Marseille als Monster (Teil 2/2)
- marczitzmann
- vor 22 Stunden
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Blick in elf jüngere Bücher, die ein fast durchweg rabenschwarzes Bild von Frankreichs zweitgrößter Stadt zeichnen
In dieselbe Kerbe wie Pujol schlagen zwei weitere Journalisten: Xavier Monnier mit „Marseille, ma ville“ (2013) und Marie-France Etchegoin mit „Marseille, le roman vrai“ (2016, beide nicht übersetzt). Ersterer ist Marseiller und Mitgründer der vor zehn Jahren eingestellten satirischen Informationswebsite Bakchich. Er widmet sein Buch der „schönsten Stadt der Welt“, ein Epitheton, dass sich bei der Lektüre nicht wirklich erschließt. So zeichnet der Autor die Unterwanderung des Gemeinwesens durch das organisierte Verbrechen seit den Zwanzigerjahren nach, als Paul Carbone und François Spirito in Marseille ein kriminelles Imperium schufen. Vor dem Krieg organisierten die beiden die Jagd auf Kommunisten unter den Hafenarbeitern, nach 1940 dienten sie den deutschen Besatzern zu.
Gegner wuchsen ihnen in den Reihen der Résistance heran in Gestalt der beiden Brüder Guérini, die nach 1945 unter der Protektion des sozialistischen Bürgermeisters Gaston Defferre den mächtigsten Gangsterclan anführten, den Frankreich je gekannt hat. Die nachfolgende Generation wurde berühmt-berüchtigt durch den blutigen Krieg zwischen Tany Zampa und Francis Vanverberghe, genannt „Francis le Belge“. Spielfilme wie „Borsalino“ mit Jean-Paul Belmondo und Alain Delon, „The French Connection“ (deutsch: „Brennpunkt Brooklyn“) von William Friedkin oder in jüngerer Zeit „La French“ (deutsch: „Der Unbestechliche – Mörderisches Marseille“) mit Jean Dujardin und Gilles Lellouche haben diese Figuren mythisch überhöht. Doch in Wahrheit handelte es sich um sehr gewöhnliche Gangster – und bei der vielbeschworenen „French Connection“ um ein Netzwerk kleiner Heroinlabore, die als Unterhändler der Cosa Nostra dienten. Besagter Ring wird übrigens auch „Corsican Connection“ genannt, spielten Korsen wie Carbone oder die Guérinis darin doch eine führende Rolle. Bis heute sind die Bande zur Insel sehr eng – mit rund 270.000 zugewanderten Insulanern gilt Marseille als die „größte korsische Stadt“, weit vor Ajaccio und Bastia!
Etchegoin streicht indes heraus, dass nicht nur Generationen von Korsen, sondern auch von Italienern, Armeniern, Juden, Arabern und Afrikanern vor Krieg, Hunger und Pogromen nach Marseille geflohen sind und dort Wurzeln geschlagen haben. Aufgrund des hohen Integrationsvermögens des Schmelztiegel-Gemeinwesens spricht die Autorin von der „amerikanischsten der französischen Städte“, was durchaus als Lob gemeint ist. Sonst jedoch hat auch sie nur Schlechtes zu sagen, von der Vetternwirtschaft über den eklatanten Mangel an Basis-Infrastrukturen wie Büchereien, Schwimmbädern, öffentlichen Beförderungsmitteln oder nicht baufälligen Schulen bis hin zum enthemmten Rassismus der sogenannten Eliten (ein stellvertretender Bürgermeister „scherzte“ einmal in einem Tweet, man solle ein unliebsames Roma-Lager doch mit Molotowcocktails bombardieren). Die Wucht von Pujols Momentaufnahmen mit Ewigkeitswert erreicht Etchegoins Netflix‘sches Storytelling freilich ebenso wenig wie Monniers etwas großspurige Plauderei vor dem Pastis-Glas.
Der Monster-Trilogie eignet sogar eine literarische Güte, die manch belletristischem Erzeugnis fehlt. Weniger aufgrund der Geschliffenheit von Pujols Stil – dem selbsterklärten „Klassenüberläufer, zum Journalisten gewordenen legasthenischen Proletarier“ unterlaufen zum Teil ziemliche Französischfehler –, als wegen seiner je nach Bedarf empathischen oder schonungslosen Beobachtungsgabe. Beschreibungen schäbiger Gassen und schlichter Arme-Leute-Vergnügungen, abgewrackter Junkies und schmieriger Politiker brennen sich tief und oft schmerzhaft ein. Ein kleines Meisterwerk ist in dieser Hinsicht auch Pujols eindringliche Ethnografie eines Slums namens „Hérodote“ in Gilles Faviers 2016 veröffentlichtem Fotoband „Marseillais du Nord“.

