sinn ist hier kaum etwas. Das Établissement public du château, du musée et du domaine national de Versailles, im Folgenden kurz „das Etablissement“ genannt, tut sich selbst schwer, das Unternehmen zu qualifizieren. Insgesamt als „Restauration“ bezeichnet, wird es im Einzelnen auch als „Restitution“ oder „Wiedermöblierung“ („remeublement“) geführt. Doch die hier verheißene „Wiederherstellung des letzten bekannten historischen Zustands, jenem vom 6. Oktober 1789, als die Königsfamilie Versailles für immer verließ“, lässt sich kaum vereinbaren mit der dort in Aussicht gestellten „Evokation einer Ambiance im Schloss von Versailles am Ende des Ancien Régime“. Geschweige denn mit der an dritter Stelle gemachten Erklärung, die Schlafkammer sei „ein neukomponierter Raum, zusammengesetzt aus Elementen, die sich ursprünglich nicht darin befanden“. Mancher würde sagen: Das Ganze ist ein Etikettenschwindel.

Denn die Möbel stammen allesamt aus anderen Palästen, etwa Compiègne oder Saint-Cloud. Und ein Teil von ihnen wurde nicht für Louis XVI geschaffen, sondern für seine Gattin oder für einen seiner Brüder. Das ursprüngliche Mobiliar befindet sich heute entweder in Museen wie dem Louvre, der Eremitage, dem Schloss von Chantilly oder ist verschollen – so es nicht während der Terreur zertrümmert wurde. Letzteres gilt namentlich für das Bett – welches das Etablissement drum schlicht hat „nachschaffen“ lassen. Und zwar nicht auf der Grundlage historischen Bildmaterials, sondern vor allem anhand der schriftlichen Beschreibung eines Bildhauers, der seinerzeit an der Herstellung beteiligt war.

Selbst wenn Vorzeichnungen erhalten wären, widerspräche eine solche Rekonstruktion allen denkmalpflegerischen Leitlinien. Doch das Etablissement hat sich eine Spezialität aus derlei Retorten-„Möbunkuli“ gemacht. Vor zwanzig Jahren wurden so der Billardtisch von Louis XVI sowie der Tisch und die Stühle des Vorzimmers des Grand Couvert der Königin „nachgeschaffen“, letztere durch den Dekorateur Jacques Garcia. Ein noch ärgerer Frankensteinismus ist die 2008 eingeweihte sogenannte Grille royale. Das ursprüngliche königliche Gitter, 1680 durch Jules Hardouin-Mansart entworfen, war 1794 zerstört worden. Keine zwei historischen Stiche oder Zeichnungen, die es zeigen, stimmen überein. Die Nachschöpfung ist also eine eigentliche Neuschöpfung – mit dem erschwerenden Umstand, dass die heutige „Grille royale“ an einen Pavillon anschließt, dessen Bau erst zwei Jahrzehnte nach der Zerstörung des ursprünglichen Gitters in Angriff genommen wurde. Die gegenwärtige Konfiguration ist also mitnichten historisch – es hat sie vielmehr nie gegeben.
Ähnlich fragwürdig sind etliche „Restaurationen“ in Versailles. Trugen die Rahmen der 414 Fenster und Türen je die ockergelbe Farbe, die ihnen vor zwanzig Jahren (wieder?)gegeben wurde? Die Dokumentation lässt hierzu keinen klaren Schluss zu. Alexandre Maral, Autor des 2025 veröffentlichten neuen Standardwerks über Versailles, mutmaßt, die auf einem Rahmen gefundenen Spuren dieser Farbe könnten von einer Grundierschicht stammen. Die Restaurierung „findet dort ihre Grenze, wo die Hypothese beginnt“, hält die Charta von Venedig fest, der wichtigste denkmalpflegerische Text des 20. Jahrhunderts, den auch Frankreich seit 1964/65 als Standard anerkennt. Gesichert ist, dass alle Rahmen seit dem 19. Jahrhundert weiß waren – dieser letzte verbürgte historische Zustand wäre also zu erhalten gewesen. Ebenso umstritten ist die Vergoldung von Bleielementen auf zentralen Dächern, die Besuchern seit 2008 schon von weitem ins Auge sticht. Derlei Vergoldungen sind für das 17. Jahrhundert verbürgt, verschwanden aber bereits im 19. Jahrhundert.

So protzig wie heute dürften sie in Versailles nie gewesen sein. Im Fall des vor zehn Jahren restaurierten Bassin de Latone zieht der gleißende Glanz der in Frösche verwandelten Bauern so den Blick weg von der in bleichen Marmor gemeißelten Geliebten des Jupiter, die als Namengeberin des Brunnens eigentlich die Hauptfigur sein sollte. Bei der „Restauration“ dieses Beckens wurde der Unterbau aus Lehm und Ziegeln zerstört und durch einen solchen aus Beton ersetzt – dabei hatte sich der Brunnen, wie im Nachhinein konzediert wurde, bei weitem nicht in jenem fortgeschrittenen Zustand des Verfalls befunden, der als Grund für die Arbeiten ursprünglich vorgegeben worden war. „Äußerlich vielleicht authentisch, aber in Wahrheit eine Chimäre ohne jeglichen historischen Charakter“, geißelte Didier Rykner in „La Tribune de l’Art“.

