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Bolloré zappen

Nach „seinen“ Medien und Verlagen sucht der rechtsextreme Tycoon jetzt Frankreichs Filmwelt auf Linie zu bringen – mithilfe einer schwarzen Liste


Die hitzige Debatte über den Einfluss des rechtsextremen Medienmoguls Vincent Bolloré auf Frankreichs Filmwelt ebbt nicht ab. Sechshundert Vertreter dieser Branche hatten am 11. Mai, dem Vortag der Eröffnung der Filmfestspiele von Cannes, in einem offenen Brief die bis 2028 geplante vollständige Übernahme von UGC, der drittgrößten Kinokette des Landes, durch den bretonischen Milliardär kritisiert.

Der Hauptaktionär der Canal+-Gruppe baue einen Konzern auf, der die ganze Kette des Filmgeschäfts beherrsche, von Finanzierung und Produktion über Vertrieb, Verleih und Ausstrahlung bis hin zu Werbung, Rezension (in den eigenen Blättern, Radio- und TV-Sendern) sowie weiterer Nutzung nach dem Ende der Laufzeit in den Kinosälen. Das drohe nicht bloß eine Einförmigkeit der französischen Filmproduktion zu zeitigen, sondern gar eine „faschistische Kontrolle über das kollektive Bewusstsein“, stelle sich der Tycoon doch in den Dienst eines katholisch-identitären „Zivilisationskampfs“. Prompt teilte Canal+-Chef Maxime Saada mit, seine Gruppe werde mit den Unterzeichnern des Schreibens nicht mehr zusammenarbeiten.


"Bolloré zappen" lautet die Losung in Frankreichs Filmwelt. (Bild: flickr)
"Bolloré zappen" lautet die Losung in Frankreichs Filmwelt. (Bild: flickr)

Der Schuss ging nach hinten los. Bis Dienstag waren zu den ursprünglichen sechshundert Unterschriften weitere viertausend dazugekommen, darunter jene von Nichtfranzosen wie Javier Bardem, Aki Kaurismäki, Ken Loach und Ruben Östlund. Arthur Harari, der letztes Jahr gemeinsam mit Justine Triet den Oscar für das beste Originaldrehbuch gewonnen hat, erklärte, er hätte seine drei Filme nicht ohne Canal+ drehen können. Doch sei das kein Grund, den Mund zu halten. „Es gibt eine Malaise, die bis jetzt niemand in Frankreichs Filmwelt benannt hat; es ist Zeit, das zu tun. Wir haben nicht auf Grasset gewartet, um das Problem zu erfassen, dass der größte private Finanzierer der französischen Filmproduktion ein Kryptofaschist ist.“ Der Pariser Verlag Grasset, der ebenfalls Bolloré gehört, wurde unlängst nach der jähen Entlassung seines langjährigen Leiters Olivier Nora auf Linie gebracht (Blogberichte hier und hier), wie vordem schon Fayard sowie die Zeitungen, Radio- und Fernsehsender des Milliardärs (Blogberichte hier und hier) – nicht zu vergessen Canal+, dem der kritische, oft beißende Geist von einst gründlich ausgetrieben wurde.


Eine Initiatorin des offenen Briefs, die namentlich nicht genannt werden wollte, schlug in dieselbe Kerbe. Ziel des Schreibens sei es, das Thema „Bolloré“ aufs Tapet zu bringen. Die Unterzeichner arbeiteten in der Filmbranche, ergriffen aber als Bürger das Wort, „vor dem Hintergrund des globalen Anstiegs des Rechtsextremismus“. Canal+ sei nicht visiert.


Trotzdem fühlte sich Maxime Saada angegriffen. Und das zu Recht, meinte einer der Gegner des Schreibens, der turboliberale Bürgermeister von Cannes David Lisnard. Es handle sich um Rufschädigung: Canal+ lasse den Schöpfern, mit denen es zusammenarbeitet, freie Hand. „Steuerten ideologische Beweggründe seine Finanzierungsentscheide, müsste man es sagen und verurteilen. Aber das ist nicht der Fall.“ Tatsächlich bestreitet niemand, dass die Gruppe eine breite pluralistische Palette von Produktionen fördert. Lediglich drei Fälle sind bekannt, in denen Bolloré zensierend eingegriffen hat – es ging jeweils um die Römisch-katholische Kirche. Doch den Vorwurf, die Filmschaffenden stießen Wehklagen aus, bevor etwas sie konkret schmerze, parierte der Schauspieler Swann Arlaud: „Muss man brav warten, bis es zu spät ist? Es scheint mir absolut normal und notwendig, eine Besorgnis, einen Dissens ausdrücken zu können. Das mutet mich sogar ein Grundprinzip der Demokratie an. Soll ich deswegen auf eine schwarze Liste kommen?“


