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Und es ward Licht!

Der Film wurde hier nicht erfunden, dafür aber das Kino begründet – ein Besuch des nach Umbau wiedereröffneten Musée Lumière in Lyon

 


Die Brüder Lumière, Auguste (1862 bis 1954) und Louis (1864 bis 1948), gelten als die Erfinder des Kinos. Sie haben am 19. März 1895 in ihrer Lyoner Fabrik mit „La Sortie de l'usine Lumière“ („Arbeiter verlassen die Lumière-Werke“) ihren ersten Film gedreht. Im Dezember desselben Jahres hielten sie in Paris mit Projektionen auf Leinwand vor zahlendem Publikum die erste Kinovorstellung ab. Im Folgejahr gründeten sie mit der Eröffnung weiterer Säle in Frankreich und ganz Europa die erste – kurzlebige – Kinokette.


Der Cinématographe N. 1, der am 28. Dezember 1895 in Paris bei der ersten Kinovorstellung zum Einsatz kam, bildet den Clou der Sammlung des Musée Lumière. (Bild: Loic Benoît – Coll. Institut Lumière)

Diese Fakten sind weitherum bekannt – so bekannt, dass selbst entfernte Berufskollegen der Lumières auf ihnen Thesen aufgebaut haben, die mehr mit der Nostalgie nach einer mythischen verlorenen Unschuld der Kinematografie zu tun haben denn mit der Kenntnis der frühesten Filme. Nehmen wir zwei Äußerungen von Wim Wenders und von Maurice Pialat, die das jüngst nach Umbau wiedereröffnete Lyoner Musée Lumière in seinem Parcours anführt. Ersterer meinte: „Die Brüder Lumière waren ein wenig wie Kinder. Welche Bilder wären ehrlicher als die allerersten? Das sind Bilder, denen man trauen kann. Keine Manipulation, keine Kontamination, nichts als das Entzücken, dass es möglich war, sie einzufangen.“ Letzterer bedauerte, dass der „fantastische Realismus“ der Lumière-Brüder verloren gegangen sei: „Nach ihnen wurde alles gezinkt“.


Der Forscher und der Filmer: Die Brüder Auguste (links) und Louis Lumière um 1925 (Bild: Coll. Institut Lumière)

Diesen Aussagen widerspricht Thierry Frémaux, seit 2007 Generaldelegierter des Festival de Cannes und bereits seit 1999 Leiter des Institut Lumière, das das Museum trägt. In Ausschnitten seines 2016 vorgestellten Dokumentarfilms „Lumière! L’aventure commence“, die vor Ort ausgestrahlt werden, hält er Wenders und Pialat anhand von sieben Beispielen entgegen, dass bei den Lumières „alles Inszenierung“ gewesen sei. „La Sortie de l'usine Lumière“: eine reine Reproduktion der Realität? Es gibt in Tat und Wahrheit mindestens drei verschiedene Fassungen dieses Films (der auch nicht der „allererste“ war: Thomas Edison und sein Mitarbeiter und -erfinder William Kennedy Laurie Dickson hatten schon seit 1891 zahlreiche Filme gedreht). Manche der Arbeiterinnen und Arbeiter, die da durch das Tor der Lumière-Fabrik treten, werfen sich erkennbar in Pose. Sie wissen, dass ihr Auftritt verewigt wird, durch eine „vue photographique animée“ („bewegte Fotoansicht“), wie die Brüder ihre vierzig bis sechzig Sekunden kurzen Filmchen nannten. Noch stärker kontaminiert die Kamera das Leben in „Partie d’écarté“ („Ecarté-Spiel“). Der Ober, der da drei Kartenspielern Getränke serviert, gestikuliert und grimassiert wie ein Schmierenschauspieler. In „L’Arroseur arrosé“ („Der begossene Begießer“) wiederum rennt ein Gärtner einem Lausbuben, der ihm auf dem Schlauch steht, hinterher und zerrt ihn am Ohr zum Ausgangspunkt zurück. Das macht nur deshalb Sinn, weil die beiden sonst am linken Bildrand verschwänden – und die Kamera gar zu gern festhalten möchte, wie dem Schlingel der Hintern versohlt wird. „Les Forgerons“ („Die Schmiede“) endlich hat durchaus dokumentarische Züge: Zwei echte Schmiede, Meister und Lehrling, traktieren da in einer echten Werkstatt echtes Metall. Nur dass Ersterer weißes Hemd und Krawatte trägt – er hat den Sonntagsstaat angezogen, um sich der Kamera von seiner besten Seite zu zeigen! Bei den Lumières ist eben „alles Inszenierung“.


