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Schöne neue Literatur

vor 4 Stunden
3 Min. Lesezeit
Zur Debatte über Thélyson Orélien, der einen Erfolgsroman mithilfe von KI geschaffen haben soll


Die Geschichte war gar zu schön. Letzten März veröffentlichten die Éditions du Boréal in Montréal einen Roman des Haitianers Thélyson Orélien, der seit etwa fünfzehn Jahren in Kanada lebt. „C’était ça ou mourir“ errang einen beachtlichen Erfolg in Québec. In Frankreich erwarb das Traditionshaus Grasset die Rechte an dem Werk; seit Ende August sind rund 100.000 Exemplare über den Ladentisch gegangen. In der vierten Septemberwoche stand der Roman auf den Auswahllisten für vier große Literaturpreise: den Prix Femina, den Prix Goncourt, den Prix Médicis und den Prix Renaudot.


Doch dann monierte ein anonymer Post auf X, „C’était ça ou mourir“ sei fast in Gänze durch KI verfasst worden. Dies laut dem Detektionsprogramm Pangram, das die ihm vorgelegten Ausschnitte als „zu 100 Prozent“ KI-generiert einstufte. Sogleich entbrannten drei Debatten. Die erste betrifft die Verlässlichkeit dieser Art von Software. Pangram und ähnliche Programme sind künstliche Hirne, die mit Unmengen menschlich wie maschinell verfasster Texte gefüttert werden. Peu à peu lernen sie so, zwischen den beiden Kategorien zu unterscheiden. Was ihre Kriterien sind und wie sie zu diesen kommen, ist noch unbekannt. Doch zugrunde liegen dem Ganzen statistische Analysen – mit dem Maß an Unsicherheit, das jeder Wahrscheinlichkeitsberechnung innewohnt. Pangram beziffert die Fehlerquote bei französischen Texten, die fälschlicherweise als KI-generiert eingestuft werden, mit winzigen 0,0026 Prozent. US-Universitäten und unabhängige Experten bestätigen, dass die Rate falsch positiver Ergebnisse sehr niedrig ist.


Angst vor dem leeren Blatt? Thélyson Orélien im September 2026 (Bild: flickr)
Angst vor dem leeren Blatt? Thélyson Orélien im September 2026 (Bild: flickr)

Damit verliert die zweite Debatte ein wenig von ihrer Schärfe. Orélien sei angegriffen worden, weil man einem dunkelhäutigen Immigranten nicht zutraue, einen Erfolgsroman zu schreiben. So er selbst wie auch sein französischer Verlag. Verteidiger aus dekolonialen Kreisen schlugen in dieselbe Kerbe – vehement, aber nicht immer treffsicher. Eine ausgewogenere Position vertrat der senegalesische Goncourt-Preisträger Mohamed Mbougar Sarr. Es gebe in Frankreich eine üble Tradition, rassifizierten Schriftstellern das eigene Werk absprechen zu wollen. Zudem werde dunkelhäutigen Autoren, die eines Fehltritts verdächtigt würden, schneller und brutaler der Prozess gemacht als ihren weißen Kollegen. Aber man müsse zugeben, dass manche harsche Kritik an Orélien einer aufrichtigen Verbundenheit mit der Literatur entspringe – genauer: mit dem, was Leser von Autor erwarten dürfen.


Womit wir bei der dritten Debatte wären: Ist es legitim, wenn Verfasser fiktionaler Texte KI verwenden? Puristen sagen: Nein. Pragmatiker befinden: wohl beim Recherchieren vor und beim Redigieren nach der eigentlichen Schreibarbeit, nicht jedoch beim Kern des schriftstellerischen Prozesses, dem Erfinden und Ausformulieren. Gerade Letzteres scheint Orélien indes getan zu haben – ein Experte erklärte, Pangrams Befund „100 Prozent KI“ stehe zumeist für blindes Copy-and-paste aus einer generativen KI. Am Ergebnis scheiden sich die Geister. Kohorten von Kritikern und Legionen von Lesern hat „C’était ça ou mourir“ zutiefst berührt. Den Verfasser dieser Zeilen hingegen mutete der Roman pittoresk und pikaresk, catchy und kurzatmig, vor allem jedoch seelenlos, ja leblos an.


Rund 100.000 Exemplare von „C’était ça ou mourir“ sind bis jetzt in Frankreich über den Ladentisch gegangen. (Bild: flickr)
Rund 100.000 Exemplare von „C’était ça ou mourir“ sind bis jetzt in Frankreich über den Ladentisch gegangen. (Bild: flickr)

Wie auch immer: Die Éditions du Boréal haben Orélien jüngst wegen eines Vertrauensbruchs die Zusammenarbeit aufgekündigt. Nachdem der Autor keine konkreten Belege für seine Behauptung vorlegen konnte, er habe den Text ohne KI verfasst, ließ der Verlag eine unabhängige, eingehende Untersuchung durchführen. In den Metadaten einiger Dokumente seien Spuren von KI-Tags gefunden worden, so ein Kommuniqué vom 21. Oktober. Zu diesem Zeitpunkt war bereits erwiesen, dass Orélien in etlichen früheren Texten grob plagiiert hatte. Überdies schlagen Detektionsprogramme bei den meisten seiner Publikationen seit dem Erscheinen von ChatGPT Ende 2022 – dem ersten weithin verwendeten generativen KI-Programm – positiv an. Ob Grasset den Roman weiter vertreiben wird? Und ob die anderen Lizenznehmer, die das Werk in Übersetzung herausbringen wollten, das nun tatsächlich tun werden?


In Frankreich will Madrigall, die Gruppe um Gallimard, künftig alle Manuskripte auf ihren KI-Gehalt hin prüfen lassen. Andere Verlagskonzerne weigern sich, ihre Autoren „durch den Verdachtswolf zu drehen“, wie es die Leiterin der Rechtsabteilung von Editis formulierte. Doch viele französische Häuser erarbeiten Regeln für den sachgerechten Umgang mit KI.


Ein paar Witzbolde mit Weitsicht machen aus dem Vorwurf indes eine Auszeichnung. Am 16. Oktober gaben sie die Gründung des Prix Pascal bekannt. Der nach dem Philosophen und Erfinder der ersten mechanischen Rechenmaschine benannte Preis soll jährlich ein belletristisches Werk küren, das „mithilfe eines KI-Agenten“ entstanden ist. Anfang Dezember wird erstmals eruiert, wer das beste Stück „KI-teratur“ – nicht ganz eigenhändig geschrieben hat.


Ein Argument aus der Debatte um „C’était ça ou mourir“, sinngemäß: „Alle Literatur ist intertextuell, KI-generierte Texte sind bloß Intertextualität hoch unendlich.“ (Bild: flickr)
Ein Argument aus der Debatte um „C’était ça ou mourir“, sinngemäß: „Alle Literatur ist intertextuell, KI-generierte Texte sind bloß Intertextualität hoch unendlich.“ (Bild: flickr)


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