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Eine Tragetasche als Reliquie des Bataclan-Massakers

Frankreich plant seit Längerem, ein weltweit einzigartiges Terrorismusmuseum zu eröffnen. Doch zehn Jahre nach den Pariser Anschlägen vom 13. November 2015 ist die Verwirklichung des Projekts noch immer ungewiss.

 


Am 13. November 2015 ermordeten Dschihadisten in und bei Paris 130 Gäste von Cafés und Restaurants, Besucher eines Fußballspiels und eines Hardrock-Konzerts. Zwei Überlebende waren derart traumatisiert, dass sie ihrem Leben Jahre später ein Ende setzten. Mit offiziell 132 Todesopfern und über 400 Verletzten, jeder vierte von ihnen schwerverwundet, war der 13-Novembre, wie die Reihe der sechs leicht zeitversetzten Attacken in Frankreich genannt wird, nach den Madrider Zuganschlägen vom 11. März 2004 der zweitschwerste Terrorangriff in Europa seit 1945.


Zum zehnten Jahrestag des Blutbads wird es zwischen dem 3. und dem 16. November in Paris eine Fülle von Gedenkveranstaltungen geben: eine offizielle Gedächtnisfeier, ein „Freiheits-Rennen“ über 15 Kilometer hinweg an allen sechs Attentatsorten vorbei, die Enthüllung einer Wandfreske, zwei Theateraufführungen, ebenso viele Museumsschauen sowie vier Fotoausstellungen im öffentlichen Raum. Was letztere angeht, hängen derzeit namentlich vierundzwanzig große Foto- und Texttafeln an den Gittern des Pariser Rathauses. Sie zeigen unter anderem eine im Lauf des Bataclan-Massakers lädierte Tragetasche, einen Sicherheitsgurt des 1989 infolge eines Bombenanschlags im Niger abgestürzten DC-10-Flugzeugs (Nicolas Sarkozy sitzt seit Kurzem hinter Gittern, weil er ab 2005 mit den Verantwortlichen dieses Anschlags einen Verbrecherpakt geschlossen hatte; zwei Blogbeiträge zum Thema hier und hier) sowie eine Karnevalsmaske, deren viele Augen die chronisch erhöhte Wachsamkeit eines Mädchens symbolisieren, das am 14. Juli 2016 in der Menschenmenge der Promenade des Anglais in Nizza rechtzeitig einen 19 Tonnen schweren LKW auf sich und die Mutter hatte zurasen sehen – die „Superkraft“ des aufmerksamen Blicks für die Umgebung hatte beide gerettet.


Schnalle eines Sicherheitsgürtels des Flugzeugs der französischen Fluggesellschaft UTA, das am 19. September 1989 durch eine durch Libyens Geheimdienste eingeschmuggelte Bombe im Niger zum Absturz gebracht wurde. Keiner der 170 Menschen an Bord überlebte. (Bild: Sammlung GIP-MMT)
Schnalle eines Sicherheitsgürtels des Flugzeugs der französischen Fluggesellschaft UTA, das am 19. September 1989 durch eine durch Libyens Geheimdienste eingeschmuggelte Bombe im Niger zum Absturz gebracht wurde. Keiner der 170 Menschen an Bord überlebte. (Bild: Sammlung GIP-MMT)
Karnevalsmaske, die ein Mädchen namens Kenza im Rahmen des schulischen Kunstunterrichts angefertigt hat. Laut der Psychologin, die die junge Überlebende des Terrorangriffs vom 14. Juli 2016 auf Nizzas Promenade des Anglais betreut, verweist das Blau auf jenes des Meeres entlang der Strandpromenade, während die vielen Augen Kenzas chronisch erhöhte Wachsamkeit nach der Attacke verkörpern. (Bild: Sammlung GIP-MMT)
Karnevalsmaske, die ein Mädchen namens Kenza im Rahmen des schulischen Kunstunterrichts angefertigt hat. Laut der Psychologin, die die junge Überlebende des Terrorangriffs vom 14. Juli 2016 auf Nizzas Promenade des Anglais betreut, verweist das Blau auf jenes des Meeres entlang der Strandpromenade, während die vielen Augen Kenzas chronisch erhöhte Wachsamkeit nach der Attacke verkörpern. (Bild: Sammlung GIP-MMT)

