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Shakespeare für Couch-Potatoes

„Henry VI“ mit netflixschem Storytelling: Dem Jungregisseur Thomas Jolly gelang 2014 mit einem Theatermarathon in Avignon der Durchbruch. Jetzt inszeniert er eine Rockoper – und 2024 die olympischen Spiele.


Der König ist tot. Aus dem offenen Grab von Henry V steigt Kunstnebel auf. Die Trauergäste werfen Erde hinein, kerzengelbes Licht von der Rampe gibt ihren Gesichtern das Relief von Masken. Zu klagender Fantasy-Cellomusik deklamieren sie Gedenkreden – da bricht die Bass-Threnodie ab und schlägt der Ton in Gekeife um: Gloucester und Winchester geraten einander in die Haare. Kaum haben die anderen Granden des Königreichs die beiden zum Schweigen gebracht – die Bühnenbeleuchtung beschwört hier die Buntglasfenster einer Kathedrale herauf –, stürzen Boten auf die Bühne und melden einen Gebietsverlust nach dem anderen im englisch besetzten Teil Frankreichs.


Der König von Avignon? Thomas Jolly spielt in seiner Inszenierung von Senecas „Thyestes“ 2018 einen Bruder des Titelhelden, Atreus. (Bild: flickr)

So beginnt Thomas Jollys Inszenierung von Shakespeares früher, geringgeschätzter und drum selten gespielter „Henry VI“-Trilogie. Deren kaum gekürzte Aufführung verhalf dem heute Vierzigjährigen 2014 am Festival d‘Avignon zum Durchbruch. Ein szenischer Kraft- und Gewaltakt, wie sie die Besucherinnen und Besucher der größten Theaterfestspiele der Welt lieben: Der (inklusive Pausen) achtzehnstündige Marathon begann um zehn Uhr morgens und endete – unter frenetischem Beifall – am Folgetag um vier Uhr nachts. Kritiker lobten die Frische und den Schwung der Produktion; unter jungen Theatergängern hat Jolly seitdem eine Fangemeinde.


Rampen-Rezitieren: vier Darsteller aus „Henry VI“ (Bild: flickr)

2018 wurde dem Senkrechtstarter dann die Ehre zuteil, das Festival d’Avignon in dessen Allerheiligstem zu eröffnen, dem Ehrenhof des Papstpalasts. Die zu diesem Anlass getroffene Wahl von Senecas Fünfakter „Thyestes“ bezeugt Jollys bemerkenswerte Vorliebe für Randständiges. „Richard III“, mit dem er 2015 die drei Teile von „Henry VI“ zur sogenannten York-Tetralogie vervollständigt hat (letzten Juni gab es eine vierundzwanzigstündige Gesamtaufführung in Angers), ist bis heute das einzige Repertoirestück in seinem Regie-Katalog. Dieser enthält sonst nur Raritäten: Marivaux‘ selbst in Frankreich kaum je gegebenen Einakter „Arlequin poli par l’amour“, Jewgeni Schwarz‘ Märchenstück „Der Drache“, Georg Kaisers spätes „Floss der Medusa“, dazu Werke von Copi, Sacha Guitry und Mark Ravenhill. Und auch im Opernbereich hat Jolly bislang ausschließlich Randständiges inszeniert: nach seinem – von der Kritik ungnädig aufgenommenen – Einstand mit Francesco Cavallis „Eliogabalo“ am Pariser Palais Garnier 2016 im Folgejahr Offenbachs „Fantasio“ sowie 2019 – als Uraufführung – Pascal Dusapins „Macbeth Underworld“. (Nächstes Jahr ist dann mit Gounods „Roméo et Juliette“ an der Bastille-Oper ein erstes Repertoirestück vorgesehen).


