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Unter dem Dreigestirn von Geilheit, Geldgier und Gemeinheit

Aktualisiert: 23. Mai 2023

Letzten Sommer sind unter mysteriösen Umständen über fünftausend Manuskriptblätter von Louis-Ferdinand Céline wiederaufgetaucht, die dem Schriftsteller 1944 geraubt worden waren. Mit dem Kurzroman „Guerre“ nimmt der Gallimard-Verlag ihre Veröffentlichung in Angriff. Eine Sensation – und eine kleine Enttäuschung.


Ein neuer Roman von Céline! Und gleich auf Seite eins: Eine Kugel im Kopf und eine zweite im Arm! Eigentlich müsste die Hauptfigur, der aus „Voyage au bout de la nuit“ (1932) und „Mort à crédit“ (1936) wohlvertraute Ferdinand, Roman-Antiheld und Alter Ego des Autors, schon auf der Folgeseite ins Gras beißen: Er liegt in einer „Granaten-Melasse“ inmitten eines zerbombten Konvois, rund um ihm die Leichen der Kameraden, rauchende Wagen sowie Pferde-Kompott. Doch irgendwie schafft es der Schwerverletzte, sich aufzurappeln, durch die flandrische Mondlandschaft zu torkeln, einen ebenfalls verirrten Engländer aufzugabeln und, auf diesen gestützt, den Weg zu den Sanitätern zu finden.


Louis Destouches alias Louis-Ferdinand Céline mit zwei Militärmedaillen 1915 (©Collection François Gibault)

Die Genesungszeit im Spital bildet den eigentlichen Gegenstand des Romans. Wir sind im Hinterland, in einer Kleinstadt bei Ypern, bevölkert von Figuren, die Grafiken von Dix und Gemälden von Grosz entsprungen zu sein scheinen. Der Stabsarzt ist ein operationswütiger Grünschnabel, die Krankenschwester eine perverse Nymphomanin, der Schlafsaalkumpan ein Zuhälter, seine Dulzinea eine Hexe. Trotz Fieber und Wundbrand denkt die ganze Bagage nur ans Rammeln – sofern nicht schmierige Geschäfte den Vorrang haben. Glück und Pech sind so unvorhersehbar wie der Aufprall der stets im Hintergrund herumschwirrenden Sprengkörper: Ferdinand, der als Mittäter am Raub der Regimentskasse entlarvt zu werden fürchtet, erhält stattdessen eine Medaille; sein Kumpan hingegen, dem als Mädchenhirt Fortuna zuzulächeln scheint, wird als Deserteur denunziert und endet vor dem Erschießungskommando.


Kriegschaos: Die zerbombte Grand-Place von Hazebrouck zwischen 1914 und 1918. In „Guerre“ trägt das Städtchen bei Ypern, in dem Céline nach seiner Verletzung im Oktober und November 1914 behandelt wurde, den Namen „Peurdu-sur-la-Lys“. (©Collection Archives Gallimard)

Romane von Louis-Ferdinand Céline (1894-1961), das Resümee macht es deutlich, sind keine appetitliche Kost. Eine kranke, geknechtete Menschheit quält sich darin unter dem eitrigen Dreigestirn von Geilheit, Geldgier und Gemeinheit von einer desperaten Lage in die nächste; Blumen der Unschuld werden erbarmungslos niedergetrampelt. Dafür bieten diese Werke das literarische Äquivalent von Geisterbahnfahrten im Rauschzustand, verfasst in einer „mündlichen“ Kunstsprache, die geklöppelt ist wie delikate Spitzen.


Die Publikation eines neuen, neunten Romans ist also eine Sensation. Leider aber auch eine kleine Enttäuschung. „Guerre“ bildet laut dem Herausgeber einen ersten Entwurf, den der Autor sicher überarbeitet hätte. Mit 131 Seiten – in großer Schrift – ist der Text um ein Vielfaches kürzer als der kürzeste Céline-Roman (abgesehen vom bloß als Fragment erhaltenen „Casse-pipe“, 1936/37 verfasst, aber erst nach dem Krieg in Bruchstücken veröffentlicht). Im Kleinen kommt der Sprachrhythmus oft nicht zum Schwingen – wo der Jahrhundertschriftsteller doch zu Recht stolz war auf seine „petite musique“ –, im Großen mutet manche Szene lediglich angerissen an. Dabei ist Céline sonst besessen vom Dämon der Übertreibung: Einen Gedanken, eine Beschreibung, eine Situation bläst der bös-begnadete Erzähler so lang mit Fieberluft auf, bis die kreisrunde Maus einen Berg gebiert, Mont Blanc oder gar Mount Everest. „Hyperbel“ ist gleichsam sein zweiter Vorname. Hier jedoch fehlt die feurig-fiese Fabulierlust.


