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Die Haussmannsche Quadersteinwüste lebt!

Aktualisiert: 7. Sept. 2023

Drei Blicke auf Paris und seine Grünanlagen – empirisch, historisch und bioklimatisch



Paris. Hundertfünf Quadratkilometer Grundfläche, 2,1 Millionen Einwohner. Frankreichs Kapitale ist eine der flächenmäßig kleinsten und am dichtesten bevölkerten Großstädte der Welt. Mit durchschnittlich zwanzigtausend Einwohnern pro Quadratkilometer bleibt nicht viel Platz für Parks. Aber die Haussmannsche Quadersteinwüste lebt. Paris zählt heute mehr Grünanlagen denn je, seit Anfang des siebzehnten Jahrhunderts die ersten bepflanzten öffentlichen Plätze und Promenaden geschaffen wurden.


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Beginnen wir unseren Versuch, etwas von der Essenz des Pariser Parks zu erfassen, mit einer Kostprobe. Einem gut zwanzig Kilometer langen Spaziergang vom Jardin des Serres d’Auteuil bis zum Bois de Vincennes entlang dem südlichen Stadtrand, und von dort aus stadteinwärts bis zum Westeingang der Coulée verte unweit der Bastille-Oper. Ziel ist, so wenig Asphalt wie möglich unter den Wanderschuhen zu haben.


Die sieben Gewächshäuser von Auteuil, gegen 1900 um einen adretten Jardin à la française erbaut, könnten verschiedener nicht sein vom Jardin des Mères et Grands-Mères de la Place de Mai und dem Parc André-Citroën, die rund hundert Jahre später am gegenüberliegenden Seine-Ufer entstanden sind. Ersterer zählt zu jenen Gärtchen mit niedriger Grundfläche und hohem Symbolgehalt, die seit 2001 durch die linke Stadtverwaltung geschaffen wurden. Sie gedenken der Opfer antisemitischer Morde (wie Ilan Halimi) oder politischen Terrors (wie die Geschwister Scholl beziehungsweise die Mütter und Großmütter des Platzes der Mairevolution in Buenos Aires). Letzterer dagegen ist ein ausgewachsener Park mit ebenso vielgestaltigem Grundplan wie ehrgeizigem Programminhalt. Er wirkt elitär und zugleich familiär, wendet sich an vergeistigte Flaneure wie an die quiekenden Bälger, die an heißen Tagen zwischen den Wasserstrahlen des Nassparterres herumtollen.


Blick über den Jardin à la française hinweg auf eines der denkmalgeschützten Gewächshäuser von Auteuil (Bild: zit)

Der Parc André-Citroën bietet zwei gigantische Glastempel und einen Fesselballon mit Panoramablick, weitläufige Rasenflächen und verwunschene Dickichte, Traueralleen, Wasserwege sowie sechs eingefasste Gärten. Letztere sind je assoziiert mit einer Farbe, einem Metall, einem Planeten, einem Wochentag, einer Erscheinungsform des Wassers und einem Sinn (einschließlich des berühmt-berüchtigten sechsten). Der „blaue Garten“ verweist so auf Kupfer, Venus, Freitag, Regen und Geruch. Ohne (vor Ort nicht mitgelieferte) Erklärungen kommt freilich kein Besucher auf diese kosmogonisch-alchemistischen Bezüge. Der Park ist insofern emblematisch für eine Pariser Mode am Ende des letzten Jahrhunderts, Grünanlagen mit vielfältigen „Bedeutungen“ aufzuladen, statt sie schlicht ein Quell der Erquickung für Großstädter sein zu lassen, die der Haussmannschen Quadersteine müde sind.


Verwunschenes Dickicht im Parc André-Citroën (Bild: zit.)