Die Machbarkeit der Ausgrenzung Tausender von Filmschaffenden ist ohnehin fraglich. „Le Monde“ hat vorletzten Donnerstag, als erst 2800 Unterschriften unter dem Brief standen, vorgerechnet, dass an fast 60 Prozent aller in den letzten fünf Jahren gedrehten Filmen mindestens einer der Unterzeichner mitgewirkt hat. Kann man auf diese Fülle von Fachkräften kurzerhand verzichten? Und darf man es, rechtlich gesehen? Auf geistiges Eigentum spezialisierte Anwälte wetzen vorsorglich ihre Argumente; die Menschenrechtsliga und die linke Gewerkschaft CGT haben Canal+ vors Zivilgericht zitiert.


Ein anderes, triftigeres Argument gegen den offenen Brief ist, dass der Zeitpunkt für seine Veröffentlichung schlecht gewählt sei. Bis Ende Juli müssen drei Verhandlungen zum Abschluss kommen – die erste betrifft das finanzielle Abkommen zwischen Canal+ und der Filmwelt, die zweite die sogenannte „chronologie des médias“, die festlegt, wie viele Monate nach seinem Kinostart ein Film auf DVD erscheinen, als Pay-per-View abgerufen oder gratis im Fernsehen angeschaut werden kann, die dritte die Einführung von Amazon Prime Video ins französische Filmfinanzierungssystem unter der Ägide der Medienaufsichtsbehörde Arcom.


Canal+ spielt in allen drei Fällen eine zentrale Rolle, ist es doch mit dieses Jahr 160 (und nächstes Jahr 170) Millionen Euro, die es in Filme investiert, der Hauptfinanzierer des französischen Kinos – weit vor der öffentlich-rechtlichen Gruppe France Télévisions und den Privatsendern TF1 und M6 (sowie demnächst Amazon). Im Gegenzug für das Manna, das Canal+ auf die Sets regnen lässt, darf es frische Filme früher ausstrahlen als seine Konkurrenten. Die Gruppe im Kontext der gegenwärtigen Verhandlungen vor den Kopf zu stoßen, sei kontraproduktiv, wo nicht gar selbstzerstörerisch, monieren Kritiker des offenen Briefs. Wenig Wunder, hat sich kein einziger Berufsverband mit dem Schreiben solidarisiert.


Der Fall geht indes über Canal+ und sogar über Bolloré hinaus. Dieser ist der sozusagen kapitalistische Arm (oder die goldene Eminenz) der Rechtsextremen – welche die ganze Medienlandschaft des Landes umzumodeln gedenken. Neben der Gleichschaltung von Canal+, das aufhören soll, angeblich wokes Zeug für Bobos zu finanzieren, steht so auch die Schwächung von France Télévisions und die Zerschlagung des Centre national du cinéma (CNC) auf dem Programm. Eine parlamentarische Untersuchungskommission über die Neutralität, Organisation und Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wurde von ihrem rechtsextremen Berichterstatter Charles Alloncle in den letzten sechs Monaten mit tatkräftiger Unterstützung der Bolloré-Medien zu einer Tribüne zweckentfremdet, um Halb- und Unwahrheiten über France Télévisions (und auch Radio France) zu verbreiten. Der CNC seinerseits, der jährlich knapp 800 Millionen Euro an Taxen auf alle Glieder der Filmausstrahlungskette in Frankreich innerhalb der entsprechenden Branche umverteilt, gilt dem Rassemblement national und seinen Verbündeten seit je als eine Brutstätte für linke Künstler, die die Hand beißen, die sie nährt, und die das Geld der Franzosen für die Produktion abgehobener Propagandawerke verschwenden, die niemand sehen will.


Leider stoßen derlei kunstfeindliche Diskurse weitherum auf Resonanz, ja Akzeptanz. Die Kulturwelt, klagte Michel Guerrin jüngst in „Le Monde“, habe die „Schlacht des Storytellings verloren“. Nun sei es an ihr, wieder Liebe hervorzurufen. Wie? Nicht durch „Petitionen, Deklarationen, Inkantationen und Lamentationen“, riet der Meister des Marseiller Sozialdramas Robert Guédiguian im selben Blatt. Sondern mit Filmen, in denen „Verhaltensweisen, Gefühle, Vorstellungen und Fantasien sich der Ideologie der Rechtsextremen entgegenstemmen“.



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