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Das Gesicht der Germanophilie


Frankreichs Wirtschaftsminister, Bruno Le Maire, hat eine Fiktion veröffentlicht, in deren Mittelpunkt der Pianist Wladimir Horowitz steht. Erklärtes Vorbild von „Fugue américaine“ ist der späte Roman eines der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftstellers. Lohnt die Lektüre?


Wie gern würde man Bruno Le Maire lieben! Frankreichs Wirtschafts- und Finanzminister hat einen Roman veröffentlicht, sein zweiter beim prestigeträchtigen Gallimard-Verlag. „Fugue américaine“ handelt von zwei Brüdern zwischen 1949 und 1963. Der Ich-Erzähler, Oskar, und der zehn Jahre ältere Franz sind 1934 mit ihren jüdischen Eltern von Berlin nach New York geflohen. Ersterer studiert Medizin, Letzterer will Konzertpianist werden. Ende 1949 reisen die beiden nach Havanna, um einem Soloabend des Virtuosen Wladimir Horowitz zu lauschen. Nach dem Auftritt fühlt sich der zum US-Bürger gewordene Russe ukrainischer Abstammung unwohl; mangels eines verfügbaren Arztes wird Oskar hinzugezogen. Als Dank für seine „Behandlung“ – die hauptsächlich aus Zuhören besteht – bedingt sich der Medizinstudent eine Klavierstunde für den Bruder aus.


Der Kubaaufenthalt stellt eine entscheidende Weiche in beider Leben. Nach der Rückkehr nach New York, wo Horowitz ebenfalls lebt, wird Oskar im Lauf der Jahre zum Vertrauten und Seelendoktor des Starpianisten. Dank der Publizität, die ihm der illustre Patient verschafft, erwirbt der nunmehrige Psychotherapeut eine gehobene Klientel, der er „skandalöse Honorare“ abverlangt. Franz hingegen, durch die unerreichbare Güte von Horowitz‘ Vorspiel bei der einzigen Klavierstunde entmutigt, gibt das Konzertieren auf. Nachdem er auch als Immobilienmakler in Manhattan gescheitert ist, zieht er sich, geschieden und geldlos, aufs Land zurück. Dort zerrüttet sich sein Geist: Nach seinem Freitod findet man an die zehntausend Briefe, die er in seinen letzten Jahren an lebende wie tote Adressaten gerichtet hat. Unter ihnen auch der verhasste Horowitz – welcher seinerseits wenig später wieder zum (Konzert-)Leben erwacht: Nach schwerer Depression und zwölfjähriger Bühnenpause gelingt ihm am 9. Mai 1965 in New Yorks Carnegie Hall ein fulminantes Comeback.



Die Rezeption von Le Maires Roman in Frankreich ist kurios. Die asozialen Netzwerke gerieten, wie so oft, über ein Detail in Wallung: eine dreiundzwanzig Zeilen kurze Sexszene, die nicht wilder ist als andere. Doch auch Parlamentarier und sogar Mitarbeiter des Präsidenten wie der Premierministerin kicherten tagelang über eine Formulierung in besagter Passage, die sie pennälerhaft bei jeder unpassenden Gelegenheit anführten. Darf ein Minister solche Szenen (be-)schreiben? Le Maire verwahrte sich im Radiosender France Culture gegen eine „moralische Ordnung, die man uns aufzwingen will“: Sinnlichkeit und Sexualität zu thematisieren sei Teil seiner Schaffensfreiheit als „vollgültiger Schriftsteller“.


Eine legitimere Polemik betraf den Zeitpunkt der Veröffentlichung des Romans: Frankreich steckt in einer durch die jüngste Rentenreform ausgelösten Sozialkrise, die Staatsschuld hat unlängst die Marke der 3000 Milliarden Euro überschritten. Verlagsleiter Antoine Gallimard erklärte, die Publikation sei schon zweimal verschoben worden; Le Maire habe das Erscheinen des Buchs, an dem er fünf Jahre lang gearbeitet habe, sehr am Herzen gelegen. Doch darf ein Minister überhaupt schriftstellerisch tätig sein? Le Maire ist seit sechs Jahren im Amt und hat in dieser Zeit ebenso viele Bücher veröffentlicht – sollte nicht seine ganze Arbeitskraft im Dienste des Staates stehen? Heikle Frage: Jeder hat das Recht auf ein Privatleben; und der Minister-Romancier, der um fünf Uhr morgens aufzustehen pflegt, um zu schreiben, stellte klar, zwei Dinge stünden nicht zur Verhandlung: „mit Familie und Freunden Zeit verbringen und mich meiner Leidenschaft widmen.“


Auf Twitter verteidigte der Minister sein Recht auf Schreibzeit: „Manche besuchen Museen, Kinos, Konzertsäle, Fußballstadien. Andere gärtnern oder gehen wandern. Ich für meinen Teil schreibe. Die Literatur erlaubt es mir, aus dem Alltagsleben auszubrechen, Abstand zu gewinnen, anders zu denken. Schreiben ist ein Bedürfnis, das es wert ist, früher aufzustehen und später ins Bett zu gehen, Wochenenden und Ferien zu opfern.“ Mit Blick auf die Proteste gegen die jüngste Rentenreform antwortete ein Nutzer: „Le Maire macht sich für das Recht auf Freizeit stark… genau das, wofür wir seit Monaten tagtäglich demonstrieren“ (Screenshot: Twitter)