Partie d’écarté, 1896

Einsichten wie diese zu vermitteln, war – auch – das Ziel der partiellen Erneuerung des 2003 eröffneten Museumsparcours. Die Frage, wie die frühesten Filme überhaupt aussahen, wird hier auf gleich drei Ebenen beantwortet. Einer verspielt-spektakulären: Leicht zeitversetzt poppen sämtliche 1422 kommerzialisierte „bewegte Fotoansichten“ der Lumières nebeneinander auf einer weißen Wand auf, wie Pixel eines am Ende doch unerkennbaren Schwarzweißbilds. Einer genuin filmischen: Kurze und kürzeste Ausschnitte aus rund zweihundert Titeln flimmern zu einer Musik von Jean-Michel Jarre über acht Bildschirme – wie ein Clip, in dem ein Trupp über Gletschereis schlitternder Bergwanderer einer Akrobatenfamilie nachfolgt und Loïe Fullers Serpentinentanz der Danse macabre zweier Knochenmänner vorangeht. Und einer systematisch-dokumentarischen: Auf Touchscreens können vierundsechzig ausgewählte Filme visioniert werden, eingeteilt in acht Kategorien wie „Kinderszenen“, „Im Ausland“ oder „Tanz, Zirkus und Kabarett“. Darüber hinaus werden Parallelen gezogen zum Piktorialismus, einer an die Malerei angelehnten Stilrichtung in der Fotografie, die zur Entstehungszeit des Films ihren Zenit erreichte. Vier Filmchen verweisen so mehr oder weniger deutlich auf Tableaus von Millet, Manet, Cézanne sowie des Impressionisten Georges d’Espagnat.


Modell in Puppenhausgröße des Salon indien am Pariser Boulevard des Capucines, in dem am 28. Dezember 1895 die erste Kinovorstellung stattfand. (Bild: zit.)

Auch die Vorgeschichte des Kinos wird thematisiert, mit einer Sammlung von Apparaten, die den Laien zum Teil anmuten wie Hundesärge mit Henkeln oder Pastamaschinen-Prototypen. Clou ist hier der Cinématographe N. 1, der für seinen Teil bereits aussieht wie eine richtige Projektionsmaschine. Während der ersten Pariser Kinovorstellungen im Dezember 1895 versetzte er das Publikum in Raserei. Der spätere Cineast Georges Méliès fand damals seine Berufung: „Wir waren alle stumm, wie vom Schlag getroffen, verblüfft, wie man es mit Worten gar nicht ausdrücken kann. Am Ende tobte der Saal.“


Mit Abstand das eindrucksvollste Stück der Sammlung von Proto-Kinoapparaten ist dieser Zoetrop der Plastikerin Emilie Tolot. 384 Figuren vollführen auf einer drei Meter weiten Kreisfläche, die sich unter Stroboskoplicht immer schneller dreht, „kinematographische“ Bewegungen.

Doch auch die erstaunliche Karriere der Lumière-Brüder wird nachgezeichnet – befindet sich das Museum doch in der Villa, die ihre Eltern um die Jahrhundertwende hatten errichten lassen. Ein Herrenhaus mit allen Insignien des frisch erworbenen Wohlstands: Türmchen, Marmorbüsten, Jugendstildekor… Der Vater übte mit steigendem Erfolg das Handwerk des Fotografen aus. Sein Jüngster, Louis, erfand siebzehnjährig eine Gelatine-Trockenplatte: Ihr reißender Absatz unter dem Beinamen „Blaues Etikett“ („Étiquette bleue“) begründete das Familienvermögen. 1882 eröffneten die Lumières im Lyoner Monplaisir-Viertel eine Fabrik, die zehn Jahre später die zweitgrößte der Welt war, nach jener von George Eastman (Kodak) in den USA. 1894 stießen Vater und Söhne auf das Kinetoskop von Thomas Edison, einen Guckkasten, der Filme zeigte – und beschlossen, die individuelle Visionierung mittels Projektion auf Leinwand zu vermassen. Was ihnen schon im Folgejahr mit dem Kinematographen gelang.


Der Vater, Antoine Lumière, stilisierte sich auf dieser Aufnahme von 1872 zum Kunstfotografen. (Bild: Coll. Institut Lumière)

Doch die Brüder gaben die Filmproduktion bereits 1905 auf. Ihre Interessen waren vielseitig. Louis entwickelte lebenslang mit – auch kommerziellem – Erfolg Methoden zur Aufnahme von Farbfotos und erfand bereits 1899 Apparate zur Produktion und Projektion von 360-Grad-Bildern. Gemeinsam stellten die Brüder um 1920 staunenswerte Relief-Fotografien her, Vorgänger der Hologramme, und drehten 1935 ein 3D-Remake ihres vierzig Jahre zuvor entstandenen Klassikers „L'Arrivée d'un train en gare de La Ciotat“ („Die Ankunft eines Zuges auf dem Bahnhof in La Ciotat“). Auguste, dessen Forschungseifer primär der Medizin galt, ersann unter vielem mehr einen fetten Verband, der nicht an der Wunde haftete.


Mit Perubalsam: Auguste Lumières Wundverband (Bild: zit.)
Genialer Werbeslogan: „Keine Foto ohne Licht“ – Scout Box, Lux-Box und Lumibox wurden ab 1934 kommerzialisiert. (Bild: zit.)

Die Erfinder des Kinos waren letztlich mehr Entrepreneure als Künstler. Dennoch bestechen viele ihrer „bewegten Fotoansichten“ noch heute durch die Qualität ihrer Belichtung, den Erfindungsreichtum der Einstellungen und die grafischen Kontraste, die sie aus Schwarz-, Weiß- und Grautönen gewinnen.


Diagonale Bildteilung: Die dunklen Töne oben links, die hellen unten rechts. „L’Arrivée d’un train en gare de La Ciotat“ versetzte 1896 Zuschauer:innen in Panik – sie befürchteten, die Lok werde aus dem Bildschirm heraus ins Publikum rasen!
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