top of page

Hundert Jahre Nüchternheit

10. Aug.
5 Min. Lesezeit
Seit 1926 ist die Grande Mosquée de Paris ein Minarett der Mäßigung– und eine eminent politische Institution


Vor hundert Jahren wurde die Grande Mosquée de Paris eingeweiht. In den ersten Tagen nach der Eröffnung soll ein Muezzin zum Gebet gerufen haben. Fassungslosigkeit bei den Anwohnern, bald gefolgt von Pfeifkonzerten und Steinwürfen. Binnen kurzem, heisst es, brachten Bauarbeiter mit ihrem Spott von gegenüberliegenden Gerüsten herab den Ausrufer zum Schweigen. Für den Wahrheitsgehalt der Geschichte können wir nicht bürgen: „Le Monde“ erzählt sie in einem Artikel, der eklatante Fehlangaben enthält (einem Rektor der Moschee wird da angedichtet, er habe erotische Gedichte verfasst und einen „fabelhaften Champagnerkeller“ besessen). Aber so oder so: Was für eine sprechende, ja singende Anekdote für die heikle Akklimatisierung eines islamischen Gotteshauses in der Kapitale des Skeptizismus, des Säkularismus, der Irreligiosität.


Ein Seiteneingang der Grande Mosquée de Paris im 5. Arrondissement, gleich am Jardin des Plantes (Bild: Wikipedia)
Ein Seiteneingang der Grande Mosquée de Paris im 5. Arrondissement, gleich am Jardin des Plantes (Bild: Wikipedia)

Heute ist die Grande Mosquée ein Fixpunkt der Pariser Topografie. Bei unserem Besuch findet sich im Café zur Mittagszeit kein einziger freier Platz mehr – dabei sitzt man hier zwar unter offenem Himmel, aber ungemütlich dicht beieinander. Das Restaurant im Innern bietet dafür umso mehr Raum – und bedient mit seinem, wie's scheint, durch einen fantasiearmen Flaschengeist gestalteten Dekor alle orientalischen Klischees, charmanter Schmuddel inbegriffen. Das Personal wiederum nimmt mit dezidiert unpariserischer Liebenswürdigkeit für sich ein – und das Couscous betört mit einer Sauce, die 1001 Gewürze auf die Zunge zaubert.


Wie die Speisegäste bilden auch die Besucher des Moscheekomplexes eine Mischung aus lokal und international. Farid Boudiaf wohnt im Vorort Aubervilliers und hat sein Taxi vor der weißen Umfassungsmauer abgestellt, um – „schnell, ich habe nur zehn Minuten Zeit“ – ein Gebet zu verrichten. Eine Indonesierin, die ihren Namen nicht verraten mag, hat ihrerseits bei ihrer ersten Parisreise entdeckt, dass es auch in Frankreich Moscheen gibt – und fühlt sich gleich viel willkommener.


Der Bau, entworfen durch einen Architekten, der jahrelang als staatlicher Denkmalpfleger in Marokko tätig gewesen war, ist selbst ein Amalgam. Nicht nur bedient er sich bei Moscheen in Fès, Kairouan und Rabat, er macht auch Anleihen bei andalusischen Palästen wie Alcazar und Alhambra und bei Stadttoren wie jenem von Meknès. Der Komplex bildet so eine Synthese aus Gotteshaus, Ziergarten und Miniaturstadt.


Neben dem Haupteingang betteln, wie hier zu sehen, oft alte Frauen. (Bild: Wikipedia)
Neben dem Haupteingang betteln, wie hier zu sehen, oft alte Frauen. (Bild: Wikipedia)