Auch die kritische Rezeption des Romans ist kurios. Viele Blätter thematisierten die Aufgeregtheiten um das Buch, aber nur wenige den Text an sich. „Le Figaro“, der keine Gelegenheit auslässt, sich rechten Ministern anzubiedern, schwärmte, Le Maire habe „den großen Roman der verlorenen Illusionen“ geschrieben (sic). „Libération“ lobte, maßvoller, einen „sehr guten, mit nervöser Feder verfassten Roman, dessen Klassizismus durch kursiv gesetzte Sätze auf Deutsch oder Englisch ins Wanken gebracht wird“. „Marianne“ hingegen machte sich lustig über einen auf „Volapük“ geschriebenen „Wohlfühlroman für Bildungsbürger“, der 471 Seiten zähle, „davon kumuliert 37 auf Deutsch, 33 auf Englisch, 21 auf Spanisch, eine halbe auf Latein zuzüglich Schnipsel von Italienisch“. Wie viel davon der frankophone Normalleser mangels mitgelieferter Übersetzung versteht, bleibe dahingestellt. Die Sprachlogik jedenfalls hinkt dezidiert: Horowitz sollte mit dem Ich-Erzähler Englisch (oder allenfalls Deutsch) sprechen, welche „Grundsprache“ Le Maire logischerweise ins französische Grundidiom seines Romans überträgt – warum also die zahlreichen englischen und deutschen Einschübe (letztere zudem von Fehlern durchsetzt)?


Grundsätzlich ist festzuhalten, dass Le Maire wie die meisten Sonntagsautoren, deren Material zu schwach ist, um eine vielhundertseitige Fiktion zu tragen, auf Füllmaterial setzt. Das sind, erstens, viel zu viele Beschreibungen, die gelegentlich Stimmung erzeugen, meist aber nur Verstimmung ob der Überlast an Epitheta. Zweitens nährt der Autor seinen Roman mit Details aus dem Leben der darin angeführten realen Berühmtheiten: Horowitz, aber auch dessen Musikerkollegen Swjatoslaw Richter und Dmitri Schostakowitsch sowie Muhammad Ali, John F. Kennedy und andere. Diese détails vrais verfehlen indes ihren Zweck, den historischen Hintergrund zu beglaubigen, strotzen sie doch – besonders im Fall von Horowitz – vor faktischen Fehlern. Drittens und endlich unterfüttert der Autor sein Werk mit (geo-)politischen Betrachtungen – über Xis China und Putins Russland, über die Spezies des Homo politicus… –, die wenig mit dem Stoff des Romans, viel jedoch mit Le Maires Brotberuf zu tun haben.


Heraussezieren lässt sich aus dem Wust an Füllmaterial ein mageres erzählerisches Skelett, das sich – was keinem französischen Journalisten aufgefallen ist – eng an Thomas Bernhards Roman „Der Untergeher“ anlehnt. Auch dort geht es um drei Männer, von denen einer an der Begegnung mit einem Pianistengenie zugrunde geht, während der Dritte als Ich-Erzähler die Geschichte erinnert. Bernhards zentrale Themen finden sich in verwässerter Form bei Le Maire wieder: Sterben und Überleben (beziehungsweise Fortleben in der Erinnerung); Streben nach künstlerischer Vollkommenheit sowie die Gefahr des Scheiterns, die dieses birgt. Nicht von Ungefähr tragen die Brüder in „Fugue américaine“ denselben Familiennamen wie die Titelfigur des „Untergehers“ (welche gleich Franz den Freitod wählt): Wertheimer.


Das Gesicht der Germanophilie: Bruno Le Maire 2020 (Bild: Hamilton De Oliveira)

Thomas Bernhard zählt zu Le Maires Lieblingsautoren, neben Pascal und Proust – aber auch Kafka und Musil. Der Minister kennt und liebt die deutschsprachige Literatur. Diese habe er, schwärmte er 2014 im Wirtschaftsmagazin „Challenges“, mit achtzehn während eines Vorbereitungsjahrs für die Aufnahme in die – namentlich auf Literaturwissenschaften spezialisierte – Pariser École normale supérieure entdeckt. Die lange Liste der Autoren, die er bewundert, reicht von Goethe bis Grass, von Kleist bis Sebald, von Hölderlin bis Jelinek. Mit Peter Handke soll er persönlich bekannt sein, wie auf französischer Seite mit Marie Darrieussecq, Marc Dugain, Jean-Christophe Rufin und Sylvain Tesson. Michel Houellebecq nicht zu vergessen, dessen ebenfalls den Vornamen „Bruno“ tragender Wirtschaftsminister in dem Roman „Anéantir“ von Le Maire inspiriert sein soll – auch wenn die Unterschiede die Ähnlichkeiten überwiegen.


Ein Minister Sarkozys und Macrons, der Deutschland und die deutschsprachige Literatur schätzt, dessen Herz für sogenannte klassische Musik schlägt (der 2012 erschienene Romanerstling des Amateurpianisten hatte die Laufbahn des Jahrhundertdirigenten Carlos Kleiber zum Thema), für den Schreiben eine Lebensnotwendigkeit darstellt – das Profil des Paradiesvogels weckt Neugier und Leselust. Doch ach, Le Maires „Fugue américaine“ wirkt mehr gesucht als gefunden, mehr konstruiert als inspiriert – eher Sonatine mit flüchtigem Nachhall denn Meisterfuge mit Ewigkeitswert.



Fugue américaine. Gallimard, Paris 2023. 480 S., Euro 23,50.
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