Von dieser Marotte ist man heute wieder abgekommen, wie die progressive Umnutzung der Petite Ceinture zeigt. Dieser zweiunddreißig Kilometer lange ringförmige Bahnweg um Paris, seit 1934 nach und nach stillgelegt, wird seit 2007 abschnittweise für Spaziergänger zugänglich gemacht. Mittlerweile sind ein Dutzend Teilstrecken in allen an den Stadtrand angrenzenden Arrondissements erschlossen; vier weitere Kilometer werden bis 2026 bereitgemacht. Die 1,5 Kilometer lange Sektion, die unweit des Citroën-Parks beginnt, ist von der Straße aus nicht zu sehen. Man steigt eine Metalltreppe hinauf – und findet sich in ein grünes, gedämpftes Universum versetzt, von dessen Existenz die meisten Passanten auf dem Trottoir unten nichts ahnen. Mehrere Meter über dem Niveau der parallel verlaufenden Rue Leblanc führt ein Kiesweg neben einer Gleisspur gen Osten, durch Bäume und Böschungen weitgehend abgeschirmt von den Gebäuden, auf die man beidseits durch das Blätterwerk immer wieder einen Blick erhascht. Dann verschwindet die Vegetation, geleiten einen Hochhäuser und ein ehemaliger Ziegelsteinbahnhof in eine Schlucht. Vor einem vergitterten Tunnel steigt man abermals eine Treppe hinauf – doch nunmehr liegt das Bodenniveau über einem!


Die Großstadt liegt gleich hinter den Bäumen beidseits – ein für Spaziergänger erschlossener Abschnitt der Petite Ceinture im 15. Arrondissement. (Bild: zit.)
Wie auf dieser Karte der Petite Ceinture zu sehen, findet sich in jedem der neun „Rand-Arrondissements“, vom zwölften bis zum zwanzigsten, mindestens ein für Spaziergänger zugänglicher Abschnitt des einstigen Bahnwegs (hier dunkelgrün markiert).

Bis zum Parc Georges-Brassens sind es hier nur wenige Schritte. Von dort aus führt ein weiterer Abschnitt der Petite Ceinture, wie eine metertiefe Schneise auf Mulch, zum Parc Montsouris. Letzterer wurde zwischen 1865 und 1878 geschaffen, Ersterer gut hundert Jahre später. Aber beide sind gute Beispiele für den Haussmannismus, der bis heute in der Gartengestaltung vorherrscht: mäandernde Gehwege zwischen Rasen- und Wasserflächen, pittoresk-exotisch-bizarre Zierbauten sowie Amüsier-Einrichtungen wie Karussell, Konzertpavillon und Guignol-Puppentheater. Eine Mischung aus hohen Bäumen und weiten Flächen, Überraschendem und Altbekanntem, aus Pariser Flair und provinzieller Beschaulichkeit.


Schneise auf Mulch: Manche Abschnitte der Petite Ceinture liegen hoch über dem Straßenniveau, andere – wie dieser von einem einsamen Musikanten beschallte im 14. Arrondissement – graben sich in den Pariser Boden ein, gleich durch Steinmauern eingefassten Schluchten. (Bild: zit.)

Die lange Strecke bis zum westlichen Eck des Bois de Vincennes am anderen Seineufer führt dann hauptsächlich über Asphalt. Doch auch hier steuern ein Abschnitt der Petite Ceinture sowie acht oder neun kleinere Grünanlagen ein kräftig Maß an Chlorophyll bei. Auch in einer der am dichtesten besiedelten Großstädte der Welt ist es augenscheinlich möglich, sich – mit unbedeutenden Umwegen – von Pflanzeninsel zu begrünter Promenade zu hangeln. Die Zielgerade unserer Wanderung ist so vom Vincennes-Park aus über einen vierten, 1,7 Kilometer langen Abschnitt der Petite Ceinture zu erreichen. Die etliche Meter über dem Straßenniveau verlaufende Trasse verlassend, biegt man via den Square Charles-Péguy in die Coulée verte ein. Dieser – frei übersetzt – „Blätterstrom“ führt nicht mehr am Stadtrand entlang, sondern direkt gen Zentrum: zur Place de la Bastille hin.


Gleich der Petite Ceinture einst für den Zugverkehr bestimmt, gehört die Coulée verte im Gegensatz zu jener nicht mehr dem Staat, sondern seit ihrer Umnutzung der Stadt. Auch ist sie nicht länger mehr als Bahnverkehrsweg klassifiziert – was bedeutet, dass Bepflanzung, Änderung des Bodenbelags und Installation von Stadtmobiliar nicht reversibel zu sein haben. Die Umgestaltung der Coulée verte ist so ungleich aufwendiger und „endgültiger“ als jene der mit minimalistischer Behutsamkeit für den Fußgängerverkehr eingerichteten Petite Ceinture.


