Aus wessen Warte wird hier erzählt?
- marczitzmann
- vor 1 Tag
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Kontroverse entlang den politischen Linien: Xavier Giannoli fiktionalisiert in „Les Rayons et les Ombres“ das Leben dreier realer Protagonisten der Kollaboration mit Hitlerdeutschland – und entzweit Frankreichs Presse
Eine deutsch-französische Geschichte. In der Zwischenkriegszeit machen sich zwei junge Männer, ein Karlsruher Kunsterzieher und ein Pariser Journalist, für die Versöhnung der beiden Völker stark. Treffen von Jugendverbänden dies- und jenseits des Rheins, Kulturaustausch vor linkspazifistischem Hintergrund. 1932 heiratet der Deutsche die Sekretärin des Franzosen, mit welcher dieser einst ein Verhältnis gehabt hatte. Und tritt wenig später der Dienststelle Ribbentrop bei, einem informellen Arbeitsstab für Hitlers Außenpolitik – sowie NSDAP und SS. Die Gesinnung wandelt sich, aber im Rahmen einer neugegründeten Deutsch-Französischen Gesellschaft werden weiterhin Verständigungsbereitschaft und Friedenswille propagiert. Die Zeitung des Franzosen, „Notre Temps“, sekundiert diesen Bemühungen umso williger, als die deutsche Botschaft in Paris sie mitfinanziert.
Nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei wird der NS-Agent kurzzeitig aus Frankreich ausgewiesen. Doch im Tross der Wehrmachttruppen kehrt er bald schon zurück – und amtiert bis Mitte 1944 als Botschafter des Dritten Reichs. Dem französischen Freund gibt er die Mittel, die – nomen est omen – in „Les Nouveaux Temps“ („Die neuen Zeiten“) umgetaufte Zeitung zu einem wichtigen Sprachrohr der Kollaborationspolitik auszubauen. Nach der Landung der Alliierten in der Normandie fliehen die beiden nach Sigmaringen, wo die Crème der Kollaboration um den greisen Marschall Pétain einen Operettenhofstaat bildet (Céline hat das Porträt der von Ranküne und Ränkespielen zerfressenen Clique in seinem Roman „Von einem Schloss zum andern“ mit gewohnt saurer Feder in Papier geätzt). Mit von der Irrfahrt ist die älteste Tochter des Franzosen, ein Filmsternchen, dessen Starpotenzial Tuberkulose und Kompromittierung mit Besetzern und einheimischen Handlangern ruiniert haben. Nach Kriegsende erteilt ihr der ehemalige Mentor, ein jüdisch-ukrainischer Regisseur, eine Art Absolution in Gestalt eines neuen Filmangebots – der betreffende Streifen soll den Titel tragen: „Das Leben beginnt morgen neu“. Doch die Hauptdarstellerin in spe stirbt vor Beginn der Dreharbeiten. Der Vater ist da bereits füsiliert worden, sein deutscher Freund muss noch jahrelang Zwangsarbeit leisten.
Eine traurige Geschichte. Und eine wahre. Otto Abetz (1903 bis 1958) wird als prominenter Protagonist der NS-Zeit in Deutschland wie in Frankreich bis heute erinnert. Corinne Luchaire (1921 bis 1950), von Mary Pickford einst „die zweite Greta Garbo“ geheißen, genießt in ihrem Heimatland einen gewissen Ruf beziehungsweise Ruch dank ihrer Filmografie (sieben vornehmlich ihretwegen noch immer sehenswerte Werke, darunter drei des erwähnten Exilrussen und Wahlfranzosen Léonide Moguy), dank ihrer mehrfach wiederaufgelegten Memoiren, einem Dokumentarfilm und einer Biografie von Carole Wrona sowie phantomhafter Erscheinungen in zwei Romanen und zwei Drehbüchern des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, einem Geisterjäger mit Gusto für die Besatzungszeit. Jean Luchaire (1901 bis 1946) ist dagegen in Vergessenheit geraten.
Das dürfte jetzt Xavier Giannolis Spielfilm „Les Rayons et les Ombres“ (stabreimend übersetzt: „Strahlen und Schatten“) ändern, in dem Jean Dujardin den Zeitungsdirektor verkörpert. Der fast zweihundert Minuten lange und gut 30 Millionen Euro teure Streifen, der innert zwei Wochen 515.000 Zuschauer in die Kinosäle gelockt hat, besticht durch schauspielerische Glanzleistungen (Nastya Golubeva Carax und August Diehl brillieren in den beiden anderen Hauptrollen), derweil Drehbuch und Regie mit einem Chiaroscuro aus Strahlen der Faszination und Schatten der Irritation hitzige Diskussionen zeitigen.

