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Plattform für die Bühnenkunst und Agora für die Demokratie

Avignon hat endlich ein Museum, das seinem 1947 gegründeten Theater- und Tanzfestival gewidmet ist


Seit Jahrzehnten geht die Rede davon, jetzt ist es endlich so weit. Im ersten Stock der Maison Jean Vilar, ein Ave-Maria vom Palais des Papes entfernt, evozieren tausend Exponate auf 350 Quadratmetern die Geschichte und Gegenwart des Festival d‘Avignon. Das Haus, das den Namen des Gründers der größten Tanz- und Theaterfestspiele der Welt trägt, ist aus dessen Archiven hervorgegangen. Heute hält die Maison Jean Vilar dank einer der Bibliothèque nationale de France angegliederten Spezialbibliothek, dank Lesungen und Künstlerbegegnungen, Filmprojektionen und kleinen Aufführungen das ganze Jahr über die Flamme der dramatischen Kunst im Allgemeinen und des Festival d‘Avignon im Besonderen wach.


Ein chronologischer Fries mit Texten und Bildern resümiert zunächst Jahr für Jahr die Geschichte der Veranstaltung. Der Zufall schlägt oft kuriose Kapriolen: Im Spätsommer 1947 organisierten die Galeristen und Kunstkritiker Yvonne und Christian Zervos eine „Semaine d’art en Avignon“, bei der sie eine Schau zeitgenössischer Malereien und Skulpturen mit Darbietungen französischer Musik sowie mit drei Theateraufführungen (davon zwei des Regisseurs und Schauspielers Jean Vilar) anreicherten – das Ganze „zugunsten der Kriegsversehrten von Avignon“. Diese sahen wohl keinen Centime: Das Unternehmen schloss mit einem deftigen Defizit. Im Folgejahr verlagerte sich der Akzent von der bildenden und tönenden Kunst auf die dramatische. Im Juli wurde da ein „Festival d’art dramatique“ abgehalten, dessen Hauptproduktion „Dantons Tod“ von Georg Büchner war.


Jean Vilar im Ehrenhof des Papstpalasts 1963 (Bild: flickr)
Jean Vilar im Ehrenhof des Papstpalasts 1963 (Bild: flickr)

Der germanophile Festspielleiter inszenierte bis 1964 zumeist selbst. So 1951 einen legendär gewordenen „Prinz Friedrich von Homburg“ sowie Corneilles „Le Cid“, beide mit Gérard Philipe in der Titelrolle. Neben dem Filmstar verpflichtete Vilar Jungtalente wie Michel Bouquet, Maria Casarès, Jeanne Moreau, Philippe Noiret und Jean-Louis Trintignant. In den Sechzigerjahren setzte der Festspielleiter erstmals Gastproduktionen (etwa von Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil) sowie Tanzstücke (namentlich von Maurice Béjart) aufs Programm. Und führte das Festival unbeschadet durch den Aufruhr von 1968, bei dem er selbst schwer (und perfid) angefeindet wurde. Auch schuf er mit den „Rencontres“ ein Podium für den Austausch zwischen kulturpolitischen Entscheidungsträgern, Intellektuellen und Künstlern und lud den Radiosender France Culture nach Avignon ein. Bis heute ist das Festival eine Agora, wo nicht nur über Theater und Kunst, sondern auch über Demokratie und Grundrechte sowie deren Gefährdung diskutiert wird. So charakterisiert der gegenwärtige Intendant, Tiago Rodrigues, den Geist des Unternehmens als „republikanisch, progressiv, ökologisch, feministisch und antirassistisch“ – eine klare Kampfansage an die Rechtsextremen.


Der Ehrenhof 2022 (Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon)
Der Ehrenhof 2022 (Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon)

1971 raffte ein Herzinfarkt Vilar hinweg. Sieben Festspielleiter sind ihm bis heute nachgefolgt. Die Ausstellung arbeitet klar die großen Entwicklungen seit 1947 heraus. Die Cour d’honneur du Palais des Papes, wo alles begann, wurde sechsmal umgestaltet. Die erste Bühne maß keine 30 Quadratmeter und wirkte im Verhältnis zum Riesenraum mickrig. 1954 wurden die Einzelstühle durch Sitzreihen ersetzt, welche ein monströses Fassungsvermögen von bis zu 3798 Zuschauern boten (gegen deren 1947 heute). Seit 1983 werden auch Werke lebender Autoren im Ehrenhof gezeigt – freilich schon länger kein sogenanntes Texttheater mehr, sondern vielmehr Arbeiten aus den Sparten „Tanz“ und „Performance“ beziehungsweise „unklassifizierbar“ (wie Kreationen von Romeo Castellucci und Christoph Marthaler) und „unqualifizierbar“ (wie solche von Angélica Liddell und Marlene Monteiro Freitas). Es gibt Gastautoren (wie Nathalie Sarraute 1986), Ehrengäste (wie Martha Graham 1987), Gastländer (wie Indien 1985 oder Russland 1997) und Gastsprachen (wie heuer Arabisch oder nächstes Jahr Koreanisch).