Die beste Art, den 4,5 Kilometer langen „Blätterstrom“ zu erkunden, ist wie bei unserer Stadtwanderung von Osten nach Westen. Man gelangt so von der Tiefe in die Höhe, von zwischen hohen Steinmauern eingegrabenen Schluchten und Tunneln – darunter einem mit künstlichen „Tropfsteinen“ und Raubtierfresken – zum Jardin de Reuilly. Über dessen zentrale Rasenfläche führt eine filigran bogenförmige Fußgängerbrücke hinweg – und mündet in ein Ziegelstein-Viadukt. Wie ein langgezogener hängender Garten überrascht dessen Parcours mit Miniatur-Kanälen, Bambustunneln, verspielten Lauben, vor allem jedoch mit atemraubenden Ausblicken auf die Pariser Stadtlandschaft, von zum Greifen nahen Wohnhäusern und Kirchtürmen bis zu effektvoll gerahmten Boulevard-Panoramen.


Nahe den Dächern von Paris: Die Coulée verte kurz vor ihrem Westende, unweit der Place de la Bastille (Bild: zit.)

Mehr noch als die Parks und Squares entführen einen die Petite Ceinture und die Coulée verte in ein paralleles Universum, das der Stadt und ihrer Betriebsamkeit enthoben ist. Die Verbindung zum Paris des Alltags bricht nie ganz ab: Man sieht oder hört die Großstadt um einen herum – aber der Boden unter den Füssen fühlt sich anders an, die durch Blätterwerk verschattete Umgebung riecht „grüner“, ist frischer und feuchter; mit etwas Glück begegnet man statt einem der 2,1 Millionen Mitbürger gar einem Fuchs.


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Die Route der hier beschriebenen Stadtwanderung lässt bewusst die berühmten, zentralen Parks beiseite, um am südlichen Stadtrand entlang weniger bekannte Anlagen zu erkunden. Diese sind womöglich repräsentativer für die grünen Eskapaden des gewöhnlichen Parisers. Nach der Empirie des einführenden Spaziergangs im Folgenden ein wenig Systematik; nach dem Flanieren in der Gegenwart ein Gang zurück in die Geschichte.


Der Kunsthistoriker Dominique Jarrassé unterscheidet in seiner gehaltvollen „Grammaire des jardins parisiens“ sechs Epochen der hauptstädtischen Gartengeschichte. Die frühesten öffentlichen Parks sind jene der Könige und Prinzen. Viele von ihnen waren mehr oder weniger regelmäßig für das Volk zugänglich, wenngleich nicht für dessen „niedere“ Vertreter. So der Jardin des Tuileries und der Jardin du Luxembourg, die 1564 respektive 1612 angelegt wurden. Bis heute bewahren sie das Gezügelte, Regelmäßige, Manikürte des klassischen Gartens „à la française“. Urahn aller künftigen öffentlichen Parks ist der 1616 gegründete Jardin des plantes, ein königlicher botanischer Garten, der von vornherein nicht ausschließlich dem privaten Pläsier diente. Als frühester Square (durch Gitter eingefasster kleiner Park) gilt der Square Louis-XIII im Zentrum der heutigen Place des Vosges, auch er bis heute streng geometrisch und von tadelloser Symmetrie. Einer mehr „englisch-chinesischen“ Anmutung huldigen demgegenüber der Parc Monceau und der Parc de Bagatelle, Schöpfungen der 1770er Jahre. Mit ihren gewundenen Wegen, ihren vielgestaltigen Zierbauten, ihrem Streben nach Abwechslungsreichtum und Überraschung stellen sie dem grafischen Rationalismus des klassischen Gartens eine mehr gefühlsbetonte landschaftsmalerische Ästhetik entgegen.


