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Wie „entradikalisiert“ man Radikale?

Aktualisiert: 30. Sept. 2022

Frankreich versucht seit 2014, Dschihadisten zu resozialisieren – und wendet dabei, mangels Besserem, die Versuch-und-Irrtum-Methode an

Anfang 2014 schwammen Frankreichs Sicherheitsdiensten alle Felle davon. Woche für Woche sahen sie Dutzende von Landesbewohnern in die syrisch-irakische Kampfzone ausreisen. Nicht nur vermochten sie sie nicht zu halten, sie hatten sie nicht einmal als radikale Islamisten in ihren Akten vermerkt gehabt. Im April 2014 stellte Frankreichs Regierung – Jahre nach jenen Dänemarks und Großbritanniens – einen ersten Plan zur Bekämpfung der gewaltbereiten Radikalisierung vor. Die dreitägige Anschlagserie vom Januar 2015, der namentlich acht Redaktionsmitglieder von „Charlie Hebdo“ zum Opfer fielen, läutete eine lange Reihe dschihadistischer Terrorakte ein, deren opferreichste jene in Paris am 13. November 2015 (132 Tote) und in Nizza am 14. Juli 2016 (86 Tote) waren. In einer Art Flucht nach vorn kündigte Frankreichs Regierung repressive Maßnahme auf repressive Maßnahme an: einen Plan zur Terrorismusbekämpfung Ende Januar 2015, einen Sicherheitspakt im November 2015, einen „Aktionsplan gegen Radikalisierung und Terrorismus“ im Mai 2016, einen „Plan für die Sicherheit im Strafvollzug und gegen die gewaltbereite Radikalisierung“ im Oktober 2016… Gemein war all diesen Initiativen, dass sie zuvörderst auf Bestrafung setzten, daneben aber auch die Frage zu beantworten suchten, die Gegenstand dieses Beitrags ist: Wie „entradikalisiert“ man Radikale?


Dounia Bouzar, 1964 in Grenoble geboren und bis zu ihrer Konversion zum Islam im Alter von 29 Jahren mit dem Vornamen „Dominique“ versehen, blickt auf eine wechselreiche Laufbahn zurück. Als Schulaussteigerin brachte sie es bis zum höchsten akademischen Grad – ihre Doktorarbeit hatte den politischen Islam in Frankreich geborener Muslime zum Thema. 2012 gründete sie das Beratungsunternehmen Bouzar Expertises, das Privatfirmen und öffentliche Institutionen in Sachen Laizismusfragen berät. Ihre Publikationen zum Thema sind – im Gegensatz zu ihrem Wirken als „Entradikalisiererin“ – unumstritten. (Bild: flickr)

Zunächst setzten die überforderten Behörden auf Outsourcing. Sie betrauten echte und vermeintliche Experten aus dem Privatsektor mit der Betreuung junger, oftmals minderjähriger Dschihad-Aspiranten. Die zeitlich erste und bekannteste unter ihnen ist Dounia Bouzar. Im April 2014 gründete die Konvertitin korsisch-maghrebinischer Herkunft in Lille das Centre de prévention des dérives sectaires liées à l'Islam. Wie sein Name besagt, sah das Zentrum den Dschihadismus als eine sektiererische Pervertierung des Islams an. Doch suchte Bouzar diese nicht durch einen religiösen Gegendiskurs zu bekämpfen, sondern vielmehr mittels einer affektbezogenen Herangehensweise: Erinnerungen aus der Kinderzeit sollten die verirrten Halbwüchsigen in den Schoss der Familie zurückführen, bevor sie sich in Gesprächsrunden unter Beteiligung von „Aussteigern“ an der Realität rieben. Auch Sonia Imlouls im Herbst 2014 bei Paris eröffnete Maison de la prévention et de la famille setzte auf Gruppengespräche in der Art von AA-Meetings; im Gegensatz zu Bouzars Zentrum aber auch auf theologische Diskussionen (unter den Mitarbeiten fand sich ein quietistischer Salafist, das heißt ein nicht gewaltbereiter Islamist).


Diese Unternehmen erlitten bald Schiffbruch. Imloul wurde im April 2017 wegen Veruntreuung öffentlicher Gelder zu vier Monaten Haft verurteilt. Bouzar hatte schon Anfang 2016 wegen politischer Differenzen dem Innenministerium die Zusammenarbeit aufgekündigt. Doch war sie zuvor ins Feuer der Kritik geraten: Zum einen arbeitete sie mit einem ehemaligen Mentor der „Charlie Hebdo“-Mörder zusammen, dessen Abkehr vom Dschihadismus manche infrage stellten; zum andern war eine jugendliche Möchtegernterroristin, die Bouzar ein Jahr lang betreut hatte, wenig später verhaftet worden, weil sie wieder Kontakt mit Anwerbern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) aufgenommen hatte. Fairerweise muss man sagen, dass besagter Mentor laut eigener Aussage schon Jahre vor dem Anschlag auf das Pariser Satireblatt mit dem Dschihadismus gebrochen hatte – und dass Rückfälle wie der geschilderte unvermeidlich sind.


