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„Es geht nicht darum, das Böse aus der Welt zu schaffen, aber diese ein wenig lebbarer zu machen“

Aktualisiert: 29. Sept. 2022

Dialog bis in die Banlieues, ja bis nach Weißrussland: Das Pariser Mémorial de la Shoah informiert und forscht über den europäischen Judenmord – und blickt dabei vermehrt über den Tellerrand hinaus

Die Flamme der Erinnerung nicht erlöschen lassen – die Krypta des Mémorial de la Shoah (Bild: zit.)

Vergangenen Juli jährte sich die Rafle du Vel d’Hiv, die größte Judenrazzia in Westeuropa, zum achtzigsten Mal. Am 16. und 17. Juli 1942 verhafteten hauptstädtische Polizisten in und um Paris knapp 13 000 Jüdinnen und Juden. Ein Teil von ihnen wurde in zwei Internierungslager im Département Loiret transferiert: Beaune-la-Rolande und Pithiviers. Pünktlich zum Jahrestag konnte das Pariser Mémorial de la Shoah heuer die 1969 für den Personenverkehr geschlossene Gare de Pithiviers als Gedenkstätte wiedereröffnen. Das Äußere des typischen Provinzbahnhöfchens mit sandfarbenem Verputz, Ziegelsteinkaminen, von Stuckgirlanden umrankter Uhr und schieferbedecktem Schrägdach wurde beibehalten. Im Innern gedenkt ein Parcours der 16 000 Opfer, die zwischen 1941 und 1943 im Loiret interniert waren – die Hälfte von ihnen wurde von hier aus direkt nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Damit war der Bahnhof von Pithiviers der drittwichtigste Abfahrtsort für Judenkonvois im Lande nach den Nachbarbahnhöfen Le Bourget-Drancy und Bobigny im Pariser Nordosten.


Die mit der Unterstützung von Frankreichs staatlicher Eisenbahngesellschaft SNCF in eine Gedenkstätte verwandelte Gare de Pithiviers (Bild: © Nadia Haddab – Mémorial de la Shoah)

Von den beiden letztgenannten Stationen wurden 63 000 der insgesamt über 75 000 Deportierten Frankreichs gen Osten verschickt. Das Lager von Drancy, wo diese 63 000 Männer, Frauen und Kinder interniert gewesen waren, war mit Abstand das größte im Lande. An seinem ehemaligen Standort eröffnete das Mémorial de la Shoah 2012 eine Zweigstelle. Von der Dauerausstellung im obersten Geschoss des Neubaus blickt man durch eine raumhohe Glasfront auf den Kernbau der sogenannten Cité de la Muette hinab: eine hufeisenförmige fünfgeschossige Wohnmaschine um einen zweihundert Meter langen Innenhof herum. 1937 vollendet, war die modernistische Siedlung der Architekten Eugène Beaudouin und Marcel Lods ab Juli 1940 durch die Nazi-Besatzer zweckentfremdet worden, erst als Internierungslager für Kriegsgefangene, dann für Juden. Die (heute noch 369) Sozialwohnungen beherbergen seit 1948 wieder eine sehr prekäre Bevölkerung; drei dunkelhäutige Bewohner, mit denen wir bei unserem Besuch ins Gespräch zu kommen versuchten, wussten nichts von „dieser Geschichte“. Mit der Gare de Pithiviers, dem Mémorial de Drancy sowie dem Musée-mémorial des enfants du Vel d’Hiv in Orléans betreibt das Mémorial de la Shoah heute drei wichtige Holocaust-Gedenkstätten außerhalb von Paris.


Blick vom Obergeschoss des Mémorial de Drancy auf die Cité de la Muette. Vom Monument des Bildhauers Shlomo Selinger führen Gleise zu einem historischen Viehwaggon. (Bild: zit)

Erinnerungsarbeit zu leisten, ist die ursprüngliche Bestimmung des Zentrums. Seine Anfänge reichen ins Frühjahr 1943 zurück, als der russischstämmige Industrielle Isaac Schneersohn in Grenoble gleichgesinnte Glaubensgenossen versammelt hatte, um das Centre de documentation juive contemporaine (CDJC) zu gründen. Ziel war die Verfolgung der Juden in Frankreich zu dokumentieren – im Warschauer Ghetto hatte sich, ein Jahr zuvor und unter ungleich akuterer Existenzbedrohung, das durch Emanuel Ringelblum geleitete Untergrundarchiv Oneg Schabbat einem ähnlichen Ziel verschrieben. Unmittelbar nach der Befreiung von Paris gelang es den Verantwortlichen des CDJC dann, Archive der Vichy-Regierung und der Nazi-Besetzer zu sichern, darunter jene des Judenreferats der Gestapo. Diese Dokumente stellte das Zentrum bei den Nürnberger Prozessen der Anklage zur Verfügung, wie später auch bei den Strafverfahren gegen Adolf Eichmann und Klaus Barbie.