Monceau wie Bagatelle wurden unter Napoleon III. umgemodelt und erlebten eine zweite Blüte als mondäne Promenaden. Stärker als Könige und Prinzen definierten Präfekt Haussmann und seine rechte Hand im grünen Bereich, Adolphe Alphand, was man sich bis heute unter einem Pariser Park vorstellt. Alphand, der erste Leiter des 1854 gegründeten Service des Promenades et Plantations, schuf weit über den Sturz des Zweiten Kaiserreichs 1870 hinaus bis zu seinem Tod einundzwanzig Jahre später Dutzende von Grünanlagen (oder gab ihnen zumindest ihre endgültige Gestalt). Darunter die beiden grünen Lungen der Kapitale, der Bois de Boulogne im Westen und der Bois de Vincennes im Osten, aber auch der fast überdreht pittoreske Parc des Buttes-Chaumont und der gelassenere Parc Montsouris.


Exotik und neue Empfindsamkeit: Ansicht der „Türkischen Zelte“ des Parc Monceau in einer Radierung von Antoine Victor Germain Michault (1752-1810) (Bild: Paris Musées / Musée Carnavalet – Histoire de Paris)

Darüber hinaus erfand Alphand recht eigentlich das Genre des Squares und fächerte es laut dem Gartenkunst-Historiker Jarrassé in sechs Typen auf. Neben der Grundform des auf das englisch-chinesische Modell verweisenden „landschaftsgärtnerischen Squares“ (Square du Temple) findet man so auch der klassischen Geometrie des Jardin à la française verpflichtete „regelmäßige Squares“ (Square Émile-Chautemps), sowie solche, die als Schrein für öffentliche Bauten dienen (namentlich für Gottes- und Rathäuser, wie der Square de la Trinité vor der gleichnamigen Kirche beziehungsweise der Square de Montrouge vor der Mairie du 14e Arrondissement), die ein Baudenkmal isolieren (Square Saint-Jacques um den gleichnamigen gotischen Kirchturm), die Lücken im Stadtgefüge füllen (Square Langevin) und die endlich, an der Grenze zur bepflanzten Promenade, Ketten bilden (wie die langgezogene Aneinanderreihung von Grünanlagen entlang den Boulevards Richard-Lenoir und Jules-Ferry).


Zu jedem zünftigen Pariser Square gehört erstens ein Konzertpavillon… (Bild: zit.)

Zuletzt, aber nicht zuunterst dekretierte Alphand die Bepflanzung aller mindestens zwanzig Meter breiten Straßen mit zwei Baumreihen. Unter den hunderttausend „arbres d’alignement“ (wörtlich: „Reihenbäumen“) der Kapitale stammen in der heutigen Avenue Foch – wo Alphand 1899 ein Monument errichtet wurde – enorme Rosskastanien, Trompetenbäume und Sibirische Ulmen noch aus den 1850er Jahren. Im Gartenbereich sollte der Haussmannismus eigentlich „Alphandismus“ heißen.


… zweitens eine Blumen-Stickerei um die Statue des obligaten großen Mannes… (Bild: zit.)

Die Nachfolger des unermüdlichen Stadtbegrüners schufen in den gut vier Jahrzehnten nach seinem Tod 1891 Gärten in seinem Geiste. Um die Jahrhundertwende gestaltete Jules Formigé so den eingangs erwähnten Jardin des Serres d’Auteuil und das zugleich strenge und verspielte, orthogonale und gewundene Marsfeld im Schatten des Eiffelturms. Eine vierte Epoche sieht in den 1920er und vor allem 1930er Jahren neuartige Gärten am Stadtrand aufblühen. Der Abbau der Befestigungsanlagen um Paris zwischen 1919 und 1929 gab einen breiten Landstreifen frei; ambitiöse Begrünungspläne fielen indes größtenteils der Bebauungswut zum Opfer. Eine Handvoll Konkretisierungen wie der Parc Kellermann, der Square de la Butte-du-Chapeau-Rouge, vor allem die Cité universitaire – eine Mischung aus Gartenstadt und Campus à la Oxford – lässt zumindest erahnen, wie das geplante Pendant zum Wiener Ring hätte aussehen können.


… drittens ein Gewächshaus (Bild: zit.)

