Da zittern die Schatten
Vor hundert Jahren ist sie entstanden, nun erscheint sie als Prachtband: die „Bibel“ zu F. W. Murnaus Stummfilmklassiker „Faust“
Friedrich Wilhelm Murnaus „Faust – Eine deutsche Volkssage“, einer der großen deutschen Stummfilme, wurde am 14. Oktober 1926 im Berliner Ufa-Palast am Zoo der Öffentlichkeit vorgestellt. In der sechzehnten Minute der restaurierten Fassung, die die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung 2009 erarbeitet hat, wirft der Titelheld eine Bibel ins Feuer. Der grauhaarige Gelehrte, ahnungsloses Opfer einer Wette zwischen dem Erzengel Michael und dem Herrn der Finsternis, hat mit seiner Medizin eine Mutter nicht vor dem Pesttod retten können und mitansehen müssen, wie einen zur Gottesfurcht aufrufenden Prediger dasselbe Los ereilt. „Es hilft kein Glaube, es hilft kein Wissen!“, ruft er aus – und wuchtet den gewaltigen Lederband auf die brennenden Scheite.

Mit besagter Bibel hat es eine besondere Bewandtnis. Der Filmarchitekt Robert Herlth rettete das Requisit seinerzeit vor den Flammen. Er füllte einen Teil der 152 leeren Seiten mit Zeichnungen und mit 412 Fotografien: Filmstandbilder, Aufnahmen von den Dreharbeiten, die der offizielle Fotograf, Hans Natge, gemacht hatte, sowie Ablichtungen von „Entwürfen“ Herlths und seines Kollegen Walter Röhrig zum „Faust“-Projekt. Den 52 Zentimeter hohen und über 12 Kilogramm schweren Band überreichte Herlth nach Abschluss der Dreharbeiten im März 1926 seinem Meister Murnau.
Nach dem Unfalltod des Regisseurs 1931 ging die „Faustbibel“ – wie der Foliant unter Filmhistorikern genannt wird – nebst Drehbüchern, Dokumenten und Memorabilien an dessen Bruder über. Dieser versteckte das Konvolut während des Kriegs in diversen Kellern – leider ausgerechnet in Berlin. Was dort nicht infolge von Bombardierungen unter Wasser gesetzt wurde, fiel zum großen Teil Plünderern in die Hände. Die deutsche Exilantin Lotte H. Eisner, seit 1937 Mitarbeiterin der Cinémathèque française und nach Kriegsende mit dem Aufbau einer Sammlung für deren künftiges Museum betraut, spürte 1957 Murnaus Bruder auf. Durch Herlth war die „Eisnerin“ (so der ihr von Bertolt Brecht verliehene Spitzname) bereits auf die Spur der „Faustbibel“ gebracht worden. Doch starb sie 1983, ohne den verwunschenen Wälzer lokalisiert zu haben.

Heute wissen wir, dass Engelbert von Mallinckrodt, der 1961 an der Berliner Akademie der Künste die erste Murnau-Ausstellung mitorganisierte, den Lederband noch vor deren Eröffnung einem Gasthausbesitzer abgekauft hatte. Als Mallinckrodt wenig später spurlos verschwand, zog sein Mitbewohner mitsamt der „Faustbibel“ in ein anderes Logis. Und lagerte den Band ein halbes Jahrhundert lang auf einem Schrank, in Papier verpackt. Bis ein Historiker den verschollenen Schatz endlich zu bergen vermochte. Und die Cinémathèque française ihn 2017 erwarb.
Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums von Murnaus „Volkssage“ veröffentlicht Frankreichs Kinemathek die „Faustbibel“ jetzt im neuen MUBI-Verlag – auf Französisch oder Englisch, nicht aber auf Deutsch. Beiträge von Laurent Mannoni, Stefan Drössler und K. J. Relth-Miller informieren über die Entstehung der „Bibel“, über jene des „Faustfilms“ und über Murnaus Einfluss auf die Filmkunst bis heute. Kern der großformatigen, ebenso gepflegten wie gehaltvollen Publikation ist die Reproduktion des gesamten Inhalts der „Faustbibel“, für bessere Lesbarkeit leicht umarrangiert und von Leerseiten sowie Dubletten bereinigt.

Der Band ist zum einen ein Dokument ersten Ranges über den Entstehungsprozess eines Murnau-Films – was umso höher zu schätzen ist, als der Regisseur fremde Blicke scheute und etwa für „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“ (1922) kein einziges Bild vom Set bekannt ist. Im Fall von „Faust“ sehen wir, wenn auch nicht alles, so doch sehr vieles: die Sonnenbrillen gegen das grelle Licht, die Gasmasken gegen Dämpfe aller Art, die beiden Kameras, mit denen – wie bei Stummfilmen häufig – zeitgleich gedreht wurde. Aber auch den Pianisten, der einzelnen Szenen Rhythmus und Stimmung verlieh, oder die Rampe, auf der ein Wägelchen die Kamera in der „Weltflug“-Szene über Miniaturlandschaften hinweggleiten ließ.
Zum anderen jedoch spiegeln die Schwarzweißzeichnungen von Herlth und Röhrig die Ästhetik des Films wider: eine Mischung aus Expressionismus – schiefe Perspektiven, schräge Blickwinkel, scharfe Hell-Dunkel-Kontraste – und den Bildwelten alter Meister, von Dürer und Caravaggio über La Tour und Rembrandt bis zu Caspar David Friedrich. Wiewohl statisch, biegen sich auch in diesen Zeichnungen die Fluchtlinien, ondulieren die Umrisse, zittern die Schatten und flackert das Licht.

La Bible de Faust. MUBI Editions, London und New York 2026. 354 S., Euro 85.-.



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