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Katastrophe und Wiedergeburt

Arte macht’s wieder einmal besser – drei neue, sehr ungleiche Informationsquellen zum Wiederaufbau von Notre-Dame


Der Brand von Notre-Dame de Paris am 15. April 2019 hat Millionen von Menschen in der ganzen Welt bewegt. Viele von ihnen interessieren sich für den Wiederaufbau. Diesen Monat liefern ihnen gleich drei neue Quellen Informationen zum Thema. Eine Ausstellung unter dem Vorplatz der Kathedrale vereint um ein Modell im Maßstab 1:55 herum acht thematische Inseln über die wichtigsten Operationen der Rekonstruktion, zuzüglich einer Freske über die beteiligten Berufskörper, von der Industriekletterin bis zum Glockensachverständigen. Der Überblick ist summarisch, die Szenographie nicht sonderlich ansprechend; Hauptverdienst der Gratis-Ausstellung ist, dass sie direkt an der Baustelle einen ersten Einblick vermittelt.


(Bild: David Bordes / Etablissement chargé de la conservation et de la restauration de la cathédrale Notre-Dame de Paris)

Mehr Substanz bietet eine Schau in der Cité de l’architecture et du patrimoine. Sie veranschaulicht zunächst das Ausmaß der Zerstörungen: mit einer riesenraumhohen Fotografie der Längsachse des Kirchenschiffs, auf der man die beim Fall des Vierungsturms eingebrochenen Teile des Deckengewölbes sieht und darunter am Boden die Überreste des in Gänze abgebrannten Dachgebälks; aber auch mit „Reliquien“ wie dem durch die Brandhitze zu einer kubistischen Skulptur verformten Wetterhahn. Ein Video und eine Diashow fassen die kurz- und langfristigen Sicherungsmaßnahmen des einsturzgefährdeten Baus in eindrückliche Bilder; in gefilmten Interviews erläutern der Armeegeneral Jean-Louis-Georgelin, Leiter der für den Wiederaufbau ins Leben gerufenen öffentlich-rechtlichen Anstalt, und Philippe Villeneuve, der für Notre-Dame zuständige Chefarchitekt für Baudenkmäler, ihre jeweiligen Aufgaben. Gezeigt werden auch die – ungefragten und unrealisierbaren – Vorschläge überwiegend obskurer Architekten für den Ersatz von Vierungsturm und Gebälk: ein Dachschwimmbad, eine begrünte Promenade, eine skulpturale Goldflamme, ein senkrecht aufschießender Lichtstrahl, ein Treibhaus in einer Kristallnadel…


Flamme der Erinnerung: Mathieu Lehanneur hätte den Turm gern durch diese erstarrte, vergoldete Monumentalskulptur ersetzt. Einer der gelungeneren Vorschläge für eine „Neuschöpfung“ des Vierungsturms - die Frankreichs Unterschrift unter den Denkmalschutz-Charten von Venedig und Nara sowie seine Verpflichtungen gegenüber der Unesco freilich von vornherein dem Reich der Hirngespinste und/oder PR-Kampagnen zuwies. (Bild: Mathieu Lehanneur)

Der zweite Teil fasst mithilfe von Modellen und Faksimiles historischer Fotos und Zeichnungen die Baugeschichte der Kathedrale zusammen, von der Grundsteinlegung 1163 über die architektonische Neuausrichtung sechs Jahrzehnte später (mit namentlich größeren Fenstern und einem neuen Dachstuhl) bis zur Neugestaltung des Chors unter Louis XIV, zum Abbruch des mittelalterlichen Vierungsturms zwischen 1786 und 1792 und zur Errichtung eines neuen, ungleich größeren Spitzturms durch Eugène Viollet-Leduc nach einer Ausschreibung für eine umfassende Renovierung der Kathedrale 1843. Clou der Ausstellung sind die über drei Meter hohen Bronzestatuen der vier Evangelisten und zwölf Apostel, mit denen Viollet-Leduc seinen Turm geschmückt hatte – eine reine Erfindung! Sie waren vier Tage vor dem Brand abgenommen worden, um restauriert zu werden. Im Lauf der Jahrzehnte Malachitgrün patiniert, sind sie jetzt in sattem, mattem Braunschwarz wiederzuentdecken. Das letzte Kapitel endlich beleuchtet den Wiederaufbau der zerstörten Gebäudeteile und die Restaurierung der Skulpturen, Gemälde, Buntglasfenster sowie der Orgel.


Ungläubiger Thomas: In dieser Statue des Apostels hat sich Viollet-Leduc selbst abgebildet. (Bild: David Bordes / Etablissement chargé de la conservation et de la restauration de la cathédrale Notre-Dame de Paris)

All diese Themen vertieft die dreiteilige Arte-Serie „Notre-Dame, die Jahrhundertbaustelle“. Weit entschiedener als in den beiden Ausstellungen liegt der Akzent hier auf wissenschaftlichen Aspekten. Die Schau in der Cité de l’architecture erwähnt zum Beispiel den probeweisen Wiederaufbau des Gurtbogens eines eingebrochenen Abschnitts des Hauptschiff-Gewölbes und zeigt sogar einige der siebzig wiedergefundenen Keilsteine, die Teil dieses Bogens waren. Doch die ganze Geschichte erfährt man nur in der Serie: Dass nämlich fünfzehn der besagten Keilsteine wiederverwendbar gewesen wären, und eine digitale Modellierung ihren genauen Platz im betreffenden Bogen eruieren sollte. Zu diesem Zweck wurde unter anderem ein nach dem Brand mithilfe von Drohnen-Kameras erstellter Scan der Kathedrale mit einem 3D-Modell aus dem Jahr 2010 abgeglichen. Anschließende Computerberechnungen lieferten indes eine bloß zu achtzig Prozent verlässliche Lösung der Platzierungs-Frage. „Die fünfzehn historischen Keilsteine an einem willkürlichen Ort innerhalb des Bogens wiederzuverwenden, wäre nicht sehr wissenschaftlich gewesen“, urteilte der mit diesem Teil des Wiederaufbaus betraute Denkmalarchitekt Pascal Prunet. So wurde letztlich entschieden, sämtliche Keilsteine nachzuschaffen. Das Beispiel, eines unter vielen, zeigt den ungeheuren Aufwand, der jede Entscheidungsfindung begleitet.


