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Hunderte von Autoren verlassen Grasset…

… und die Proteste mehren sich gegen Bollorés Kulturkrieg. Nur das rechte Lager schweigt.

 


Seit der gewaltigen Erschütterung, die die Nachricht von Olivier Noras Entlassung nach jahrzehntelanger Leitung von Grasset am 14. April ausgelöst hat, bringen Nachbeben Frankreichs Verlagswelt fast täglich zum Zittern. Binnen anderthalb Tagen einigten sich 115 Autoren des Pariser Traditionshauses darauf, ihre künftigen Bücher anderswo zu veröffentlichen – die Zahl ist seitdem auf über zweihundert gestiegen. „Einmal mehr“, geißelten sie in einem offenen Brief, „sagt Vincent Bolloré: ‚Das ist mein Haus und ich mache darin, was ich will‘, ohne Rücksicht auf all jene, die schreiben, auf all jene, die unsere Bücher betreuen, redigieren, korrigieren, herstellen, vertreiben und verkaufen – und auf all jene, die uns lesen. Wir wollen nicht, dass unsere Ideen, unsere Arbeit Bollorés Eigentum sind. Heute haben wir eines gemein: Wir weigern uns, Geiseln eines ideologischen Krieges zu sein, der zum Ziel hat, Autoritarismus überall in der Kultur und in den Medien durchzusetzen.“


Der rechtsextreme Milliardär und Tycoon Vincent Bolloré hat nach etlichen Medienbetrieben auch bereits eines der Häuser seiner Verlagsgruppe Hachette in den Dienst seines katholisch-identitären Kulturkampfes gestellt: Fayard. Nun schaltet er dieser Tage ein zweites gleich: Grasset. Sollte er dabei die Entzweiung der Autoren des Verlags bezweckt haben, wäre ihm das misslungen. Unter den Unterzeichnern des offenen Briefs finden sich so grundverschiedene Persönlichkeiten wie der feinsinnige Biograph Claude Arnauld und die trashige Romanautorin Virginie Despentes, der reaktionäre Publizist Pascal Bruckner und der queere Ausrufer der Ära der „Pharmako-Pornografie“ Paul B. Preciado, die Reformrabbinerin Delphine Horvilleur, der „Charlie Hebdo“-Anwalt Richard Malka und der größte Philosoph von ganz Saint-Germain-des-Prés, Bernard-Henri Lévy.


Charakteristisches Gelb: Eine Vitrine der Grasset-Buchhandlung in Saint-Germain-des-Prés (Bild: flickr)
Charakteristisches Gelb: Eine Vitrine der Grasset-Buchhandlung in Saint-Germain-des-Prés (Bild: flickr)

Entlassen wurde Nora, weil er sich nicht in sein Verlagsprogramm hineinreden lassen wollte. Aber zu den Auslösern seiner Kündigung zählte die über seinen Kopf hinweg durch die Konzernleitung ausgehandelte Abwerbung Boualem Sansals vor einem Monat. Nora hatte damals, selbst vor den Fait accompli gestellt, Antoine Gallimard vom Transfer des Romanciers zu Grasset informiert – die beiden Verlagsleiter sind mit allen Wassern gewaschene Geschäftsmänner, aber auch Gentlemen. Wie um seinem Konkurrenten Bolloré dessen Mangel an guten Manieren unter die Nase zu reiben, hat Gallimard jetzt gleich nach Noras Entlassung einen offenen Brief veröffentlicht, in dem er seine „totale Solidarität“ mit dem Berufskollegen bekräftigt und das Postulat der verlegerischen Neutralität erhebt: „Wo Politik sich im Streben nach Macht erschöpft, ist sie Gift für das Verlagswesen“. Eine klare Kritik an Bollorés Instrumentalisierung seiner Verlags- und Medienhäuser zu Wahltrommeln für den rechtsextremen Rassemblement national im Hinblick auf die nächstjährigen Präsidentschaftswahlen.


Am Folgetag doppelte Antoine Gallimard nach und setzte neben rund zweihundert Berufskollegen seine Unterschrift unter einen Text, der Noras „brutalen Rausschmiss“ als Zeichen eines „beispiellosen Umbruchs“ deutet: Ein Medien- und Verlagskonzern mache keinen Hehl aus seinen politischen Absichten und führe offen einen kulturellen und ideologischen Krieg. Aus dem Herzen ebendieses Konzerns drangen über hundert Stimmen zu „Le Monde“ und gaben in dessen Spalten ihrer Sorge um die Schaffensfreiheit Ausdruck. Am Schluss richteten die – aus Furcht vor Repressalien anonym bleibenden – Hachette-Angestellten einen Hilferuf an die Politik. Doch während die gesamte Linke empört aufschreit, kommt aus dem rechten Lager kein Ton.


Sind diese stummen Volksvertreter, fragte Thomas Legrand in „Libération“, einverstanden „mit der autoritären Machtübernahme in einem Gutteil der französischen Verlagswelt durch einen selbsternannten Soldaten Christi? Oder haben sie Angst? Das Ergebnis ist dasselbe: ein geistiges Bündnis zwischen Bürgerlichen und Rechtsextremen.“ Zwei Ausnahmen im konservativen Konzert des Schweigens: Die Präsidentin der Region Île-de-France, Valérie Pécresse, und Staatspräsident Macron. Dieser rief an der Pariser Buchmesse zur Verteidigung der verlegerischen Vielfalt auf.


Emmanuel Macron an der Pariser Buchmesse am 17. April (Bild: flickr)
Emmanuel Macron an der Pariser Buchmesse am 17. April (Bild: flickr)

Für die Fayard- und Grasset-Flüchtlinge beginnt der Kampf erst: Sie wollen die Rechte an ihren Büchern zurückerlangen. Und dringen auf die Schaffung einer Gewissensklausel, wie es sie für Journalisten gibt: Wird ein Verlag durch einen Aktionär übernommen, dessen Ideologie die unter Vertrag stehenden Autoren nicht teilen, sollen diese unter akzeptablen Konditionen gehen können – samt ihren Werken.



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