In welche Tiefen Pujols Blick zu dringen vermag, zeigt sich gerade im Vergleich mit den in dem Sammelbändchen „Écrire Marseille“ (2021) vereinten Exzerpten aus Werken fünfzehn toter und lebender Schriftsteller von Alexandre Dumas bis Maylis de Kerangal. Ein Gutteil dieser Beiträge verrät nichts Spezifisches über die Stadt, sondern ist einfach dort angesiedelt. Etliche von ihnen bemühen Blumig-Klischiertes zu Topoi wie „Freiheit“, „Seehafen“ oder „Orientalismen“; zwei Juwelen stechen heraus: ein Gedicht des auch in Frankreich vergessenen Louis Brauquier, das das herkömmliche Marseille-Bild gegen den Strich bürstet mit Evokationen von Kälte, Regen und fahlen Farben, sowie ein Ausschnitt aus Kerangals sommerblitzender „Corniche Kennedy“, einer Mischung aus Landschaftsstück, Sittenchronik und Polizeiroman über das allabendliche Dolce far niente einer Gruppe von Jugendlichen auf einer Betonplattform am Meer.
Wo das Wort „Polizeiroman“ fällt, muss natürlich Jean-Claude Izzos Trilogie mit dem sozial engagierten, den Freuden des Gaumens wie der Gedichtkunst zugetanen Kommissar Fabio Montale erwähnt werden. Auch Izzo war Marseiller und Journalist; fünf Jahre vor seinem frühen Tod im Jahr 2000 landete er mit „Total Khéops“ (deutsch: „Total Cheops“) einen beachtlichen Publikumserfolg. Dieser erste und beste Band der Reihe ist in der ersten Person verfasst, was die Identifikation des Lesers fördert; er würzt eine universelle Basis – eine romantisch grundierte Rachegeschichte – mit lokalen Ingredienzien: Erwähnungen von Rap- oder Reggae-Gruppen wie IAM oder Massilia Sound System, Zitate des obengenannten Dichters Brauquier, Kochrezepte etwa der Aioli.
Für unseren Geschmack noch raffinierter sind die beiden in Marseille spielenden romans noirs aus Dominique Manottis Serie mit dem Kommissar Théo Daquin. Die Autorin und ihr Held sind zwar – horresco referens – Pariser. Aber sie ermöglichen dem gebannten Leser einen Tauchgang in die Lokalgeschichte von selten erreichter Tiefe, zumal im Bereich der Fiktion. Erfunden ist bei Manotti, die einen sachlich-prägnanten, kühl-geschmeidigen Schreibstil pflegt, lediglich – wenn man so sagen kann – ein Teil des Plots. Den sozioökonomischen Hintergrund dagegen hat die langjährige Universitätsdozentin für Wirtschaftsgeschichte jeweils akribisch recherchiert. In „Or noir“ (2015, deutsch: „Schwarzes Gold“) geht es so um die Auflösung des Monopols der Seven Sisters, der seinerzeit marktbeherrschenden Ölkonzerne, infolge der Ersten Ölpreiskrise – was einen mörderischen Trader auf den Plan ruft, der in Marseille auf den Ruinen des Guérini-Imperiums ein neues Reich zu begründen sucht. „Marseille 73“ (2020, unter demselben Titel auf Deutsch übersetzt) thematisiert seinerseits die rassistischen Morde, die vor dem Hintergrund des Erstarkens der Nostalgiker der Algérie française im titelgebenden Jahr die Stadt erschütterten. 1973 wurden vor Ort so an die zwanzig Araber erschlagen, erstochen, erschossen oder durch einen Bombenanschlag auf das algerische Konsulat zerfetzt; nur zwei Täter konnten gefasst werden, keiner der beiden landete hinter Gittern. „Die Stadt stinkt von Straffreiheit und Gewalt“, so Kommissar Daquins Fazit, bevor er angewidert fortzieht.

