top of page

Kultur-Juwel im Baskenland

Aktualisiert: 20. Dez. 2025

Das wiedereröffnete Musée Bonnat-Helleu in Bayonne glänzt mit der hochkarätigsten Kunstkollektion zwischen Paris und Madrid


Bayonne liegt – sehr grob – auf halber Strecke zwischen Paris und Madrid. Die baskisch-gaskognische 53.000-Seelen-Stadt ist bekannt für Schinken, Schokolade und ihre berauschten Sommerfeste. Doch jetzt wurde nach vierzehnjähriger Schließung das grandios renovierte und vergrößerte Musée Bonnat-Helleu wiedereröffnet – was es dem Geburtstort des Trainers der französischen Fußballnationalmannschaft, Didier Deschamps, erlaubt, auch mit einem Kultur-Juwel zu brillieren. Die ganze Welt kann, die ganze Kunstwelt sollte sogar anreisen, um ein Diktum des früheren Louvre-Direktors Pierre Rosenberg auf seinen Wahrheitsgehalt hin abzuklopfen: Das städtische Musée des beaux-arts besitze „eine Sammlung, die zwischen Paris und Madrid nicht ihresgleichen kennt“.


Der liebevoll sanierte Altbau des 1901 eingeweihten Museums… (Bild: Ville de Bayonne, 2024 – Matthieu Prat)
Der liebevoll sanierte Altbau des 1901 eingeweihten Museums… (Bild: Ville de Bayonne, 2024 – Matthieu Prat)
… und der Erweiterungsbau des Bordelaiser Büros BLP & associés von Olivier Brochet, Emmanuel Lajus und Christine Pueyo in einer angegliederten ehemaligen Schule (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
… und der Erweiterungsbau des Bordelaiser Büros BLP & associés von Olivier Brochet, Emmanuel Lajus und Christine Pueyo in einer angegliederten ehemaligen Schule (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Blick auf den Patio (Bild: zit.)
Blick auf den Patio (Bild: zit.)
Dieses Triptychon von Achille Zo mit Malern (sowie der Malerin Marie Garay links) aus Bayonne ziert das Atrium. In der Mitte sitzend in hellgrau: Léon Bonnat. (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Dieses Triptychon von Achille Zo mit Malern (sowie der Malerin Marie Garay links) aus Bayonne ziert das Atrium. In der Mitte sitzend in hellgrau: Léon Bonnat. (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)

Diese Kollektion wurde im Wesentlichen durch Privatleute gebildet. Zwei von ihnen trägt das Museum im Namen. Léon Bonnat (1833 bis 1922) genießt noch heute in Frankreich ein gewisses Renommee als „Porträtmaler der Dritten Republik“ (so der Titel des ersten Bands des durch Guy Saigne herausgegebenen Catalogue raisonné). Er verewigte Hundertschaften von Honoratioren und Grandes Dames – Bankiers und Dichter, Generäle und Prinzessinnen, Wissenschaftler und Staatspräsidenten. In einer großen Galerie stechen Bonnats zugleich prächtige und persönliche, mitunter gar psychologisierende Porträts – namentlich jene hochsituierter Grazien unterschiedlicher Reifegrade – Arbeiten desselben Genres von Schülern wie dem süßlichen Denis Etcheverry oder dem hölzernen Eugène Pascau klar aus.


Léon Bonnat: Mary Bischoffsheim, geborene Mary Pain, 1877 (Bild: zit.)
Léon Bonnat: Mary Bischoffsheim, geborene Mary Pain, 1877 (Bild: zit.)
Léon Bonnat: Porträt des Malers Jean Auguste Dominique Ingres, 1914 (Bild : zit.)
Léon Bonnat: Porträt des Malers Jean Auguste Dominique Ingres, 1914 (Bild : zit.)

Doch gibt es auch einen Bonnat „jenseits der Porträts“, was nicht nur der so betitelte zweite Band des Catalogue raisonné zeigt, sondern im Museum auch ein Korridor mit religiösen Tableaux, Kopien alter Meister sowie italienischen Genrebildern und orientalischen Skizzen. Einzig den Sänger der baskischen Landschaften sucht man hier vergebens – doch das benachbarte, komplementäre Musée basque, ein in jeder Hinsicht immenses Haus, veranschaulicht auch diesen letzten Aspekt mit einer Pegarra-Tonkrug-Trägerin auf einem Landweg zwischen Licht und Schatten, falbem Lehmton und dunklem Baumgrün.