Dem ersten Versuch der Behörden, die „Entradikalisierung“ selbst in die Hand zu nehmen, war nicht mehr Erfolg beschieden. Im September 2016 wurde in einem Örtchen namens Pontourny in der Loire-Gegend ein „Zentrum für Vorbeugung, Wiedereingliederung und staatsbürgerschaftliche Lehre“ eröffnet. Mit einem Jahresbudget von 2,5 Millionen Euro ausgestattet, sollte die Institution bis zu fünfundzwanzig „Radikalisierte“ betreuen. Doch brachte sie nie mehr als deren neun zusammen – fünf Monate nach ihrer Eröffnung stand sie bereits leer, im Juli 2017 wurde sie geschlossen.


Das Château de Pontourny unweit von Chinon beherbergte das kurzlebige Centre de prévention, d’insertion et de citoyenneté. (Bild: flickr)

Im Rückblick scheinen zwei Faktoren das Scheitern des Projekts zu erklären. Erstens waren die Weichen von vornherein falsch gestellt worden: In einem 2700-Seelen-Weiler angesiedelt, stieß das Zentrum vom ersten Tag an auf die virulente Ablehnung der Landbevölkerung und eines Teils der regionalen Medien. Zudem führte die Freiwilligkeit der Teilnahme dazu, dass „Klienten“ bei der kleinsten Schwierigkeit aus dem Programm ausstiegen. Endlich hatte der damalige Premierminister angeordnet, dass keine Helfershelfer des IS aufgenommen werden durften. So wurden in Pontourny alle „entradikalisiert“ – nur nicht die wirklich Radikalen! Zweitens fehlte dem Zentrum die politische Unterstützung. Vierzig Prozent der regionalen und departementalen Präfekturen leiteten nicht, wie gefordert, die Dossiers potenzieller „Klienten“ weiter, womöglich aus Furcht, sonst auch in ihrer Region, wie von der Regierung angekündigt, ein solches Zentrum eröffnen zu sehen. Und im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2017 waren François Hollande – der sich mangels Popularität nicht zur Wiederwahl stellte – und seine Minister lahme Enten.


So war Pontourny nicht einmal ein halbes Jahr lang in Betrieb, zu maximal einem Drittel besetzt. Der Soziologie-Professor Gérald Bronner hat dem Experiment, an dem er selbst mitgewirkt hatte, eine Mischung aus Feldstudie und Pamphlet gewidmet. „Déchéance de rationalité“ liest sich wie eine – leider in der Realität verwurzelte – Fabel über die diffusen Ängste des kleinen Mannes und die populistischen Reaktionen von Politikern darauf. Das Ganze vor dem Hintergrund von Verschwörungstheorien, die Rechtsextreme hüben wie Radikale drüben schüren.


Gérald Bronner über den vorzeitigen Abbruch des Experiments von Pontourny: „In Demokratien bekommt die Angst oft, was sie fordert“. (Bild: flickr)

Ein vielmediatisierter Rapport zweier Senatorinnen beklagte im Juli 2017 die „Übereiltheit“, ja „Panik“ der Regierung beim Lancieren neuer Programme ohne hinreichende Kontrolle noch Auswertung. Doch übten die beiden Verfasserinnen auch Selbstkritik: „Unsere Zeit, die Zeit der Politiker ist kurz. Sie ist nicht vereinbar mit jener der Resozialisierung radikalisierter Personen“. Der Begriff „Resozialisierung“ hat seitdem „Entradikalisierung“ ersetzt. Ziel ist nicht mehr, Islamisten ihre fundamentalistischen Ideen zu nehmen. Doch sollen sie der Gewalt entsagen – nicht unter Zwang, sondern aus eigenem Antrieb.