Im Jahr 2005 fusionierte das CDJC mit dem in den 1950er Jahren ebenfalls auf Initiative von Schneersohn hin erbauten Mémorial du martyr juif inconnu. Dessen mahnmalartige Krypta im Pariser Marais-Viertel wurde durch die Grabung zweier unterirdischer Geschosse und die Angliederung dreier Nachbargebäude zum Herzen eines 5000 Quadratmeter großen Komplexes. Das nunmehrige Mémorial de la Shoah verfügt über alle Infrastrukturen einer Gedenkstätte mit internationaler Ausstrahlung wie Yad Vashem in Jerusalem oder das United States Holocaust Memorial Museum in Washington: eine 1000 Quadratmeter grosse Dauerausstellung, Räumlichkeiten für Wechselschauen und für pädagogische Aktivitäten, ein Auditorium, eine Buchhandlung mit über 15 000 Titeln, das Dokumentationszentrum mit den Beständen des CDJC, dazu Gedenkräume wie die Krypta mit der ewigen Flamme, die das Zentrum auf der Nordseite einfassende „Mauer der Gerechten unter den Völkern“ und die im Innenhof aufragende „Namensmauer“ mit den Namen von 75 568 Deportierten Frankreichs.


Der „Mur des Noms“ wurde 2005 eingeweiht und vierzehn Jahre später einer 6200 Korrekturen umfassenden Gesamtsanierung unterzogen (Bild: © Florence Brochoire – Mémorial de la Shoah)

Seit 2005 ist das Mémorial de la Shoah eine Institution, die in die breite Öffentlichkeit hineinzuwirken trachtet. Sie tut das mit einer zunehmend großen Vielfalt von Initiativen, von denen die beiden wichtigsten hier näher betrachtet werden sollen. Das erste Mittel, um möglichst diverse Kreise anzusprechen, ist das Ausrichten von Wechselausstellungen. Das Zentrum organisiert – selbstverständlich – Schauen zum Kern des Judenmords: „Blicke auf die Ghettos“, „Die Kinder in der Shoah“… Es beleuchtet auch die Zeit danach, sei’s unmittelbar (mit zwei Ausstellungen zu den Filmaufnahmen frisch befreiter Lager durch die Amerikaner Samuel Fuller, John Ford und George Stevens beziehungsweise zu jenen, die sowjetische Kameramänner über die Stätten der Massenvernichtung im Osten drehten), sei’s mittelfristig („Nach der Shoah, 1944 bis 1947“), sei’s in der Langzeitperspektive (mit drei Schauen zu den Prozessen gegen Eichmann und Barbie sowie zum Wirken von Beate und Serge Klarsfeld). Ferner werden auch Künstlerfiguren präsentiert, in deren Werk der Judenmord eine wichtige, wo nicht gar zentrale Rolle spielt: der Zeichner Georges Horan, der Bildhauer Shlomo Selinger, die Tagebuchschreiberin Hélène Berr, die Romanautorin Irène Némirovsky…


Georges Horan wurde im Sommer 1942 Zeuge des erschütterndsten Verbrechens gegen die Menschlichkeit, das im Rahmen des französischen Judenmords begangen wurde: Die Deportation von rund viertausend Kindern nach Auschwitz-Birkenau via Drancy. Bei der Rafle du Vel d’Hiv Mitte Juli aufgegriffen, mit ihren Eltern nach Beaune-la-Rolande und Pithiviers verschleppt, zwischen dem 30. Juli und dem 6. August mit Gewalt erst vom Vater, dann von der Mutter getrennt, hatten sie Tage, ja Wochen mutterseelenallein vor sich hinvegetiert, bevor man sie in Begleitung sehr weniger Erwachsener in Viehwaggons steckte, um sie am Ende samt und sonders zu vergasen. Derlei „Kinder-Konvois“ sind europaweit bespiellos. (Bild: zit.)

Doch regelmäßig weitet das Mémorial de la Shoah die Perspektive aus mit Schauen über andere Völkermorde (jene der Nama und Herero zwischen 1904 und 1908, der Armenier 1915/16, der Tutsi 1994) oder über andere Opfergruppen des NS-Regimes und seiner französischen Kollaborateure (Fahrende, Schwule und Lesben, weibliche Mitglieder der Résistance). Die jüngste, fesselnde Schau zum Thema „Die Kirchen und die Shoah“ ist repräsentativ für all diese Ausstellungen: text- und dokumentlastig, in der Szenografie sachlich bis spröde, in der pädagogischen Aufbereitung der Informationen auf dem neusten Wissensstand aber von vorbildlichem Lehrreichtum.


Diese Tafel aus der derzeit laufenden Schau „Die Kirchen und die Shoah“ ist repräsentativ für die Ausstellungen des Mémorial de la Shoah. (Bild: zit.)

