Einberufung der „Generösstände“…
... durch empörte Grasset-Autoren nach dem Rauswurf von Olivier Nora
Nach dem jähen Rausschmiss von Olivier Nora, dem Leiter des Grasset-Verlags, Mitte April haben rund zweihundertsechzig Autoren das Pariser Traditionshaus verlassen. Knapp ein Drittel von ihnen beschreibt jetzt in dem Sammelband „La Grande Évasion“, was sie vor, im Moment von oder nach Noras Entlassung gefühlt, gedacht, getan haben. Sie vergleichen sich heute mit Bienen, die stechen, wenn man sie zu erdrücken sucht; mit Ameisen, beseelt von einer kollektiven Energie. Viele von ihnen kannten sich vor dem ominösen 14. April nicht persönlich. Etliche beschreiben sich als vormalige Eigenbrötler, als triste Monaden ohne jedes Engagement. „Vormalig“, weil seit dem Schock von Noras Rauswurf alles anders ist. Der Verleger galt weithin als ein Chef mit Klasse, Feingefühl und natürlicher Autorität. Mehr noch als eine Integrationsfigur, mehr noch als ein mit allen Tugenden gesegneter Patriarch bildete er für viele geradezu ein höheres Wesen.
Sogleich nach dem Bekanntwerden von Noras Rauswurf erfasste Hunderte von Grasset-Autoren der Impuls, aufzustehen und Nein zu sagen. „Ein strukturiertes Nein, das wächst und an sich arbeitet, das Verbindungen schafft, das Ideen und ein Kollektiv hervorbringt“, wie Léonor de Récondo es in ihrem Beitrag zu „La Grande Évasion“ formuliert. Bernard-Henri Lévy umschreibt daselbst die Vereinigung ehemaliger Grasset-Autoren, die seit Mai den Namen „Les États Généreux“ trägt – ein Wortspiel, das auf die Generalstände von 1789 verweist –, ebenso griffig wie bildhaft mit dem Sartre‘schen Begriff der „Gruppe in Fusion“.

Das erste Ziel der „Generösstände“ ist es, den Bösewicht der Geschichte und seine finsteren Pläne anzuprangern. Der Milliardär und Medienmogul Vincent Bolloré soll mit dem distinguierten Diktum „Ich kann nicht mehr mit diesem Arsch, schmeißt ihn mir raus“ Noras Entlassung befohlen haben. Sein Wunschtraum ist die „Union der Rechten“ – was in der Praxis wohl eher die Einverleibung der kärglichen konservativen Trüppchen in die kolossalen Kohorten der Rechtsextremen bedeuten würde. Geht es nach Bolloré, zieht im Mai Marine Le Pen ins Élysée ein. Zu diesem Zweck mobilisiert der katholisch-identitäre Tycoon sein Medienimperium – seit der „Gleichschaltung“ von Fayard 2024 (ein Blogbeitrag zum Thema hier) auch die Verlage der Hachette-Gruppe, deren Hauptaktionär er ist. Im Lauf der Grasset-Affäre ließ Bolloré seine Journaille auf Noras Judentum herumreiten und WhatsApp-Nachrichten der empörten Autoren veröffentlichen, die ein (seitdem enttarnter) Maulwurf ihnen durchgestochen hatte. Ja, er griff selbst zur Feder, um in seinem „Journal du dimanche“ Noras Gehalt publik zu machen und die Protestler als „eine kleine Kaste, die sich über alles und jeden erhaben glaubt“ zu verhöhnen. Nicht von ungefähr ziehen viele Beiträge des Sammelbands Parallelen zur rechtsextremen Presse der Dreißigerjahre.

Doch haben die „Generösstände“ noch ein zweites Ziel. Sie wollen das Statut des Autors revolutionieren. Frankreich zählt rund 350.000 „artistes-auteurs“, von denen ein Drittel ganz vom Schreiben lebt (oder, im Fall von Comiczeichnern, vom Zeichnen). Jeder fünfte von ihnen fristet sein Dasein unterhalb der Armutsgrenze; die Gesetzgebung für Alters- und Krankenversicherung ist archaisch; im „Normal“fall erhält ein Autor magere zehn Prozent des Verkaufspreises; die von Verlagen erworbenen Rechte gelten nicht nur für die Lebenszeit des Autors, sondern volle siebzig Jahre nach dessen Tod. Das alles soll reformiert werden – doch die Verlage sperren sich dagegen. Im Oberhaus des französischen Parlaments haben „Hachette-Senatoren“ (so der Verlagshistoriker Jean-Yves Mollier) im Juni die Einführung einer der journalistischen „Gewissensklausel“ nachempfundenen „Vertrauensklausel“ abgelehnt. Diese soll es Autoren erlauben, mitsamt den Rechten an ihren Büchern das Weite zu suchen, falls ein Verlag – wie Fayard oder Grasset – seine ideologische Linie markant ändert. Der betreffende Gesetzesentwurf soll noch in der Nationalversammlung diskutiert werden.
Derzeit macht Grasset indes aus anderen Gründen Schlagzeilen. Thélyson Oréliens Roman „C’était ça ou mourir“, der auf den ersten Auswahllisten für etliche renommierte französische Buchpreise stand und zum Teil noch immer steht, soll laut der Software Pangram fast zur Gänze durch künstliche Intelligenz verfasst worden sein. Orélien hat auch für „La Grande Évasion“ einen vibrierenden Beitrag über die Kunst und das Ethos des Schreibens beigesteuert. Wir haben diesen in das Detektionsprogramm eingespeist: „100 Prozent KI“.



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