(Bild: flickr)

Grundpfeiler der seit Ende 2016 lancierten Programme sind die Interdisziplinarität der Betreuungsequipe und die Individualität der Betreuung (die Zusammenlegung von Dschihadisten in fünf Gefängnissen 2015/16 war ein Fiasko gewesen). Erste Programme in Mühlhausen und im Pariser Großraum zeitigten verheißungsvolle Ergebnisse. Über eine lange Zeit geheim gehaltene Initiative hat David Puaud unlängst ein 270 Seiten starkes Buch veröffentlicht. In „Les Surgissants“ beleuchtet der Anthropologe das von der Strafvollzugsverwaltung durchgeführte Experimentalprogramm „Recherche et intervention sur les violences extrémistes“ (Rive), an dem er als Beobachter und Forscher mitgewirkt hat. Leider ist Puauds Schreibstil unsäglich gewunden: Er spreizt sich gern mit lexikalischen Monstrositäten wie „intrastrukturelle Metis“ oder „Blast-Pheme“, verletzt zugleich aber Grundregeln der Rechtschreibung und Grammatik. Augenscheinlich ist das Buch nicht lektoriert worden; doch die Arbeit der „Resozialisierer“ beschreibt es in ungekannter Detailfülle.


Die im Rahmen des Programms „Rive“ betreuten Radikalen wurden wegen unblutiger Gesetzesverstöße (Ausreiseversuch nach Syrien, verbale Ankündigung eines nicht konkretisierten Attentatsprojekts…) zu Gefängnisstrafen verurteilt, die sie im offenen Vollzug absolvierten. Ihre Betreuung durch Sozialreferenten, Psychologen und Psychiater sowie einen Kenner des islamischen Kults kann man als maßgeschneidert bezeichnen. Bei einem Besuch der ehemaligen Schlachtfelder von Verdun erhält ein Achtzehnjähriger tunesischer Abstammung von seinem Begleiter den Totenschein eines mutmaßlichen Urgroßvaters ausgehändigt, der vor Ort gefallen ist. Eine ungleich subtilere Methode, Bande zur Republik und ihrer Geschichte zu knüpfen, als das tägliche Absingen der „Marseillaise“ beim Hissen der Trikolore wie es in Pontourny gepflegt wurde. Andere dürfen renommierte Politologen besuchen, die ihnen die Hintergründe des Kriegs in Jemen oder die Geschichte der syrisch-irakischen Kampfzone erklären. Es gibt Ausflüge ins Museum oder in den Zoo, man spielt Basketball oder flaniert am Ärmelkanalstrand, immer in Begleitung eines oder zweier Mentoren. Manchmal bearbeiten diese „das Zentrum von der Peripherie her“, sprechen über Hobbies und geben dabei auch Persönliches preis. Manchmal gehen sie Inhalte der dschihadistischen Weltanschauung frontal an.


Viel Improvisation ist dabei im Spiel, viel Einfühlungsvermögen und Sinn für den passenden Moment, um einen psychologischen Klick zu bewirken. Ziel ist nicht, eine Wahrheit durch eine andere zu ersetzen; vielmehr sollen die Mentees möglichst zahlreiche und verschiedenartige Denkanstöße erhalten, um selbst kritisch über alle möglichen „Quellen“ zu reflektieren, vom Korantext bis zum IS-Tweet. Auch die Familien werden, wo möglich, miteinbezogen – in etlichen Fällen sind sie freilich Teil des Problems. Endlich wird viel Energie auf Weiterbildung und Wiedereingliederung verwendet, von der Suche nach einer Schule bis zu jener nach einer Arbeit oder einer Wohnung. Wie bei Bewährungsstrafen üblich, droht den Mentees das Gefängnis, sollten sie wiederholt gegen Auflagen verstoßen.


Das Programm „Rive“ und jene, die es bis heute weiterführen, wenden sich an Radikale, die sich die Hände weder direkt noch indirekt blutig gemacht haben. Es ist eine Initiative für kleine und mittlere Kriminelle, die meist an der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen und psychologisch oft labil sind. Auch Gefängnisinsassen mit einem ähnlichen Profil werden, wo möglich, betreut – individuell, nicht in Gruppen. Hartgesottene Ideologen und mörderische Fanatiker zählen hingegen nicht zur Zielgruppe.


„Rive“ und ähnliche Programme werfen die (legitime) Frage auf, wie viel Geld und sonstige Ressourcen eine Gesellschaft in den Versuch zu investieren bereit ist, ihre gestrauchelten Mitglieder vor dem irreversiblen Fall zu retten. Eines ist sicher: Nichts zu tun wäre tödlicher Leichtsinn. In den nächsten Jahren werden in Frankreich Hunderte „kleiner“ Dschihadisten ihre Gefängnisstrafe abgesessen haben, unter ihnen zahlreiche Syrien-Heimkehrer. Gelingt es nicht, sie zu resozialisieren, droht der Rückfall in die Radikalität.



Verwendete Literatur:

David Puaud: Les Surgissants. Rue de Seine Editions, Paris 2022. 272 S., Euro 22,90.
Gérald Bronner: Déchéance de rationalité. Grasset, Paris 2019. 272 S., Euro 20.-.
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