Notizbuch eines Romanisten
- marczitzmann
- 9. Aug. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Unmittelbar nach dem Zusammenbruch des Dritten Reichs nahm Victor Klemperer die „Lingua Tertii Imperii“ unter die Lupe. Nun beleuchtet der Essayist und Übersetzter Frédéric Joly das epochale Werk des deutschen Juden und Sprachwissenschaftlers aus französischer Perspektive.
Victor Klemperer (1881 bis 1960) muss man nicht mehr vorstellen. Zumindest deutschsprachigen Lesern nicht. Im Ausland sieht das anders aus. Erst im Gefolge des Sensationserfolgs der in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre postum veröffentlichten Tagebücher – und namentlich des Diariums aus der NS-Zeit – erwachte in Frankreich Interesse am Werk des ostdeutschen Romanisten, Literaturwissenschaftlers und Tagebuchschreibers. Eine Übersetzung von „LTI“, des epochalen „Notizbuchs eines Philologen“, erschien so 1996, fast ein halbes Jahrhundert nach der deutschen Erstausgabe. Eine Übertragung der Kriegstagebücher folgte im Jahr 2000. Und erst 2019 legte Frédéric Joly einen Essay über „LTI“ vor, der mit ausführlichen biografischen Angaben über Klemperers drei letzte Lebensjahrzehnte den Wissensdurst frankophoner Leser zumindest teilweise stillte.

In „La Langue confisquée“ beschreibt der Essayist und Übersetzer von Autoren wie Georg Simmel, Walter Benjamin und Jürgen Habermas, wie in Klemperer bereits Mitte 1933, ein halbes Jahr nach Hitlers Machtergreifung, das Projekt einer Untersuchung der Sprache des Dritten Reichs aufkeimte, der „Lingua Tertii Imperii“ (LTI). Und wie der 1935 vorzeitig in den Ruhestand versetzte Staatsdiener dieses Vorhaben bis Ende 1946 unter schwierigsten Bedingungen zum Fruchten brachte. Eine Neuausgabe von Jolys Essay, substanziell überarbeitet im dritten und letzten Teil, der heutige Missbräuche der Sprache thematisiert, beleuchtet jetzt nicht nur die Aktualität von „LTI“, sondern wirft auch Streiflichter auf die Rezeption des Werks in Frankreich.
Das ist deswegen von besonderem Interesse, weil Klemperers Hingezogenheit zum westlichen Nachbarland und zu dessen Kultur sich kaum überbewerten lässt. Der Sohn eines reformierten Rabbiners besuchte Berlins Französisches Gymnasium, beschloss 1914 seine akademische Ausbildung mit einer Habilitationsschrift über Montesquieu (für die er vor Kriegsausbruch in der Stadtbibliothek von Bordeaux forschen konnte) und wurde 1921 Professor für Romanistik an der Technischen Hochschule Dresden. Dort veröffentlichte er ein Halbdutzend Arbeiten zur französischen Prosa und Lyrik, darunter eine vierbändige Literaturgeschichte „von Napoleon bis zur Gegenwart“. Eine geplante „Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“ war 1936 auf gut 800 Druckseiten über Voltaire, Diderot und Rousseau angewachsen, musste aber aufgegeben werden, als Klemperer im Folgejahr die Benutzung der Lesesäle aller öffentlichen Bibliotheken verwehrt wurde. Fortan würde sich der zunehmend Bedrängte und Bedrohte – Stichworte: „Judenhaus“, „Gestapo-Besuche“, „Geldnot“ und „Hunger“ – seinen Erinnerungen an die frühen Lebensjahre bis 1918 widmen. Vor allem aber der Studie über die Sprache des Dritten Reichs – deren Manuskriptseiten er zwischen Bänden französischer Lyrik versteckte.
Wider Talleyrands Diktum, die Sprache sei dem Menschen gegeben, um zu verbergen, was er denke, war Klemperer der Überzeugung, die „Lingua Tertii Imperii“ offenbare das Wesen der kleinen und großen Stützen des Regimes: In lingua veritas. Dabei ging es dem Philologen weniger um das, was Worte, Ausdrücke und Sätze bezeichnen, als – so der große Linguist Alain Rey, durch Joly zitiert – um „ihre ‚Konnotationen‘, ihre Auswirkungen, ihre Durchschlagkraft, ihre psychosozialen Folgen“. Der Schriftsteller und Übersetzer Georges-Arthur Goldschmidt, ebenfalls im Essay angeführt, betonte, wie schwierig es sei, den „Grad der Infamie“ von Wortschöpfungen wie „Aufnordung“ oder „Rassenschande“ ins Französische zu übertragen. Doch zumeist begnügte sich die erfindungsarme LTI damit, vorgefundenes Sprachgut neu zu besetzen (schon das Wort „Untermensch“ findet sich bei Fontane) – und es in Gift für Gedanken wie Gefühle zu verwandeln.
Im letzten Teil seines Werks verweist der Essayist auf ein polnisches Pendant zum „Notizbuch eines Philologen“: Die Erinnerungen „Mein Jahrhundert“ von Aleksander Wat nehmen die „Lingua Quartii Imperii“ – sprich: das Idiom des Sowjetreichs – ebenso eindrücklich wie kritisch unter die Lupe. Joly thematisiert hier auch den Missbrauch der Sprache durch heutige Politiker und Technokraten, durch Vertreter der Kommunikations-, Marketing- und Werbeblasen, nicht zu vergessen die „Brutalisierung“ und „Verwilderung“, denen das allen gemeinsame Idiom in den asozialen Netzwerken ausgesetzt ist. Die Verachtung, ja der Hass auf eine zivilisierte Wortwahl, die dort grassierten, seien symptomatisch für die steigende Ablehnung von Demokratie und Rechtstaatlichkeit.
Unerwähnt bleibt hingegen der Sprachgebrauch der MAGA-Bewegung und ihres Führers, welcher sich oft direkt in Klemperers Buch wiederfindet – etwa der inflationäre Gebrauch des Superlativs, das Ausspielen von Gefühlen gegen Gedanken und von „Natur“ gegen „Kultur“ oder die Wertverdrehung von Begriffen ins Positive (wie einst „fanatisch“) beziehungsweise Negative (wie heute „woke“). Und ein 2012 erschienener Sammelband mit Beiträgen eines Kolloquiums über Klemperer in Cerisy war ungleich spezifischer im Aufzeigen von Sprachmissbrauch im Sinne von „LTI“ in der weiten Welt – unerwarteterweise auch bei Diktatoren in China (Mao) oder Guinea (Sékou Touré), ja bei heutigen Dschihadisten!



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