Als Faustregel gilt: Je rechter ein Medienorgan, desto positiver die Beurteilung. „Ein Film wie ein Faustschlag – und bereits ein Klassiker“ lobt so der konservative und oft gar reaktionäre „Figaro“, derweil das rechtsextreme Wochenblatt „Le Journal du dimanche“ ein Werk preist, das „historische Genauigkeit, minuziöse Rekonstruktion und formale Virtuosität“ vereine. Demgegenüber evoziert der zentristische „Monde“ in einer bis hin zur Gewundenheit nuancierten Besprechung einen „inszenatorischen Tanz auf einem Seil, das gespannt ist zwischen der Versuchung des Opernkitschs in der Art von Viscontis ‚Verdammten‘ und den gemurmelten Licht- und Schattenversen eines Patrick Modiano“. Die kommunistische Zeitung „L’Humanité“ beanstandet gar „eine künstlerische Haltung, die angesichts des Anstiegs von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus fragwürdig ist“. Und das Linksblatt „Libération“ verreisst „ein hanebüchenes Biopic über das Leben von Dreckskerlen“.

„Warum der Film ‚Les Rayons et les Ombres‘ bei ‚Libération‘ Panik zeitigt“, ein hämischer Titel der rechtsextremen Wochenzeitschrift „Valeurs actuelles“, macht dabei deutlich, dass es bei der Kontroverse ebenso sehr um Filmkritik geht wie um Kulturkampf. Xavier Giannoli hat sich im Interview dagegen verwahrt, gezielt Verbindungslinien zur Gegenwart – sprich zum Aufstieg des Rechtsextremismus auch und gerade in Frankreich – gezogen zu haben. Doch im Film verwendete Ausdrücke wie „irresponsables“ oder „La France moisie“ evozieren für jeden halbwegs geschichtsbewussten Franzosen eine 2025 erschienene Studie des Historikers Johann Chapoutot über die unverantwortlichen Verantwortlichen, die Hitlers Machtergreifung ermöglicht haben, ohne selbst Mitglieder der braunen Bewegung gewesen zu sein, beziehungsweise einen älteren Artikel von Philippe Sollers über all das, was faul ist im Staate Frankreich. Selbst wenn diese Parallelen ungewollt sein sollten, war es unvermeidlich, dass ein Werk über ein derart „gefährliches“ (so Giannoli) Thema instrumentalisiert werden würde.
Denn im Rahmen eines durch sie bezweckten großen ideologisch-moralischen Austauschs suchen Rechtsextreme und ihre zunehmend zahlreichen „bürgerlichen“ Steigbügelhalter seit geraumer Zeit die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass die größte Gefahr für die Demokratie heute nicht von rechts außen kommt, sondern von links – und zwar von der gesamten Linken. Figuren wie Abetz und Luchaire, die beide aus diesem Lager herstammen, scheinen diese Behauptung zu illustrieren: In jedem Nationalsozialisten steckt im Kern ein Sozialist – was ja schon der Name sagt. Der Totschlag des Neonazis Quentin Deranque durch Lyoner Linksaktivisten gab unlängst der steilen, aber zunehmend populären These zusätzlichen Auftrieb: Antifaschisten sind die eigentlichen Faschisten.

„Les Rayons et les Ombres“ schlägt bei allem Bestreben, der Komplexität seiner Hauptfiguren wie der Zeit, in der sie lebten, gerecht zu werden, partiell in dieselbe Kerbe. In einem Interview mit der Onlinezeitung „Mediapart“ hat Tristan Rouquet, Autor einer Studie über 227 schriftstellernde Protagonisten der Kollaboration, dem Film trotz seriöser Dokumentation eine Entpolitisierung der Figur von Jean Luchaire angekreidet: Dessen ideologische Überzeugungen würden minimiert. Ähnliches ließe sich von Abetz sagen: Der Film verhehlt zwar nicht den Antisemitismus des NS-Botschafters, deutet das Ausmaß von dessen höchst aktiver Beteiligung am Judenmord aber bloß kryptisch an. Die Historikerin Bénédicte Vergez-Chaignon hat in „Le Monde“ noch ungleich harscher chronologische Verdrehungen verurteilt sowie die Auslassung wichtiger Fakten – etwa, dass Luchaire die Chefs der französischen Hilfskräfte der Gestapo frequentierte oder dass er in Sigmaringen als „Informationsminister“ der Vichy-Exilregierung diente. Überdies kritisierte die Spezialistin für den Zweiten Weltkrieg freie Erfindungen gerade da, wo der Film die Résistance in schlechtem Licht zeigt.
Xavier Giannoli könnte demgegenüber auf eine gewisse zulässige Freiheit beim fiktionalisierten Erzählen pochen sowie auf den Umstand, dass alle vor 1948 angesiedelten Szenen Reminiszenzen Corinnes bilden und somit durch deren subjektiven Blick getönt werden. Nur finden sich auch zahlreiche Episoden, von denen die ähnlich ahnungslose wie unschuldige Kindfrau unmöglich wissen konnte. So stellen sich drei Fragen: Aus wessen Warte wird hier erzählt? Zu welchem Zweck? Und mit welchen Folgen?



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