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Eine Kampftribüne für die Kunst

Aktualisiert: 6. Apr. 2023

Grafik und Malerei, Skulptur und Architektur dienen keinem anderen Zweck als sich selbst – zum zwanzigjährigen Bestehen der streitbaren Onlinezeitung „La Tribune de l’Art“


Erfolgsgeschichten sind auch in Frankreichs dauerkrisengeschüttelter Pressebranche rar. Noch seltener jene, bei denen die qualitative Komponente des Erfolgs die quantitative übertrifft. Das Sprießen und Gedeihen der auf Kunst spezialisierten Onlinezeitung „La Tribune de l’Art“, die dieser Tage ihr zwanzigjähriges Bestehen feiert, bildet eine solche Geschichte. Ihr Gründer, Didier Rykner, 1961 in Paris geboren, entdeckte während des leidenschaftslosen Studiums der Agronomie („Ich kann kaum ein Schaf von einer Kuh unterscheiden“) die Kunstgeschichte. Nach einer entsprechenden Ausbildung an der École du Louvre und nachfolgenden Brotjobs als Organisationsberater lancierte Rykner am 7. April 2003 seine Website „La Tribune de l’Art“. Als Liebhaber, aber nicht als Amateur – das heißt mit der Verve des leidenschaftlichen Verehrers der bildenden Künste, aber auch mit dem kühlen Professionalismus des Berufsjournalisten und dem sachlichen Organisationstalent des Unternehmensleiters.


Die Brille des Visionärs, das Lächeln des Liebhabers, die Hände des Machers: Didier Rykner (Bild: Amélie Marzouk)

„La Tribune de l’Art“ stand von Anfang an auf zwei Beinen. Einerseits bietet die Onlinezeitung klassische Kunstberichterstattung auf hohem Niveau: Buchrezensionen, Messeberichte, Galeriebesuche, Ausstellungsbesprechungen, Aktuelles aus dem Kunsthandel, Kurzmeldungen über Personalia, Akquisitionen, Restaurierungen und so weiter. Anderseits das, was Rykner „Kampfartikel“ nennt: Texte, die Missstände an den Pranger stellen oder im Gegenteil eine Lanze brechen für einen als gut erachteten Zweck. Es sind diese engagierten, oftmals investigativen Beiträge, denen „La Tribune de l’Art“ ihr frühes Renommee verdankt. Als sich Ende 2006 Gerüchte über eine Vermietung des Namens, des Savoir-faire und eines Teils der Sammlung des größten Museums der Welt erhärteten, machte sich die Onlinezeitung sogleich zum Sprachrohr der Petition dreier respektierter Figuren der französischen Kunstwelt, die unter dem Titel „Die Museen stehen nicht zum Verkauf“ das Projekt „Louvre Abu Dhabi“ anprangerten. So wurden große Print- und audiovisuelle Medien auf Rykner aufmerksam, widmeten ihm Porträts und Interviews. Im März 2007 verzeichnete „La Tribune de l’Art“ bereits 12 800 Unique Visitors, ihr Gründer konnte fortan vom Journalismus leben.


Wie bekannt, öffnete der Louvre Abu Dhabi Ende 2017 die Tore – Rykner und seine Mitstreiter (Konservatoren, Kunsthistoriker, Museumsverantwortliche) verloren am Ende den Kampf gegen Präsidenten und Minister, Lobbyisten und Karrieristen. Doch vermochte „La Tribune de l’Art“ mit ihrem Widerstand gegen das Projekt ihr Profil zu schärfen: Der Louvre Abu Dhabi verkörpert all das, wogegen Rykner (und mit ihm ein Gutteil der primär an Kunst und nicht an Politik und/oder Geschäftemacherei Interessierten) ankämpft. Erstens: die Vermietung von Kunst für Geld. Gegen eine Summe von weit über einer Milliarde Euro leihen der Louvre und zwölf weitere französische Museen den Vereinigten Arabischen Emiraten bis 2047 Werke ersten Ranges aus (die oft von den eigenen Wänden abgehängt werden, und das für völlig unübliche Dauern von bis zu zwei Jahren). Zudem stellen sie Konservatoren für den Aufbau der Sammlung des "Wüsten-Louvre" zur Verfügung – was zwangsläufig Interessenkonflikte zeitigt, dienen die betreffenden Beamten doch so zwei Museen und zwei Staaten. Zweitens: die Instrumentalisierung von Kunst zu politischen Zwecken. Der Louvre Abu Dhabi hat offiziell Kulturaustausch und Völkerverständigung zum Zweck, offiziös schmiert er das Getriebe der lukrativen Beziehungen zu einem Ölstaat, der Milliarden für Rafale-Kampfjets und andere französische Militärausrüstungen hinblättert. Drittens und endlich reißt der Louvre Abu Dhabi die Sammlung des Mutter-Museums auseinander, wie es in Frankreich selbst seit 2012 beziehungsweise 2019 auch der Louvre-Ableger in Lens und die ins benachbarte Liévin ausgelagerten Reserven tun. Ist der Louvre noch der Louvre, wenn permanent ein Teil seiner Kronjuwelen für unüblich lange Zeit anderswo ausgestellt ist – und die Konservatoren zweihundert Kilometer weit zu den Reserven reisen müssen, deren Betreuung ihnen obliegt?


