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Marseille als Monster (Teil 1/2)


Blick in elf jüngere Bücher, die ein fast durchweg rabenschwarzes Bild von Frankreichs zweitgrößter Stadt zeichnen


Marseille lässt niemanden kalt. Entweder man liebt die Stadt – oder man hasst sie. Das klingt nach Allerweltsätzen, gewiss. Und vielleicht sind es auch welche. Aber das Diktum, wonach Marseille extrem polarisiert, wurde von berufener Seite beglaubigt. So befand Jean-Claude Izzo, Autor einer kanonischen Trilogie von Polizeiromanen, die in Frankreichs zweitgrößter Stadt angesiedelt sind: „Marseille ist keine Stadt für Touristen. Hier gibt es nichts zu sehen. Die Schönheit des Orts lässt sich nicht fotografieren. Sondern teilen. Hier muss man Stellung beziehen. Mit Leidenschaft. Dafür sein, dagegen sein.“


Drum ein Geständnis vorab: Der vorliegende Beitrag wurde, wo nicht durch einen Marseille-Hasser, so zumindest durch einen Marseiller-Verächter geschrieben. Den Verfasser dieser Zeilen stößt die Stadt viel mehr ab, als dass sie ihn anzieht. Zudem ist er Pariser, was ihm in den Augen von Marseillern das Recht abspricht, über den Ort (kritisch) zu berichten. (Bewohner von Frankreichs zweitgrößter, aber gewiss nicht zweitschönster Stadt schimpfen alle des Französischen mächtigen Auswärtigen pauschal „Pariser“, selbst wenn diese aus Lille oder Lüttich, Montreux oder Montréal kommen).


Auch, um dem Vorwurf zu parieren, hier ziehe wieder einmal ein Ortsunkundiger vom Leder, seien im Folgenden elf neuere Marseille-Bücher unterschiedlicher Natur referiert, die durch gebürtige oder zugezogene Stadtkinder verfasst wurden. Wie sich bei der Lektüre zeigt, haben selbst Autoren, die erklärtermaßen die Liebe zum Ort beseelt, nur wenig Gutes, dafür aber viel Schlechtes über diesen zu sagen.


Das gilt zumal für Philippe Pujol. Eine fiese Fee ließ den künftigen Journalisten 1975 in Paris das Licht der Welt erblicken; eine gütiger Gestimmte korrigierte zwei Jahre später das unverdient harte Los, indem sie der ganzen Familie die Übersiedlung nach Marseille gestattete. Dort wuchs Pujol auf und arbeitete zwischen 2003 und 2014 für das Linksblatt „La Marseillaise“. Aus Reportagen in den nördlichen Problemvierteln – ein krasser Euphemismus – ging 2016 der erste Band einer insgesamt achthundertseitigen Trilogie hervor, deren Teile alle dasselbe Wort im Titel tragen: „La Fabrique du monstre“ (deutsch: „Die Erschaffung des Monsters“), „La Chute du monstre“ (2019, nicht übersetzt), „Les Enfants du monstre“ (2024, nicht übersetzt). Mit „Monster“ ist die in der Tat nicht anders als monströs zu bezeichnende Kriminalität gemeint, die alle Schichten der Gesellschaft, alle Zweige des politischen wie wirtschaftlichen Lebens der Stadt zerfrisst. Pujols ebenso fulminante wie trostlose Trilogie, das Best(informiert)e, was man über die jüngere Sozialgeschichte Marseilles lesen kann, ist spürbar aus tiefer, kalter Wut über die Entstellung eines Gemeinwesens entstanden, das der Autor liebt – und das er auf den Weg zur erhofften Regenerierung begleiten möchte.


Alle Bilder in diesem Beitrag stammen aus dem Band „Marseillais du Nord“, dessen bibliografische Angaben sich unten finden. Gilles Faviers Schwarzweißfotos im Format 6X6 entstanden Anfang der Neunzigerjahre in einer sozial benachteiligten Enklave namens La Renaude im Norden von Marseille, wo Roma und Araber, jede Gruppe für sich, nebeneinander leben. (Bild: Le Bec en l’air / Gilles Favier)
Alle Bilder in diesem Beitrag stammen aus dem Band „Marseillais du Nord“, dessen bibliografische Angaben sich unten finden. Gilles Faviers Schwarzweißfotos im Format 6X6 entstanden Anfang der Neunzigerjahre in einer sozial benachteiligten Enklave namens La Renaude im Norden von Marseille, wo Roma und Araber, jede Gruppe für sich, nebeneinander leben. (Bild: Le Bec en l’air / Gilles Favier)

