Halbe Erleichterung
- marczitzmann
- vor 18 Stunden
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Frankreichs Kulturwelt darf aufatmen, dass der rechtsextreme Rassemblement national nach den Kommunalwahlen bloß zwei größere Städte hält
„Kommunalwahlen: große Konfusion“ überschrieb die Onlinezeitung „Mediapart“ in der Nacht auf heute Montag einen Bericht über die Ergebnisse der zweiten Runde der französischen Gemeindewahlen. Tatsächlich beanspruchte jede Partei in der einen oder anderen Form einen „Sieg“ – sogar der im steten Niedergang begriffene Parti communiste français, der zwei wichtige Bastionen verloren, dafür aber Nîmes mit seinen über 150.000 Einwohnern zurückerobert hat. Das Land wirkt so zerrissen, seine Bürger scheinen so zerstritten wie eh und je seit dem Beginn von Emmanuel Macrons zweitem Mandat 2022.
Sicher ist nur eines: Frankreichs Künstler und Kulturschaffende sind halb erleichtert. Ihr Herz schlägt links – und flatterte nervös angesichts der Aussicht einer Übernahme größerer oder gar großer Städte durch den rechtsextremen Rassemblement national (RN). Dieser hat am Ende bloß eine Kommune mit über 100.000 Einwohnern zu verteidigen vermocht: Perpignan (gut 120.000 Einwohner), das er seit 2020 hält. Einer seiner Verbündeten, der seit 2024 in libertäre Gefilde weit rechts außen abgedriftete Konservative Éric Ciotti, gewann seinerseits Nizza, mit über 350.000 Einwohnern Frankreichs fünftgrößte Stadt. Aber in Toulon und vor allem in Marseille, wo dem RN eine Zeitlang reale Erfolgschancen zugestanden wurden, unterlag dieser am Ende.

Der Kulturszene bangte vor den Wahlen, weil Kommunen und Gemeindeverbände mit einem kumulierten Kulturbudget von jährlich 9 Milliarden Euro heute die ersten Finanzierer des Sektors sind – weit vor dem Staat, der via das Kulturministerium lediglich die Hälfte dieser Summe verteilt. Und weil der RN in Kulturdingen nicht nur sehr eigene Vorstellungen hat, sondern diese auch auf sehr eigene Art und Weise durchzusetzen versucht. Das Wüten seiner ersten Gemeindevorsteher, die 1995 an der Côte d’Azur gewählt wurden, ist noch in übler Erinnerung: Subventionsstreichungen für Dutzende unliebsamer Vereinigungen, Entlassung eines Theaterdirektors, Abriss einer zeitgenössischen Fontäne, Zumauern eines Konzertsaals, Zensur von Büchereien…
Heutige RN-Bürgermeister gehen weniger berserkerhaft zu Werke. Aber ihre „Wunschkultur“ ist nicht minder reaktionär: Künstlerischer Wert misst sich für sie nach kommerziellem Erfolg; förderungswürdig scheint ihnen allein Populäres, Traditionelles, ja Folkloristisches zu sein; Schaffensfreiheit und Weltoffenheit sind für sie Fremdwörter. Der RN-Kandidat in Marseille skizzierte so ein „Kulturprogramm“ zwischen Fußball- und Feuerwehrmuseum, „Monte-Cristo-Festival“ und provenzalischer Krippenfigurenmesse.

Doch sind Kulturschaffende bloß halb erleichtert, weil Rechtsextreme zwar heute bis auf Perpignan und vor allem Nizza keine Metropolen halten, dafür aber sechzig kleinere Gemeinden landesweit. Bei diesen handelt es sich um Städtchen wie Agde, Carcassonne, Carpentras, Liévin und Menton, vor allem aber um Käffer, die selbst in Frankreich kaum jemand kennt – wer hat schon je von Marles-les-Mines oder von Camaret-sur-Aigues gehört? Doch gerade, weil die betreffenden Kulturinstitutionen kaum über den lokalen Tellerrand hinweg ausstrahlen, sind sie der jeweiligen Gemeinderegierung auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Striche ein RN-Bürgermeister den Chorégies d’Oranges die Subventionen, wie 1995 geschehen, würden alle Medien, die (noch) nicht dem rechtsextremen Medienmogul Vincent Bolloré, der Rüstungsindustriellen-Familie Dassault, dem katholisch-identitären Unternehmer Pierre-Édouard Stérin und ähnlich Gesinnten gehören, empört darüber berichten. Passierte dasselbe einer Vereinigung in Canohès oder Saint-Savin, erführe wohl niemand etwas davon.

Doch betrachten wir das verhalten Positive: Der RN hatte in Dutzenden weiterer Städtchen Aussichten auf Erfolg, darunter in solchen, die nun wirklich jeder im Lande kennt: Aubagne, Calais, Châlons-en-Champagne, Draguignan, Forbach, Frontignan, Gardanne, Grasse, Hyères, Istres, Lens, Narbonne, Sens und viele mehr. Und ist dort gescheitert. In den Metropolen haben Rechtsextreme (Verbündete des RN mitberücksichtigt) schlecht abgeschnitten: In elf der zwanzig größten Städte des Landes lagen sie unter der 10-Prozent-Hürde, die über das Vorrücken in die zweite Wahlrunde entscheidet. Rückschlüsse auf die nächstjährigen Präsidentschaftswahlen lassen sich daraus nur sehr bedingt ziehen. Aber die für die lokale Verankerung zuständige RN-Vizepräsidentin hatte selbst befunden: „Um die Präsidentschaftswahlen zu gewinnen, müssen wir in den Großstädten zulegen und dort 35 Prozent erreichen, wo wir bei den letzten derartigen Wahlen 25 Prozent erzielt hatten.“ Zu diesem Zweck galt es, in den Metropolen Wurzeln zu schlagen. Das ist klar misslungen.



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