Wo Günter der Schnauzbart wuchs…
- marczitzmann
- 19. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit
… und Anna am Barren schwitzte – eine Schau im Goethe Institut Paris evoziert die vier Jahre, die das Künstlerehepaar Grass in der Lichterstadt lebte
Verrückte Geschichte: Das Schreibpult, auf dem Günter Grass „Die Blechtrommel“ verfasst hat, stand bis 2019 in einer Wohnung an der Nummer 111 der Pariser Avenue d’Italie. Der Literaturnobelpreisträger und seine erste Frau, die in der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre dort gelebt hatten, waren bereits 1960 fortgezogen. Aber erst nach dem Tod des Autors, Zeichners und Bildhauers 2015 konnte die Günter Grass Stiftung Bremen die als Erinnerungsstück wertvolle, als Einrichtungsstück indes billige Tischlerarbeit retten.
Jetzt steht das Möbel wieder zeitweilig in Paris: Im Schaufenster des Goethe Instituts am andern Ende der Stadt. Der ramponierte Kasten, dessen schräge Schreibfläche durch eine kleinbürgerliche Balustrade mit amphorenförmigen Holzsäulchen eingefasst wird, atmet den ganzen Mief von Adenauers BRD, der Anna und Günter Grass 1956 entfliehen wollten. Zum Glück haben die Kuratoren Horst Monsees und Birgitt Rambalski-Monsees von besagter Stiftung die Schubladen mit Tütchen des vom Autor der „Danziger Trilogie“ geliebten Brausepulvers gefüllt. Deren Vernaschen macht die trockene Betrachtung instant prickelnd.

Und auch im ersten Ausstellungssaal laden ein Zeichenheft, eine Schreibmaschine und eine Ballettstange zum Mitmachen ein. „Anna & Günter Grass, die Pariser Jahre des Künstlerehepaars“ will keine Literaturschau sein, sondern in Bildern und Texten die Chronik einer Liebesbeziehung entwerfen, die auch eine Arbeitsbeziehung war. Der Akzent liegt behutsam, aber bewusst auf Anna, laut Horst Monsees „eine eigenständige, etwas vernachlässigte Künstlerin“. Bei der Vernissage erinnerte sich die heute 92-jährige Deutsch-Schweizer Doppelbürgerin mit gallischen Vorfahren an die unterernährten kleinen Italiener und Franzosen, die ihre Eltern im Kanton Aargau nach dem Krieg aufpäppelten. So entspann sich namentlich mit einer französischen Familie eine bis heute andauernde Freundschaft. In deren Kreis verbrachten Anna und ihre Schwester Helen gern Ferien, eingeladen „in eine winzige Wohnung am Canal Saint-Martin“ – in welcher die junge Frau und ihr seit zwei Jahren angetrauter Gatte dann ihre erste Bleibe fanden, als sie Anfang 1956 „mittellos, aber unbekümmert“ (so Günter Grass) von Berlin nach Paris emigrierten. Nach ein paar Monaten zog das Ehepaar von der Rue Alibert weiter an die heutige Avenue Jean-Moulin, dann in die eingangs erwähnte Wohnung an der Avenue d’Italie.

Günter hat die durch Annas Vater erworbene Behausung später beschrieben: „Ein feuchtes Loch zu ebener Erde, das mir als Atelier für angefangene, doch, seit Beginn der ‚Blechtrommel‘-Niederschrift, bröckelnde Bildhauerarbeiten diente. Gleichzeitig war mein Arbeitsraum Heizkeller unserer darüberliegenden winzigen Zweizimmerwohnung.“ Es roch „nach Mauerschwamm und anheimelnd gasig“, rinnende Wände hielten die Vorstellung in Fluss. Künstlerromantik pur – doch am Ende holte sich der Schöpfer hier die Tuberkulose.
In Paris lebten die Eheleute von etwa 300 DM im Monat. Was – zumal nach der Geburt der Zwillinge Franz und Raoul im September 1957 – arg knapp war. Günter las gelegentlich Gedichte in deutschen Funkhäusern (sein Debütband, „Die Vorzüge der Windhühner“, erschien 1956), verkaufte ab und wann eine Zeichnung oder eine Lithografie und versuchte sich als Werbetexter – die Schau zeigt eine für die Berliner Meierei Bolle entstandene Skizze, die jedem Milchliebhaber den Magen umdrehen dürfte: eine Kuh mit Menschengesicht von hinten, Fokus auf den After, zappelnde Aale am Euter…
Anna ihrerseits hätte als Tanzstudentin gern in Revuetruppen ein Zubrot verdient. Doch ihre russisch-gestrenge Ballettlehrerin Nora Kiss verbot ihr, der hehren Kunst untreu zu werden. Pikanterweise gemahnt Annas Beschreibung des Studio Wacker an der Place de Clichy frappant an das frenetische Paris des durch beide Eheleute mit Leidenschaft gelesenen Louis-Ferdinand Céline (der selbst durch Tanz und Tänzerinnen fasziniert war): Eine Wendeltreppe, gesäumt von Türchen, hinter denen Musik geübt, Flamenco getanzt oder Ballett gedrillt wurde – das ganze Gebäude brummte und bebte.