Errichtet wurde diese erste permanente Moschee im französischen Mutterland zu Ehren der halben Million Afrikaner, die als Mitglieder der Kolonialtruppen während des Ersten Weltkriegs mitgekämpft hatten – jeder fünfte von ihnen fand dabei den Tod. Doch zwischen der Lancierung des Projekts 1920 und seiner Vollendung sechs Jahre später kippte die Stimmung. Nicht zuletzt wegen des Rifkriegs, einem antikolonialen Guerrillakrieg, der zwischen 1921 und 1926 in Marokko tobte, waren aus den einstigen Graben-„Brüdern“ ungeliebte „Eingeborene“, wo nicht gar unerwünschte „Sidis“ geworden. Die Grande Mosquée sah sich so schon bei Eröffnung mit der inoffiziellen Aufgabe betraut, die seinerzeit fünfzigtausend maghrebinischen Arbeiter in und um Paris im Auge zu behalten. „Die ‚Befriedung‘ in den Kolonien geht einher mit einer zunehmenden Überwachung des politischen Engagements in der Kapitale“, schreibt der Historiker Pascal Blanchard in dem jüngst erschienenen Sammelband „La Grande Mosquée de Paris“. Und zitiert Stimmen aus dem kommunistischen wie aus dem rechtsextremen Lager, die seinerzeit den Moscheebau geißelten: hier „eine Bedrohung für unsere Zukunft“, dort ein „Riesenbluff“ seitens einer Gesellschaft, „in der das Rassenvorurteil vom diebischen und trägen Kameltreiber“ grassiere.


Der marokkanische Sultan Mulai Yusuf und der erste Rektor, Kaddour Benghabrit (der sich später als Mitglied der Résistance auszeichnete), bei der Einweihung der Grande Mosquée de Paris am 16. Juli 1926 (Bild: Wikipedia)
Der marokkanische Sultan Mulai Yusuf und der erste Rektor, Kaddour Benghabrit (der sich später als Mitglied der Résistance auszeichnete), bei der Einweihung der Grande Mosquée de Paris am 16. Juli 1926 (Bild: Wikipedia)

Doch auch den Nationalisten unter den Namenlosen ohne Bürgerrechte bot die Grande Mosquée ein Gefühl der gemeinschaftlichen Geborgenheit. Es ist bezeichnend für den Genius loci, dass im Schatten des Minaretts während der Besatzungszeit Juden Nahrung, Unterschlupf, ja falsche muslimische Glaubensbescheinigungen fanden. Laut Schätzungen rettete der Imam Abdelkader Mesli so zwischen 500 und 1600 Verfolgte – wurde aber selbst 1944 deportiert. Von einem ähnlichen Geist beseelt, erklärte während des Sechstagekriegs 1967 der damalige Rektor, Hamza Boubakeur, der Konflikt sei nicht religiös, sondern rein politisch motiviert. Und gründete mit christlichen und jüdischen „Brüdern“ eine „Fraternité d’Abraham“.


Im Profil seines Sohns, Dalil, der zwischen 1992 und 2020 amtierte, spiegelt sich jenes der Grande Mosquée als Institution wieder. Dalil Boubakeur sah sich gern als der „Voltaire des Islams“. Belesen, urban und mondän, war er ein deliziöser Konservativer, wie sie heute – auch in Frankreich – am Aussterben sind. Rechte Politiker gaben sich bei ihm die Klinke in die Hand; weibliche Schäflein hingegen parkte der Rektor seit 2013 im Keller, pardon: im Untergeschoss – wo sie bis dahin doch im selben großen Saal gebetet hatten wie ihre männlichen Glaubensgenossen, sittsam verborgen hinter einem Vorhang. Protestaktionen parierte der Patriarch mit mittelalterlichen Argumenten: Frauen tendierten zum Tuscheln und/oder Verführen, fast wie der Schaitan. Als Boubakeur sich 2005 während des großen Banlieue-Aufstands zur Moschee von Clichy-sous-Bois chauffieren ließ, wurde sein Auto mit Steinen beworfen. Zwischen dem Honoratior aus der Lichterstadt und der empörten Vorstadtjugend war keine Kommunikation möglich. Und seit vier junge Männer 2010 seine Ermordung geplant hatten, „um die Al-Qaida-Franchise zu erhalten“, flankierten ihn permanent zwei Leibwächter.