Diese Fotoausstellung wird durch das Musée-mémorial du terrorisme (MMT) ausgerichtet, ein Museum mitsamt Gedenkstätte, das es noch nicht gibt. Oder nur in einem Frühstadium seines Entwicklungszyklus‘: Als eine Raupe namens „mission de préfiguration“ („Vorgestaltungsgruppe“), die noch einer festen Hülle – sprich: einer Behausung – harrt, um sich darin als Puppe einnisten und in einen Museumsfalter verwandeln zu können. Ob dieser je die Flügel ausbreiten wird? Das MMT blickt trotz seines zarten Alters bereits auf eine wechselreiche Geschichte zurück.


Hervorgegangen ist es aus den dschihadistischen Attentaten der Jahre 2015 und 2016 – Stichworte „Charlie Hebdo“, „Bataclan“ und „Nizza“. Der islamistische Terrorismus, der Frankreich schon in den Achtziger und vor allem Neunziger Jahren heimgesucht hatte, war 2012 wiederaufgeflammt. Aber ab 2015 gingen die Opfer in die Dutzende, ja Hunderte – allein in den beiden genannten Jahren wurden 240 Menschen durch Gotteskrieger von eigenen Gnaden ermordet.


Keine glücklichen Stunden: 36 Minuten nach dem Ende der Happy Hour wurden am 13. November 2015 im Café La Belle Équipe im 11. Pariser Arrondissement 21 Gäste, die bei lauen Temperaturen auf der Terrasse Bier und Cocktails für 5 Euro tranken, durch Terroristen erschossen. (Bild: Sammlung GIP-MMT)
Keine glücklichen Stunden: 36 Minuten nach dem Ende der Happy Hour wurden am 13. November 2015 im Café La Belle Équipe im 11. Pariser Arrondissement 21 Gäste, die bei lauen Temperaturen auf der Terrasse Bier und Cocktails für 5 Euro tranken, durch Terroristen erschossen. (Bild: Sammlung GIP-MMT)

So instituierte die damalige Justizministerin 2018 ein Komitee, um über Mittel und Wege nachzudenken, die Terrorismusopfer anzuerkennen und zu ehren. Dieses schlug unter anderem die Schaffung eines Gedenktags und eines Museums mitsamt Memorial vor. Präsident Macron bestimmte daraufhin, einer Initiative der EU-Kommission aus dem Jahr 2005 folgend, den 11. März, den Jahrestag der Madrider Zuganschläge, zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Terrorismus‘. Mit der Leitung der Vorgestaltungsgruppe des künftigen Museums wurden der Historiker Henry Rousso als Präsident und die Justizbeamtin Élisabeth Pelsez als Generaldirektorin betraut. Der heute siebzig Jahre alte Rousso hat nicht nur an führenden Universitäten und Grandes Écoles in Frankreich, den USA und Deutschland zu Themenkomplexen wie „Schoa“, „Vichy“, „Negationismus“ (er prägte den Begriff 1987), „kollektive Erinnerung“ und „Zeitgeschichte“ geforscht und gelehrt. Er saß auch im wissenschaftlichen Beirat von Museen wie dem Historial de Péronne, dem Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig, der Gedenkstätte Buchenwald; heute präsidiert er jenem des Centre de la mémoire von Oradour-sur-Glane.