Der andere Hauptvektor der Breitenwirkung des Zentrums sind seine pädagogischen Programme. Auch hier ist die Palette sehr weit. Frühestes Instrument der Institution war die ins Jahr 1946 zurückgehende Revue d’histoire de la Shoah, die älteste dem europäischen Judenmord gewidmete Fachzeitschrift der Welt. Ursprünglich aus dem Bulletin des CDJC hervorgegangen, ist sie heute inhaltlich vom Mémorial de la Shoah unabhängig. Ihre (auf dem Portal cairn.info frei zugänglichen) Seiten widerspiegeln die Wandlungen des Studienfelds im Lauf der Jahrzehnte: Erst durchforsteten engagierte Pioniere wie Joseph Billig, Léon Poliakov und Georges Wellers die aus dem Krieg erretten Archive, dann traten Berufshistoriker wie André Kaspi dem in den 1970er Jahren aufkeimenden Negationismus entgegen, in jüngerer Zeit lag der Akzent namentlich auf dem vergleichenden Ansatz und auf dem Bestreben, den Opfer ihre Stimme zurückzugeben.


Für Schüler der Primar- und Sekundarstufe wie für ihre Lehrer hält das Zentrum eine reiche Auswahl an Lehrprogrammen bereit, von der Website für 8- bis 12-Jährige bis zu Klassenreisen nach Auschwitz. Wiewohl sich die Institution nach wie vor primär der Geschichtswissenschaft verpflichtet sieht, hat sich der Fokus in den letzten zehn Jahren verrückt. „Das Wiederaufkommen eines mörderischen Judenhasses in Frankreich seit Beginn des Jahrtausends und namentlich die Attentate in Toulouse 2012 und Paris 2015 haben gezeigt, dass antisemitische Vorurteile bei jungen Franzosen mit Migrationshintergrund stärker verbreitet sind, als man es zugeben wollte“, führt Jacques Fredj, der Direktor des Mémorial de la Shoah, im Gespräch aus. „Wir lehren nunmehr nicht nur die historischen Fakten, sondern ziehen eine Verbindungslinie zur Gegenwart. Die Shoah basiert, wie alle anderen Völkermorde, auf von Propaganda und Verschwörungstheorien genährten Vorurteilen und auf Mechanismen der Ausgrenzung und letztlich Entmenschlichung des Anderen. Ohne die Besonderheiten des europäischen Judenmords zu minimieren, möchten wir zeigen, dass seine Grundvoraussetzungen fortbestehen. Es geht nicht darum, das Böse aus der Welt zu schaffen, aber diese ein wenig lebbarer zu machen“.


So hat das Mémorial de la Shoah in den letzten Jahren das „schulterklopfende Unter-sich-Sein im Marais-Viertel“ (Fredj) durchbrochen und angefangen, Schulen in Problem-Banlieues zu besuchen, denen niemand sonst je pädagogische Programme anbietet. Die in diesem Rahmen angesprochenen Schüler können nicht nur, sondern sollen ausdrücklich ihre Vorurteile und falschen Geschichtsvorstellungen zur Sprache bringen: Homophobie, Rassismus gegen Dunkelhäutige, Negation des armenischen Völkermords. Nur im tabufreien Dialog ließen sich diese entkräften. Ferner bietet das Zentrum „Gemeinschafts-Kurse“ für Autoren rassistischer Straftaten an und gemischte Fortbildungslehrgänge für Schullehrer aus jeweils zwei oder drei osteuropäischen Staaten mit divergierenden Geschichtsbildern: Bosnien, Kroatien und Serbien zum Beispiel oder Russland, die Ukraine und Weißrussland. Doch Anfragen aus Italien, Portugal, Spanien haben seit der Gründung des Mémorial de la Shoah 2005 gezeigt, dass auch in West- und namentlich Südeuropa ein starke Nachfrage für derlei Lehrgänge besteht. Endlich gibt es auch Kurse für junge Polizisten, Gendarmen und andere Beamten. Immer mit Bezug auf den europäischen Judenmord suchen all diese Programme laut Fredj, „die Wachheit für das zu fördern, was um einen herum vorgeht – und, wo nötig, auch das Reaktionsvermögen zu stärken“.


Wie hätte ich gehandelt? Anhand individueller Fallbeispiele werden Staatsdiener mit den Gewissenskonflikten konfrontiert, die sich ihren Amtsvorgängern während der Besetzungszeit stellten. (Bild: © Nadia Haddab – Mémorial de la Shoah)

Mit seinem gesellschaftlichen Engagement beziehe das Mémorial de la Shoah Stellung, urteilt auf Anfrage Simon Perego, ein junger Historiker, der dem Redaktionskomitee der „Revue d’histoire de la Shoah“ angehört. Es sei keine antirassistische Organisation, streiche neben dem Außerordentlichen des Holocausts aber auch die ihm zugrunde liegenden „gewöhnlichen“ Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen heraus, die sich wiederholen könnten. Zugleich nähmen seine Verantwortlichen nie an politischen Debatten teil – doch da, wo die Politik sich in geschichtliche Belange einmische, bekräftige das Zentrum die Fakten. Der mehrfach wiederholten Behauptung des rechtsextremen Präsidentschaftskandidaten Eric Zemmour, das Vichy-Regime habe die französischen Juden gerettet, widersprach so am 29. März eine Veranstaltung mit dem selbstsprechenden Titel „Hundert Historiker machen am Mémorial de la Shoah gegen die Geschichtsverfälschung mobil“.

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