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Der Monafant im Raum

Kleine Revolution im Louvre: Die Besucherzahl wird beschränkt. Sind Quoten das adäquate Mittel, um die Qualität des Museumsbesuchs zu steigern?


Im Juni 2022 hat der Louvre diskret eine Obergrenze von 30 000 für die Zahl seiner täglichen Besucher eingeführt. Vor der Pandemie verzeichnete das größte Museum der Welt an manchen Tagen über 45 000 Eintritte, im Rekordjahr 2018 hatten sich diese auf 10,2 Millionen summiert. Nachdem die Besucherzahl 2020 und 2021 auf fast ein Viertel zusammengeschnurrt war, ist sie 2022 auf 7,8 Millionen hochgeschnellt. Der Standortvorteil als museales Kronjuwel der meistbesuchten Stadt der Welt (Quelle: Euromonitor 2022) sowie ein außerordentlich kunstsinniges, ausgehfreudiges lokales Publikum haben dem Louvre letztes Jahr eine Auslastung fast auf Vorpandemie-Niveau beschert. Dasselbe gilt für alle größeren Pariser Museen: Ihre Besucherzahlen lagen 2022 nur noch zwischen zehn und zwanzig Prozent unter jenen von 2019. Wobei im Fall des Louvre der überdurchschnittlich hohe Anteil ausländischer Besucher hinzukommt, welche längst noch nicht in den üblichen Scharen zurückgekehrt sind. Die jährlich rund sechshunderttausend Chinesen etwa sind seit 2020 fast sämtlich ausgeblieben – mit dem abrupten Ende von Xi Jinpings Null-Covid-Strategie dürften sie jetzt allmählich wieder anreisen.


Warten auf Corot? Eher stehen diese Touristen für die rätselumwobene Dame Schlange, deren Konterfei von der Titelseite von Dan Browns Thriller „The Da Vinci Code“ blickt. (Bild: La Tribune de l‘Art)

Eine Rückkehr zum „Normalzustand“ zeichnet sich also ab – und hier nun hat die 2021 angetretene Museumsleiterin Laurence des Cars, eine – wie sie es jüngst im Interview mit dem „Journal des Arts“ ausdrückte – „kleine Revolution“ angestoßen: „Ich bin die erste Präsidentin des Louvre, die sich für eine Regulierung der Besucherzahl starkmacht. Letztere darf nicht der einzige Maßstab für Erfolg sein: Wir müssen wegkommen von der Faszination für Zahlen und wieder einen Gleichgewichtspunkt finden, der der Begegnung zwischen dem Publikum und den Sammlungen förderlich ist.“ Angesichts der gedankenlosen Fixierung auf das Setzen immer neuer Besucherrekorde, welches in Frankreich vielerorts (und gerade im zuständigen Ministerium) als Maßstab einer erfolgreichen Kulturpolitik dient, ist das in der Tat eine Revolution. Und eine, die es zu begrüßen gilt: Endlich steht nicht mehr der Anstieg der Statistiken, sondern die Güte des Museumsbesuchs im Mittelpunkt der Reflexion. Fragt sich nur, ob Quoten das adäquate Mittel für Qualitätssteigerung sind.


Die Modalitäten für die Regulierung der Besucherzahl sind im erwähnten Interview nicht klar. Auf Anfrage präzisiert der Pressedienst des Louvre: „Für jedes halbstündige Zeitfenster wird ein Kontingent von Tickets für Onlinereservierungen und ein weiteres für Käufe am Schalter angeboten. Sind diese jeweils erschöpft, müssen Besuchswillige auf das nächste verfügbare Zeitfenster ausweichen. Onlinereservierungen, für die niemand erscheint, werden in Echtzeit dem Kontingent für Vor-Ort-Käufe zugeschlagen. Endlich sind die Berechtigten für freien Eintritt in den täglich 30 000 zugelassenen Besuchern inbegriffen“ – EU-Bürger unter sechsundzwanzig Jahren, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Träger etlicher Berufsausweise und andere bilden immerhin zwei Fünftel des Louvre-Publikums.


Schlangen auch im Innern von Ieoh Ming Peis Glaspyramide (Bild: La Tribune de l‘Art)

Gefragt, was er von der Beschränkung der Besucherzahl halte, gibt Didier Rykner eine nuancierte Antwort. Der Gründer der Online-Kunstzeitung „La Tribune de l’Art“ ist ein scharfer Beobachter (und oftmals Kritiker) der Art und Weise, wie der Louvre mit dem Besucherandrang umgeht. „Der Riesenpalast mit seinen fast 73 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche ist mitnichten überfüllt“, führt der Journalist aus. „Der zweite Stock mit den Sälen für französische und für nordeuropäische Malerei ist oft nur spärlich besucht. Mit Poussin oder Vermeer findet man sich mitunter im Tête-à-Tête! Dasselbe gilt für das Département des Objets d’art im Richelieu-Flügel. Hingegen ist die Grande Galerie heillos überrannt. Das Museum steht also nicht als Ganzes unter Wasser, sondern ist nur in bestimmten Abteilungen überflutet.“


Im Tête-à-Tête mit Vermeer (Bild: La Tribune de l‘Art)

