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Architektur, die zum Licht hin wächst wie Pflanzenstängel

Ein moderner Baukünstler, nicht nur ein Jugendstil-Raumausstatter: Victor Horta in einer Brüsseler Schau mit Essay- und Werkstattcharakter

 

 

In Belgien ticken die Uhren gern anders. 1996 öffnete die erste Retrospektive mit überregionaler Ausstrahlung zum berühmtesten Architekten des Königreichs, Victor Horta (1861-1947), schon drei Monate vor dessen fünfzigstem Todestag die Tore – und schloss sie am Vorabend des Stichtags. Jetzt doppelt der Brüsseler Palais des Beaux-Arts, wo die Schau seinerzeit ausgerichtet worden war, mit einer zweiten Horta-Ausstellung nach. Aufhänger ist – ein wenig unvermittelt, aber drum nicht weniger willkommen – das Hundertjahrjubiläum der Grundsteinlegung des 2003 neumodisch in „Bozar“ umgetauften Kulturpalasts. Ein Bau, dessen Autor – man ahnt es – Victor Horta heißt.


Doch mit dem Namen des Architekten verbindet das breite Publikum, wenn überhaupt, eine Handvoll Brüsseler Stadthäuser für Jugendstil-Feen, nicht einen Tempel für moderne Musen. Träger und Stützen, Kapitelle und Balustraden des 1928/29 eröffneten Komplexes sprechen die formale Sprache des Stahlbetons – ein Werkstoff, den Horta unverputzt lassen wollte (doch etliches an dem Projekt wurde anders realisiert oder später anders genutzt als ursprünglich gedacht). Auf einem unregelmäßigem Grundstück zwang der Architekt die Programmelemente – ein philharmonischer und ein Kammermusiksaal, Ausstellungsräume sowie Ladengeschäfte – in ein streng orthogonales Raster und organisierte das Ganze nach urbanistischen Prinzipien. Nicht nur, dass der Kulturpalast die obere Stadt des Königs mit der unteren Stadt des Volkes verbindet, die Rue Royale mit der Rue Ravenstein: Sein Inneres evoziert auch Straßen, Plätze, sogar Kreisverkehre. Ja, die einstige Skulpturenhalle wirkt mit ihrer durch dorische Säulen eingefassten Monumentaltreppe, auf die durch ein Glasdach Naturlicht fällt, wie ein öffentlicher Raum im Freien. Und hat gewiss mehr Flair als der einst durch ein Restaurant und eine Patisserie flankierte Haupteingang mit seiner Luxuswarenhaus-Rotunde. Ist es Platzmangel oder Bescheidenheit? Die Schau befasst sich nur ganz en passant mit ihrem nominellen Aufhänger: dem Bau, in dem sie stattfindet. Immerhin wirft der Parcours durch eine panoramische Glasfront einen bewundernden Blick auf die Hall des sculptures hinab – seiner Bildwerke bar heute ein unbehauster, aber nach wie vor grandioser Raum.


Blick auf die Hall des sculptures des Palais des Beaux-Arts; an der Scheibe Fotos von anderen Werken Hortas (Bild: zit.)

Die Eingangs-Trias der dreimal drei Kapitel befasst sich mit Hortas Lebens- und Geisteswelt. Das 1893 errichtete Hôtel Tassel macht hier den Anfang: Es gilt als eine der frühesten Hervorbringungen des Art nouveau. Die Sichtbarkeit der eisernen Trägerstrukturen, die „wasserpflanzliche“ Anmutung des Dekors und die Erhebung eines Wintergartens zum Herzen des Baus zeugen vom Einfluss von Eugène Viollet-le-Duc, von japanischen Estampen beziehungsweise von Hortas Mentor Alphonse Balat, dem Autor der Königlichen Gewächshäuser von Laeken. Aber die Fusion einer Halle mitsamt Treppe, deren Dekor an geschwungene Stängel gemahnt, und eines Wintergartens unter Glasdach zu einem Gesamtkunstwerk, das das Wachstum zum Licht des Wissens hin allegorisiert, ist dem Dialog mit dem Bauherrn entsprungen, einem Universitätsprofessor mit literarischen, philosophischen und auch fernöstlichen Interessen. Hortas Stadthäuser bilden oft derlei gebaute Porträts ihrer Auftraggeber. Diese fand er namentlich in der Freimaurerloge, der er angehörte; zwischen 1901 und 1919 empfing der Architekt seine Kunden in seinem Atelier-Haus an der Rue Américaine, einer Replik der akademischen Bienenstöcke des neunzehnten Jahrhunderts, wo emsige Eleven Meister mit industriellem Ausstoß umschwärmten.


