Der mit den Pferden tanzt
Bartabas, der Schöpfer des „Reitkabaretts“, nimmt mit „Tombeau pour un cheval d’orgueil“ in Aubervilliers Abschied vom Sattel
Dämmerlicht im Rund der hölzernen Reithalle. Kerzengeflacker lässt lebensgroße schwarze Pferdeköpfe am oberen Ende der Tragpfeiler aufscheinen. Die Manege ist leer. Auf einer Empore zupft eine Gambistin die Saiten, neobarocke Arpeggien steigen in die weihrauchschwere Luft auf. An zwei Pulten tragen Rezitatoren abwechselnd einen Text über „ein Monster von einem Pferd“ vor: 1,95 m am Widerrist, von abgrundtiefer Färbung. Zum Präludium einer Suite von Monsieur de Sainte-Colombe schreitet besagter Brauner in den Saal. Ein Schock an Schönheit: Man wähnt, einem Gemälde von George Stubbs oder Benjamin Marshall sei ein dunkles Vollblut entstiegen. Den Reiter übersieht man demgegenüber fast in seiner nachtfarbenen Kluft, die anmutet, als hätte Nicolas Ghesquière eine Zurbarán-Kutte nachkreiert.

Mönch und Ross ziehen Kreise, zeichnen Diagonalen. Peu à peu belebt sich der Rhythmus. Zu einer Gavotte tänzelt der doppelköpfige Zentaur, zu einer Gigue schlägt er Kapriolen. Dann kehrt die Bewegung zu ihrer ruhigen Gangart zurück. Am Ende steigt der Reiter herab, löst dem Pferd Sattel und Zaumzeug; beide treten im gleichen, gemessenen Schritt ab. Der getragene Pas de deux dauert eine knappe Stunde und wirkte wie ein Abschied, schier zu schwer – wäre da nicht das viermalige Auftauchen einer weißen Fee, die wie ein windgeborener Traum auf einem Schimmel vorüberrauscht und mit ihrer windsackartigen Kopfbedeckung aus meterlanger Gaze ganz am Schluss eine kleine Gänseschar in die Manege lockt: Alles klingt in sanftem Schein aus, unter Geschnatter und Glockengeläut.

„Tombeau pour un cheval d’orgueil“ ist laut Ankündigung die letzte Produktion, in der Bartabas als Reiter auftritt. Schon 2017 wollte der Schöpfer der Genres „Reitkabarett“ und „Reitoper“ mit „Ex Anima“ seinem Publikum Adieu sagen. Die Pandemie holte den 1957 Geborenen aus dem Teilruhestand zurück. Doch mit fünfundsechzig klagte er in einem Interview über nachlassende Geschmeidigkeit, ja leichte Steifheit. Das „tönende Grabmal für ein Pferd des Stolzes“, wie man den Titel der jüngsten Produktion übersetzen könnte, mag also die letzte Gelegenheit sein, Bartabas auf einem Pferderücken zu erleben. „Ich gebe die Zügel frei und gehe in deinem Schritt“, sagt der männliche Rezitator am Ende des Stücks. Der Satz beschließt in gewissem Sinn auch eine fünfzigjährige Kunstsuche, deren Adel und Ehrgeiz darin lagen, mit Tieren nicht Zirkus, sondern Tanz und Theater zu machen.
Bartabas ist ein Fahrender, der sich selbst entwurzelt hat. Er besaß einen bürgerlichen Namen, eine bürgerliche Familie, einen bürgerlichen Geburtsort. Doch mit siebzehn riss er sich von alldem los. Machte mit drei Freunden Straßentheater, in Paris, in der Provinz. Und gründete 1984 das Théâtre Zingaro, benannt nach seiner wohl größten Pferdeliebe: einem „Minotaurus“ mit „geflügelten Hufen“, „halb Friesenpferd, halb Stier“. Als Zingaro 1998 siebzehnjährig starb, widmete ihm „Le Monde“ einen Nachruf.
Im ersten Jahrzehnt seines Bestehens entfachte das Théâtre Zingaro – namentlich beim Festival d’Avignon – mit drei aufeinanderfolgenden „Cabarets équestres“ und einer anschließenden „Opéra équestre“ Begeisterungsstürme. Ein Kaleidoskop von Szenen aus einem wilden, halb imaginären Osteuropa: Karren und Kerzen, Esel und Fusel, dazu Kosaken, Akrobaten und georgische Sänger, das Ganze gestaltet in einer Ästhetik des Behelfsmäßigen und durchsetzt mit Possen von pulcinellesker Derbheit.
Ab 1991 erarbeitete Bartabas dann – in einem ähnlichen Geist wie Pina Bausch mit ihren „World Cities“-Projekten und formal geprägt durch Theaterinszenierungen von Ariane Mnouchkine und Luca Ronconi – Reitgesamtkunstwerke, die durch exotische Weltregionen inspiriert waren. Rajasthan und seine Opulenz in Rot und Gold (sechsundzwanzig zweibeinige Mitwirkende, ebenso viele vierbeinige!) in „Chimère“ (1994). Südkorea und sein seidiger Minimalismus, sein Schwarzweiß-Schamanismus, seine Sinawi-Improvisationen und Pansori-Gesänge in „Éclipse“ (1997). Besonders scharf: Mexiko und seine Ein-Mann-Orchester, seine komischen Knochenmänner, seine Gelage auf dem Totenacker in „Calacas“ (2011).