Die fünfte Epoche, die von 1940 bis Ende der 1970er Jahre reicht, nennt Jarrassé freimütig vernachlässigbar. Der Gartenbereich wurde von den in jener Zeit zuständigen Planern rein technokratisch angegangen, unter sanitären und funktionellen Aspekten; von Ästhetik sprach niemand. Das änderte sich in der sechsten und letzten Periode, die bis heute andauert. Die Blüte ist zum einen quantitativ: Allein in den zwei Jahrzehnten um den Millenniumswechsel entstanden rund hundertfünfzig neue Grünanlagen; heute beträgt die Gesamtzahl der Pariser Parks, Squares und bepflanzten Promenaden gut 530. Zum andern ist die Hochkonjunktur auch qualitativ, mit ebenso originell wie individuell gestalteten größeren Parks: namentlich Bercy – die Tuilerien des Ostens – und die High-Tech-Anlagen André-Citroën und La Villette.


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Zum Abschluss ein paar Ausführungen zu einem Paradigmenwechsel, der sich in jüngerer Zeit vollzogen hat. Öffentliche Parks dienen seit je zwei Zwecken: Sie sollen zum einen das Auge erfreuen, zum andern das Prestige ihres Besitzers mehren. Das gilt auch für die Gärten der Könige und Prinzen, die zwar nicht für das gemeine Volk zugänglich waren, wohl aber für die Elite und später auch für das Bürgertum. Zur ästhetischen und zur repräsentativen Funktion gesellte sich in der Spätzeit des Ancien Régime eine dritte, soziale: Der Besuch von Parks wurde zu einem Freizeitvergnügen. Heute sehen Großstädter den Kontakt zur Natur – dessen Wohltaten für die Psyche wissenschaftlich erwiesen sind – als eine Art Grundrecht an. In Paris gilt die ungeschriebene Regel, jeder Bewohner müsse im Umkreis von fünfhundert Metern eine Grünanlage finden können. Dass Parks nunmehr vermehrt der Unterhaltung dienen, zeigt auch der Umstand, dass ihre „Staffierung“ sich längst nicht mehr in Sitzbänken für Senioren erschöpft. Ein Kinderspielplatz sowie Sportinfrastrukturen, von Hangelleitern und Klimmzugstangen bis zu ausgewachsenen Tennisplätzen (wie in Maria de' Medicis Jardin du Luxembourg), bilden die Mindestausstattung.


Zu diesen drei Funktionen hat sich seit der Jahrtausendwende eine vierte gesellt, die mittlerweile den Vorrang einnimmt. Grünanlagen spielen eine wichtige Rolle im Umweltschutz. Das klingt nach einem Gemeinplatz, aber Paris ist besonders bedroht – und drum auch besonders proaktiv. In einer Untersuchung, die den Zeitraum zwischen 2000 und 2019 abdeckt und sich auf eine enorme Datenmenge stützt, nahm die medizinische Fachzeitschrift „The Lancet“ unlängst 854 europäische Städte unter die Lupe. Ziel war, zu eruieren, in welchem Maß Hitze und Kälte in der jeweiligen erwachsenen Bevölkerung zu Übersterblichkeit führen. Die im März vorgestellten Ergebnisse schockierten mit dem Befund, dass Pariser europaweit die größte Gefahr laufen, infolge von Hitze zu sterben. Aufgrund der Dichte und Mineralität von Frankreichs Hauptstadt liegen bei Hitzewellen die Temperaturen in städtischen Wärmeinseln um bis zu zehn (!) Grad über jenen ländlicher Teile der umgebenden Île-de-France.


Das 2. und – hier zu sehen – das 9. Arrondissement bestehen fast nur aus städtischen Wärmeinseln. Oasen der Frische sind lediglich als spärliche blaue Punkte über die Karte verstreut.

Bodenentsiegelung und Begrünung sind die beiden wirksamsten Mittel, dem entgegenzutreten. Erstere meint das Abtragen von künstlichem Bodenbelag: Dieser beraubt den natürlichen Boden seiner Pufferwirkung und absorbiert aufgrund seiner meist dunklen Farbe viel Energie aus Sonneneinstrahlung, trägt also zur Erwärmung bei. Die Gemeindeverwaltung hat sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende ihres Mandats in drei Jahren hundert Hektar Boden zu entsiegeln. Innenhöfe mit Kiesbelag werden so in Gemeinschaftsgärten verwandelt, bis Ende des Jahrs soll die Transformation von hundertdreißig zuvor asphaltierten Schulhöfen in begrünte „Frischeinseln“ abgeschlossen sein.