Der zweite Namengeber des Museums ist Paul Helleu (1859 bis 1927). Ein etwas fader Maler und subtiler Radierer, dessen Dandytum und Hingezogenheit zu Yachten wie zum bevorzugten Modell, der Gattin Alice, entsprechende Züge des Malers Elstir in Marcel Prousts Romanzyklus „À la Recherche du temps perdu“ inspiriert haben. Der Parcours restituiert seinen salon-atelier mit Empire-Möbeln und zeituntypisch weißen Wänden, vor denen sich Porträts in Öl von Alice durch ihren malenden Gatten und in Bronze von beider Tochter Paulette durch den Bildhauer Paul Troubetzkoy abheben. Als Letztere 2009 hochbetagt verstarb, vermachte sie dem daraufhin mit ihrem Mädchennamen ergänzten Musée Bonnat 330 Kunstwerke. Und noch zwei weiterer Erblasser gedenkt das Haus mit artistischen Arrangements jeweiliger Sammlungsstücke: des 1936 verstorbenen Fotografen Antonin Personnaz und des 1992 durch die Folgen einer Aidsinfektion dahingerafften „Trödlers“ – so seine Selbstbezeichnung – Jacques Petithory.


Paul Helleus salon-atelier; in der Mitte ein Bildnis von Alice Helleu (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Paul Helleus salon-atelier; in der Mitte ein Bildnis von Alice Helleu (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)

Dieser, ein Autodidakt mit Kennerblick und eklektischem Geschmack, hinterließ dem Museum neben Möbeln, Skulpturen, Fayencen und Gemälden auch 186 Zeichnungen von Koryphäen wie den italienischen Manieristen Parmigianino, Giulio Romano und Francesco Salviati oder den französischen Schöpfern galanter Feste und gefühliger Genreszenen Watteau und Greuze. Von Letzterem ist in der Ausstellung ein Männerakt in einer ungewöhnlichen Pose zu bewundern: Das Modell seitlich von hinten abgebildet, wie es sich, auf die Zehen gereckt und auf die Hände gestützt, über einen Steinblock beugt.


Jean-Baptiste Greuze: Studie eines auf einen Steinblock gestützten Mannes, um 1767 (Bild: zit.)
Jean-Baptiste Greuze: Studie eines auf einen Steinblock gestützten Mannes, um 1767 (Bild: zit.)
Kunstobjekte aus der Sammlung von Jacques Petithory, darunter eine Claude Mellan zugeschriebene „Judith, das Haupt des Holofernes haltend“ (Bild: zit.)
Kunstobjekte aus der Sammlung von Jacques Petithory, darunter eine Claude Mellan zugeschriebene „Judith, das Haupt des Holofernes haltend“ (Bild: zit.)

Petithory bereicherte so eine bereits überreiche Sammlung, hatte Bonnat als hochbezahlter „Porträtist der Dritten Republik“ doch Schätze sondergleichen akquirieren können – mit einem besonderen Gusto für Zeichnungen. Das cabinet d’arts graphiques des Musée Bonat-Helleu ist quantitativ (mit „nur“ 3.500 Arbeiten auf Papier) kleiner, aber qualitativ feiner als jene der meisten französischen – und sogar ausländischen – Museen. Der 2021 erschienene Katalog der deutschen, flämischen und niederländischen Zeichnungen, die erste Publikation seit Langem, die einen Teilaspekt der Sammlung erschöpfend abdeckt, erlaubt es, sich eine Vorstellung von der Güte des Gesamtkonvoluts zu machen. Der Band führt nicht weniger als vierundzwanzig Zeichnungen (zuzüglich acht Stiche) von Dürer auf, acht von Rubens und neun von Rembrandt.


Albrecht Dürer: Kopf eines Rehbocks, Entstehungsdatum umstritten (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Albrecht Dürer: Kopf eines Rehbocks, Entstehungsdatum umstritten (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)

Bei unserem Besuch im Depot zieht die Konservatorin und Restauratorin Cécile Bignon mit gespielter Nonchalance eine Mappe mit neun Arbeiten von Leonardo aus dem Regal (darunter die Federzeichnung des gehenkten Bernardo Bandini dei Baroncelli) – dann eine zweite mit acht Werken von Raffael! Über den Parcours verstreute Vitrinen, manche als „Räumchen im Raum“ begehbar, präsentieren eine – dem fragilen Medium gemäß alle paar Monate wechselnde – Auswahl der Botticellis und Michelangelos, Titians und Tiepolos, Murillos und Zurbaráns, Poussins, Ingres, Géricaults und Delacroix des Museums.