Beton wurde auch in rauen Mengen bei der Neuschöpfung des seit 1804 verschwundenen Bosquet des Trois-Fontaines verwendet. Dabei betont die Charta von Venedig: „Jede Rekonstruktionsarbeit soll von vornherein ausgeschlossen sein.“ Es gibt nichts Deprimierenderes als diese drei klobigen Becken, in denen in diesem Hitzesommer wegen Wassermangel eine giftgrüne Algensuppe einkocht, während überall Schilder vor „Gesundheitsgefahr bei Hautkontakt“ warnen. Ein Skandal war 2015 auch die Zerstörung „der baulichen Substanz und der Raumvolumina des Conseil-Appartements und des Botschaftersaals“ (Maral), um einen durch Dominique Perrault im Golfstaatenstil gestalteten Empfangsbereich für individuelle Besucher zu schaffen. Auch hier: Aurum ad nauseam.


Selbst bei Ankäufen zum an sich löblichen Zweck der „Wiedermöblierung“ macht das Etablissement vor Fälschungen nicht halt. So kam 2016 zutage, dass Versailles seit 2008 sechs Sitze für insgesamt knapp 2,7 Millionen Euro akquiriert hatte – die allesamt Falsifikate eines hochtalentierten Kunstschreiners waren. Trotz der mit guten Argumenten untermauerten schriftlichen Warnungen eines Antiquars über vier Jahre hinweg hatte das Etablissement die „königlichen Möbel“ – zugeschrieben Koryphäen wie Georges Jacob oder Jean-Baptiste-Claude Sené – nicht nur ausgestellt, sondern teils sogar „instandsetzen“ lassen. Fast wie eine Lappalie mutet demgegenüber an, dass einer der Hauptverantwortlichen der umstrittenen „Restaurationen“, der architecte en chef des monuments historiques Frédéric Didier, sich auf einer der nachgeschaffenen steinernen Trophäen auf der Attika des Südflügels als römischer Imperator abbilden hat lassen.

Doch ist nicht alles Blech, was blinkt. Die „klassischen“ Restaurationen sind in Versailles fast stets gelungen, etwa jene der Deckengemälde der Salons d’Hercule, de Mercure, des Nobles, nicht zu vergessen die immensen bemalten Flächen des Spiegelsaals. Eine Herkulesarbeit war seit 2008 die Sicherung der skulptierten Meisterwerke des Parks und ihre Ersetzung durch Kopien aus Harz und Marmorpulver (leider verwittern andere Statuen auf den Fassaden und der Attika des Hauptbaus sowie auf der Balustrade der Kapelle weiter in Wind und Wetter). Und die Ausstellungen bestechen durchweg – stellvertretend seien hier jene über den Gartenarchitekten André Le Nôtre, über den Tod von Louis XIV und über die Tiere des Königs erwähnt. Die Öffnung immer neuer Räumlichkeiten, in jüngerer Zeit etwa des Appartements von Madame Du Barry, des prächtigen „Puppentheaters“ beim Petit Trianon sowie, seit Juli, von fünf Räumen in der Sakristei der Kapelle, ist erfreulich, angesichts der Fragilität derlei halbprivater Orte aber nicht unbedenklich.
Der Imperativ der Bewahrung und die (Un-)Logik der Vermassung geben Versailles ein schizophrenes Profil. Auf der einen Seite: 8,4 Millionen Besucher (davon 4,6 für das Schloss allein) im Jahr 2025, denen das Etablissement eine Art „Disney goes royal“-Erlebnis bieten muss (oder will). Influencerinnen mit Duckface vor Historienmalereien von Le Brun; Kids mit glasigem Blick, die in Erwartung der ab September ausgerichteten Ausstellung zu Sophia Coppolas Kultfilm „Marie-Antoinette“ Kaugummiblasen machen; dralle grüne Golfwägelchen, beladen mit je vier Doppelzentnern aus Übersee, die ächzend von einem Boskett zum nächsten eiern. Dazu dudelt aus jedem Busch Barockmusik.

Auf der anderen Seite: das entrückende Gefühl der Bewunderung und Beglückung, wenn man etwa das 2010 restaurierte Cabinet de la garde-robe von Louis XVI hinter der eingangs erwähnten Schlafkammer betreten darf. Dreizehn Quadratmeter mit durch Richard Mique entworfenen und durch das Atelier der Brüder Rousseau 1788 skulptierten Holztäfelungen, die das allerhöchste der französischen Dekorationskunst bilden. Motive aus den Bereichen Wein und Liebe, Krieg und Seefahrt, Handel und Landbau, Kunst und Wissenschaften, in blattvergoldetem Flachrelief vor weißem Grund – ein Wunderwirbel aus Fagott, Hirschkopf, Gießkanne, Pfeilköcher, Kanone, Bienenstock, Montgolfiere, Malpalette, Turteltaube und vielem Verzauberndem mehr. Das vielleicht raffinierteste Räumchen von Versailles diente seinerzeit – als Toilettenkabinett…
Verwendete Literatur:
Alexandre Maral: Versailles, des origines à nos jours. Perrin, Paris 2025. 1538 S., Euro 45.-.



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