„Inferno“ von Romeo Castellucci im Ehrenhof des Papstpalasts 2008 (Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon)
„Inferno“ von Romeo Castellucci im Ehrenhof des Papstpalasts 2008 (Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon)

Im Zuge der zunehmenden Internationalisierung werden auch nichtwestliche Formen der Bühnenkunst vorgestellt wie jene der pakistanischen Sufis, das südkoreanische Pansori oder das persische Taʿzieh. Die Dauer der Festspiele, die Zahl der Produktionen sowie jene der Spielorte sind stark angewachsen: Dieses Jahr wurden an 22 Tagen auf 19 Bühnen (mit oder – großmehrheitlich – ohne Dach) nicht weniger als 40 Arbeiten gezeigt, bis zu sieben zeitgleich. Endlich thematisiert der Parcours auch den steten, steilen Aufstieg des Off-Festivals seit 1966 – und verrät in einem augenzwinkernden Quiz Fun Facts wie: dass jeder Spielort, der vor wie hinter den Stadtmauern von privater Hand vermietet wird, täglich im Schnitt 7,5 Stücke zeigt, die durch verschiedene Truppen aufgeführt werden; dass die Zahl der Affichen pro Produktion auf 150, jene der Flugblätter auf 5000 beschränkt ist (Avignon ertrinkt trotzdem in buntbedrucktem Papier); und dass die 1400 Truppen des Off der Stadt ein Manna von 400 Millionen Euro bescheren!


Mit Affichen des Off-Festivals tapezierte Gitter entlang einer Straße von Avignon (Bild: Wikipedia)
Mit Affichen des Off-Festivals tapezierte Gitter entlang einer Straße von Avignon (Bild: Wikipedia)

Natürlich zeigt die Schau auch Kostüme (aus Inszenierungen Vilars), Marionetten (aus Produktionen von Peter Brook oder Gisèle Vienne), Affichen, Zeichnungen und vieles Fantasievolle mehr. Pulsierendes Herz des Parcours ist eine traumgleiche Installation, wo eine Schatzkammer von Requisiten periodisch hinter einem raumhohen Vorhang aus schwarzer Gaze aufleuchtet, auf welchen Fotos und Filmausschnitte von 120 Produktionen aus acht Jahrzehnten projiziert werden. Doch beleuchtet die Schau auch unerwartete Aspekte. Etwa Riten wie das Trompetensignal mitsamt Echo und Schwalbenschreien von Maurice Jarre, das seit 1951 den Beginn jeder Aufführung ankündigt. Oder Engagements wie jene für die 1995 massakrierten Bosnier oder für die Bewahrung des einzigartigen französischen Systems der Unterstützung von Zeitarbeitern im Kultursektor 2003.


Die „Trompeten von Avignon“ 

Nicht zu vergessen ein Streiflicht auf das Publikum, das im Guten wie im Schlechten als anspruchsvoll gilt, durchmischter ist als jenes anderer Festivals (Arbeiter und Bauern sind trotzdem untervertreten) und 2013 mit einer der beziehungsreichsten Produktionen von Jérôme Bel bedacht wurde. „Cour d‘honneur“ vereinte da ehemalige Zuschauer zwischen 11 und 70 Jahren auf der Bühne des Ehrenhofs, um vor anderen, gegenwärtigen Zuschauern Erinnerungen an Stücke heraufzubeschwören, die die zu Akteuren gewordenen Rezipienten am selben Ort gesehen hatten. So verfestigten sich Fragmente flüchtiger Eindrücke zu einer kollektiven Theatererfahrung – die nach dem Schlussapplaus wiederum in hunderte mehr oder weniger ephemerer Einzelimpressionen aufsplitterte.


Ansicht der Ausstellung (Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon)
Ansicht der Ausstellung (Bild: Christophe Raynaud de Lage / Festival d’Avignon)

 

 

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