Leonardo da Vinci: Der gehenkte Bernardo Bandini dei Baroncelli, 1479 (Bild: Wikipedia – Leonardo schrieb seitenverkehrt, das Bild ist also korrekt ausgerichtet!)
Leonardo da Vinci: Der gehenkte Bernardo Bandini dei Baroncelli, 1479 (Bild: Wikipedia – Leonardo schrieb seitenverkehrt, das Bild ist also korrekt ausgerichtet!)
Michelangelo: Studie für Adam und Eva, 1530 (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Michelangelo: Studie für Adam und Eva, 1530 (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Veronese: Papst, zwischen zwei drapierten Männern ein Buch haltend, Entstehungsdatum unbekannt (Bild: zit.)
Veronese: Papst, zwischen zwei drapierten Männern ein Buch haltend, Entstehungsdatum unbekannt (Bild: zit.)

Kaum weniger reich sind die permanent ausgestellten Ölmalereien. Unter vielen Meisterwerken finden sich da zwei erstklassige Gemälde von El Greco, eine Bluttränen weinende „Verzweifelte“ von Ribera, ein Rabbiner von Rembrandt neben einem pausbackigen Alten von Rubens, Simon Vouets exquisit kolorierte „Caritas Romana“, ein schonungsloses Selbstbildnis von Jouvenet, superbe Ingres (darunter die überrascht über die Schulter blickende „Badende“ mit ihrem vielbestaunten Busen, der – anatomisch fragwürdig – unter die linke Schulter gerutscht ist), Thomas Lawrences dämonisches Füssli-Porträt, ein Hippolyte Flandrin zugeschriebener sensibler Männerakt sowie jeweils zwei Bildnisse von Goya und von Degas. Kaum minder bestechen Werke weniger illustrer Künstler wie Dosso Dossi, Alonso Cano, Nicolas-Bernard Lépicié oder Charles Alexandre Coëssin de la Fosse. Endlich punktet das Musée Bonnat-Helleu im Bereich der Bildhauerkunst mit einem weiteren Schatz: Dutzenden von Barye-Tierbronzen mit so originellen Variationen auf das bekannte Thema „Großkatze frisst Paarhufer“ wie „Bär verschlingt Eule“, „Honigdachs sucht Eier“, „Affe reitet auf Gnu“, wo nicht gar der Ariost’schen Dreiergruppe „Roland und Angelika fliegen auf dem Hippogryph“.


El Greco: Der Heilige Hieronymus, zwischen 1590 und 1610 (Bild: zit.)
El Greco: Der Heilige Hieronymus, zwischen 1590 und 1610 (Bild: zit.)
Die Museographie scheut nicht vor kräftigen Farben zurück: Hier der Saal mit flämischen und niederländischen Werken des 17. Jahrhunderts. (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Die Museographie scheut nicht vor kräftigen Farben zurück: Hier der Saal mit flämischen und niederländischen Werken des 17. Jahrhunderts. (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Rembrandt van Rijn (zugeschrieben): Ein Rabbiner, um 1655 (Bild: zit.)
Rembrandt van Rijn (zugeschrieben): Ein Rabbiner, um 1655 (Bild: zit.)
Peter Paul Rubens: Kopf eines bärtigen alten Mannes, 1630-35 (Bild: zit.)
Peter Paul Rubens: Kopf eines bärtigen alten Mannes, 1630-35 (Bild: zit.)
Simon Vouet: Caritas Romana, um 1626 (Bild: zit.)
Simon Vouet: Caritas Romana, um 1626 (Bild: zit.)
Jean Auguste Dominique Ingres: Jungfrau mit Hostie, 1866 (Bild: zit.)
Jean Auguste Dominique Ingres: Jungfrau mit Hostie, 1866 (Bild: zit.)
Jean Auguste Dominique Ingres: Badende, 1807 (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Jean Auguste Dominique Ingres: Badende, 1807 (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Hippolyte Frandrin (zugeschrieben): Männerakt, nach 1836 (Bild: zit.)
Hippolyte Frandrin (zugeschrieben): Männerakt, nach 1836 (Bild: zit.)
Francisco de Goya: Selbstbildnis, 1800 (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Francisco de Goya: Selbstbildnis, 1800 (Bild: Musée Bonnat-Helleu – Alexandra Vaquero)
Antoine-Louis Barye: Elefant, vor 1875 (Bild: Musée Bonnat-Helleu)
Antoine-Louis Barye: Elefant, vor 1875 (Bild: Musée Bonnat-Helleu)




Verwendete Literatur:
 
Musée Bonnat Helleu. Musée d’arts de Bayonne. Beaux-Arts & Cie, Paris 2025. 82 S., Euro 14,50.

 

 

Kommentare


Melden Sie sich an, um über neue Beiträge informiert zu werden

Danke für Ihre Anmeldung!

© 2022 für Leben wie zit. in Frankreich. Mit Wix.com geschaffen.

bottom of page