Kultur-Juwel im Baskenland
- marczitzmann
- 6. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Dez. 2025
Das wiedereröffnete Musée Bonnat-Helleu in Bayonne glänzt mit der hochkarätigsten Kunstkollektion zwischen Paris und Madrid
Bayonne liegt – sehr grob – auf halber Strecke zwischen Paris und Madrid. Die baskisch-gaskognische 53.000-Seelen-Stadt ist bekannt für Schinken, Schokolade und ihre berauschten Sommerfeste. Doch jetzt wurde nach vierzehnjähriger Schließung das grandios renovierte und vergrößerte Musée Bonnat-Helleu wiedereröffnet – was es dem Geburtstort des Trainers der französischen Fußballnationalmannschaft, Didier Deschamps, erlaubt, auch mit einem Kultur-Juwel zu brillieren. Die ganze Welt kann, die ganze Kunstwelt sollte sogar anreisen, um ein Diktum des früheren Louvre-Direktors Pierre Rosenberg auf seinen Wahrheitsgehalt hin abzuklopfen: Das städtische Musée des beaux-arts besitze „eine Sammlung, die zwischen Paris und Madrid nicht ihresgleichen kennt“.




Diese Kollektion wurde im Wesentlichen durch Privatleute gebildet. Zwei von ihnen trägt das Museum im Namen. Léon Bonnat (1833 bis 1922) genießt noch heute in Frankreich ein gewisses Renommee als „Porträtmaler der Dritten Republik“ (so der Titel des ersten Bands des durch Guy Saigne herausgegebenen Catalogue raisonné). Er verewigte Hundertschaften von Honoratioren und Grandes Dames – Bankiers und Dichter, Generäle und Prinzessinnen, Wissenschaftler und Staatspräsidenten. In einer großen Galerie stechen Bonnats zugleich prächtige und persönliche, mitunter gar psychologisierende Porträts – namentlich jene hochsituierter Grazien unterschiedlicher Reifegrade – Arbeiten desselben Genres von Schülern wie dem süßlichen Denis Etcheverry oder dem hölzernen Eugène Pascau klar aus.


Doch gibt es auch einen Bonnat „jenseits der Porträts“, was nicht nur der so betitelte zweite Band des Catalogue raisonné zeigt, sondern im Museum auch ein Korridor mit religiösen Tableaux, Kopien alter Meister sowie italienischen Genrebildern und orientalischen Skizzen. Einzig den Sänger der baskischen Landschaften sucht man hier vergebens – doch das benachbarte, komplementäre Musée basque, ein in jeder Hinsicht immenses Haus, veranschaulicht auch diesen letzten Aspekt mit einer Pegarra-Tonkrug-Trägerin auf einem Landweg zwischen Licht und Schatten, falbem Lehmton und dunklem Baumgrün.
Der zweite Namengeber des Museums ist Paul Helleu (1859 bis 1927). Ein etwas fader Maler und subtiler Radierer, dessen Dandytum und Hingezogenheit zu Yachten wie zum bevorzugten Modell, der Gattin Alice, entsprechende Züge des Malers Elstir in Marcel Prousts Romanzyklus „À la Recherche du temps perdu“ inspiriert haben. Der Parcours restituiert seinen salon-atelier mit Empire-Möbeln und zeituntypisch weißen Wänden, vor denen sich Porträts in Öl von Alice durch ihren malenden Gatten und in Bronze von beider Tochter Paulette durch den Bildhauer Paul Troubetzkoy abheben. Als Letztere 2009 hochbetagt verstarb, vermachte sie dem daraufhin mit ihrem Mädchennamen ergänzten Musée Bonnat 330 Kunstwerke. Und noch zwei weiterer Erblasser gedenkt das Haus mit artistischen Arrangements jeweiliger Sammlungsstücke: des 1936 verstorbenen Fotografen Antonin Personnaz und des 1992 durch die Folgen einer Aidsinfektion dahingerafften „Trödlers“ – so seine Selbstbezeichnung – Jacques Petithory.