Vier Mittel könnten laut Rykner eine gleichmäßigere Verteilung der Besucherströme bewirken. Erstens eine bessere Information am Eingang, dass es im Innern mehr zu erkunden gibt als bloß den zentralen Trampelpfad, der über die Nike von Samothrake zur Mona Lisa führt. Zweitens die Schaffung von Binnenparcours mit jeweils eigener Eintrittskarte. Der Louvre ist unmöglich an einem Tag zu besichtigen, warum also nicht den Besuch zusammenhängender größerer Sektionen anbieten? Für den Fall, dass die Grande Galerie überfüllt ist, könnte man interessierte Besucher so in die Départements für Skulpturen oder für islamische Künste schicken. Auch gibt es nach wie vor Liebhaber, die gezielt einzelne Abteilungen anschauen kommen: Die Möglichkeit, sich durch das ganze Museum zu bewegen, ist für sie nicht interessant. Im Rahmen des zirkulationstechnisch und personell Möglichen könnte man also Teil-Besuche mit einer etwas breiteren Palette an Tarifen anbieten statt bloß das derzeitige Gesamtpaket für siebzehn Euro. Drittens bildet die – von drei Punkten aus zugängliche – Pyramide derzeit den einzigen Eingang (die konfidenzielle Porte des Lions ist für den Massenempfang ungeeignet und auch immer wieder geschlossen). Ein zweiter Eingang wäre der besseren Durchblutung des Museumskörpers förderlich – die Verantwortlichen denken zurzeit über einen solchen an der Ostseite nach, wie auch über eine um eine Stunde spätere Schließung an fünfen der sechs Öffnungstage.


Auch Delacroix erhält nur mäßig Zulauf. (Bild: La Tribune de l‘Art)

Bleibt, viertens und endlich, der Elefant im Raum: die Mona Lisa. Leonardo da Vincis von Sfumato-Rätseln umranktes Frauenporträt ist dem Museum zugleich Segen und Fluch: ein Publikumsmagnet ohnegleichen und ein Problemfaktor ersten Ranges. Im Sommer 2019 warf das Bild den Betrieb schier aus den Gleisen, als die Salle des Etats, in der es unter Panzerglas ausgestellt ist, renoviert wurde. Der zeitweilige Umzug vom ersten in den zweiten Stock und vom Süd- in den Nordflügel zeitigte Zirkulationsstörungen, die man apokalyptisch nennen möchte. Auf ihrem mehrstündigen Leidensweg zu einem Bild, an dem sie am Ende in zwanzig Sekunden vorbeigescheucht wurden, standen Besucher auf stillgestellten Rolltreppen Schlange und beschimpften schuldlose Saalwächter.


2019 zog die „Mona Lisa“ zeitweilig in den Saal um, der Rubens‘ „Medici-Zyklus“ beherbergt. (Bild: La Tribune de l‘Art)
Die Folge war ein namenloses Chaos. Im vergeblichen Bestreben, der Besucherflut Herr zu werden, wurden jeden Tag Säle geschlossen und andere wieder geöffnet, um einen – nichtexistenten – Weg zu finden, die Ströme zu kanalisieren. (Bild: La Tribune de l‘Art)
Besucher mussten stundenlang warten, bis sie im Eilschritt am Objekt ihrer Selfie-Wünsche vorbeigescheucht wurden. (Bild: La Tribune de l‘Art)

Man muss die Dinge benennen, wie sie sind: Für Kunstliebhaber ist die „Mona Lisa“ verloren. Der traurige Fall eines Bildes, auf das Milliarden starren, aber das niemand mehr sieht, niemand mehr unter normalen Bedingungen betrachten kann. Für den Louvre ist dieses Werk schlechterdings toxisch: Von den vier anderen Leonardos der Sammlung getrennt, verstellt das Gemälde des Toskaner Kosmopoliten völlig den Blick für die bedauernswerten Arbeiten venezianischer Meister, die im selben Saal hängen (und wenig mit ihm zu tun haben). Wirft noch irgendwer eine Auge auf diese Lottos, Tizians und Veroneses, statt zwecks Selfie-Verewigung das Handy vor der Dame mit dem vieldeutigen Lächeln zu zücken?


In der Salle des Etats (hier vor der Renovierung von 2019) blickt kein Auge je nach links oder rechts. (Bild: La Tribune de l‘Art)

Didier Rykner schlägt – radikal, aber folgerichtig – vor, das Bild aus der Dauerausstellung herauszunehmen. „Ich sehe schweren Herzens keine andere Lösung als die, einen separaten Parcours für die ‚Mona Lisa‘ zu schaffen. Durch den Wegzug der Louvre-Reserven nach Liévin sind seit 2019 ausgedehnte unterirdische Räumlichkeiten freigeworden. Hier könnte man einen eigenen Saal mit eigenem Zugang und vielleicht sogar eigener Eintrittskarte einrichten – so störten die Heerscharen, die nur wegen diesem einen Bild in den Louvre strömen, nicht mehr den regulären Museumsbetrieb.“ Besser noch: Statt sich auf dreissigtausend Eintritte zu beschränken, könnte man täglich deren vierzigtausend, fünfzigtausend, womöglich sogar noch mehr gestatten, ohne dass die Qualität des Besuchs der Dauerausstellung darunter litte. Die gesteigerten Einnahmen kämen der Anreicherung der Sammlung zugute: Ein Fünftel des Ticketerlöses ist per Statut für Ankäufe bestimmt. Zu Rykners Vorschlag befragt, antwortet der Louvre knapp: „Pas de commentaire“.

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