Welcher Keilstein gehört wohin? – Puzzlespiel für Wissenschaftler

Der zweite Teil der Serie beleuchtet bauliche Eigenheiten der Kathedrale. Die Verwendung von mit Kalk vermischtem Seine-Sand zum Beispiel, um die Steine der lediglich sechzig Zentimeter schmalen Mauern zu verbinden, verlieh dem Riesenbau eine gewisse Flexibilität: Im Gegensatz zu Zement ist Mörtel weicher als der verwendete Kalkstein, wird also zerrieben, wenn das Gebäude sich bewegt, und fungiert so wie eine Dehnfuge. Für gesteigerte Stabilität sorgen auch die Tausende von Eisenklammern, die namentlich direkt unter dem Gebälk liegende Mauersteine aneinanderbinden – sie wurden erst jetzt entdeckt, nach acht Jahrhunderten! Notre-Dame war die erste gotische Kathedrale, in der Eisen in großen Mengen verwendet wurde. Endlich räumt die Serie mit der Mär auf, der Dachstuhl habe aus besonders alten und massiven Bäumen bestanden. Ganz im Gegenteil waren fünfundneunzig Prozent der Balken fünfundzwanzig bis dreißig Zentimeter schlank und wurden aus sechzig bis achtzig Jahre jungen, hoch- und geradegewachsenen Eichen gewonnen. Die Waldwirtschaft des Hochmittelalters entsprach den Bedürfnissen des Kathedralenbaus: Um Notre-Dame zu errichten, musste kein ganzer Wald abgeholzt werden, sondern lediglich eine Fläche von drei bis vier Hektar!


Die erste im März 2021 für den Nachbau des Gebälks von Notre-Dame geschlagene Eiche ist alt und mächtig – ein Symbol. Konkret jedoch braucht es vor allem junge, schlanke Bäume. (Bild: Patrick Zachmann, Magnum Photos)

Im letzten Teil der Serie fesseln die Ausführungen über die Reinigung der Glasmalereien, über die Archäologie der Klanglandschaft des Kirchenbaus und über die an der Vierung vorgenommenen Grabungen (welche neben einem Bleisarkophag auch über fünfhundert Fragmente des im achtzehnten Jahrhundert abgebauten und vor Ort „bestatteten“ Lettners zutage gefördert haben, der übermannshohen Steinschranke zwischen Priesterkollegium und vorderem Kirchenraum). Immer wieder betonen Sachverständige – auch das hebt die Arte-Serie über die beiden Schauen heraus –, dass der (selbstverständlich von niemandem gewünschte) Brand eine einmalige Gelegenheit für die wissenschaftliche Erforschung der berühmtesten Kathedrale der Welt biete.


Rund tausend Quadratmeter Buntglasfenster wurden abgenommen und teilweise restauriert. (Bild: Patrick Zachmann, Magnum Photos)
Demontage der achttausend Orgelpfeifen. Das größte Instrument Frankreichs wurde nicht beschädigt, doch hat sich Bleistaub in ihm abgesetzt. (Bild: Patrick Zachmann, Magnum Photos)

Endlich stellt der Regisseur der drei zweiundfünfzigminütigen Episoden, Vincent Amouroux, die Feuerbrunst auch in einen historischen Kontext. „Diese Erfahrung“, lässt er so den Historiker und Theologen Jean-Paul Deremble ausführen, „wurde in der Geschichte dieses Baus und aller Kathedralen Dutzende von Malen gemacht: eine Katastrophe, gewiss – aber auch eine Wiederauferstehung“. Was letztere betrifft, prophezeien alle Restaurateure den Besuchern von 2024 einen Schock: Das im Lauf der Jahrhunderte düster gewordene Innere werde sich zurückverwandeln in die ursprüngliche Polyphonie aus Licht, weißen Mauern und blendend bunten Kunstwerken!


Und es ward Licht (und Farb)! Diese Foto gibt einen Vorgeschmack auf die Notre-Dame, die 2024 wiederzuentdecken sein wird. (Bild: Patrick Zachmann, Magnum Photos)


Notre-Dame de Paris – au cœur du chantier. Im Espace Notre-Dame unter dem Vorplatz. Ausstellung mit offenem Ende, kostenloser Eintritt, kein Katalog.

Notre-Dame de Paris, des bâtisseurs aux restaurateurs. Die Ausstellung ist – für manche und manchen wohl verwirrend – in der permanenten Galerie des moulages der Cité de l’architecture et du patrimoine untergebracht; die Exponate kohabitieren dort auf engem Raum mit Gipsabdrücken in Originalgröße von Architekturelementen der französischen Romanik und Gotik. Bis 29. April, Eintritt: 9 Euro, kein Katalog.

Notre-Dame, die Jahrhundertbaustelle. Bis 2. Mai auf arte.tv.

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