Am symbolträchtigen Datum des 11. März 2022 legten Rousso und seine kleine Equipe Emmanuel Macron das Museumskonzept vor. Nach der Lektüre des 148-seitigen Dokuments ist klar: Das Projekt, so es verwirklicht wird, ist einzigartig – und dürfte Frankreich zur Ehre gereichen. Im Gegensatz zum Halbdutzend existierender Terrorismus-Museen in New York, Oklahoma City, Oslo, Ustica (bei Bologna) und Vitoria-Gasteiz (im spanischen Baskenland) soll das MMT den Fokus nicht auf ein einzelnes Attentat, ein einziges Land oder eine spezifische Epoche richten. Vielmehr wird es den Terrorismus seit der Erfindung des Begriffs im Jahr 1794 beleuchten (das Wort war damals auf die Anhänger Robespierres gemünzt). Und das über die Ländergrenzen hinweg.


Nach einem „Panorama des Terrorismus‘“, das die über 200 000 seit dem Ende der Sechzigerjahre verzeichneten Attentate weltweit evoziert (eine interaktive Datenbank dokumentiert hier sämtliche 4300 seit 1974 begangenen Anschläge im Inland sowie all jene mit französischen Opfern im Ausland), werden so diverse Spielarten des Terrorismus‘ unter die Lupe genommen: der nationalistische und antikapitalistische der siebziger und achtziger Jahre in aller Welt, der rote im Europa und insbesondere in der BRD, im Frankreich und Italien der bleiernen Zeit, der regionalistische im Baskenland und in Korsika, der staatliche Libyens und Irans, endlich jene der Islamisten und der Rechtsextremen. Eine zweite Großsektion gibt den Opfern eine Stimme und beleuchtet ihre Leidenswege hin zur erhofften Heilung; eine dritte untersucht die Reaktionen betroffener Gesellschaften, vom Schock der ersten Medienberichte über kurz- oder langfristige Antworten der Bürger und ihrer politischen Vertreter bis hin zur Verarbeitung der Attacken durch Prozesse, aber auch durch Kunstwerke.


Dynamit in der Unterkammer: ein Zeitungsbericht zu einem anarchistischen Anschlag im Parlament 1893 (Bild: Sammlung GIP-MMT)
Dynamit in der Unterkammer: ein Zeitungsbericht zu einem anarchistischen Anschlag im Parlament 1893 (Bild: Sammlung GIP-MMT)

Wechselausstellungen sollen das Bild mit Fokussen vervollständigen – als mögliche Themen genannt wurden anarchistische Anschläge seit dem 19. Jahrhundert, die Betreuung von Opfern in der EU, der Terrorismus in Fernsehserien oder die Notfallmedizin. Ein separates Memorial listet endlich die Namen der rund 850 französischen Todesopfer des Terrorismus‘ seit 1974 auf – in jenem Jahr wurde das erste „blinde“ Attentat seit dem Algerienkrieg begangen, damals beginnt, juristisch gesehen, der Anspruch auf Staatshilfe. Möglicherweise werden hier auch Fotoporträts von Opfern zu sehen sein.


Bei null anfangend, hat das MMT eine Sammlung aufgebaut, die heute rund 2500 Stücke zählt. Manche von ihnen erzählen unmittelbar eine Geschichte, wie jene Gitarre ohne Saiten, deren Bauer, der im 11. Pariser Arrondissement etablierte Instrumentenmacher Romain Naufle, vor der Fertigstellung im Bataclan ermordet wurde. Andere werden – hoffentlich – nie im musealen Rahmen zum Sprechen kommen, wie jene GoPro-Kamera, mit der ein französischer Terrorist 2012 unter anderen Gräueltaten gefilmt hatte, wie er jüdische Kinder in ihrem Schulhof erschoss. Doch gehe es in einem (Extrem-)Fall wie diesem nicht ums Ausstellen, sondern ums Aufbewahren, erklärt Henry Rousso im Gespräch. „Museen haben auch eine konservatorische Funktion – ich weiß nicht, wie die Gesellschaft in einem halben Jahrhundert mit Objekten wie dieser Kamera umgehen wird. Die Aufnahmen, die nazideutsche Soldaten im besetzten Europa gemacht haben, wurden auch erst nach vielen Jahrzehnten öffentlich gezeigt“.


