Die Bollorisierung von Grasset beginnt
- marczitzmann
- vor 1 Tag
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Zur Entlassung von Olivier Nora, dem Leiter von Frankreichs zweitrenommiertestem Literaturverlag
Als vor einem Monat Boualem Sansal in die Riege der Grasset-Autoren aufgenommen wurde, unkten manche, nun beginne die Gleichschaltung des zweitrenommiertesten französischen Literaturverlags (als erste Adresse gilt Gallimard, wo Sansal seit seinem Debüt 1999 zehn Romane, vier Essais sowie einen Novellenband veröffentlicht hatte). Grasset ist Teil der Hachette-Gruppe, deren Hauptaktionär seit 2023 der rechtsextreme Milliardär und Medientycoon Vincent Bolloré ist. Dieser bringt all seine Unternehmen, die politisch und gesellschaftlich relevante Inhalte produzieren, stramm auf Linie. So geschehen beim vormaligen Fernsehsender „I-Télé“ (heute: „CNews“), beim Radiosender „Europe 1“, beim Sonntagsblatt „Le Journal du dimanche“, zu Teilen auch bei der Canal+-Gruppe. Und, in der Welt der Bücher, bei Fayard, das ebenfalls zur Hachette-Gruppe gehört. Einst ein renommierter Verlag, namentlich für Geisteswissenschaften, geben sich dort seit Bollorés Machtergreifung rechtsextreme Autoren die Klinke in die Hand, von den Parteiführern Jordan Bardella und Éric Zemmour bis zum mehrfach verurteilten Ex-Präsidenten Sarkozy, der bei Fayard einen Bestseller über seinen ersten ephemeren Gefängnisaufenthalt veröffentlicht hat.
Es ist auch Sarkozy, ein Busenfreund Bollorés und Propagator der „Union der Rechten“ (was in der Praxis die Auflösung des bürgerlichen Gedankenguts in der braunen Brühe rechts außen bedeutet), der als Lobbyist Sansal den Wechsel zur Hachette-Gruppe schmackhaft gemacht hat. Allerdings nicht zu Fayard, sondern zum prestigeträchtigeren und bis vor Kurzem noch nicht durch den Rechtskurs betroffenen Haus Grasset. Der Transfer wurde Mitte März bei den Feierlichkeiten zum zweihundertjährigen Bestehen von Hachette im Beisein geladener rechtsextremer Spitzenpolitiker wie Bardella, Zemmour, Marion Maréchal und Sarah Knafo triumphal verkündet.
Wer bei alledem bloß eine Statistenrolle spielte, war der zweite Hauptbetroffene: der Grasset-Leiter Olivier Nora, Neffe des Historikers Pierre Nora. Sansals Überwechsel wurde über seinen Kopf hinweg direkt durch die Hachette-Gruppenleitung ausgehandelt – und durch Bolloré abgesegnet, der einen fetten Scheck ausstellte. Das widerspricht der Usance in allen zivilisierten Ländern, wonach ein Verlagschef auch tatsächlich als Chef des betreffenden Verlags agiert. Doch Nora machte gute Miene zum bösen Spiel und gab artig zu Protokoll, jeder Verleger in Frankreich hätte einen Zugang wie diesen dankbar empfangen.

Hinter verschlossenen Türen indes flogen die Fetzen, wie „Libération“ heute Morgen berichtete. Nora, der weitherum respektiert ist und selbst vor Sarkozy nicht zu kuschen pflegt (die gegenseitige Animosität ist notorisch), wollte Sansals anscheinend Feuer und Schwefel speienden Erfahrungsbericht über seine einjährige Kerkerhaft in Algerien bis Ende 2025 erst im Herbst herausbringen. Und den Text zunächst einer tiefgreifenden Revision unterziehen – die jetzige Fassung sei, schreibt „Libération“, „konfus und nicht publizierbar“. Sansal und die Hachette-Spitze hingegen drangen auf eine Veröffentlichung bereits im Juni. Sie erhoffen sich einen Absatz von drei bis vier Millionen Exemplaren – pures Wunschdenken, so ramponiert ist der Ruf des Autors mittlerweile.
Nora freilich wird nicht mehr da sein, um den Schaden zu begrenzen. Er wurde soeben, nach sechsundzwanzig Jahren an der Spitze von Grasset und nach einem letzten Streit über die Beziehungen zwischen Filiale und Mutterhaus, entlassen. Ein literarisch unbeschlagener Apparatschik, Vertrauter des Milliardärs und derzeitiger Generaldirektor von Hachette, übernimmt seinen Posten. Wie schon bei Fayard haben etliche hochkarätige Autoren ihren Weggang angekündigt – mitsamt ihren Werken. Bolloré ist das egal: Ihm geht es nicht um Bücher, sondern um seine katholisch-identitäre Agenda.



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