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Schnitzeljagd in der Lichterstadt

Impressionen von der jüngsten Nuit blanche nebst einem Rückblick auf die Entwicklung der jährlichen Pariser Kunst-Nacht seit 2002


Das Schaurig-Schönste zum Schluss. Es ist zwei Uhr morgens, wir haben unsere Kunst-Schnitzeljagd durch Paris, von West nach Ost entlang der Seine, fast beendet. Beim Betreten des Straßentunnels Henri IV, zwischen Sully- und Morland-Brücke, beleuchtet ein vorhöllenhaft orangefarbenes Licht schwarzweiße Graffiti sowie die Zelte einer Handvoll armer Teufel. In der Mitte des Tunnels wird das Licht schwächer; beim Nähertreten erkennt man die Silhouette eines Pferds auf einer Leinwand. Der Schimmel trägt ein spitzes Horn auf der Stirn und verwandelt sich, als mit Asche versetzter Regen auf ihn niederprasselt, peu à peu in einen Rappen. Geisterhaft nachhallende Klaviertöne begleiten die fremde Szene, die vom Licht ins Dunkel führt.


Das Video „Licorne“ von Maïder Fortuné im Tunnel Henri IV (Bild: zit.)

Das Sechs-Minuten-Video von Maïder Fortuné war Teil des offiziellen Programms der zweiundzwanzigsten Nuit blanche. Die 2002 ins Leben gerufene Veranstaltung wurde heuer erstmals in der Nacht vom 3. auf den 4. Juni abgehalten; bis anhin fand sie jeweils am ersten Oktobersamstag statt. Auf unserem Rundgang von West nach Ost konnten wir unter einem silberstrahlenden Vollmond sieben weitere Attraktionen bestaunen. Im Innenhof des Palais Galliera und in der Südgalerie des Petit Palais fanden zwei kuriose Happenings statt. Dort ließen sich drei Performerinnen in vertikal aufgehängte Riesen-Vakuumbeutel einschließen, aus denen die Luft gepumpt wurde, bis ihre Bewegungen erstarrten; hier rotierte eine tanzende Derwischin in mohnroter Robe zu minimalistischer Muzak wie ein Kreisel. Ein Goldring für Zyklopen umspannte seinerseits die Fußgängerbrücke zwischen Tuilerien-Park und Orsay-Museum; derweil belebten an der Westspitze der Île de la Cité geometrische Lichtmuster die durch eine laue Brise bewegten Baumkronen.


Der aufblasbare „RINGdeLUXE“ des in Berlin beheimateten Künstlerduos Plastique Fantastique (Bild: zit.)

Auf der Place du Châtelet harrte dann eine um einen Boxring gescharte junge Menge der angekündigten Mischung aus mexikanischem Freistilkampf und Burlesque-Tanz. Des Wartens müde, schwangen sich zwei Schlingel auf den Ring und begannen selbst zu kämpfen; Ordnungshüter, die alsbald eingriffen, wurden gutgelaunt ausgebuht. Stiller, aber nicht weniger wild die Stimmung im Garten des Hôtel de Sens: Robert Combas strahlte da punkig-neoexpressionistische Bilder in schreienden Farben auf eine Fassade des gotischen Baus. An der Ostspitze der Île Saint-Louis endlich ein Sonnenuntergang von eigener Art: Eine glutrote, iglugroße Halbkugel ertrank da – gleich Woyzeck im Teich – in den schwarzen Wassern der Seine.


Robert Combas‘ bewegte Lichtfreske auf einer Fassade des Hôtel de Sens (Bild: zit)
Die Installation „Sunset in Paris“ von Ludmila Rodrigues und Mike Rijnierse vor dem Hintergrund des Institut du monde arabe (Bild: zit.)

Auf mehrere Orte verteilte nächtliche Kulturveranstaltungen mit Festspielcharakter gibt es seit mindestens drei Jahrzehnten, von Lyons Lichterfest (seit 1989) über Sankt-Petersburgs Weiße-Nächte-Festival (seit 1992) bis hin zu Berlins vielkopierter Langer Nacht der Museen (seit 1997). Aber das von Oran über Taipeh, Riga und Bogotá bis nach Winnipeg übernommene Konzept der Nuit blanche („weißen Nacht“) ist eine Schöpfung des seit Jahrzehnten in Nantes tätigen Kulturverantwortlichen Jean Blaise, ersonnen auf Anfrage des seinerzeitigen Pariser Bürgermeisters Bertrand Delanoë und seines Kulturbeauftragten Christophe Girard. Letzterer stellte die erste Nuit blanche 2002 unter die Schirmherrschaft Dostojewskis und Viscontis, was nicht eines gewissen bildungsbürgerlichen Dünkels entbehrte. Doch der Grundansatz war demokratisch und inklusiv: Kultur sollte als etwas Volksnahes und Zugängliches präsentiert werden. Zudem hatte das Ganze eine soziopolitische Stoßrichtung, lag der Fokus doch, so Girard, auf „dem Austausch, dem Flanieren, auf Freundlichkeit und Gemächlichkeit“.