Tasche, die ein Überlebender namens Grégory während des Massakers im Konzertsaal Le Bataclan am 13. November 2015 bei sich trug und die er später von der Polizei zurückerhielt. (Bild: Sammlung GIP-MMT)
Tasche, die ein Überlebender namens Grégory während des Massakers im Konzertsaal Le Bataclan am 13. November 2015 bei sich trug und die er später von der Polizei zurückerhielt. (Bild: Sammlung GIP-MMT)

Grundsätzlich wolle das MMT sowohl Dramatisierung als auch Euphemisierung vermeiden – Letzteres auch auf Wunsch der an der Konzeptionsarbeit beteiligten Opfervereinigungen, die auf Klartext dringen. So sollen Autoren von Attentaten, wo nötig, im Parcours namentlich genannt, ihre Gesichter aber nur sparsam gezeigt werden. Weltweit einzigartig ist laut Rousso, dass der Staat, spezifisch: der landesweit für Terrorismusfälle zuständige Pariser Strafgerichtshof dem Museum Tausende von Sachbeweisen aus abgeschlossenen Gerichtsverfahren anvertraut, die sonst dereinst vernichtet worden wären. Ein weitherum respektierter Justizbeamter außer Dienst, François Molins, zwischen 2011 und 2018 Staatsanwalt an besagtem Tribunal, steht dem Orientierungsrat des MMT vor.


Dagegen ist laut meinen Informationen das Kulturministerium in Teilen und seine derzeitige Leiterin in Gänze dem Projekt abgeneigt. So hat Rachida Dati den auf Mai 2024 angesetzten Beginn der Bauarbeiten jäh gestoppt – das Kulturministerium finanziert zwar bloß 16 Prozent der Gesamtkosten, im Gegensatz zu drei anderen beteiligten Ministerien, die je 28 Prozent beisteuern, doch es fungiert als Bauträger. Ende 2024 annullierte dann der seinerzeitige Premierminister das Projekt ganz; kurz nach Jahreswechsel widerrief wiederum der Präsident diesen Entscheid – eine von vielen Pariser Possen. Im September wurde endlich die seit Längerem bestimmte (ideale) Unterkunft, ein architektonisch bedeutender Schulkomplex aus den Dreißigerjahren am westlichen Pariser Stadtrand, aufgegeben und das Budget für die Umsetzung des Museumskonzepts von 95 Millionen Euro auf deren 75 herabgesetzt (angesichts von Frankreichs Geldmisere dürften es, so das Projekt je verwirklicht wird, noch einmal bedeutend weniger werden). Seitdem wartet die interessierte Öffentlichkeit auf eine präsidentielle Ankündigung, den neuen Standort betreffend. Diese soll demnächst erfolgen.


Um des weltweit beispiellosen Vorhabens willen möchte man Rousso und seiner heute zwölfköpfigen Vorgestaltungsgruppe Erfolg wünschen. Das MMT stellt ein intellektuell aufregendes Modell dar, das zum Teil Neuland betritt. Es wird Gerichtszeichnungen, Bekennerschreiben, Kunstobjekte, Abhörmittel und Mordwaffen sammeln, wissenschaftliche wie konservatorische, pädagogische und therapeutische Funktionen erfüllen, die Vergangenheit, aber auch die Gegenwart beleuchten. So hat Rousso der Terrorismus-Definition des MMT nach dem demonstrativ grausamen Gemetzel der Hamas vom 7. Oktober 2023 – bei dem 51 Opfer mit französischer (Doppel)Bürgerschaft den größten Ausländeranteil bildeten – ein weiteres mögliches, aber nicht hinreichendes Kriterium hinzugefügt: die Absicht, eine Nation zu demütigen. Das Musée-mémorial du terrorisme gibt es noch nicht, aber es ist am Puls der Zeit.



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