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Beruhigung, Stimulierung, Manipulierung

Ein Arte-Dokumentationsfilm über Hintergrundmusik


„Elevator music“ nennt der Angelsachse Gedudel im Aufzug, Gewummer im Fitnessstudio oder barockes Gezirpe in telefonischen Vorhöllen. In deutschen Landen gibt es zwar auch den Begriff „Fahrstuhlmusik“, gebräuchlicher ist aber der weiter gefasste Ausdruck „Hintergrundmusik“. Dieser trifft besser, worum es in David Ungers Dokumentarfilm „Eine kleine Geschichte der Fahrstuhlmusik“ geht, der auf arte.tv und in den sozialen Netzwerken des deutsch-französischen Senders zu sehen ist. Thematisiert werden darin Geschichte und Gegenwart von Musiken, die nicht primär ästhetisch zu punkten suchen, sondern – gleichsam mit bloß einem Ohr mehr passiv wahrgenommen denn aktiv rezipiert – das Unterbewusstsein des Zielpublikums zu beeinflussen, ja zu steuern trachten.


Das gilt für die ersten Fahrstuhlmusiken, die in einer Zeit, als Aufzugsanlagen noch neu waren und viele mit Unbehagen erfüllten, Benutzer zu beruhigen suchten. Es gilt erst recht für die – kraft ihrer Lautstärke oft sehr präsenten – „Hintergrund“musiken, mit denen bald Büroräume und Fabrikhallen beschallt wurden. In einer Archivaufnahme der Nachkriegszeit erklärt so ein Vertreter der Muzak Holdings LLC, diese Lieder (meist ohne Worte) vertrieben Monotonie und Müdigkeit und verringerten dadurch die Zahl der Fabrikationsfehler und Arbeitsunfälle. Um einem Abfall der Energie entgegenzuwirken, werde im Lauf des Tages die Stimulation verstärkt. Filmschnipsel zeigen dazu rasende Tippsen in Großraumbüros, Stachanowistinnen der Stanzmaschinen sowie Grafiken, die mithilfe der Zackenlinien von „Tempo“, „Rhythmus“, „Orchester“ und „Instrumentation“ den steilen Anstieg der „Stimulierungskurve“ illustrieren. Ob das wissenschaftlich ist, bleibe dahingestellt, jedenfalls sieht es dynamisch aus.


(Bild: OLÉO FILMS)
(Bild: OLÉO FILMS)

Drei Kommentatoren werfen indes grelle Streiflichter auf die Schattenseiten des Unterfangens. Pauline Nadrigny, Dozentin für Philosophie an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne, kritisiert so, es sei „eine Pervertierung des musikalischen Erlebnisses und eine Manipulierung der Gefühle in einer produktivistischen Gesellschaft“, mit langweiliger Musik eine langweilige Arbeit weniger langweilig machen zu wollen. Toby Dubois-Heys, Professor für Digitale Medien an der Manchester Metropolitan University, geißelt das „Tückische“ des Ansinnens, arbeitende Körper durch Muzak, die den menschlichen Biorhythmus nachahmt, mit Maschinenlärm synchronisieren zu wollen. Und Paul Rekret, Dozent für Medienindustrien an der University of Westminster, fällt das vernichtende Urteil, im Gegensatz zu „echter“ Musik, die „Ausdruck unserer Ungebundenheit und Vorstellungskraft“ sei, suche Muzak ebengerade das Verlangen nach Freiheit und Fantasie zu unterdrücken.


Gegründet wurde die US-amerikanische Muzak Holdings LLC, nach der das Genre benannt ist, im Jahr 1934. Ihr Angebot: die Ausstrahlung von Musik via Telefonkabel – erst in Eigenheimen, in Konkurrenz zum Radio, dann in Verkaufs- und Arbeitsstätten, von Einkaufszentren und Restaurants bis hin zu Arztpraxen und Friseursalons. Zwischen 1936 und 1945 nahm der Orchesterleiter Ben Selvin an die 7.000 Reprisen von Klassik- und Jazztiteln für die Firma auf. Mit dem Siegeszug der Langspielplatte fand Hintergrundmusik auch via Vinylscheiben Eingang in die Haushalte. Von der Ausdifferenzierung der sogenannten ambient music zeugen Albumtitel wie „Music for Reading“, „Music for a Backyard Barbecue“ oder – unser Favorit – „Music for a Chinese Dinner at Home“.


Doch auch zwischen den eigenen vier Wänden galt es, die Produktivität zu steigern – wie die LP „Whistle While You Work“ bezeugt, auf deren Cover eine beschwingte Putzteufelin prangt. Derweil es an Verkaufsorten um die Ankurbelung des Absatzes ging, mit einer zum Teil sehr elaborierten Justierung von Variablen wie „Wochentag“, „Tageszeit“, „Musikstil“, „Tempo“ und „Instrumentation“.


Auf dem Höhepunkt seiner Marktbeherrschung strahlte Muzak Holdings LLC 80.000 Titel an 40.000 Orten in aller Welt aus. Später verteilte es auf die Bedürfnisse der jeweiligen Kunden zugeschnittene Playlists per CD oder sogar via Satellit. Doch verpasste das Unternehmen die Internetrevolution, meldete 2009 Konkurs an und wurde zwei Jahre später für 345 Millionen Dollar durch eine Korporation namens Mood Media aufgekauft – nomen est omen. Wie deren heutiger CEO im Film befindet, war das Publikum nicht länger mehr in Stimmung für Hintergrundmusik. Gefragt war vielmehr foreground music.


Doch regte sich auch grundsätzlicher Widerstand gegen ungefragte Berieselung. Zum einen seitens von Komponisten wie Brian Eno, der mit „Music For Airports“ 1978 eine laut eigener Charakterisierung „ebenso überhörbare wie interessante“ Alternative zu Muzak schuf. Und zum andern seitens internationaler Kampagnen wie Pipedown (deutsch: LautsprecherAUS!), die die negativen Effekte der – laut Umfragen heute lediglich durch 30 Prozent der Befragten geschätzten – dezibelreichen Beschallung anprangern: erhöhter Blutdruck und geschwächtes Immunsystem, ganz zu schweigen von zum Teil schwerwiegenden Problemen für Menschen, die etwa an Gehörschäden, Tinnitus oder Autismus leiden.


Online-Musikdienste erschließen der Hintergrundmusik indes neue Einnahmequellen. Auf Spotify, YouTube und anderen Plattformen finden sich „Künstler“, die nie ein Konzert gegeben haben, ja nicht einmal eine Biografie vorweisen – aber deren Muzak monatlich Millionen von Zuhörern anzieht. Sind diese ghost artists überhaupt Schöpfer von Fleisch und Blut? „Künstliche Intelligenz“, sagt am Ende des Films der Musikjournalist Sophian Fanen, „ist sehr gut im Abkupfern fad-schlaffer Musiken“.


 



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