Kernmaßnahme der Begrünung ist ihrerseits die geplante Pflanzung von 170 000 Bäumen bis 2026. Bei Halbzeit der laufenden Amtsperiode sind erst knapp vierzig Prozent des Plansolls erreicht. Aber die Kampagne nimmt Schwung auf: In den ersten sechs Monaten dieses Jahrs wurden stolze 25 000 Bäume gepflanzt. Zudem plant die Gemeinderegierung bis 2026 die Anlage von vier „städtischen Wäldern“ mit bis zu zweitausend Bäumen, namentlich auf einem Abschnitt der Petite Ceinture zwischen der Porte de Montreuil und der Porte de Vincennes und, noch aufsehenerregender, auf der Place du Colonel Fabien, vor Oscar Niemeyers ikonischer KP-Zentrale. Auch zahlreiche Straßen und die für den Autoverkehr gesperrten Abschnitte beider Seineufer wurden begrünt. In den zwei nächsten Jahrzehnten will die Stadtverwaltung dreihundert Hektar neue Grünflächen schaffen. Parkgründungen oder -erweiterungen mit einer Gesamtfläche von siebzig Hektar sind bereits im Gang, aber die Planer haben prinzipiell jede verfügbare Parzelle im Visier, vom Parkplatz (insgesamt sechstausend Stellplätze wurden seit 2020 abgeschafft) bis zum Heliport. Die Pariser Exekutive, die ihren ersten Klimaplan verabschiedete, als Greta Thunberg vier Jahre jung war, nimmt die Problematik so ernst, dass sie ihren im Juni in Entwurfsform präsentierten neuen Flächennutzungsplan ganz unter das Primat des Bioklimatischen stellt.


Computerbild des geplanten „städtischen Wäldchens“ auf der Place du Colonel Fabien (Bild: Mairie de Paris)

Die Ernennung der Biodiversität zum Ehrenbürger 2016 wurde weitherum belächelt. Doch der symbolischen Geste waren seit langem konkrete Maßnahmen vorangegangen. Seit 2007 verzichtet Paris so völlig auf den Einsatz von Insektenvertilgungsmitteln in allen Grünanlagen, seit 2015 auch in den zwanzig städtischen Friedhöfen. In vielen Parks werden Rasen- und Wiesenflächen nur spärlich, mitunter sogar überhaupt nicht mehr gemäht, um die Eiablage von Schmetterlingen zu fördern und um Samen als Futter für Vögel und Kleinsäuger hervorzubringen. Insektenhotels und Bienenstöcke mehren sich; Fledermäuse, Sperber und Füchse kehren zurück. Unkraut ist nicht länger mehr unerwünscht – sogar im hochtouristischen Montmartre sprießt auf zweitausend Quadratmetern ein Naturgarten. Ein Regiment von dreitausend Beamten ist mit Unterhalt und Aufsicht der Grünanlagen betraut.


So ist Paris dabei, sein Handikap – den Mangel an großen innerstädtischen Grünflächen – in einen Trumpf zu verwandeln. Unter den Millionenstädten zählt es im Bereich des Kampfs für Umweltschutz und gegen Klimawandel zu den Pionieren und Innovatoren. Wer hätte der alten Dame im Haussmannschen Korsett eine derartige Beweglichkeit zugetraut?


Eine von zahlreichen Grünflächen mit primär lokaler Ausstrahlung, die in Paris im Lauf der zwei letzten Jahrzehnte aufgeblüht sind: Der 2006 unweit des Père-Lachaise-Friedhofs eröffnete Square du Docteur-Grancher liegt auf einem einst bebauten Hügel, dessen instabiler Untergrund den Abriss dreier Sträßchen notwendig machte. Die Parzelle war lange Zeit eine Brache geblieben – genau solche Nicht-Orte suchen die Stadtplaner heute in Grünanlagen zu verwandeln. (Bild: zit.)


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