Der erste Band steckt zunächst das ausgedehnte Territorium des Elends-Marseille ab, zwischen dem Quartier Saint-Mauront im Herzen der Stadt, dem ärmsten Viertel Europas, wo Pujol zur Schule gegangen ist, und der Cité Kalliste viele Kilometer weiter im Norden – „Kallisto“ heißt auf Altgriechisch „die Schönste“, ein denkbar unpassender Name für die unbemitteltste Wohnsiedlung im ganzen Lande. In derlei cités – der Begriff bezeichnet in Frankreich namentlich Problemquartiere, die städtebaulich wie gesellschaftlich weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten sind, quasi No-go-Areas – werden Polizisten, aber auch andere Uniformierte wie Briefträger oder sogar Feuerwehrleute mit Argwohn, wo nicht gar mit Steinwürfen empfangen. Pujol zeigt seinen Lesern hier eine Achtjährige, die Ratten als Spielgefährten zu gewinnen sucht, einen Schuljungen, der auf dem Heimweg nach dem Morgenunterricht geläufig fünf Leibesvisitationen durch diverse „Ordnungshüter“ über sich ergehen lassen muss, sowie drei kleine „Schwarzhände“ des Drogenhandels, so genannt, weil sie sich beim Strecken von feingehacktem Cannabis mit Altöl die Finger schmutzig machen.


Traurige Antiheldin der packend lebensnahen Erzählung ist die Familienmutter Souad, halb Mutter Courage, halb „maman Chacal“. Mit ihrem Mann bildet die Immigrantin ein geeintes Paar: Den fünf Kindern lassen die beiden Liebe der wortkargen Art und eine strenge, aufmerksame Erziehung angedeihen. Doch ihre zunehmend verzweifelten Versuche, den ältesten Sohn Kader auf dem rechten Weg zu halten, schlagen fehl: Das Viertel verlockt diesen auf kriminelle Pfade. Mit dreizehn steht der Bub so Wache für Dealer, ruft mit hellem Stimmchen „Arha!“ („Achtung!“), sobald ein Uniformierter sich zeigt. Mit vierzehn „borgt“ er zusammen mit Freunden ein Auto aus, dann folgt der freie Fall: Kader beginnt zu kiffen („fünfzig Kilometer Joints pro Jahr“, rechnet Pujol den horrenden Konsum des Halbwüchsigen hoch), wird wegen seines aggressiven Betragens von der Schule verwiesen, kommt ein erstes Mal hinter Gitter. Der Vater schickt ihn ins algerische Heimatdorf, dann in ein geschlossenes Heim, von wo er ausbüchst.


Im Gefängnis, wo er nunmehr regelmäßig landet, für Rauschgifthandel oder für Raubüberfälle, lernt Kader gefährliche Gestalten kennen. Sein kurzes Leben endet 2009 mit zwei Kugeln im Kopf. Der Vater erklärt den Drogenhändlern den Krieg – und wird alsbald mit der Kalaschnikow niedergemäht. Mit ihren vier verbliebenen Kindern kämpft Souad gegen Überschuldung, kafkaeske Sozialdienste und gegen „das Viertel“ an. Dort werfen viele, auch Dreikäsehochs, die, wenn sie Mitglieder der dezimierten Familie kreuzen, grinsend eine Feuerwaffe an der Schläfe mimen, dem getöteten Vater vor, die Regeln gebrochen zu haben. Er hätte von den Mördern seines Sohns Geld annehmen sollen, wie es in den cités gängig ist, statt sich in einen aussichtslosen Rachefeldzug zu stürzen.


Familien wie diese gibt es in Marseille viele. Seit Januar 2006 verzeichnet man im Großraum rund 450 Drogenmorde, die überwältigende Mehrheit auf dem Gemeindeterritorium selbst und mit Feuerwaffen verübt. Noch andere Gegenden in Frankreich sind verheert durch organisierte Kriminalität: Grenoble, Korsika, etliche Pariser Problem-Banlieues. Aber nirgendwo ist diese derart sichtbar und sozusagen in den Alltag integriert wie in Marseille. Morde finden hier auf offener Straße statt, am helllichten Tag: vor dem Hautbahnhof, neben einer Polizeistation, zur Stoßzeit auf der Autobahn. Zwei lokale Spezialitäten sind die Verwendung automatischer Schusswaffen, die als Kriegswaffen kategorisiert sind, und das sogenannte Barbecue: das Verbrennen der Leichen frisch Erschossener in Pkws. Die öffentliche Hand bis hin zur Staatsspitze wirft sich gern in martialische Posen, betont aber ungewollt bloß ihre Ohnmacht durch Großaktionen, die die Nordviertel wie Favelas aussehen lassen.


Pujol weigert sich indes, von einem Mafia- oder Kartellsystem nach italienischem, kolumbianischem oder mexikanischem Vorbild zu sprechen. Zwischen organisiertem Verbrechen, Politik und Wirtschaft bestehen zwar sehr reale Verbindungen. Aber von einer eigentlichen Integration kann – noch – keine Rede sein, auch wenn die Grenzen sich zunehmend aufweichen. Drogenbosse betreiben mit Geschenken an die Bewohner „ihrer“ Quartiere Klientelismus „à la Hamas“ (so ein Polizeipräfekt), stellen aber keine Wahlkandidaten. Etliche Ordnungshüter sind korrupt, aber die Ranghöheren organisieren nicht den Rauschgifthandel mit. Geldwäscherei durch Investitionen in legitime Geschäfte findet statt, aber nicht in einem systematischen, industriellen Maß.