Die Manuskriptseite von „Guerre“, wo der Antiheld wider Erwarten eine Medaille erhält. „Der Brigadier Ferdinand hat dreimal im Alleingang eine Gruppe bayrischer Lanzenreiter angegriffen und dank dieses heroischen Akts den Rückzug der dreihundert Gehbehinderten des Konvois gedeckt. Der Brigadier Ferdinand wurde während seiner Heldentat verwundet.“ (©Collection succession Lucette Destouches)

Der kleine Roman ist Teil eines großen Konvoluts, das letzten Sommer unter mysteriösen Umständen wiederaufgetaucht ist: weit über fünftausend handbeschriebene Blätter! Diese waren nach der Befreiung von Paris Ende August 1944 aus Célines Wohnung verschwunden. Zu diesem Zeitpunkt war der akut mit Lynchmord bedrohte Schriftsteller bereits mit Frau und Kater ins zusammenbrechende „Tausendjährige Reich“ geflüchtet, wo sich in Sigmaringen die Crème der Kollaboration um den greisen Marschall Pétain scharte („D’un Château l’autre“ verewigte 1957 den Aufenthalt mit galligem Humor).


Céline wurde in Frankreich lange Zeit als ein auf Irrwege geratenes Genie entschuldigt, als ein unverantwortlicher Dichter, der nicht wusste, was er dachte, und nicht glaubte, was er sprach und schrieb. Mit ihrer knapp 1200-seitigen Studie „Céline, la race, le juif. Légende littéraire et vérité historique“ haben Annick Duraffour und Pierre-André Taguieff 2017 diesen Mythos endgültig aus der Welt geräumt. Céline propagierte – als einziger französischer Autor von Rang – einen biologischen Antisemitismus nationalsozialistischer Prägung; er frequentierte nicht nur hohe NS-Diplomaten, sondern auch Verantwortliche des Sicherheitsdiensts und der Gestapo; er verfasste rabiate Pamphlete, denunzierte mindestens sechs Juden sowie zwei Kommunisten und stand nach dem Krieg mit Holocaustleugnern in Verbindung.


Von alldem ist in den Romanen erstaunlicherweise so gut wie nichts zu spüren. „Voyage au bout de la nuit“ wurde seinerzeit sogar als ein „linker“ Roman rezipiert. Wie lässt sich diese Diskrepanz zwischen Mensch und Schöpfer fassen? Duraffour und Taguieff sind der Meinung, Céline habe sich als Romancier schlicht dem Publikumsgeschmack angepasst. Als Erklärung greift das gewiss zu kurz.


Wie auch immer: Jemand raubte im Sommer 1944 einen vollen Kubikmeter Manuskripte; zwei Verdächtige wurden identifiziert, aber nie überführt. Ein Dreivierteljahrhundert verstrich, dann meldete sich letztes Jahr ein ehemaliger Theaterkritiker der Zeitung „Libération“ bei Célines Erben. Eine Person, die anonym bleiben wolle, habe ihm vor 2006 den ganzen Wust anvertraut mit der Auflage, diesen nicht vor dem Tod von Célines Frau zu restituieren. Deren Langlebigkeit – Lucette Destouches starb Ende 2019 hundertsiebenjährig – verzögerte die Rückgabe. Der Kritiker will mit Berufung auf den Quellenschutz keinen Namen preisgeben, schreibt zurzeit aber ein Buch, das Licht ins Dunkel bringen könnte.


