Spiralförmige Annäherung an die Quelle des Schmerzes
Aktualisiert: 21. Sept.
Adèle Haenel, eine der frühesten prominenten Vertreterinnen der MeToo-Bewegung in Frankreich, verarbeitet ihren Missbrauch als Kind in einem fesselnden Buch
Der Anfang eines Theatertexts. Die Bühnenanweisung beschreibt den Saal eines Volkshauses. Staub und Spinnweben auf der Bühne, davor: Eltern auf Klappstühlen. Zwei Kinder sagen enigmatische Sätze auf. Es geht ums Schweigen, ums So-tun-als-ob-etwas-nicht-existiere. Doch niemand habe die Zauberkraft, die Realität zum Schweigen zu bringen, sagt eine der Figuren. Dann wird sie konkreter: „Was tun, wenn jedes Mal, wenn ein Kind hinter verschlossener Tür verschlungen wird, der Angeklagte in den Genuss der Unschuldsvermutung kommen muss?“. Das Vokabular – „Gewalt“, „Verbrechen“ – verweist auf Übergriffe, Formulierungen beschreiben Reaktionen darauf: „Scham, überlebt zu haben und zu sprechen“, „Wunsch zu sterben“. Die Leserin, der Leser begreift (noch) nicht, worum es geht. Aber das lexikalische Feld verweist auf Kindesmissbrauch.
Das ist umso klarer, als die Autorin von „Viser juste“ Adèle Haenel ist – in Frankreich vor Vanessa Springora, Gisèle Pelicot und Judith Godrèche eine der frühesten prominenten Vertreterinnen der MeToo-Bewegung. Haenel hatte Ende 2019, gestützt auf eine lange Recherche der Onlinezeitung „Mediapart“, schwere Anschuldigungen gegen den Filmregisseur Christophe Ruggia erhoben. Dieser habe sie nach den Dreharbeiten ihres Filmerstlings, „Les Diables“, 2001 über drei Jahre hinweg missbraucht. Haenel war damals zwischen 12 und 14 Jahre alt; sie besuchte Ruggia in dieser Zeit fast jeden Samstag, um Schauspielunterricht zu nehmen. Der heute 61-Jährige ist im April in zweiter Instanz zu fünf Jahren Gefängnishaft verurteilt worden. Die Urteilsbegründung hielt fest, die Aussagen der Klägerin seien genau und gleichbleibend gewesen, während der Angeklagte widersprüchlich gewirkt und seine Verteidigungsstrategie befremdet habe – er habe die seinerzeit Minderjährige als eine Verführerin hingestellt, die sich ihm hysterisch an den Hals geworfen habe. Das Verdikt beruhte zudem auf zahlreichen Zeugenaussagen, darunter jenen der Schwester und einer ehemaligen Lebensgefährtin des Regisseurs, sowie auf Briefen des Opfers und des Täters.
Die durch Haenels Anwürfe ausgelöste verspätete MeToo-Diskussion – der Beginn der Weinstein-Affäre lag damals schon zwei Jahre zurück – wurde 2020 verstärkt durch den Eklat der Schauspielerin bei der César-Filmpreisverleihung. Nachdem Roman Polanski dort der César für die beste Regie verliehen worden war, verließ Haenel mit dem Ausruf „Schande!“ den Saal. Ein paar wenige Anwesende folgten ihr nach, aus Protest gegen die Ehrung eines Mannes, den mindestens fünf zum mutmaßlichen Tatzeitpunkt minderjährige Frauen der Vergewaltigung beschuldigt haben. Die Romanautorin Virginie Despenstes veröffentlichte kurz darauf in „Libération“ eine Diatribe gegen „die Mächtigen, die Bosse, die Chefs, die Bonzen“ in der Filmindustrie: Diese forderten nicht nur Straflosigkeit, sondern auch das Schweigen der Opfer. Despenstes’ Fazit in Form eines Kampfrufs: „Wir stehen auf. Wir hauen ab. Wir reißen die Fresse auf. Scheiß auf euch.“

All das, wie auch vorausgegangene und nachfolgende Ereignisse, verarbeitet Haenel in „Viser juste“, ihrem ersten Buch. Sie tut das in ebenso reflektierter wie vielfach verfremdeter Form. Die erlittenen Übergriffe nehmen so die Gestalt von Theaterszenen an, aber auch jene des Drehbuchs eines albtraumhaften Zeichentrickfilms, in dem ein „Mann mit Froschlächeln“ aus dem Körper eines schreckstarren Kindes Scheiben herausschneidet, derweil aus dem Mund des gelähmten Opfers Läuse strömen. Fünf „Tatortrekonstruktionen“ analysieren die perversen Logiken und Mechanismen sowie die Konsequenzen von Ruggias Manipulationen. Das Zuckerbrot: das Versprechen, gemeinsam ein filmisches Meisterwerk zu schaffen. Die Peitsche: im Gegenzug für das Privileg, auserwählt worden zu sein, der Zwang, als kindfrauliche Muse dem Mentor seine „wahre“, zwangsläufig sinnliche Natur zu zeigen. Und die Folgeschäden: als Mädchen schweigendes Leid, mutiert zu Selbsthass; als unterwürfige Halbwüchsige die Verinnerlichung des „sozialen Drehbuchs“ der patriarchalischen Gesellschaft.
Aber „Viser juste“ verwandelt sich auf halber Strecke aus der Trauerode auf ein zum Phantom verkümmertes Kind in den Auferstehungsgesang einer empörten, selbstbestimmten Frau. Dank einer Schulfreundin erschließt sich Haenel in der Philosophie die „Kunst, da eine Frage zu stellen, wo eine Gewissheit war“. Die Offenbarung der eigenen Homosexualität erlaubt es ihr, „einfach Mensch zu sein“, statt sich „ständig als Frau zu produzieren“. Filme werden ihr zum Mittel der Selbsterforschung, der „spiralförmigen Annäherung an die Quelle des Schmerzes“. 2023 bricht die Starschauspielerin mit der Filmindustrie – aus Protest gegen den Mangel an Konsequenzen aus MeToo-Enthüllungen, aber auch gegen die „bürgerliche Selbstbezogenheit“ von Frankreichs Kino.
Seitdem verwirklicht sie sich auf den Theaterbrettern, namentlich in den faszinierend verstörenden Arbeiten der Regisseurin Gisèle Vienne (ein Blogbeitrag über eine gemeinsame Aufführung hier), die den dreijährigen Schreibprozess von „Viser juste“ begleitet hat. Aber auch als Aktivistin: an der Seite von Opfern sexueller Gewalt, von verfolgten Iranerinnen oder der Bevölkerung von Gaza.
Am 9. September geißelte Haenel so im TV-Sender France 5 Israels Völkermord in Palästina und Frankreichs Mittäterschaft an diesem. Der Auftritt bildete eine Carte blanche in der betreffenden Sendung; er ist bis heute nicht juristisch angefochten worden und scheint auch schwerlich anfechtbar. Dennoch hat France Télévisions die ganze Sendung aus dem Netz entfernt – ein x-ter Fall von Selbstzensur in Frankreichs zunehmend verunsichertem öffentlich-rechtlichem Rundfunk.



Kommentare