Blick auf den „Garten Eden“ (Bild: Wikipedia)
Blick auf den „Garten Eden“ (Bild: Wikipedia)

Boubakeurs langjähriger Rechtsanwalt und Nachfolger, Chems-eddine Hafiz, hat den Hass der Islamisten auf die Grande Mosquée noch verstärkt. Hafiz kämpft nicht nur gegen den Terrorismus, sondern auch gegen den Fundamentalismus. In Wort: mit Büchern wie einem 2021 erschienenen „Manifest gegen den islamistischen Terrorismus“ oder einem jüngst veröffentlichten neunhundertseitigen Sammelband zum Thema „Muslime im Abendland“. Und in Tat: mit einem Programm zur Radikalisierungsprävention oder mit der letztjährigen Eröffnung der École nationale Ibn Badis, die Imame „à la française“ ausbildet. Mit seinen häufigen Solidaritätsbezeugungen gegenüber Juden, mit Verlautbarungen wie „Frauen sind die Zukunft des Islams“ oder „den Schleier sollte es in Frankreich nicht geben“ bringt er die Bärtigen zum Haareausraufen. Vollends zur Raserei getrieben hat sie die im kleinen Kreis geäußerte Feststellung, schwule Imame seien eine Realität. Mit der Führerin von Frankreichs Rechtsextremen, Marine Le Pen, hat Hafiz ebenso den Austausch gesucht wie mit dem selbsterklärten „Teilzeit-Muslimhasser“ Michel Houellebecq oder mit einer ehemaligen Schülerin namens Mila, die nach bösen Worten gegen den Islam im Netz 2020 noch viel böser gemobbt worden war.


Dennoch zweifeln manche an dem Vorzeige-Muslim. „Libération“ schrieb so letztes Jahr, man habe hundertmal über ihn gehört: „Auf dem Papier ist er großartig, klug, aufgeschlossen, ein tadelloser republikanischer Diskurs, aber…" Wo nicht gar: „Er hat zwei Gesichter. Vorsicht." Handfestes wurde da indes nicht vorgebracht. Konkreter wurde das Blatt „L’Opinion“ mit einer Recherche über die Halal-Bescheinigung für alle Importe aus Europa nach Algerien, für welche die Grande Mosquée das Monopol hat. Hafiz sei der alleinige Gesellschafter des betreffenden Unternehmens; die jährlichen Einnahmen belaufen sich je nach Quelle auf zwischen 4 und 16 Millionen Euro.


Details des Innenhofs (Bild: Wikipedia)
Details des Innenhofs (Bild: Wikipedia)

Ein letzter, mächtiger Feind der Moschee und ihres Rektors ist Marokko. Ursprünglich bestand die Trägergesellschaft des Gotteshauses aus Vertretern der französischen Kolonien oder Protektorate Algerien, Marokko, Tunesien sowie Französisch-Westafrika. Nach der Unabhängigkeit dieser Territorien konnte sich Algerien in besagtem Gremium durchsetzen und beherrscht es seit einem Öl- und Gasdeal mit François Mitterrand 1982 ganz. Gegen Rabat, mit dem es seit über einem halben Jahrhundert um die Westsahara streitet, sucht Algier seither auch die Grande Mosquée zu instrumentalisieren.


Hafiz nun hat in seinem Vorleben als Anwalt nicht nur die algerische Botschaft in Frankreich, algerische Konsulate oder die Fluggesellschaft Air Algérie vertreten, sondern auch den Front Polisario, die durch Algerien finanzierte Bewegung, die für die Unabhängigkeit der heute großteils durch Marokko kontrollierten Westsahara kämpft. Folgerichtig spucken quasioffizielle marokkanische Medien wie die Onlinezeitung „Le360“ Gift und Galle gegen den Rektor. Dieser sei, so der Refrain der Hasstiraden, ein Agent Algiers.


Doch eisiger Wind wehte letztes Jahr auch aus dem Pariser Innenministerium. Wegen starker Spannungen zwischen Frankreich und Algerien boykottierte der damalige Amtsinhaber, Bruno Retailleau, das Fastenbrechen während des Ramadans – und brach damit einen jahrzehntealten Brauch. Wie 1926 ist die Grande Mosquée auch 2026 noch eine eminent politische Institution.


Das Minarett (Bild: Wikipedia)
Das Minarett (Bild: Wikipedia)

 



Verwendete Literatur:

Chems-eddine Hafiz (Hrg.): La Grande Mosquée de Paris. Regards sur 100 ans en 100 événements. Le Cherche Midi, Paris 2026. 178 S., Euro 35.-.



Kommentare


Melden Sie sich an, um über neue Beiträge informiert zu werden

Danke für Ihre Anmeldung!

© 2022 für Leben wie zit. in Frankreich. Mit Wix.com geschaffen.

bottom of page