(Bild: Le Bec en l’air / Gilles Favier)
(Bild: Le Bec en l’air / Gilles Favier)

Doch was für ein Filz in den sogenannten führenden Kreisen der Stadt! Marseille verkörpert für Pujol „die Wertschätzung der Unfähigen, den Triumph der Mittelmäßigen“. Eine Armada von Apparatschiks ohne Rückgrat perpetuiert ein bis ins Mark korruptes System, das Partei- und Gewerkschaftsapparaten, Bau- und Entsorgungsunternehmen sowie zahlreichen Verwaltungsdiensten Pfründen sichert, ohne den Bewohnern je zu nutzen. Je duckmäuserischer, hasenfüßiger und eselsdümmer ein Entscheidungsträger hier, desto steiler seine Karriere. Nur ja keine Ideen oder Ideale, kein Wagemut, geschweige denn Visionen! Scharen von Verantwortlichen treffen so in Marseille unverantwortliche Entscheide, unterzeichnen Dokumente, die sie nicht gelesen haben, stimmen für Projekte, von denen sie kaum etwas wissen (noch wissen wollen).


Dieser zweite rabenschwarze Aspekt der Stadt, den Pujol schon in „La Fabrique du monstre“ mithilfe erschütternder Fallbeispiele gegeißelt hatte, steht im Mittelpunkt von „La Chute du monstre“. Der „Zusammenbruch“ des Titels meint, Pars pro Toto, den Einsturz zweier Wohngebäude in der Rue d’Aubagne, der 2018 acht Todesopfer forderte. Ein immenser Schock weit über die Stadtgrenzen hinaus, der zwei Jahre später den Kollaps des Systems Gaudin nach sich zog (benannt nach dem vorletztes Jahr verstorbenen Konservativen Jean-Claude Gaudin, der zwischen 1995 und 2020 als Bürgermeister amtierte). Denn das – völlig vorhersehbare – Drama zog alle Blicke auf den organisierten Verfall der Bausubstanz, der in Marseille so vielen nützt.


Als da sind: die Mietwucherer, die den Ärmsten gesundheitsschädliche Unterkünfte vermieten – in der Stadt finden sich 4.000 legal unbewohnbare Bruchbuden, 10 Prozent des landesweiten Bestands. Die immergleichen Bauunternehmen, die nach abgekarteten Ausschreibungen den Zuschlag erhalten für Renovationen, deren Endziel ein möglichst rascher erneuter Verfall ist, damit sich der Zyklus ad aeternam et nauseam wiederholen kann. Die oftmals unfähigen Architekten, die nicht selten derart unausgegorene Projekte vorlegen, dass die Baubehörden, ihre Komplizen, die Pläne überarbeiten müssen, damit die – ebenfalls mit unter der Decke steckende – zuständige Kommission das grüne Licht geben kann. Und nicht zuletzt die Politiker, die die Stadt tranchenweise verhökern und durch hingeklotzte generische Neubauten entstellen. „Playmobil-Dörfer“ höhnt Pujol diese neuen Viertel, die bald schon alt aussehen und bar sind jeder rationalen Raumplanung – oft verfügen sie nicht einmal über zünftige Zufahrten.


Während der Covid-Lockdowns versinkt die Stadt dann endgültig im Grauen. Der letzte Band der Trilogie, „Les Enfants du monstre“, richtet den Fokus auf das himmelschreiende Los sozial benachteiligter Jugendlicher und junger Erwachsener. Das bereits brüchige Monopol der einstigen Drogenbosse mit seiner pyramidalen Hierarchie stürzt vollends zusammen, stattdessen bekämpfen einander nunmehr zunehmend versprengte und junge Banden in immer neuen Konstellationen – Pujol spricht von einem „Krieg der kleinen Selbstbedienungsläden“. Je nach Zeitpunkt zählt man zwischen achtzig und hundertfünfzig Verkaufspunkte in der ganzen Stadt; der „Kalaschnikow Dream“ lockt Milchbärte aus dem ganzen Land nach Marseille, wo sie sich als brutale Geldeintreiber verdingen, so nicht gar als Profikiller (der Fall eines Knirpses, der mit achtzehn schon mindestens sieben Auftragsmorde ausgeführt haben soll, machte 2023 Schlagzeilen). Dealer verlegen sich auf die Prostitution minderjähriger Mädchen, die sie oft aus den Heimen der Jugendfürsorge „abholen“ – Pujol schätzt die Zahl der jugendlichen Sexsklavinnen auf 2.000. Kugelsichere Westen sind in Mode, selbst im Hochsommer. Baby-Bosse bramarbasieren in den asozialen Netzwerken. Mangels Psychiatern grassieren Geisteskrankheiten.


[Den zweiten Teil dieses Beitrags stelle ich kommenden Samstag ins Netz.]

(Bild: Le Bec en l’air / Gilles Favier)
(Bild: Le Bec en l’air / Gilles Favier)


 

Zitierte Bücher:

Philippe Pujol:




Gilles Favier und Philippe Pujol: Marseillais du Nord. Le Bec en l’air, Marseille 2016. 114 S., Euro 29.-.


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