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Kultur kaum ein Thema

Aktualisiert: 17. März

Zur ersten Runde der Kommunalwahlen in Paris


Kultur spielt in Paris eine Rolle, die man gar nicht hoch genug veranschlagen kann. Das Angebot ist von einer Dichte und Güte wie in kaum einer anderen Stadt der Welt. Kraft der Verdienst- und Schaffensmöglichkeiten, die es Kulturarbeitern und Künstlern bietet, übertrifft Paris heute laut Kennern der betreffenden Standorte sogar wieder London und Berlin. Über seine gut 2 Millionen Bewohner und deren über 10 Millionen Nachbarn in der Île-de-France schüttet die Lichterstadt ein Füllhorn an Kunst-, Film-, Theater-, Musik- und vielen anderen Veranstaltungen aus, das glücklich überforderte Beobachter von einem goldenen Zeitalter schwärmen lässt. Dieses scheint immer wieder einmal bedroht zu sein, durch eine Wirtschaftskrise, eine Pandemie, vor allem durch die Misswirtschaft an der Staatsspitze. Aber trotz zunehmend knapper Mittel halten die meisten Institutionen die Flamme bis heute am Brennen.


So verwundert es, dass Kultur im Kampf für die Kommunalwahlen, deren erste Runde gestern stattgefunden hat, von den Kandidaten und deren Parteien nur ganz am Rande thematisiert wurde. Gewiss: die Großmehrheit – laut manchen Quellen: 80 Prozent – des Pariser Kulturangebots wird durch den Staat getragen, nicht durch die Stadt. Aber die Gemeinde finanziert doch in Gänze zwölf Museen (darunter der Petit Palais, das Musée Carnavalet, das Musée d’art moderne de la Ville de Paris), fünfzehn Theater (etwa das Théâtre de la Ville oder das Théâtre du Châtelet), achtzehn Konservatorien sowie zweiundsiebzig ebenso gut funktionierende wie stark besuchte (Leih)Büchereien – von zahllosen gemeinsam mit anderen öffentlichen und/oder privaten Geldgebern finanzierten Institutionen, Veranstaltungen und Projekten ganz zu schweigen. Zwar werden nicht einmal 5 Prozent des städtischen Gesamtbudgets von rund 10 Milliarden Euro auf Kulturausgaben verwendet, was ein um ein Vielfaches kleinerer Prozentsatz ist als in allen anderen französischen Großstädten (die ihrerseits freilich nicht mit staatlichen Institutionen in großer Zahl und von hoher Güte gesegnet sind). Aber in absoluten Zahlen stellt der betreffende Budgetposten doch eine stattliche halbe Milliarde Euro dar.


Ein Feuerwerk von Kulturideen zündete trotzdem keiner der fünf Anwärter auf das Bürgermeisteramt, die nach der ersten Wahlrunde noch im Rennen sind. Der Sozialist Emmanuel Grégoire, mit 38 Prozent der Stimmen klar in Führung, will das Lesen von Büchern fördern, ein Haus der feministischen Künste und Kulturen gründen, einen „Kulturpark“ zwischen Champs-Élysées und Tuilerien schaffen und den angrenzenden Banlieue-Städten mit einem jährlichen „Festival der Pforten von Paris“ die Hand reichen. Die Linksextreme Sophia Chikirou (11,7 Prozent) verwahrt sich gegen die Vermarktung des Bauerbes und des öffentlichen Raums, von welcher laut ihr in Kunststiftungen verwandelte historische Gebäude wie die Bourse de Commerce (Pinault Collection) oder die Grands Magasins du Louvre (Fondation Cartier) zeugen, wie auch die geplante Umgestaltung der Champs-Élysées unter der Leitung des Generalsekretärs der LVMH-Luxusgüterkonzerns.


Emmanuel Grégoire am Sonntag beim Verlassen der Wahlkabine (Bild: flickr)
Emmanuel Grégoire am Sonntag beim Verlassen der Wahlkabine (Bild: flickr)

Das mit Abstand originellste Kulturprogramm legt der Liberale Pierre-Yves Bournazel (11,3 Prozent) vor: Schaffung einer Villa Niki (benannt nach der Bildhauerin Niki de Saint Phalle) zwecks Förderung des Gegenwartsschaffens in der Art der Villa Médicis in Rom und eines LGBTQIA+-Zentrums wie in den Konkurrenzstädten Berlin und London, Einrichtung von „Zonen für kreative Unternehmen“ mit Steuererleichterungen sowie Einführung einer Art einprozentiger Kulturtaxe auf alle öffentlichen Bauprojekte im Pariser Großraum, deren Budget 10 Millionen Euro übersteigt. Die Rechtsextreme Sarah Knafo (10,4 Prozent) und die Rechtspopulistin Rachida Dati (25,5 Prozent) setzen dagegen eher zopfig auf die Ankurbelung des Kunsthandwerks durch Renovierung von Kirchen beziehungsweise auf ein „Volksfest der darstellenden Künste“.


Datis Kulturprogramm ist mit bloß neun Vorschlägen (darunter zwei betreffend längere Öffnungszeiten von Museen und Bibliotheken) das ideenloseste von allen. Dabei sah Macrons letzte Kulturministerin zwischen ihrer Ernennung im Januar 2024 und ihrem Rücktritt im Februar dieses Jahres das Ministeramt kaum verhohlen als ein bloßes Sprungbrett für den Posten an, nach dem der Ehrgeiz sie seit Langem zerfrisst: jenes der Bürgermeisterin der Lichterstadt. Doch trotz 25 Monaten Zeit, um sich vorzubereiten, ist ihr am Ende nichts Originelleres eingefallen als das Ausrichten sommerlicher Konzerte, Performances und Filmprojektionen auf begrünten Dachterrassen (sic).


So widerspiegelt ihr „Kulturprogramm“ in seiner Dürftigkeit ihr Wirken als entsprechende Ministerin. Auf viele Ankündigungen folgten da wenig Umsetzungen – etwa im Fall der Projekte „Kultur auf dem Lande“, „Kulturpass“ und „Denkmalschutz“ (laut der Satirezeitung „Le Canard enchaîné“ sind die Geldmittel für die Renovierung von Baudenkmälern in den zwei letzten Jahren um rekordverdächtige 24 Prozent gefallen). Auf die Spitze trieb das Prozedere im Dezember die Beauftragung von Philippe Jost, der seit 2023 den Wiederaufbau von Notre-Dame geleitet hatte, mit einer Mission zur „tiefgreifenden Reorganisierung“ des krisengebeutelten Louvre – welches Vorhaben nie den Beginn einer Konkretisierung erfahren hat und im Februar sang- und klanglos annulliert wurde!


Rachida Dati am Sonntag im Hauptquartier ihrer Kampagne (Bild: flickr)
Rachida Dati am Sonntag im Hauptquartier ihrer Kampagne (Bild: flickr)

Womöglich der eigenen Unfähigkeit bewusst, mied Dati als Regierungsmitglied das Festival d’Avignon, wo sich seit Jahrzehnten jeder Kulturminister im Juli zeigt, und verweigerte als Anwärterin auf den Pariser Bürgermeisterposten jede Debatte mit Konkurrenten. Ihr mäßiges Abschneiden in der ersten Wahlrunde und die Tatsache, dass zwei weitere Vertreter des rechten Lagers die 10-Prozent-Hürde für die Teilnahme in der zweiten Runde zu nehmen vermochten, verringern ihre Chance auf Erfolg. Sollte Dati wider Erwarten doch gewählt werden, droht eines von mehreren gegen sie laufenden Justizverfahren, sie schon im September hinter Gitter zu bringen.



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