Die Licht- und Klanginstallation „Résonance géométrique“ von Javier Riera (Bild: Nuit blanche)

Drei wichtige Fragen mussten im Lauf der Jahre beantwortet werden. Einzig die Wahl zwischen gratis und kostenpflichtig wurde von Anfang an zugunsten der ersten Alternative entschieden. Doch die Antwort auf die Frage „im Freien oder unter einem Dach?“ wird je nach Ausgabe mit unterschiedlicher Gewichtung formuliert. Die erste Nuit blanche litt an der Unterbringung der rund zwanzig Attraktionen in Lokalitäten, die zu klein waren für den unvorhergesehenen Andrang. Folgende Ausgaben verlegten den Großteil des Geschehens in den öffentlichen Raum, wo die Sicherheitsauflagen etwas weniger streng sind. Und schufen oftmals separate Parcours in mehreren Vierteln, um die Besucherflut zu kanalisieren. Doch die Bewältigung mitunter vielhundertköpfiger Warteschlangen ist bis heute ein Problem.


Dritte und wichtigste Frage war jene nach dem künstlerischen Profil. Die Grundspielregel ist hier offen – sie fordert lediglich für jede und jeden zugängliche Kunst im Stadtraum zwischen sieben Uhr abends und fünf Uhr morgens. Die zwei ersten Ausgaben legten den Akzent auf bildende Kunst, aber schon die dritte enthielt ein Ballett für Müllmänner. Im Lauf der Jahre folgten – unter vielem mehr – Straßentheater- und Zirkusdarbietungen, Modedefilees (von Durchschnittsbürgern in Second-Hand-Kleidern), Musikaufführungen (von Stockhausens „Helikopter-Streichquartett“ in vier fliegenden Hubschraubern), Umzüge (von Riesenmaulwürfen auf einer rauchenden Karre), schräge Vorträge (über die Reflexe der Meeresschnecken), Fußballspiele (auf kleinen Kunsthügeln), Tennismatches (auf den Treppen der neuen Nationalbibliothek), Performances (wie eine Kissenschlacht zwischen Dragqueens oder das Mimen der bekanntesten Küsse der Kunstgeschichte)…


Leider verpasst: Die Wrestling-Performance „Lucha VaVOOM“ von Rita d’Albert (Bild: Nuit blanche)

Gestaltet wird jede Ausgabe durch einen oder mehrere Kuratoren. Manche von ihnen – wie Jean Blaise oder die letzt- und diesjährige Kuratorin Kitty Hartl – wurden mehrmals verpflichtet. Unter ihnen finden sich Kunstkritiker und -historiker, Ausstellungsmacher und Museumsdirektoren, aber auch ein Hip-Hop-Choreograf und ein Schauspieler und Tänzer in Personalunion. Die Zahl der durch die Nuit blanche produzierten Attraktionen liegt nach wie vor zwischen zwölf und zwanzig; ihre jeweiligen Schöpfer indes sind heute zunehmend einheimische Talente statt der großen ausländischen Namen von einst (Chantal Akerman, Carolyn Carlson, Wim Delvoye, William Forsythe, Ryoji Ikeda, Patti Smith, James Turrell…). Was wohl auch an dem Umstand liegt, dass die städtische Subvention von rund 1,2 Millionen Euro pro Ausgabe seit 2002 nicht erhöht wurde.


Manche der Attraktionen sind sublim, andere läppisch. Die Veranstaltung nach rein künstlerischen Kriterien zu bewerten, macht wenig Sinn. Die Nuit blanche ist eine urbane Entdeckungsreise, ein Volksfest mit artistischem Einschlag, eine Pilgerschaft unter dem Schutz weltlicher Heiliger. Alle Attraktionen zu sehen ist unmöglich: Zum offiziellen Programm gesellt sich das mittlerweile elfmal so umfangreiche Off-Angebot beteiligter Institutionen. Wer nicht auf gut Glück losflanieren will, pickt sich vorab die Rosinen heraus und legt eine Route fest. Viele, wo nicht gar die meisten Besucher marschieren heute mit dem Handy als Wegweiser von einem Standort zum nächsten. Der besondere Kitzel liegt für Pariser darin, unbekannte Orte in der eigenen Stadt zu entdecken. Sei’s, dass die betreffenden Stätten sonst kein Publikum empfangen (wie die Kapelle einer Ordensgemeinschaft oder eine eigens für den Autoverkehr geschlossene Ringstraße), sei’s, dass sie schlicht abgelegen sind (wie die düsteren Viertel La Chapelle und Riquet-Stalingrad, die so gar nicht dem Postkartenbild der Lichterstadt entsprechen). Zur Höchstform läuft die Nuit blanche da auf, wo sie spätnachts ein spärlich gestreutes Publikum an abgelegenem Ort mit Kunst hypnotisiert. Etwa mit einem Einhorn, das in einem Autotunnel zwischen Graffiti und Penner-Zelten von Weiß zu Schwarz changiert.


„Licorne“, Filmstill (Bild: mit freundlicher Genehmigung von Maïder Fortuné)

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