Mit Abstrichen gilt das bis heute. Zwar ist die Zahl der Drogenmorde vom Rekordhoch von 52 im Jahr 2023 auf deren 13 letztes Jahr zurückgegangen. Aber eine mit der Bekämpfung des organisierten Verbrechens betraute Untersuchungsrichterin gab 2024 ihrer Befürchtung Ausdruck, der lokale Justizapparat sei dabei, den Krieg zu verlieren. Wie zur Bestätigung wurde im November der jüngere Bruder des unter permanentem Polizeischutz stehenden Antidrogenhandel-Aktivisten Amine Kessaci durch ein Killerkommando erschossen – mutmaßlich ein demonstrativer Akt der Einschüchterung. Und jeder kann sehen, wie der Crackkonsum sich in der Innenstadt seit Monaten ausbreitet wie ein Aussatz.
Die Sanierung des Politmilieus gestaltet sich ebenfalls schwierig. Zwar wurde das aus dem letzten Loch pfeifende System Gaudin 2020 durch den „Printemps marseillais“ (den „Marseiller Frühling“, eine Koalition von Linksparteien und progressiven Bürgerkollektiven) aus dem Rathaus verjagt. Und schiebt die neue Gemeinderegierung nicht mehr die Schuld für alles, was schiefläuft, auf „die Pariser“ beziehungsweise auf „Marseille-Bashing“ – sondern krempelt die Ärmel hoch. Aber es klaffen Abgründe zwischen der strahlenden Zukunftsvision, die der mit der ökologischen Wende betraute stellvertretende Bürgermeister Sébastien Barles in „Marseille 2030: la ville des possibles“ (2024, nicht übersetzt) entwirft – das Buch strotzt von im lokalen Kontext abgehoben wirkenden Begriffen wie „Kreolisierung“, „Hauptstadt der Low-Tech“, „genossenschaftliche Supermärkte für biologische und fair gehandelte Produkte“ – und der trüben Realität der Gegenwart, wo die Stadt wie eh und je in Verkehrschaos und Luftverschmutzung versinkt, wo die Einkommensungleichheit so hoch ist wie sonst nirgends in Frankreich, wo sich Vertreter der regierenden Linkskoalition vor Gericht verantworten müssen wegen gefälschter Wahlvollmachten und wo der regionale Rechnungshof in harschen Tönen die Umsetzung des durch Emmanuel Macron 2021 lancierten Plans „Marseille en grand“ kritisiert, der die Beseitigung der schreienden Rückstände in Kernbereichen wie Erziehung, Gesundheit, Mobilität und Kultur zum Ziel hat.
Was den Marseille-Verächter mit Blick auf die nähere Zukunft indes am stärksten beunruhigt, ist der Schulterschluss vieler vor Ort etablierter Nachfahren von Immigranten, die einst vor Mussolini, Franco und Hitler geflohen waren, mit dem Rassemblement national. Wie auch der Großmehrheit der lokalen jüdischen Institutionen – knapp jeder Zehnte der 886.000 Marseiller ist mosaischen Glaubens. Die Rechtsextremen haben laut Umfragen eine reale Chance, bei den Gemeindewahlen im März die Stadt zu erobern (wozu ihnen die gespalten antretenden Linken helfen könnten). Ihr Projekt ist zugespitzt jenes des letzten Bürgermeisters und der bigotten bürgerlichen Kreise, die das System Gaudin getragen haben: Sie wollen das jahrtausendealte Profil von Marseille – bunt, mediterran, multikonfessionell – ersetzen durch eine weiße, provenzalisch-katholische Identität.

Zitierte Bücher:
Xavier Monnier: Marseille, ma ville. Éditions Les Arènes, Paris 2013. 336 S., Euro 19,80.
Marie-France Etchegoin: Marseille, le roman vrai. Éditions Stock, Paris 2016. 384 S., Euro 20,99.
Gilles Favier und Philippe Pujol: Marseillais du Nord. Le Bec en l’air, Marseille 2016. 114 S., Euro 29.-.
Écrire Marseille (Sammelband): Éditions Gallimard, Paris 2021. 96 S., Euro 2.-.
Jean-Claude Izzo: Fabio Montale (Trilogie). Éditions Gallimard, Paris 2015. 736 S., Euro 14,50.
Dominique Manotti:
Or noir. Éditions Gallimard, Paris 2015. 386 S., Euro 9,20.
Marseille 73. Éditions Les Arènes, Paris 2020. 384 S., Euro 20.-.



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