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Weißwaschunternehmen für den Erbschleicher

Aktualisiert: 13. Nov. 2025

Isabelle Huppert spielt in „La Femme la plus riche du monde“ die 2017 verstorbene L’Oréal-Erbin Liliane Bettencourt. Der Film vermischt Dichtung und Wahrheit auf problematische Art und Weise.


Arme reiche Leute! Thierry Klifas Spielfilm „La Femme la plus riche du monde“ erzählt die tragikomische Geschichte der vermögendsten Frau der Welt. Die Alleinerbin des Gründers des weltgrößten Kosmetikkonzerns, durch Isabelle Huppert mit gewohnt raubkatzenartiger Gewissenlosigkeit verkörpert, hat in ihrem (Privat-)Leben nur die Rollen der Tochter des Vaters, dann der Gemahlin des Gatten gekannt. Bis der Blick eines Fotografen auf sie fällt, der sie als eine eigenständige, selbstbestimmte Frau sieht.


Powerfrau und Konzernführerin: Isabelle Huppert (Bild: Manuel Moutier)
Powerfrau und Konzernführerin: Isabelle Huppert (Bild: Manuel Moutier)

Laurent Lafitte verleiht diesem Parvenü mit plebejischem Betragen und hochherrschaftlicher Diktion, der nicht ohne Talent auch als Maler, Schriftsteller und Innenausstatter dilettiert, etwas unwiderstehlich Unausstehliches, eine Mischung aus Chuzpe, Kindlichkeit, Vulgarität und Fantasie. Die Erbin verfällt dem schillernden Schwulen sogleich platonisch. Er seinerseits nutzt das schwer definierbare, durchaus auf gegenseitigem Geben und Nehmen gegründete Verhältnis, um ihr im Lauf der Jahre immer horrendere Summen abzulocken beziehungsweise abzuzocken. Bis die Tochter der Erbin eingreift, diese unter Vormundschaft stellen lässt und dem Erbschleicher per Gericht den Garaus macht.


Klifas Streifen, der seit Kurzem in Frankreichs Kinosälen läuft, wird die Filmgeschichte nicht revolutionieren. Seine Stärke sind Dialoge und darstellerische Leistungen, die den Hauptfiguren ein jeweils markantes Profil verleihen. Da ist die vor erstmals verspürter Lebenslust aufblühende Milliardärin; der ebenso spontane wie kalkulierende Spaßmacher und Schmarotzer; die zum Judentum konvertierte Tochter (Marina Foïs), die sich an der Unliebe der Mutter wie an der durch Antisemitismus geprägten Familiengeschichte reibt; der einst durch das Milliardärspaar auf den rechten Weg gebrachte Majordomus (Raphaël Personnaz), dessen heimliche Tonbandaufnahmen Skandalöses zutage fördern; nicht zu vergessen der Gatte (André Marcon) und der Schwiegersohn (Mathieu Demy) der Titelfigur, die weit mehr sind als bloße Komparsen.


Freude durch Poppers: Die Milliardärin und ihr Schwarm im Schwulenklub (Bild: Manuel Moutier)
Freude durch Poppers: Die Milliardärin und ihr Schwarm im Schwulenklub (Bild: Manuel Moutier)

Das Problem liegt woanders, wie Fabrice Arfi in „Mediapart“ ausgeführt hat. „La Femme la plus riche du monde“ ist mitnichten „sehr frei inspiriert“ vom Leben der 2017 verstorbenen L’Oréal-Hauptaktionärin Liliane Bettencourt, wie der Vorspann minimiert, vielmehr bis in zahllose Details hinein echten Begebenheiten und existierenden Orten abgekupfert. Der Film erscheint so mehr als ein an der Realität klebendes Biopic denn als eine freie Fantasie über Themen aus Bettencourts Vita. Allerdings wird ein essenzielles Element fast völlig ausgeklammert: Der nach einem Sturz im September 2006 zunehmende körperliche und geistige Verfall der Milliardärin.