Tanz bildete ein wichtiges Band zwischen Anna und Günter. Am Abend ließen die Rabeneltern ihre Wickelkinder oft allein (!) zuhause, um sich in einschlägigen Lokalen zu verlustieren. Fotos und Videos zeigen die beiden auf dem Parkett, sie graziös, umwerfend natürlich, eine Luftgestalt, er mehr erdverhaftet und – später, bei der Frankfurter Buchmesse – nicht ohne Pose. Über Anna lernte Günter den Choreografen Marcel Luipart kennen, für den er die Libretti mehrerer kleiner sowie eines abendfüllenden Balletts schrieb. Für Letzteres, „Die Vogelscheuchen“, seit 1957 in Gestation, aber erst 1970 an der Deutschen Oper Berlin aus der Taufe gehoben, komponierte Aribert Reimann die Musik, die er der Choreografie-Assistentin Anna widmete. Den Ausstellungsmachern ist es gelungen, Videofetzen der Uraufführung und vor allem die Aufnahme einer Konzertaufführung der Partitur durch das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Rafael Kubelik aus dem Jahr 1972 zu finden: ebenso gespannte wie spannende Klänge.

Neben Luipart sah das Künstlerpaar in Paris nur sieben oder acht weitere Kunstschaffende. Der rührige Förderer Walter Höllerer sowie der schwierige Freund Paul Celan waren wohl die wichtigsten unter ihnen, wenngleich aus ganz unterschiedlichen Gründen. Celan zählte, nach Anna (und neben Höllerer und dem Schweizer Künstler Robert Müller), zu den ersten Lesern des „Blechtrommel“-Manuskripts. Sein kritischer Beitrag war weitaus geringer als jener von Grass‘ Frau. Aber er machte dem Autor laut dessen Aussage „Mut, fiktive Gestalten wie Fajngold, Sigismund Markus und Eddi Amsel, keine edlen, sondern gewöhnliche und exzentrische Juden, in meine kleinbürgerliche Romanwelt zu fügen.“ Gemäß Günter Grass’ Biograf Harro Zimmermann ist trotz aller späteren Verwerfungen und halbherzigen Aussöhnungsversuche „mit Sicherheit auch einiges von der Wahrnehmung der Persönlichkeit des jüdischen Freundes selber in die Konzeption der fiktiven Gestalten der ‚Blechtrommel‘ und der ‚Hundejahre‘ eingegangen.“
Nicht zuletzt punktet die Schau mit zwei- bis sechsminütigen Videos, die beschwingt montierten Archivbildern Äußerungen der Eheleute unterlegen zu Themen wie „Der Bleistift verbindet“ oder „Ballett – die ruhelose Kunst“. Man erfährt da unter vielem mehr, dass Günter die Libretti von „Coppélia“, „Der holzgeschnitzte Prinz“ und „Der grüne Tisch“ (des Choreografen Kurt Jooss – „das erste politische Ballett“) schätzte, dass der französische Flötist Aurèle Nicolet zu den treuesten Freunden der Eheleute zählte und dass diese als „Sonntagsmaler“ (Anna) den Drang zum bildkünstlerischen Schaffen verspürten. Die Aquarelle von Madame, mit aristokratischem Understatement und kerzengerader Wirbelsäule aufs Papier gesetzt, sind übrigens mindestens ebenso sehenswert wie die Zeichnungen von Monsieur.



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