Das Herz der Maison Tassel (Bild: Maxime Delvaux)
Die Doppelfassade von Hortas Haus an der Rue Américaine – das heute das Musée Horta beherbergt – bildete gleichsam ein Aushängeschild. Das verglaste Atelier rechts signalisierte zur Straße hin: Dieser Meister ist auch ein Künstler. (Bild: Maxime Delvaux)

Die nächste Kapitel-Trias beschreibt drei Grundthemen von Hortas Architektur und macht diese je an einem emblematischen Bauwerk fest. Das 1902 vollendete (und 1949 abgerissene) Hôtel Aubecq bildete so die Synthese von zehn Jahren Jugendstil-Schaffen: Ausgehend von einer zentralen Halle unter Glasdach führte darin eine von Panorama-Aussichten gesäumte promenade architecturale via eine Treppe empor zum Tageslicht. Die Magasins Waucquez, 1906 fertiggestellt und acht Jahrzehnte später umgenutzt zum Centre belge de la bande dessinée, reizen ihrerseits das Spiel zwischen Außen und Innen, Natur und Kommerz, Treibhaus-Luft und Warenhaus-Atmosphäre aus. Die durch gewählte Vandalen 1965 zerstörte Maison du Peuple von 1898 endlich gab sich sozialistischer als sozialistisch, womöglich ihrem Auftraggeber zuliebe, der Belgischen Arbeiterpartei. Weder die Stahlstützen der Balkone des Festsaals noch das Metallgerippe der Decke des Cafés waren strukturell notwendig – sie „arbeiteten“ nicht, sondern mimten bloß die Lastenträger.


Nur noch in Form von Schwarzweiß-Erinnerungen fortlebend: Das Hôtel Aubecq… (Bild: Coll. Musée Horta Museum)
… und die Maison du Peuple – hier ein Blick auf den Festsaal (Bild: Coll. Musée Horta Museum)

Hochinteressant (und -brisant) endlich die drei letzten Kapitel, die Hortas Verbindungen zu Vertretern des jungen, blühenden belgischen Kapitalismus‘ beleuchten. Der Architekt war nicht nur für begüterte Anwälte und Akademiker tätig, sondern auch für Großindustrielle wie den Sohn des Gründers des Chemiekonzerns Solvay. Vor allem aber für hohe und höchste Verantwortliche des Kongo-Freistaats (bis 1908 ein persönliches Besitztum des belgischen Königs Leopold II., dann bis 1960 eine Kolonie). So für den Monarchen höchstselbst, der sein afrikanisches Imperium an der Pariser Weltausstellung 1900 durch einen eigenen Pavillon vertreten sehen wollte. Hortas Pläne evozieren einen gigantischen stilisierten Elefantenkopf aus Glas und Metall; die Fundamente waren bereits gegraben, als der Bauherr das Projekt annullierte. Realisiert wurde hingegen das Stadthaus, das der, heute würde man sagen: Generaldirektor des Freistaats in Auftrag gegeben hatte. Das nach ihm benannte Hôtel Van Eetvelde evoziert nicht nur die Flora und Fauna Kongos und verwendet Hartholz aus dessen Wäldern, sondern enthält auch Rezeptionsräume, deren Pracht potenziellen Anlegern die reiche Rendite allfälliger Investitionen in den Freistaat suggerieren sollte.


Zwischen 1894 und 1898 baute Horta für Armand Solvay, den Sohn des Gründers des Chemiekonzerns, dieses Stadthaus. Mit den Hôtels Tassel und Van Eetvelde sowie dem Atelier-Haus steht das Hôtel Solvay heute auf der Unesco-Welterbeliste. (Bild: Maxime Delvaux)
Stilisierter Elefantenkopf: Modell des Pavillons des Kongo-Freistaats für die Pariser Weltausstellung (Bild: zit.)

Die Schau ist keine Retrospektive: Sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr eignet ihr Essay- und Werkstatt-Charakter – Letzterer charakterisiert auch ihr Erscheinungsbild. Sie will Hortas Modernität herausarbeiten, die schon drei einflussreiche Architekturhistoriker der Moderne, Nikolaus Pevsner, Sigfried Giedion und Bruno Zevi, zu ganz unterschiedlichen Interpretationen angeregt hatte. Um den Baukünstler vom Klischee des Schöpfers zweidimensionaler Postkartendekors zu befreien, legt „Victor Horta et la grammaire de l’Art nouveau“ den Akzent statt auf das Jugendstil-Vokabular auf die architektonische Grammatik: auf das Modellieren von Raum und Licht zwecks Schaffung „szenografierter 3D-Erlebnisse“. Einer der beiden Kuratoren, Benjamin Zurstrassen, ist Konservator des Brüsseler Musée Horta. In einer kleinen Schau daselbst spitzt er den Ansatz der Bozar-Ausstellung noch zu. So legt er denkbar eklektische Einflüsse offen wie ägyptische und griechische Antike, Gotik und Neoklassizismus, Charles Garniers Pariser Oper und Joseph Poelaerts Brüsseler Justizpalast. Und betitelt die Schau, verschmitzt und ein wenig provokativ, „Victor Horta versus Art nouveau“.


Werkstattcharakter: Blick auf die Bozar-Schau (Bild: ?)  


Katalog (dreisprachig: Englisch, Französisch und Niederländisch):

Victor Horta et la grammaire de l’Art nouveau (Iwan Strauben und Benjamin Zurstrassen, Hrsg). Mercatorfonds & Bozarbooks, Brüssel 2023. 242 S. Euro 45.-.

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