Diese zunehmend verfeinerten Produktionen tourten von Recklinghausen bis Brooklyn und zogen jeweils hunderttausende Besucher an. Dank dieses Erfolgs, aber auch dank markant gesteigerter Subventionen unter Mitterrand und seinem Kulturminister Jack Lang, der ein Faible für Kunstformen außerhalb des etablierten Kunstbetriebs hatte, konnte sich das Théâtre Zingaro institutionalisieren. 1989 bezog es in Aubervilliers am nördlichen Pariser Stadtrand einen seither erweiterten Komplex, den die Architekten Patrick Bouchain und Jean Harari nach Bartabas’ Vorgaben entworfen hatten: eine Mischung aus Holztheater, Basilika, Heuschober, Viehhalle, Poststation und Reitbahn. 2003 konnte der Truppenleiter im Prachtbau der Grande Écurie in Versailles eine sehr spezielle Reitakademie gründen. Im vormaligen Großen Marstall des Sonnenkönigs lernen (bezahlte!) Schülerinnen und Schüler bis heute nicht nur reiten, sondern auch bogenschießen, kunstfechten, tanzen und singen.
Von Bartabas’ künstlerischen Ambitionen zeugen Gemeinschaftswerke mit der Choreografin Carolyn Carlson, dem Butoh-Altmeister Kō Muroboshi und dem Flamencotänzer Andrés Marín Vargas oder die Zusammenarbeit mit Pierre Boulez, der im Jahr 2000 bei drei Aufführungen des Reitstücks „Triptyk“ das Orchestre de Paris in Werken von Igor Strawinsky dirigierte. Doch war nicht alles Wohlgesang, was da wieherte. Es gab auch Dissonanzen: In „Darshan“ (2009) oder in „Entr’aperçu“ (2004 mit sechzehn Pferden auf der Bühne des Pariser Théâtre du Châtelet) verlor sich Bartabas in Gefilden, die Kritikern pompös, manieriert oder schlicht langweilig anmuteten. Grundsätzlich liegt dem Schöpfer die wilde Ekstase mehr als die stille Askese.

Was auch damit zu tun hat, dass Bartabas gesprochene, genauer: rezitierte Texte nicht immer glücklich in seine Stücke zu integrieren vermag. Und das, obwohl er als Filmregisseur mit sicherem Gespür für Timing und Montage besticht (neben dem romantisch-malerischen Spielfilm „Mazeppa“, 1993 in Cannes ausgezeichnet, und dem drei Jahre später vorgestellten „Chamane“, einer mystischen Reise von Jakutsk nach Irkutsk, umfasst seine Filmografie auch die von ihm verantwortete Aufzeichnung der meisten Reitstücke). Besagte Texte stammen von Autoren wie Lautréamont oder Victor Segalen, zunehmend aber von Bartabas selbst. Letztere erscheinen sogar beim renommierten Gallimard-Verlag – seit 2020 liegen dort vor: eine anrührende Porträtgalerie der wichtigsten Pferde in Bartabas’ Leben, von A wie Araignée bis Z wie Zingaro; eine poetische Meditation über die Ursprünge der Menschheit; lesenswerte Erinnerungen an die Seelenverwandte Pina Bausch; und sogar ein Bildungsroman mit autobiografischem Einschlag. Vom Pferderücken auf den Autorensessel – das Umsatteln scheint fast vollzogen.



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