Kleiner Schöpfer, große Ambitionen: Jolly in seinem monumentalen Bühnenbild für „Thyestes“ im Ehrenhof des Papstpalasts von Avignon 2018 (Bild: flickr)

Jollys Regiestil ließe sich mit Begriffen wie „Aplomb“, „Energie“, „Theatralik“ und „Übermaß“ umschreiben. Seine Personenführung schwankt zwischen Rampen-Rezitation und Theater-Turnerei, bleibt aber stets konventionell. Requisiten werden wie im Jahrmarktstheater eingesetzt, Lichteffekte und (oft originale) Bühnenmusiken erzeugen eine filmische Anmutung. „Henry VI“ erlaubt es, diese allgemeinen Befunde zu exemplifizieren (die Produktion wurde auf fünf DVDs verewigt). Ohne Mikroport werden die Schauspieler hier gern zu geifernden Speichelschleudern, die einander an Dezibels zu überbieten suchen. Die französischen Protagonisten reiten auf Strohstühlen daher, Johanna von Orléans und der Dauphin duellieren sich mit Gymnastikbändern, Winchester führt eine platinblonde Perücke spazieren, die ihm als Pudelersatz dient.


Das eigentliche Markenzeichen der Produktion ist die Stilisierung der Trilogie zu einer Art szenischer Fantasy-Serie mit netflixschem Storytelling. Eine hinzuerfundene Rhapsodin fasst nicht nur vergangene Episoden zusammen und kündigt kommende an, sondern informiert die binge-watcher, pardon: Koma-Zuschauer auch über die Progression der Aufführung: „Es bleiben ihnen noch achtundsiebzig Szenen zu entdecken…“ Vergleiche zwischen Jollys Produktionen und Serien wie „Game of Thrones“ und „House of Cards“, den „Harry Potter“- und „Addams Family“-Filmreihen sowie der Ästhetik eines Tim Burton werden oft gezogen.


Viel Lärm um nichts: Jollys betriebsame Personenführung und sperrige Bühnendispositive erinnern – wie auch Anleihen beim Jahrmarktstheater – an Olivier Py. (Bild: flickr)

Spätestens an dieser Stelle muss der Name „Olivier Py“ fallen. Py stammt wie Jolly aus der Provinz; beide wurden als Schauspieler ausgebildet, haben als Mittzwanziger eine Truppe gegründet und sind Anfang dreißig in Avignon mit einem szenischen Marathon bekannt geworden (im Fall von Py dem Vierundzwanzigstunden-Stück „La Servante“ 1995). Wie Jolly huldigt auch Py einem Theater, bei dem übervitaminiertes Deklamieren im Zentrum steht und Kostüme, Bühnenbilder, Licht- und Klangdesign mehr mit dem Meißel arbeiten als mit dem Silberstift. Subtilität, Ambivalenz, Raffinement sucht man bei diesen Regisseuren vergebens. Doch sind sie beide prominente Vertreter einer in Frankreich über die Zeiten hinweg erfolgreichen Strömung, die unter wechselnden revolutionär-ikonoklastischen Firnissen stets dasselbe altbackene Theater propagiert. Ein wesentlicher Unterschied ist indes, dass Py – der auch im Opernbereich vielgefragt ist – auf der Sprechbühne hauptsächlich seine eigenen (unsäglichen) Texte inszeniert, derweil Jolly bisher stets fremde Stücke zur Aufführung gebracht hat. Mit der Übernahme der Leitung des Centre dramatique national von Angers ist der Jüngere 2020 in die Fußstapfen des Älteren getreten: Dieser hatte ebenfalls erst ein solches Provinztheater geleitet, bevor er zum Intendanten des Pariser Odéon-Theaters und hernach des Festival d’Avignon gekürt wurde.


