Nahrung für den Oger
- marczitzmann
- vor 1 Stunde
- 3 Min. Lesezeit
Marcel Proust im Spiegel hundert wiedergefundener Briefe
„Cent lettres inédites“ ist keine Lektüre für Proust-Anfänger oder für Leser, die alles über den Briefwechsel des berühmtesten französischen Romanautors des zwanzigsten Jahrhunderts wissen wollen. Vertreter beider Kategorien sind besser bedient mit der 2004 veröffentlichten und 2022 aktualisierten Blütenlese der Éditions Plon, die auf der einundzwanzigbändigen Monumentalausgabe von Prousts Korrespondenz beruht, welche Philip Kolb zwischen 1970 und 1993 herausgegeben hat. Doch auch Nichtspezialisten und -enzyklopädisten mögen die in der jüngsten Lieferung des altehrwürdigen „Bulletin d’informations proustiennes“ vorgelegte „correspondance retrouvée“ mit Gewinn und Genuss lesen. Denn diese exakt hundert Briefe, die Frankreichs Nationalbibliothek 2025 von den Erben von Prousts Nichte Suzy Mante-Proust erworben hat, decken die gut dreieinhalb Jahrzehnte bis zum Todesjahr des Romanciers 1922 ab, reichen vom Vierzeiler bis zum Dreiseiter, vom Geschäftsbrief bis zur Seelenschau und bieten mit ihrer Mischung aus Klatsch und Kunst, Alltagssorgen und schöpferischen Problemen einen abwechslungsreichen Einblick in das Leben des Menschen und das Schaffen des Künstlers.

Allzumenschlich tritt einem Proust in vielen dieser Briefe entgegen. Hier rümpft er die Nase über den Geruch, der aus der Küche dringt („quelle horreur!“), dort sucht er über Jahre hinweg seine Freistellung vom Wehrdienst zu erwirken („Ah! L’Armée!!“), anderswo heißt er sich, leicht übertrieben, ruiniert, weil der Krieg seine Guthaben im Ausland wie die Börsengeschäfte daheim blockiert. Manchmal kollidieren Menschliches und Künstlerisches auf komische Art und Weise. So verlangt der zunehmend ans Bett gefesselte Einsiedler in einem Billet an seine Köchin Milchkaffee, Eier mit Béchamelsauce und eine lange Liste von Büchern (die er wohl für den letzten Teil des ersten Bands der „Recherche“ braucht); in einem anderen fordert er heißes Wasser („ich weiß nicht, was Sie mit dem elektrischen Kocher gemacht haben, er heizt nicht mehr“) – und skizziert auf demselben Wisch einen Satz aus dem dritten Band des Zyklus.
Claude Arnaud hat in seinem bezwingenden Essay „Proust contre Cocteau“ 2013 nachgezeichnet, wie sich der „petit Marcel“ – ein bürgerlicher Halbjude, intriganter Schmeichler und mondäner Autor ohne wirkliches Werk – vom Beginn der Niederschrift der „Recherche“ um 1909 an in den großen Proust, aber auch in einen zunehmend furchterregenden Menschen gewandelt hat. Dies insofern, als nunmehr alles, jeder Sinneseindruck, jedes Kunsterlebnis, vor allem aber jede Interaktion mit Mitmenschen in den Dienst des im Entstehen begriffenen Riesenromans gestellt war. Das Werk schluckte alles, zermalmte es, sublimierte, was es nährte, und stieß den unverdaulichen Rest ab. Die wiedergefundenen Briefe zeugen davon. Bis 1909 und noch ein wenig darüber hinaus hat Proust echte menschliche Beziehungen. Mit Reynaldo Hahn und Lucien Daudet, den beiden großen erwiderten Lieben seines Lebens, sowie mit engen Freunden wie Antoine Bibesco erfindet er Spitz- und Kosenamen, ja eine Privatsprache – kindisch, aber herzig.

Doch nach dem Tod der über alles geliebten Mutter 1905 – Jeanne Proust klagt in einem Brief an den Sohn über die „für uns beide immer leidvollen Dialoge“ – scheint sich sein einst so weiches Herz zu verhärten. Prousts Penchant, Menschen zu manipulieren, verstärkt sich. Er spielt Psychospielchen, wird kontrollsüchtig. Einem jungen Mann, der im September 1909 nicht zu einem Rendezvous erschienen ist, schickt er eine Mischung aus Liebes- und Trennungsbrief, aus ambivalenten Freundschaftsbezeugungen und poetischen Beschimpfungen: „Sie sind nicht einmal aus Stein, der geformt werden kann, wenn er das Glück hat, auf einen Bildhauer zu treffen (und Sie könnten Größeren begegnen als mir, aber ich hätte es mit Zärtlichkeit getan) – Sie sind aus Wasser, aus banalem Wasser, unfassbar, farblos, fließend, ewig unbeständig, ebenso schnell verflossen wie geflossen.“ Das erinnert an Vorwürfe von Charlus an den Erzähler, vor allem aber von Swann an Odette – die zitierte Passage findet sich fast wörtlich im zweiten Teil des ersten Bands der „Recherche“ wieder. Von 1909 an verwurstet Proust so fast alles, auch die eigene Korrespondenz, zu Nahrung für den Oger, für das Œuvre.




Kommentare