Hundert Jahre Nüchternheit
- marczitzmann
- vor 8 Stunden
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Seit 1926 ist die Grande Mosquée de Paris ein Minarett der Mäßigung– und eine eminent politische Institution
Vor hundert Jahren wurde die Grande Mosquée de Paris eingeweiht. In den ersten Tagen nach der Eröffnung soll ein Muezzin zum Gebet gerufen haben. Fassungslosigkeit bei den Anwohnern, bald gefolgt von Pfeifkonzerten und Steinwürfen. Binnen kurzem, heisst es, brachten Bauarbeiter auf Gerüsten den Ausrufer mit ihrem Spott zum Schweigen. Für den Wahrheitsgehalt der Geschichte können wir nicht bürgen: „Le Monde“ erzählt sie in einem Artikel, der eklatante Fehlangaben enthält (einem Rektor der Moschee wird da angedichtet, er habe erotische Gedichte verfasst und einen „fabelhaften Champagnerkeller“ besessen). Aber so oder so: Was für eine sprechende, ja singende Anekdote für die heikle Akklimatisierung eines islamischen Gotteshauses in der Kapitale des Skeptizismus, des Säkularismus, der Irreligiosität.

Heute ist die Grande Mosquée fest in die Topografie von Paris integriert. Bei unserem Besuch findet sich im Café zur Mittagszeit kein einziger Platz mehr – dabei sitzt man hier zwar im Freien, aber ungemütlich dicht aufeinander. Das Restaurant im Innern bietet dafür umso mehr Raum – und bedient mit seinem, wie's scheint, durch einen fantasiearmen Flaschengeist gestalteten Dekor alle orientalischen Klischees, charmanter Schmuddel inbegriffen. Das Personal wiederum nimmt mit dezidiert unpariserischer Freundlichkeit für sich ein – und das Couscous mit einer Sauce, die 1001 Gewürze auf die Zunge zaubert.
Wie die Speisegäste bilden auch die Besucher des Moscheekomplexes eine Mischung aus lokal und international. Farid Boudiaf wohnt im Vorort Aubervilliers und hat sein Taxi vor der weißen Umfassungsmauer abgestellt, um – „schnell, ich habe nur zehn Minuten“ – ein Gebet zu verrichten. Eine Indonesierin, die ihren Namen nicht verraten mag, hat ihrerseits erst anlässlich ihrer ersten Parisreise erfahren, dass es auch in Frankreich Moscheen gibt – und fühlt sich gleich viel willkommener.
Der Bau, entworfen durch einen Architekten, der jahrelang als staatlicher Denkmalpfleger in Marokko tätig gewesen war, ist selbst ein Amalgam. Nicht nur bedient er sich bei Moscheen in Fès, Kairouan und Rabat, er macht auch Anleihen bei andalusischen Palästen wie Alcazar und Alhambra und bei Stadttoren wie jenem von Meknès. Der Komplex bildet so eine Synthese aus Gotteshaus, Ziergarten und Miniaturstadt.

Errichtet wurde diese erste permanente Moschee im französischen Mutterland zu Ehren der halben Million Afrikaner, die als Mitglieder der Kolonialtruppen während des Ersten Weltkriegs mitgekämpft hatten – schätzungsweise Hunderttausend von ihnen fanden dabei den Tod. Doch zwischen der Lancierung des Projekts 1920 und seiner Vollendung sechs Jahre später kippte die Stimmung. Nicht zuletzt wegen des Rifkriegs, einem antikolonialen Guerrillakrieg, der zwischen 1921 und 1926 in Marokko tobte, waren aus den einstigen Graben-„Brüdern“ ungeliebte „Eingeborene“, wo nicht gar unerwünschte „Sidis“ geworden. Die Grande Mosquée sah sich so schon bei Eröffnung mit der inoffiziellen Aufgabe betraut, die seinerzeit fünfzigtausend maghrebinischen Arbeiter in und um Paris im Auge zu behalten. „Die ‚Befriedung‘ in den Kolonien geht in der Kapitale einher mit einer zunehmenden Überwachung des politischen Engagements“, schreibt der Historiker Pascal Blanchard in dem jüngst erschienenen Sammelband „La Grande Mosquée de Paris“. Und zitiert Stimmen aus dem kommunistischen wie aus dem rechtsextremen Lager, die seinerzeit den Moscheebau geißelten: hier „eine Bedrohung für unsere Zukunft“, dort ein „Riesenbluff“ seitens einer Gesellschaft, „in der das Rassenvorurteil des diebischen und trägen Kameltreibers“ grassiere.