Auf diesen berief sich ein Bordelaiser Gericht, das 2016 den Fotografen François-Marie Banier in zweiter Instanz zu vier Jahren Gefängnis wegen Ausnutzung einer willensgeschwächten Person verurteilte. Die Richter betonten, die 1922 geborene Erbin sei aufgrund „ihres hohen Alters, ihrer zerrütteten Gesundheit, ihres depressiven Zustands, ihrer affektiven Einsamkeit, ihrer rekurrenten Gedächtnisstörungen, endlich ihrer tiefen Taubheit“ in hohem Grad gefährdet. Pfleger, Anwälte, Notare, Vermögens- und Gutsverwalter hatten die alte Dame ausgenutzt – aber keiner so ruchlos wie Banier. Diesem war es (auch und gerade nach 2006) gelungen, Geld, Kunstwerke, Immobilien und Lebensversicherungen für einen Gesamtwert zu ergattern, der derart enorm ist, dass ich ihn hier in Zahlen ausschreiben will: geschätzt zwischen 913 000 000 und 993 000 000 Euro – eine knappe Milliarde! Damit nicht genug, hatte Banier sich als Alleinerbe auf Bettencourts Testament betten lassen und gar auf Adoption gedrungen.


Per Gericht gegen den Erbschleicher: die Tochter der Milliardärin (Marina Foïs), ihr jüdischer Mann (Mathieu Rémy) und der gemeinsame Sohn (Paul Beaurepaire) (Bild: Manuel Moutier)
Per Gericht gegen den Erbschleicher: die Tochter der Milliardärin (Marina Foïs), ihr jüdischer Mann (Mathieu Rémy) und der gemeinsame Sohn (Paul Beaurepaire) (Bild: Manuel Moutier)

Bei Klifa erscheint die Milliardärin weder alt noch hinfällig, weder taub noch verloren. Anders als die L’Oréal-Erbin nach ihrem Sturz weiß die Powerfrau und Konzernführerin des Films, was sie will und was sie tut. Huppert gab freimütig zu Protokoll, Marianne Farrère, wie Bettencourt bei Klifa heißt, sei „absolut kein Opfer, weder vor der Begegnung mit der durch Laurent Lafitte verkörperten Figur noch selbst dann, als diese aus ihrem Leben getreten ist“. Eine kurze Gedächtnislücke, ein melancholischer Anflug und eine durch Medikamente entschuldigte Müdigkeit sind die einzigen Anspielungen auf den in der Realität gravierenden kognitiven Niedergang der reichsten Frau der Welt. Und auch von der im zitierten Gerichtsurteil gegeißelten „niet- und nagelfesten Organisation“, mit der Banier die „durch ihn gelenkten extravaganten Gaben“ in seine bodenlosen Taschen fließen ließ, ist auf der Leinwand nichts zu sehen. So gleicht das Ganze einem Weißwaschunternehmen zugunsten des Fotografen.


Mit literarischen Mitteln haben sich der bedeutende Dramatiker Michel Vinaver (2014 mit seinem Abschiedsstück „Bettencourt Boulevard ou une histoire de France“) und letztes Jahr der Romancier Mathieu Larnaudie (mit „Trash Vortex“) des Stoffes ungleich fantasie- und kunstvoller bemächtigt. Im Filmbereich vermögen weder „La Femme la plus riche du monde“ noch die dreiteilige Netflix-Dokumentationsserie „Die Milliardärin, der Butler und der Freund“ von 2023 zu überzeugen. Man träumt davon, was der Paolo Sorrentino von „Il Divo“ und „Loro“ oder der Bertrand Bonello von „Saint Laurent“ aus der Bettencourt-Materie zaubern könnten.




Der Film läuft ab dem 19. März 2026 unter dem idiomatischen Titel „The Richest Woman in the World“ in deutschen Kinosälen.

 


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