top of page

Protestwelle mit Überschwemmungspotenzial

vor 6 Minuten
3 Min. Lesezeit
Frankreichs Schüler empören sich gegen die Verhältnisse, unter denen sie lernen müssen

 


Wird die Protestwelle in Frankreichs Schulen breitere Überschwemmungen zeitigen? Die Bewegung hat am 17. September in der Pariser Vorstadt Créteil begonnen und ist rasch aufs ganze Territorium übergeschwappt. Am 1. Oktober waren so 1027 lycées mehr oder minder stark betroffen; in – je nach Quelle – 222, 400 oder gar 640 der 3700 Oberschulen des Landes konnte kein Unterricht stattfinden. Diese Rekordzahlen stellen alle Proteste der letzten Jahrzehnte in den Schatten.


Protestierende in Lyon, 2. Oktober (Bild: flickr)
Protestierende in Lyon, 2. Oktober (Bild: flickr)

Hauptbeschwerdepunkt der Schüler sind die Verhältnisse, unter denen sie lernen müssen. Sie haben recht: Die Zustände in vielen Lehranstalten sind himmelschreiend. Vielerorts fehlt noch das Nötigste: Heizung und Kühlung, Trinkwasser und Toilettenpapier, wo nicht schlicht Glas in den Fensterrahmen oder konstant Strom in den Leitungen („Mitten im Philosophieunterricht fällt das Licht aus“, klagte eine Schülerin). Hier muss eine Klasse seit drei Monaten ohne Mathematiklehrer auskommen, dort eine andere seit einem Halbjahr ohne Französischdozentin. Erwartungsgemäß konzentrieren sich die Missstände da, wo der größte Nachholbedarf besteht: in den Problem-Banlieues.


Bereits Ende 1990 war in Pariser Vorstädten eine Protestbewegung gegen Unsicherheit in und um Bildungseinrichtungen, aber auch gegen den maroden Zustand vieler Gebäude, gegen Lehrermangel und überfüllte Klassen entstanden. 1998 demonstrierten abermals Hunderttausende von Schülern gegen die personelle und materielle Unterdotierung ihrer Anstalten.


Doch bestehen zwischen jenen Protesten und der heutigen Welle vier Unterschiede. Erstens gab es damals noch keine sozialen Netzwerke; heute nähren diese mit der Instantverbreitung von Nachrichten, Gerüchten und Falschmeldungen die Empörung vieler Jugendlicher. Zweitens sind die Beschwerden heute viel breiter gestreut als einst. Neben den genannten Klagepunkten finden sich so auch Israels Krieg in Gaza, die antifeministische Gegenreaktion oder eine würgende Zukunftsangst angesichts der Umwelt-, Wirtschafts- und politischen Vertrauenskrisen.


Drittens kam es 2026, im Gegensatz zu 1990 und 1998, zu schockierenden Übergriffen sogenannter Ordnungshüter. Einem Vierzehnjährigen schoss ein Polizist aus einem Meter Abstand mit einem Gasgranatenwerfer in den Kopf – dem Opfer wurden dabei der Kiefer und die meisten Zähne zerschmettert. Zwei weitere Jugendliche erlitten durch den unsachgemäßen Gebrauch von Gummigeschosswerfern Kopfverletzungen, einer von ihnen erblindete infolgedessen auf einem Auge. Doch ist das nur die blutige Spitze des Eisbergs: Medien berichten von Schlägen, Demütigungen und rassistischen Beschimpfungen im Zuge von gut 5000 vorübergehenden Festnahmen zwischen Montag und Freitag. Lehrer und Eltern stehen so vor vielen Schulgebäuden Posten – ebenso sehr, um Jugendliche im Zaum zu halten, wie um sie vor Übergriffen von Uniformträgern zu schützen. Dass die Verletzten auf beiden Seiten in die Hunderte gehen (allein am Donnerstag wurden 305 Vertreter der Sicherheitskräfte verwundet), ist keine Entschuldigung für Polizeigewalt. Frankreichs gravierendes Problem diesbezüglich hat sich unter Emmanuel Macrons zwei Präsidentschaften markant verschärft.


Ordnungskräfte in Saint-Denis, 29. September (Bild: flickr)
Ordnungskräfte in Saint-Denis, 29. September (Bild: flickr)

Doch tritt Macron nächstes Jahr ab – womit wir beim vierten und letzten Unterschied wären. Die gegenwärtigen Schülerproteste finden, ungleich jenen von 1990 und 1998, während eines Präsidentschaftswahlkampfs statt. Entsprechend suchen alle Seiten aus den Ereignissen Kapital zu schlagen. Vertreter der linksextremen Partei La France insoumise (LFI) haben sich früh mit den Schülern solidarisiert. Einer von ihnen, Bally Bagayoko – Rechtsextreme und viele Rechte hassen ihn, weil er sich als dunkelhäutiger Sohn malischer Einwanderer erdreistet hat, im März das Rathaus der Königsnekropole Saint-Denis zu erobern –, befand vor offenem Mikrofon, manchmal sei Gewalt legitim. Keine sehr staatsmännische Aussage, selbst mit dem Nachsatz: „Aber es ist besser, sie zu vermeiden, wann immer es geht.“ LFI drum als Brandstifter zu geißeln ist indes überzogen. Und allzu durchschaubar: Das Regierungslager sucht so seine Verfehlungen vergessen zu machen, der rechtsextreme Rassemblement national den jüngsten Skandal um antisemitische Texte seines Präsidenten.


Am Dienstag machen Schüler erneut mobil; erwachsene Gewerkschafter wollen sich ihnen anschließen. Wird die Protestwelle breitere Überschwemmungen zeitigen?



Kommentare


Melden Sie sich an, um über neue Beiträge informiert zu werden

Danke für Ihre Anmeldung!

© 2022 für Leben wie zit. in Frankreich. Mit Wix.com geschaffen.

bottom of page