Doch auch die Nationalisten unter den „Namenlosen ohne Bürgerrecht“ (so der Historiker Benjamin Stora), deren Zahl bis 1939 in Frankreichs Mutterland auf hunderttausend angewachsen war, respektierten die Moschee als einen Ort des Gebets und der Andacht. Denn selbst ihnen bot sie ein Gefühl der gemeinschaftlichen Geborgenheit. Es ist bezeichnend für den Genius loci, dass namentlich dank Abdelkader Mesli während der Besatzungszeit hier Juden Nahrung, Unterkunft, ja falsche muslimische Glaubensbescheinigungen fanden. Laut Schätzungen rettete der Imam so zwischen 500 und 1600 Verfolgte – wurde selbst aber 1944 deportiert. Von einem ähnlichen Geist beseelt, erklärte während des Sechstagekriegs 1967 der damalige Rektor Hamza Boubakeur, der Konflikt sei nicht religiös, sondern rein politisch motiviert. Und gründete sogleich mit christlichen und jüdischen „Brüdern“ eine „Fraternité d’Abraham“.
Das Profil seines Sohns, Dalil, der zwischen 1992 und 2020 amtierte, ist emblematisch für jenes der Grande Mosquée als Institution. Dalil Boubakeur sah sich gern als der „Voltaire des Islams“. Belesen, urban und mondän, war er ein deliziöser Konservativer, wie sie heute – auch in Frankreich – am Aussterben sind. Rechte Politiker gaben sich bei ihm die Klinke in die Hand; weibliche Schäflein hingegen parkte der Rektor seit 2013 im Keller, pardon: im Untergeschoss – wo sie bis dahin doch im selben großen Saal gebetet hatten wie ihre männlichen Glaubensgenossen, sittsam hinter einem Vorhang versteckt. Protestaktionen parierte der Patriarch mit mittelalterlichen Argumenten: Frauen tendierten zum Tuscheln und/oder Verführen, fast wie der Schaitan. Als Boubakeur sich 2005 während des großen Banlieue-Aufstands zur Moschee von Clichy-sous-Bois chauffieren ließ, wurde sein Auto mit Steinen beworfen. Zwischen dem Honoratior aus der Lichterstadt und der empörten Vorstadtjugend war keine Kommunikation möglich. Und seit vier junge Männer 2010 seine Ermordung geplant hatten, „um die Al-Qaida-Franchise zu erhalten“, begleiteten ihn permanent zwei Leibwächter.

Boubakeurs langjähriger Rechtsanwalt und Nachfolger, Chems-eddine Hafiz, hat den Hass der Islamisten auf die Grande Mosquée noch verstärkt. Hafiz kämpft nicht nur gegen den Terrorismus, sondern auch gegen den Fundamentalismus. In Wort: mit offenen Briefen in den großen Zeitungen des Landes und mit Büchern wie einem 2021 erschienenen „Manifest gegen den islamistischen Terrorismus“ oder einem jüngst veröffentlichten 900-seitigen Sammelband zum Thema „Muslime im Abendland“. Und in Tat: mit einem Programm zur Radikalisierungsprävention oder mit der letztjährigen Eröffnung der École nationale Ibn Badis, die Imame „à la française“ ausbildet. Mit seinen häufigen Solidaritätsbezeugungen gegenüber Juden, mit Verlautbarungen wie „Frauen sind die Zukunft des Islams“ oder „den Schleier sollte es in Frankreich nicht geben“ bringt er die Bärtigen auf die Palme. Vollends in Rage versetzt hat sie die im kleinen Kreis geäußerte Feststellung, schwule Imame seien eine Realität. Mit der Führerin der Rechtsextremen, Marine Le Pen, hat Hafiz ebenso den Austausch gesucht wie mit dem selbsterklärten „Teilzeit-Muslimhasser“ Michel Houellebecq oder mit einer ehemaligen Schülerin namens Mila, die nach bösen Worten gegen den Islam im Netz 2020 noch viel böser gemobbt worden war.
Dennoch zweifeln manche an dem Vorzeige-Muslim. „Libération“ schrieb so letztes Jahr, man habe hundertmal über ihn gehört: „Auf dem Papier ist er großartig, klug, aufgeschlossen, ein tadelloser republikanischer Diskurs, aber…". Wo nicht gar: „Er hat zwei Gesichter. Vorsicht." Handfestes wurde da freilich nicht vorgebracht. Konkreter wurde das wirtschaftsliberal-bürgerliche Blatt „L’Opinion“ mit einer Recherche über die Halal-Bescheinigung für alle Importe aus Europa nach Algerien, für welche die Grande Mosquée das Monopol hat. Hafiz sei der alleinige Gesellschafter des betreffenden Unternehmens; die jährlichen Einnahmen belaufen sich je nach Quelle auf zwischen 4 und 16 Millionen Euro.

Ein letzter, mächtiger Feind der Moschee und ihres Rektors ist Marokko. Ursprünglich bestand die Trägergesellschaft des Gotteshauses aus Vertretern der französischen Kolonien oder Protektorate Algerien, Marokko, Tunesien sowie Französisch-Westafrika. Nach der Unabhängigkeit dieser Territorien konnte sich Algerien in besagtem Gremium durchsetzen und beherrscht dieses seit einem Öl- und Gasdeal mit François Mitterrand 1982 ganz. Gegen Rabat, mit dem es seit über einem halben Jahrhundert um die Westsahara streitet, sucht Algier seither auch die Grande Mosquée zu instrumentalisieren.
Hafiz nun hat in seinem Vorleben als Rechtsanwalt nicht nur die algerische Botschaft in Frankreich, algerische Konsulate oder die Fluggesellschaft Air Algérie vertreten, sondern auch den Front Polisario, die durch Algerien finanzierte Befreiungsbewegung, die für die Unabhängigkeit der heute großteils durch Marokko kontrollierten Westsahara kämpft. Folgerichtig spucken quasioffizielle marokkanische Medien wie die Onlinezeitung „Le360“ Gift und Galle gegen den Rektor.
Doch eisiger Wind wehte letztes Jahr auch aus dem Pariser Innenministerium. Wegen starker Spannungen zwischen Frankreich und Algerien boykottierte der damalige Amtsinhaber, Bruno Retailleau, das Fastenbrechen während des Ramadans – und brach damit einen jahrzehntealten Brauch. Wie 1926 ist die Grande Mosquée auch 2026 noch eine eminent politische Institution.

Verwendete Literatur:
Chems-eddine Hafiz (Hrg.): La Grande Mosquée de Paris. Regards sur 100 ans en 100 événements. Le Cherche Midi, Paris 2026. 178 S., Euro 35.-.



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