Innovative Akzente setzte er dort keine – zum Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit in der Papststadt mussten diesen Sommer selbst Kritiker, die ihn jahrzehntelang hochgejubelt hatten, die Dürftigkeit seiner künstlerischen Bilanz konzedieren. Ob man auf Jolly größere Hoffnungen setzen darf? Seit seinem Amtsantritt in Angers hat der gebürtige Normanne in Interviews seine Position präzisiert. Beim Inszenieren sehe er sich als bloßen Mittler – „entre-metteur“, ein Wortspiel zwischen „metteur en scène“ (Regisseur) und „entremetteur“ (Kuppler) – zwischen Publikum und Text. Letzterer sei möglichst wortgetreu umzusetzen, ohne eigene Zutaten – bei Jolly speien Drachen tatsächlich Feuer und senkt sich Dunkelheit über die Bühne, wenn von der schwärzesten Nacht die Rede ist. Zugleich bemühe er sich, die Hierarchie zwischen Kulturobjekten abzubauen. „Für mich sind sie alle gleichwertig, ob es sich um einen Text von Gilles Deleuze handelt oder einen Clip von Beyoncé“. Eine Absage an den doppelten Auftrag des Interpreten, zum einen Texte – möglichst persönlich, das heißt (nach)schöpferisch – auszudeuten, statt diese „für sich selbst sprechen zu lassen“, zum andern an der Verfeinerung der künstlerischen Werteskala mitzuarbeiten, statt diese zu nivellieren.


Clip-Ästhetik: Jollys Inszenierungen leben stark von Kostümen und Lichteffekten; hier eine Aufnahme aus „Thyestes“. (Bild: flickr)

Dabei ist Jollys Bestreben, das breitestmögliche Publikum anzusprechen, durchaus löblich. Der Regisseur hat so vier Schauspieler eine dreiviertelstündige Kurzfassung von „Henry VI“ erarbeiten lasse, quasi als mobilen Teaser; und zu „Richard III“ gar eine Installation, ein Videospiel sowie ein Duftwasser in Auftrag gegeben. In Radio- und Fernsehauftritten rührt er unablässig die Werbetrommel für Frankreichs „théâtre public“; in den neunzehn Beiträgen einer „Le Théâââtre“ betitelten TV-Kurzrubrik hat er Vorurteile wie „Das ist zu teuer“, „Das spricht mich nicht an“ oder „Das ist nicht zeitgemäß“ zu entkräften versucht. Doch was fruchtet all der Einfallsreichtum in der Vermittlungsarbeit, wenn dieser den zu vermittelnden Arbeiten fehlt? Jollys Devise „populär und anspruchsvoll“ – ein zweiter Aufguss von Antoine Vitez‘ Wahlspruch „elitär für alle“ aus den 1970er Jahren – erfüllt unserer Tage ein Theaterdemiurg wie Joël Pommerat auf ganz anderem Niveau.


Doch bricht der rastlose Tausendsassa bereits zu neuen Gefilden auf. Anfang November präsentiert Jolly an der Seine musicale bei Paris eine Neuproduktion der legendären französischen Rockoper „Starmania“. An dieser Neuschöpfung der im Lauf der Jahrzehnte entstellten Urfassung von 1979 sind unter anderen der Choreograf Sidi Larbi Cherkaoui und der Louis Vuitton-Damendesigner Nicolas Ghesquière beteiligt. Eine noch ungleich größere Bühne wird Jolly im Sommer 2024 bespielen: Jüngst wurde er mit der Gestaltung der Eröffnungs- und Schlusszeremonien der olympischen und paralympischen Spiele in Paris betraut. Das Wortspiel „mettre la Seine en scène“ („die Seine inszenieren“) resümiert seine Aufgabe, die olympischen Athleten auf hundertsechzig bis zweihundert Booten zwischen Austerlitz- und Jena-Brücke vorbeiziehen zu lassen, derweil Hunderttausend zahlende Zuschauer dem Fluss-Defilee vom unteren Quai-Bereich aus zuschauen und sich bis zu eine halbe Million gratis auf dem oberen Niveau zusammendrängt – das Gesamtbudget der Superproduktion beträgt stattliche 137 Millionen Euro! Jolly verspricht unverbindlich Völkerverbindendes; Genaueres über das „große Fest, das Geschichte und Kreation, Erbe und Neuerung“ verbinden soll, wird im Frühjahr verraten.

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