Doch die Liste von Rykners Kämpfen ist noch weit länger. Er ficht gegen die „Nachschöpfung“ im Lauf der Geschichte verschwundener Gebäude(teile), die sich nicht rekonstruieren lassen, weil die Dokumentation lückenhaft ist, oder die in einer Form „wiederaufgebaut“ werden, die nachweisbar nie existiert hat. Versailles, „zu großen Teilen das Reich des Unechten“, so der Journalist, bildet hier das abstoßendste Beispiel. Die zynische Komödie um Catherine Pégard, eine ehemalige Beraterin von Präsident Sarkozy, die – in Sachen Kunstgeschichte wie Museumsverwaltung völlig unbeleckt – 2011 zur Präsidentin von Versailles ernannt wurde und bis heute durch allerlei Winkelzüge im Amt bleiben konnte, illustriert ein weiteres Kampffeld der „Tribune de l’Art“: die Denunzierung von Günstlingswirtschaft in Frankreichs öffentlichem Kultursektor. Endlich ficht Rykner gegen entartete Formen von Wokeness: gegen rigide verordnete Frauenquoten („den Zuschlag sollte die oder der Qualifizierteste erhalten – Punkt“), gegen die „Pantheonisierung“ historischer Figuren („jeweils eine Million Euro ausgeben, um einen weltlichen Heiligen zu ehren, dessen Nutzen ich für völlig inexistent halte“) und gegen Restitutionen, so wie sie derzeit in Frankreich gehandhabt werden: „Gebt alle Kunstwerke ungeprüft zurück, Gott wird die Seinen erkennen.“


Rykner geißelt rechte wie linke Kulturminister; er schilt die „Kaprize“ des rechtszentristischen Präsidenten Macron, Notre-Dame so übereilt wiederaufbauen zu wollen, dass darob archäologische Grabungen vernachlässigt werden, trotz sensationeller Funde; er ist aber auch die Nemesis der sozialistischen Bürgermeisterin von Paris, deren Raubbau am Bauerbe er in Dutzenden von Artikeln anprangert. Kraft profunder Recherche, solider Quellen und stringenter Argumentationsführung ist „La Tribune de l’Art“ inhaltlich kaum je angreifbar. Darüber hinaus zeigt das Onlineblatt eine prononcierte Vorliebe für alles Vernachlässigte: für die Provinz, für sogenannte Kleinmeister, für übersehene Genres wie Stadtmobiliar und ungeliebte Epochen wie das „akademische“ neunzehnte Jahrhundert. Kurz: „La Tribune de l’Art“ leistet die Arbeit, die konzeptionell verwässerte Kunstmagazine und personell ausgeblutete Tageszeitungen nicht mehr erbringen können oder wollen.


"La Tribune de l'Art" kritisiert rechte wie linke Kulturminister: Frédéric Mitterrand... (Bild: La Tribune de l'Art)
... Aurélie Filippetti... (Bild: La Tribune de l'Art)
... Fleur Pellerin... (Bild: La Tribune de l'Art)
... Roselyne Bachelot... (Bild: La Tribune de l'Art)

Wenig Wunder, steigen die Besucherzahlen (derzeit: 110 000 Unique Visitors im Monat) wie die Einnahmen aus Abonnements und Werbung stetig. So beschäftigt Rykner heute neben einer Teilzeithilfe auch drei Vollzeitjournalisten. Der hoffnungslos überladene Schreibtisch, für den sich das Energiebündel in den pittoresk verwinkelten und mit religiösen Werken überfrachteten Büroräumen unweit des Auktionshauses Drouot entschuldigt, versinnbildlicht die permanente Baustelle, welche „La Tribune de l’Art“ bildet. So wird die Zeitung demnächst durch eine englischsprachige Ausgabe verdoppelt, von weiteren in Italienisch, Spanisch, „warum nicht auch in Deutsch“ träumt Rykner bereits laut. Ein in der Ausarbeitung befindlicher Online-Lehrgang für die Zehntausende von Inhabern denkmalgeschützter Gebäude in Frankreich zum Thema „Wie halte ich meinen Besitz instand?“ soll viel Geld erbringen – und so weitere Einstellungen ermöglichen. Ein kleines Studio im Eingangsbereich würde die regelmäßige Produktion audiovisueller Inhalte ermöglichen – schon jetzt bietet „La Tribune de l’Art“ substanzvolle Podcasts und sogar knapp fünfzig Filme, darunter das besonders gelungene Video eines Rundgangs durch die jüngste Frankfurter Guido-Reni-Retrospektive mit deren Kurator.


Und warum keine Satelliten-Sites, beamt sich Rykner weiter in die Zukunft, um die zeitliche und räumliche Bandbreite der Mutter-Website zu erweitern, die westliche Kunst vom Mittelalter bis 1930 abdeckt? Warum neben „Stella“ und ihren knapp zehntausend Werken in öffentlichen Bauten keine weiteren Datenbanken, „etwa über Museumsakquisitionen seit 2001, über Sakralkunst des neunzehnten Jahrhunderts oder über italienische Barockskulpturen“? Didier Rykner ist der geborene Entrepreneur. „Erst vorankommen, dann perfektionieren“, lautet eine seiner Devisen. Beides ist ihm mit „La Tribune de l’Art“ blendend gelungen.

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