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Das Pendant zu Deutschlands eingestelltem Kulturpass

Auch Frankreichs „Pass culture“ ist in Schwierigkeiten


Das Experiment „Kulturpass“ endete in Deutschland jüngst mit der Mitteilung des Bundesrechnungshofs, in der betreffenden Sache sei „keine verfassungsrechtliche Finanzierungskompetenz des Bundes“ gegeben. Frankreich ist kein Bundes-, sondern ein Zentralstaat, wenngleich ein zunehmend dezentralisierter. Die Kompetenzverteilung ist hier viel weniger sauber als östlich des Rheins: Neben den Regionen, Départements und Gemeinde(verbände)n betreibt auch „l’État“, sprich: die Zentralregierung, selbstverständlich und in großem Rahmen Kulturpolitik. Niemand hat je moniert, der Staat sei 2021 nicht in seiner Rolle gewesen, als er – fünf Jahre nach Italien, ein Jahr vor Spanien und zwei Jahre vor Deutschland – Frankreichs Kulturpass lancierte, den „Pass culture“.


Werbung des Städtchens Le Lavandou für den Pass culture (Bild: flickr)
Werbung des Städtchens Le Lavandou für den Pass culture (Bild: flickr)

Doch die Probleme sind hüben wie drüben ganz ähnlich. Der Pass erfüllt laut Kritikern nicht das selbstgesteckte doppelte Ziel, zum einen Jugendlichen die Entdeckung ihnen a priori fernstehender Künstler und Kunstformen zu ermöglichen, zum andern den sozialen Graben zu überbrücken und weniger Privilegierte im selben Maß zu erreichen wie Kinder wohlsituierter Bildungsbürger. Ich möchte hier relativieren, dass die mir vorliegenden, sehr partiellen Zahlen keine ganz so klare Sprache sprechen – sie lassen sich sehr gegensätzlich interpretieren.


So wurde beklagt, Jugendliche verschleuderten das Gros des Gelds, das ihnen der Staat bei Erreichen der Volljährigkeit via eine App schenkt, für Mangas. Aber diese bilden heute nur noch 9 Prozent der Gesamtausgaben. Und vor allem: Sind Mangas zwangsläufig Schund? Sollte man nicht eher frohlocken, dass junge Leute sich in Bildgeschichten vertiefen, die zum Teil als komplex, kodifiziert und künstlerisch hochwertig bestechen?


Desgleichen wurde der Graben zwischen Kindern von Eltern mit Hochschul- oder Universitätsabschluss und Sprösslingen von Schulabgängern mit Abgangszeugnis moniert. Erstere nutzen zu 87 Prozent den Pass culture, Letztere lediglich zu 67 Prozent. Das Gefälle ist gewiss stoßend. Aber kann man wirklich sagen, ein Dispositiv, das zwei Drittel des am schwersten zu erreichenden Zielpublikums anzieht, sei gescheitert? Kurz: Über Statistiken lässt sich streiten.


Fest steht hingegen, dass der Pass überstürzt lanciert wurde und dass die Struktur, die ihn trägt, Fragen aufwirft. Trotz vorausgegangener Testphase wurde das Dispositiv seit 2021 so oft und tiefgreifend umgemodelt, dass man von einem Werk im permanenten Fort- beziehungsweise Rückschritt sprechen kann. Ursprünglich erhielten Achtzehnjährige 500 Euro, die sie binnen eines Jahrs ausgeben konnten, wie sie wollten (mit Auflagen wie: keine Bestellung bei Amazon). Heute hat sich der Pass in deren zwei gespalten: den individuellen (150 Euro – beziehungsweise deren 200 für Schwachbemittelte und/oder Behinderte – mit achtzehn für eine halbwegs freie Verwendung über vier Jahre hinweg) und den kollektiven (zwischen 20 und 30 Euro pro Jahr für Absolventen der fünf letzten Schulklassen, auszugeben im Rahmen gemeinsamer Kulturunternehmungen unter Führung einer Lehrkraft). Während der individuelle Pass wegen seiner Mitnahmeeffekte kritisiert wird – er finanziert Ausgaben, die sich gebildete Gutsituierte auch so leisten würden, und er füllt zum Teil die Kassen ausländischer Majors der Film-, Musik- und Videospielindustrie, die keine Unterstützung nötig haben –, erntet der kollektive nur Lob, kompensiert er doch die fehlenden Mittel der Schule für Museumsbesuche oder Kunstateliers. Doch gerade dieser Pass wurde im Januar ebenso jäh wie brutal um ein Viertel gestutzt.


Bis März dieses Jahrs konnten Achtzehnjährige noch 300 Euro mit dem individuellen „Pass culture“ ausgeben – heute sind es nur noch deren 150. (Bild: flickr)
Bis März dieses Jahrs konnten Achtzehnjährige noch 300 Euro mit dem individuellen „Pass culture“ ausgeben – heute sind es nur noch deren 150. (Bild: flickr)

Was wiederum die Trägerstruktur betrifft, hat der Rechnungshof das Fremdvergeben einer öffentlich-rechtlichen Aufgabe an eine private Kooperative verurteilt. Diese zählt über 170 Mitarbeiter und kostet den Staat jährlich 20 Millionen Euro. Ihre Schaffung ist wohl Emmanuel Macrons Faszination für Startups geschuldet – wobei in der Entstehungsphase Regeln aufs Gröbste verletzt wurden. So hatte der Entwickler des Pass culture, ein staatlicher Finanzdirektor, die eigene Consultingfirma 2018 und 2019 als Subunternehmer an der Konzeption mitarbeiten lassen – für über 1 Million Euro! Eine Ermittlung wegen Günstlingswirtschaft, illegalem Interessenkonflikt und Veruntreuung öffentlicher Gelder läuft.


Endlich ist der Pass ein Fass mit leckem Boden. 2023 und 2024 lagen die Ausgaben um rund 15 Prozent über Budget – das sind jeweils 30 Millionen Euro! Angesichts der Kosten – 260 Millionen Euro letztes Jahr – stellt sich die Frage, ob das viele Geld nicht gewinnbringender in die schulische Kunsterziehung investiert wäre. Diese ist schreiend unterdotiert: Sie verfügt über gerade einmal vier Zehntel der genannten Summe. Doch bis zur von vielen geforderten Abschaffung des – zumindest individuellen – Pass culture mag es noch dauern. Zum einen bildet dieser ein Wahlversprechen des Präsidenten: Wer wagte es, Macrons heilige Kuh zu schlachten? Zum andern ist Frankreich seit dem 8. September wieder einmal ohne Regierung.



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