„Hamlet“, fernsehpublikumsgerecht
- marczitzmann
- vor 6 Tagen
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Ivo van Hove streicht die Tragödie der Tragödien mit großen Schauspielern der Comédie-Française auf eine Spieldauer von hundert Minuten zusammen
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Shakespeares „Hamlet“ wenig Glück an der Pariser Comédie-Française. Nach einer ersten Produktion 1932, die zehn Jahre drauf mit dem illustren Jean-Louis Barrault in der Titelrolle wiederaufgenommen wurde, verstrichen gut sechs Jahrzehnte, bis es zu einer Neuinszenierung kam. Georges Lavaudant ging das Werk 1994 laut „Le Monde“ als „Meister der Lichtregie und der Personenführung“ an, weniger jedoch als Exeget, der den Text zu deuten versucht hätte. Auf noch weniger Anklang stieß 2013 Dan Jemmetts boulevardeske Vulgarisierung des intrikaten Stücks: eine „lausige Sitcom“, so dieselbe Zeitung. Dabei hätten auch die beiden letztgenannten Aufführungen mit hinreißenden Hauptdarstellern punkten können: mit Redjep Mitrovitsa beziehungsweise Denis Podalydès.
Ivo van Hoves Neuinszenierung, wegen Bauarbeiten im Stammhaus der Comédie-Française am Odéon Théâtre de l’Europe präsentiert, möchte man vor diesem Hintergrund einen halben Erfolg nennen. Was aber auch heißt: ein halbes Scheitern. Der derzeitige Intendant der Ruhrtriennale will laut Grundsatzerklärung den Dänenprinzen als einen Theaternarren zeigen, der sich aus Frustration über die mangelnde Fähigkeit der Bühnenkunst, die böse Welt zu verbessern, radikalisiert und vom „Idealisten zum Aktivisten und reuelosen Mörder“ wandelt.
Das ist in doppelter Hinsicht problematisch. Zum einen überbetont Van Hove „Hamlets fatale Leidenschaft zum Laienspiel“ (so einst der Übersetzer Frank Günther), die bereits im Text klar angelegt ist und sogar dessen offenkundigsten Strang bildet, indem er das Stück stark zusammenstreicht (auf eine Spieldauer von bloß hundert Minuten – so verschwinden Theaterliebhabern teure Figuren wie Osrik, Rosenkranz und Güldenstern sowie der Schädel des Hofnarren Yorick). Und indem er Hamlet zum Zeugen, Zuschauer, ja Inszenator all der beibehaltenen Szenen macht, in denen dieser laut Vorlage gar nicht auf der Bühne ist.
Zum andern lässt sich der Schuldspruch vom „reuelosen Mörder“ nur schwer begründen. Am Tod von Laertes, dessen unwissentliches Instrument er ist, trifft den Prinzen keine Schuld – man hat ihm beim Wettkampf eine in Gift getauchte Klinge in die Hand gedrückt. Laertes‘ Vaters seinerseits, den Staatsrat Polonius, ersticht er zum Ausruf „Wie? was? -ne Ratte?“, als der hinter einem Vorhang versteckte Lauscher während eines Zwiegesprächs zwischen Hamlet und seiner Mutter plötzlich Lärm macht. Anwälte könnten hier mildernde Umstände wie Angst und Überraschung geltend machen; von einem kaltblütigen Mord, gar mit Vorsatz, kann keine Rede sein, zumal der „Täter“ neben herzlosen Sarkasmen über sein Opfer auch wiederholt aufrichtig wirkende Worte der Reue formuliert. Bleibt die Tötung des Königs, seines Stiefvaters – welcher aber unmittelbar davor nicht nur Laertes und den Prinzen selbst vergiftet hat, sondern ungewollt auch die eigene Gattin, Hamlets Mutter. „Tötung im Affekt“ wäre das strengste Urteil für dessen Reaktion auf die tragische Ereigniskette kurz vor dem eigenen Erbleichen – und als das Gift ihm möglicherweise schon den Verstand trübt.

So steht das Regiekonzept von vornherein auf ähnlich „schwachen Schenkeln“ wie Polonius. Was trotzdem herauskommt, ist eine tempo- und spannungsreiche Aufführung, die den vermeintlich fernen Klassiker Jungzuschauern nahebringen mag, welche eher an Fernsehserien gewöhnt sind. Es gibt wie in einem Film ein In- und ein Outro: Auf eine Nah- und Großaufnahme von Hamlets Gesicht, projiziert auf einen raumhohen Vorhang, folgt ein „Urknall“ in einem stilisierten, blutroten Körperinneren. Pierre Routins fast ununterbrochene minimalmusikalische Untermalung wirkt eminent televisuell; und Szenenwechsel werden systematisch markiert durch elektronische „Paukenschläge“ sowie durch weißes Pixelrauschen auf einem Bildschirm im Hintergrund, auf dem in Majuskeln Programmwörter wie „Mord“, „Rache“, „Kämpfen“ und „Töten“ aufflimmern. Bühnenbild und Lichtregie, für die wie gewohnt Van Hoves Partner Jan Versweyfeld verantwortlich zeichnet, sind ihrerseits zugleich ausgespart und wirkungsvoll: sieben Theaterscheinwerfer, die Hamlet einmal auf eine monologisierende Figur richtet, sowie diverse Vorhänge, darunter ein malerischer in verblichenem Altrosa mit silberseidigem Schimmer als Folie für den Monolog „Sein oder Nichtsein?“.

Dazu Einlagen von U-Musik – eine hier etwas gar zügellos ausgekostete Marotte von Van Hove –, die teils Hamlets Geistesverfassung in rabiate Töne fassen (wie Nirvanas Grunge-Song „Negative Creep“), teils Ophelias Lieder ersetzen (so „Everybody Dies“ von Billie Eilish und „L’Enfer“ von Stromae). Wo sie nicht gar an die Stelle einer ganzen Szene treten – im vorliegenden Fall der Theaterdarbietung im Theater, die einer musicalhaften Aufbereitung von Queens „Bohemian Rhapsody“ weichen muss. Der schlüpfrige Kitsch dieser durch Rachid Ouramdane choreografierten Broadway-Parodie verweist klar auf die ähnlich skandalträchtige Kabarettnummer Helmut Bergers in Viscontis Kultfilm „Die Verdammten“ – den Van Hove 2016 mit Truppenmitgliedern der Comédie-Française für den Ehrenhof des Papstpalasts von Avignon adaptiert hat.
Die Darsteller, justament. Sie zeugen allesamt von der Hochform, zu der die altehrwürdige Kompanie seit ein paar Jahren zurückgefunden hat. Angefangen mit Christophe Montenez als Hamlet – eine mehr hitzige als zaudernde, rückhaltlose Verkörperung. Jede Hauptfigur erhält hier ein markantes, rollenkonformes Profil: Die Königin (Florence Viala) eine distinguierte Gattin und liebend besorgte Mutter, Polonius (Denis Podalydès, der Comédie-Française-Hamlet von 2013) ein Schwätzer, aber auch sehr präsenter Paterfamilias, sein Sohn Laertes (Jean Chevalier) etwas tumb, aber mit dem Herzen am rechten Fleck. Eine gewisse Eindimensionalität zu durchbrechen ist indes einzig Élissa Alloula und Guillaume Gallienne vergönnt: Sie gibt eine für einmal selbstbestimmte Ophelia, er einen zugleich kopflosen und kühl kalkulierenden König sowie, in einer Doppelrolle, den ungewohnt lebendig leidenden Geist von dessen ermordetem Bruder. Doch große schauspielerische Leistungen machen für sich noch keinen großen Abend.




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