Dieser, ein Autodidakt mit Kennerblick und eklektischem Geschmack, hinterließ dem Museum neben Möbeln, Skulpturen, Fayencen und Gemälden auch 186 Zeichnungen von Koryphäen wie den italienischen Manieristen Parmigianino, Giulio Romano und Francesco Salviati oder den französischen Schöpfern galanter Feste und gefühliger Genreszenen Watteau und Greuze. Von Letzterem ist in der Ausstellung ein Männerakt in einer ungewöhnlichen Pose zu bewundern: Das Modell seitlich von hinten abgebildet, wie es sich, auf die Zehen gereckt und auf die Hände gestützt, über einen Steinblock beugt.


Petithory bereicherte so eine bereits überreiche Sammlung, hatte Bonnat als hochbezahlter „Porträtist der Dritten Republik“ doch Schätze sondergleichen akquirieren können – mit einem besonderen Gusto für Zeichnungen. Das cabinet d’arts graphiques des Musée Bonat-Helleu ist quantitativ (mit „nur“ 3.500 Arbeiten auf Papier) kleiner, aber qualitativ feiner als jene der meisten französischen – und sogar ausländischen – Museen. Der 2021 erschienene Katalog der deutschen, flämischen und niederländischen Zeichnungen, die erste Publikation seit Langem, die einen Teilaspekt der Sammlung erschöpfend abdeckt, erlaubt es, sich eine Vorstellung von der Güte des Gesamtkonvoluts zu machen. Der Band führt nicht weniger als vierundzwanzig Zeichnungen (zuzüglich acht Stiche) von Dürer auf, acht von Rubens und neun von Rembrandt.

Bei unserem Besuch im Depot zieht die Konservatorin und Restauratorin Cécile Bignon mit gespielter Nonchalance eine Mappe mit neun Arbeiten von Leonardo aus dem Regal (darunter die Federzeichnung des gehenkten Bernardo Bandini dei Baroncelli) – dann eine zweite mit acht Werken von Raffael! Über den Parcours verstreute Vitrinen, manche als „Räumchen im Raum“ begehbar, präsentieren eine – dem fragilen Medium gemäß alle paar Monate wechselnde – Auswahl der Botticellis und Michelangelos, Titians und Tiepolos, Murillos und Zurbaráns, Poussins, Ingres, Géricaults und Delacroix des Museums.



Kaum weniger reich sind die permanent ausgestellten Ölmalereien. Unter vielen Meisterwerken finden sich da zwei erstklassige Gemälde von El Greco, eine Bluttränen weinende „Verzweifelte“ von Ribera, ein Rabbiner von Rembrandt neben einem pausbackigen Alten von Rubens, Simon Vouets exquisit kolorierte „Caritas Romana“, ein schonungsloses Selbstbildnis von Jouvenet, superbe Ingres (darunter die überrascht über die Schulter blickende „Badende“ mit ihrem vielbestaunten Busen, der – anatomisch fragwürdig – unter die linke Schulter gerutscht ist), Thomas Lawrences dämonisches Füssli-Porträt, ein Hippolyte Flandrin zugeschriebener sensibler Männerakt sowie jeweils zwei Bildnisse von Goya und von Degas. Kaum minder bestechen Werke weniger illustrer Künstler wie Dosso Dossi, Alonso Cano, Nicolas-Bernard Lépicié oder Charles Alexandre Coëssin de la Fosse. Endlich punktet das Musée Bonnat-Helleu im Bereich der Bildhauerkunst mit einem weiteren Schatz: Dutzenden von Barye-Tierbronzen mit so originellen Variationen auf das bekannte Thema „Großkatze frisst Paarhufer“ wie „Bär verschlingt Eule“, „Honigdachs sucht Eier“, „Affe reitet auf Gnu“, wo nicht gar der Ariost’schen Dreiergruppe „Roland und Angelika fliegen auf dem Hippogryph“.










Verwendete Literatur:
Musée Bonnat Helleu. Musée d’arts de Bayonne. Beaux-Arts & Cie, Paris 2025. 82 S., Euro 14,50.
Dürer, Rembrandt, Rubens. Catalogue des dessins des écoles germanique, flamande et néerlandaise du musée Bonnat-Helleu à Bayonne. Silvana Editoriale, Milano 2021. 338 S., Euro 39.-.



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