Das erste erhaltene Blatt von „Guerre“ trägt die Nummer 10 und beginnt mit den Worten „pas tout à fait“ („nicht ganz“). Es müssen ihm Seiten vorausgegangen sein, die heute fehlen. Ganz unten ist der Satz „J’ai attrapé la guerre dans ma tête“ zu lesen, der das Motto des Romans bilden könnte: „Ich habe mir den Krieg im Kopf zugezogen“. (© Collection succession Lucette Destouches)

Mit „Guerre“ hat Célines Verlag, Gallimard, jetzt die Veröffentlichung der Manuskripte in Angriff genommen. Die Höhe der Startauflage – 80 000 Exemplare – widerspiegelt die kommerziellen Hoffnungen. Der Kurzroman ist, trotz seiner Zweitrangigkeit im Rahmen des Gesamtwerks, von hohem Interesse: Er thematisiert eine prägende Episode von Célines Leben, von der kein anderer Text erzählt. Handelt „Mort à crédit“ von der Kindheit, „Casse-pipe“ vom Militärdienst, „Voyage auf bout de la nuit“ vom Krieg in Flandern sowie von den nachfolgenden Reisen nach Afrika und Amerika, schildern die Romane der Nachkriegszeit die Flucht aus Paris, die Odyssee durch Deutschland im Bombenhagel, endlich die vierzehnmonatige Gefängnishaft in Dänemark Mitte der 1940er Jahre, so fehlten bis jetzt Célines Verletzung und Genesung bei Ypern Ende 1914 in diesem Flechtwerk aus Dichtung und Wahrheit.


Im Herbst wird Gallimard unter dem Titel „Londres“ ein zweites Manuskript veröffentlichen, das mit über tausend Blättern gut viermal so lang ist wie „Guerre“. Darin wird der unmittelbar an die Konvaleszenz anschließende London-Aufenthalt 1915/16 geschildert. Diesen verarbeitete Céline 1942/43 mit Brio in „Guignol’s Band“; es ist anzunehmen, dass „Londres“, wie „Guerre“ um 1934 entstanden, einen verworfenen ersten Entwurf bildet. Zeitgleich wird das mittelalterliche Märchen „La Volonté du Roi Krogold“ erscheinen, ein auf 470 Blätter gebettetes Kuriosum, das in Anspielungen bereits durch „Mort à crédit“ und „Guerre“ geistert. 2023 endlich publiziert Gallimard eine mithilfe von 440 neuen Manuskriptblättern bedeutend erweiterte Neufassung von „Casse-pipe“. Letzterer Veröffentlichung fiebern Célinianer mit besonderer Spannung entgegen: Die heute verfügbaren sechzig Seiten von „Casse-pipe“ (zuzüglich vierzehn Seiten Appendix) zählen mit zum Burleskesten, was der Autor je über das eigene Leben fantasiert hat.


„Vor siebenundzwanzig Jahren, genau, haben sich die Sachen unerwartet ereignet“. Wohl im Jahr 1939 kam Céline auf seinen Militärdienst zwischen 1912 und 1914 zurück – hier das erste Blatt der wiedergefundenen Version von „Casse-pipe“. (©Collection succession Lucette Destouches)

Eine Ausstellung in der Pariser Galerie Gallimard zeigt zurzeit eine Auswahl der wiederaufgetauchten Handschriften und stellt diesen Fotos, Briefe, Drucke und sogar Célines Militärmedaillen zur Seite. Es finden sich da fesselnde Dokumente wie eine Illustration aus der während des Ersten Weltkriegs in einer Wochenzeitung abgedruckten „Histoire anecdotique de la guerre européenne“. Sie imaginiert – fern vom tatsächlichen Hergang der Ereignisse – den Kürassier Destouches (Célines bürgerlicher Name), wie er unmittelbar vor seiner Verwundung auf einem schäumenden Rappen zwischen Gewehrkugeln und Granatenexplosionen hindurch rast. Von erstrangiger Bedeutung ist eine Aufnahme, die den Zwanzigjährigen im Dezember 1914 während seiner Konvaleszenz mit verbundenem Haupt zeigt. Céline klagte zeitlebens über Schwindel, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und auditive Halluzinationen, die die Folge seiner Kopfverletzung seien. Aber diese findet sich in keinem Militärregister vermerkt – einzig die vorliegende Fotografie scheint sie zu beglaubigen.



Louis-Ferdinand Céline : Guerre. 192 S., Euro 19.-. Gallimard, Paris 2022.

Ausstellung : Céline, les manuscrits retrouvés. Bis 16. Juli in der Pariser Galerie Gallimard.
Katalog: 8 Euro.

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